Die Schweiz wollte keine Flüchtlinge – doch diese Helfer widersetzten sich
Am 2. Juli 1936, kurz vor dem Putsch nationalistischer Generäle in Spanien, beschloss der Völkerbund in Genf, dass Flüchtende, welche die Grenze zur Schweiz illegal überquert hatten, keine Aufenthaltsbewilligung mehr erhalten sollten. Der Leiter der Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund, betonte an diesem Treffen, dass die Schweiz aufgrund von «Überfremdung, Arbeitslosigkeit [und] riesigen Armenlasten» ohnehin nur als Transitland zu betrachtet sei.
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Trotz schwieriger Umstände waren Menschen, die aus Deutschland und Italien, aber auch aus Mittel- und Osteuropa flohen, bisher über die grüne Grenze in die Schweiz gelangt. Aufgrund der neuen Weisung befürchteten die illegal Eingereisten nun ihre Auslieferung. Als im Sommer 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, betrachteten daher zahlreiche Menschen die Schweiz nur noch als Durchgangsstation auf ihrem Weg an die spanische Front. Mit Hilfe von Fluchthelferinnen und -helfern gelang es vielen, von den Behörden unbemerkt durch die Schweiz, nach Frankreich und von dort weiter nach Spanien zu gelangen. So wurde die Schweiz zur Drehscheibe für Flüchtende und potenzielle Freiwillige für die republikanische Seite im Spanischen Bürgerkrieg.
Die Fluchtrouten führten von den Landesgrenzen zu Sammelpunkten, bei welchen die Flüchtlinge an die nächsten Schlepper übergeben und durch die Schweiz an die westliche Grenze gebracht wurden. Verschiedene Hilfsorganisationen wie das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) oder die Internationale Rote Hilfe (IRH), aber auch Einzelpersonen, Schweizerinnen und Schweizer sowie in der Schweiz lebende ausländische Antifaschistinnen und Antifaschisten, halfen den Flüchtlingen beim Durchqueren des Landes. Oft waren sie für verschiedene Aufgaben zuständig: Sie schmuggelten antifaschistische Flugblätter nach Deutschland und Italien, begleiteten auf ihrem Rückweg Flüchtlinge in die Schweiz, stellten Kontakte her und Unterkünfte zur Verfügung oder warben bei öffentlichen Veranstaltungen für Freiwillige. Von Haft und Abschiebung bedroht, machten sich einige von ihnen später selbst auf den Weg nach Spanien.
Aus den Gerichtsfällen der beiden Tessiner Mario-Antonio Scotti und Luigi Maina geht hervor, dass die Verbindungen zwischen der Südgrenze des Landes und Zürich intensiv waren. Die beiden Männer lebten in Zürich. Damit bot sich ihnen eine ideale Ausgangslage, um Flüchtlinge über die Grenze und von dort in die Deutschschweiz zu bringen. Am 21. Dezember 1937 wurden die beiden Tessiner in Maglio di Colla nahe der schweizerisch-italienischen Grenze verhaftet. Was zuerst wie eine individuelle Hilfsaktion aussah, entpuppte sich für die Bundespolizei als weitläufiges Netzwerk. Die seit 1922 tätige IRH tauchte im Zusammenhang mit der Begleitung von Flüchtlingen häufig in den Akten auf. Sie verfügte, als der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, bereits über ein dichtes europäisches Netzwerk und konnte Schleuserinnen und Schleuser als auch Flüchtlinge auf ihrem Weg Richtung Spanien finanziell unterstützen.
Schleuser benutzten Schmugglerpfade
Schmale Saumpfade, die von jeher für den Schmuggel genutzt wurden, dienten nun vermehrt zur Beförderung von Flüchtlingen über die grüne Grenze. Für die Organisation und Umsetzung der heimlichen Grenzübertritte zahlte Giuseppe Mreule aus Paris, eine der zentralen Figuren des Fluchtnetzwerks, Scotti und Maina zwischen 50 und 60 Schweizer Franken pro Transport. Die beiden Männer waren wohl nicht nur aus politischer Überzeugung, sondern auch aufgrund der Verdienstmöglichkeiten an den Flüchtlingstransporten beteiligt.
Der Ort ihrer Verhaftung, Maglio di Colla, liegt weniger als zwei Stunden Fussweg von der italienischen Grenze und nur drei Stunden von Lugano entfernt. Im Sopraceneri boten Täler wie das Onsernone-Tal gute Wege zur Flucht in die Schweiz. Dort hatten der in Russland geborene Anwalt Vladimir Rosenbaum und seine Frau Aline Valangin ein Haus in Colomogno, nahe der der Grenze bei den Bagni di Craveggia. Valangin verarbeitet in einem späteren Buch «Dorf an der Grenze» ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen und Fluchthelfenden jener Zeit. Gleichzeitig verfügte das Ehepaar mit der Villa Baumwollhof und der Wohngenossenschaft Neubühl über Orte in Zürich, die Flüchtlingen auf ihrer Weiterreise Unterschlupf boten.
An der Südostgrenze kamen die Flüchtlinge durch das Misox und Puschlav, im Norden bei Ramsen oder Stein am Rhein in die Schweiz. Ähnliche Hilfe beim Grenzübertritt gab es auch an der nordwestlichen schweizerisch-deutschen Grenze. Dort gehörten auch Frauen zu den Fluchthelferinnen; etwa Clara Thalmann und ihre Freundin Jeanne Weiss-Rykart aus Basel. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 begannen die beiden jungen Frauen, antifaschistische Flugblätter nach Deutschland und Flüchtlingen in die Schweiz zu verschieben. Im Juli 1936 reiste Clara nach Spanien, um als Schwimmerin an der Volksolympiade in Barcelona teilzunehmen. Als der Bürgerkrieg ausbrach, beschloss sie, vorerst in Spanien zu bleiben und zu kämpfen, kehrte aber zweimal in die Schweiz zurück, um Werbereden für die Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg zu halten.
Während Clara nur an der Nordwestgrenze des Landes agierte, beschuldigte das Militärgericht Mario-Antonio Scotti, die rechte Hand des Werbers Francesco Romagnoli zu sein. Denn Scottis Einsatzgebiet umfasste nicht nur die schweizerisch-italienische Grenze, sondern reichte bis in den Grossraum Zürich, wo er und Luigi Maina dabei halfen, die Weiterreise der Flüchtlinge zu koordinieren. In Zürich selbst liefen die Fäden bei Romagnoli zusammen, der auch unter dem Decknamen «Cesare» bekannt war. Der Italiener aus Cesena verfügte über weitreichende Kontakte in Italien, der Schweiz und Frankreich. Im Dezember 1937 wurde er als eine der Schlüsselfiguren des Fluchtnetzwerks verhaftet und wegen Anwerbung von Schweizern für einen fremden Militärdienst angeklagt.
Ein Auszug aus dem Bericht eines Polizeispitzels gibt Einzelheiten über den Anwerbungs- und Vermittlungsprozess wieder: «Cesare [Romagnoli] verkehrt täglich einige Male im Restaurant zum ‹Kleinen Casino›. [...] Cesare befasst sich hier meines Wissens mit der Anwerbung und Vermittlung von Italienern und Schweizerbürgern [sic] für die Teilnahme an den Kämpfen in Spanien auf der roten Seite. Er übergibt den Leuten, die nach Spanien reisen Geld, in der Regel 30–40 Frs., mit der Weisung, sich vorerst nach Basel zu begeben, wo sie sich im Restaurant ‹Zum Bläsitor› melden müssen. Dort werden die Spanienfahrer von einem anderen Italiener, welcher sich ‹Piccolo› nennt, in Empfang genommen, zwecks Weitertransports Piccolo befördert die Reisenden schwarz über die französische Grenze.»
Zentrum der Rekrutierung in Paris
Als Teil eines internationalen Fluchtnetzwerks stand Romagnoli in engem Kontakt mit Giuseppe Mreule in Paris. Die französische Hauptstadt galt als wichtigstes Rekrutierungszentrum, denn dort wurden die Freiwilligen gesammelt und die letzten Etappen bis nach Spanien organisiert. Romagnoli, dem nach seiner Verurteilung eine Abschiebung nach Italien drohte, machte sich 1937 selbst auf nach Spanien. Er diente in der Garibaldi-Brigade und fiel am 7. September 1938 während der Rückzugskämpfe am Ebro.
Basel war die letzte Schweizer Station Richtung Spanischer Bürgerkrieg. Der Sammelpunkt Bläsitor wurde von unterschiedlichen politischen Vermittlungsorganisationen genutzt, vor allem aber von der IRH. Karl Göring war einer der Zuständigen für diese letzte Strecke von Basel über die Schweizer Grenze Richtung Frankreich. Er sagte später vor Gericht aus, sich wegen seiner Arbeitslosigkeit oft im Restaurant Bläsitor aufgehalten zu haben, wo er mit dem bereits bestehenden Fluchtnetzwerk in Kontakt kam, das sich um die Rote Hilfe gebildet hatte. Bis zu seiner Verhaftung im Spätherbst 1936 war er für mindestens zwölf Transporte von Flüchtlingen aus der Schweiz nach Frankreich verantwortlich.
Im ersten Stock verfügte das Haus über eine sogenannte «Emigranten-Stube». Der Raum wurde von italienischen und deutschen Flüchtlingen genutzt, um auf ihre Weiterreise zur Grenze zu warten und Habseligkeiten zu deponieren, die nicht nach Spanien mitgenommen werden konnten.
Göring stand auch in Kontakt zum bereits erwähnten «Piccolo», der wohl in Wirklichkeit Severo Canonica hiess und in Basel als Kontaktperson und Schleuser fungierte. Göring gab an, dass jeder Transport aus ein bis vier Personen bestand. Er überquerte die Grenze nicht immer an derselben Stelle, sondern wechselte die Orte ab, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Zwei seiner bevorzugten Grenzübergänge befanden sich in Bourgfelden und St. Louis.
Am 30. August 1938 stellte die Staatsanwaltschaft Basel das Strafverfahren gegen Göring schliesslich mangels Beweise und mit der Begründung ein, Göring hätte nicht wissen können, dass das Reiseverbot nach Spanien auch für Ausländerinnen und Ausländer galt. Göring selbst wurde bereits Ende 1936 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und erklärte, er habe die Flüchtlingstransporte zu diesem Zeitpunkt eingestellt. Sein Ausschluss verdeutlicht die internen Spannungen innerhalb der Linken, die in dieser Zeit nicht nur in Spanien, sondern auch in der Schweiz zu spüren waren.
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Die Fluchtgeschichten und Fluchtnetzwerke, die Fliehende durch die Schweiz begleiteten, sind für den Zeitraum des Spanischen Bürgerkriegs 1936–1939 noch kaum erforscht. Mit der Verschärfung der Schweizer Flüchtlingspolitik im Juli 1936 wurde die Schweiz für politisch aktive Flüchtende zu unsicher und viele zogen es deshalb nun vor, in Spanien gegen den Faschismus zu kämpfen.
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