Eine Beerdigung für die Spanische Republik
Anfang Dezember 1936 zieht ein Trauerzug am Haupteingang des Genfer Friedhofs von Plainpalais vorbei. Mehrere hundert Männer nehmen ihre Hüte ab und grüssen die führenden Persönlichkeiten der Genfer Linken, die sich entlang der Umzäunung der Begräbnisstätte aufgestellt haben: den Sozialisten Léon Nicole, die Anarchisten Louis Bertoni, Auguste Cornu und Lucien Tronchet sowie den Konsul der Spanischen Republik, Cipriano Rivas Cherif.
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Dann bewegt sich die Menge langsam auf den Leichenwagen zu, in dem die sterblichen Überreste eines spanischen anarchistischen Aktivisten ruhen: Ramón Mateo Chavanel (1890–1936). Daraufhin macht sich der Trauerzug auf den Weg zur Kapelle «Ange de la Consolation» auf dem Friedhof Saint-Georges, wo sich eine grosse Menschenmenge in dichten Reihen versammelt, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen und ihre Solidarität mit der Sache des republikanischen Spaniens zum Ausdruck zu bringen.
Dieser traurige Tag im Winter 1936 ist durch 18 Fotografien dokumentiert, die im Collège du travail aufbewahrt werden – was angesichts der Seltenheit fotografischer Zeugnisse über politische Mobilisierungen in der Schweiz während des Spanischen Bürgerkriegs bemerkenswert ist. Doch wer war der Verstorbene? Und warum versammelte sich in Genf eine so grosse Menschenmenge?
Heimlicher Waffenkauf in der Schweiz
Einige Monate vor seinem Tod nahm Ramón Mateo, Mitglied der Federación Anarquista Ibérica (FAI), einem Zusammenschluss von anarchistischen Gruppen, an einer Mission in der Schweiz teil, um nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs heimlich Waffen zu beschaffen. Als Reaktion auf den Militärputsch kämpften Parteien und Gewerkschaften gemeinsam gegen die Aufständischen um General Franco und errichteten antifaschistische Milizen. Die republikanische Regierung musste eine neue Armee aufbauen und zugleich die verschiedenen revolutionären Komitees zusammenführen, die infolge des Putsches entstanden waren.
Vor allem aber musste die Regierung Kriegsmaterial auftreiben. Die meisten Demokratien hatten sich unter der Führung von Frankreich auf einen Nichteinmischungspakt geeinigt und verboten Waffenexporte nach Spanien. Italien und Deutschland hingegen unterstützten die aufständischen Generäle mehr oder weniger offen. Um den Widerstand gegen die Franco-Truppen fortsetzen zu können, waren Waffen nötig. Vor diesem Hintergrund wurden Einkaufskommissionen organisiert, die durch Frankreich, aber auch durch Belgien und die Schweiz reisten, um Kriegsmaterial zu beschaffen.
Tödlicher Verkehrsunfall
Die Schweizer Mission endete für Ramón Mateo tödlich. Am 30. September 1936 prallte das Auto der Anarchisten, nachdem es den Grenzübergang Saint-Genis-Meyrin passiert hatte, mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum. Vier Verletzte wurden ins Kantonsspital gebracht und anschliessend inhaftiert, weil sie gegen die Bundesbestimmungen zur Gewährleistung der Neutralität des Landes verstossen hatten: Die Polizei hatte im Wagen eine grosse Geldsumme gefunden. Die von der Staatsanwaltschaft eingeleitete Untersuchung bezog sich auf einen geheimen Waffenkauf. Der Fall wurde jedoch infolge einer diplomatischen Einigung rasch beigelegt und ein Grossteil der verhafteten katalanischen Delegation konnte das Land rasch verlassen. Als Gegenleistung liess die katalanische Regionalregierung in Barcelona einen Schweizer Ingenieur der Firma Hispano-Suiza frei. Er war im Sommer verhaftet worden und sollte wegen angeblicher Spionage angeklagt werden.
Der schwer verletzte Ramón Mateo hingegen blieb in Genf. Er wurde in der Klinik Les Arolles von Doktor Roger Fischer, einem bekannten Genfer Linken und Pro-Republikaner, behandelt. Trotzdem starb der katalanische Anarchist am 4. Dezember 1936 an einer Embolie. Nach der Einäscherung übergab Lucien Tronchet die sterblichen Überreste von Ramón Mateo an dessen Familie in Spanien. Diese tragischen Ereignisse hielten Tronchet jedoch nicht davon ab, den Kontakt zu den katalanischen Anarchisten aufrechtzuerhalten und weitere Waffentransporte nach Barcelona zu organisieren.
Die «Mateo-Affäre» ist beispielhaft für die politischen und diplomatischen Herausforderungen, die durch den Aufstand eines Teils der spanischen Generäle ausgelöst worden waren. Die grosse Zahl der Teilnehmenden an der Beerdigung eines spanischen Anarchisten war aber auch Ausdruck der starken Emotionen, welche die deutsch-italienischen Luftangriffe auf Madrid in ganz Europa ausgelöst hatten. Seit November 1936 wurde die spanische Hauptstadt systematisch und ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung bombardiert.
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Die grosse Genfer Resonanz auf Mateos Tod lässt sich vielleicht auch durch die Bestürzung erklären, die in anarchistischen Kreisen durch den Tod von Buenaventura Durruti, einer Symbolfigur der spanischen anarchistischen Bewegung, herrschte. Durruti war am 19. November bei der Verteidigung Madrids gegen die Franco-Truppen tödlich angeschossen worden. An seiner Beerdigung in Barcelona nahmen einige Tage später mehrere hunderttausend Menschen teil.
Trauerkundgebungen sind manchmal mit einer politischen Botschaft verbunden, wie die Versammlung für Mateo in Genf zeigt. Es sei daran erinnert, dass die Bundes- und Kantonsbehörden seit August 1936 erhebliche Einschränkungen gegen pro-republikanische öffentliche Demonstrationen verhängt hatten. Erlaubt waren sie in der Regel nur in Sälen, die unter strenger Überwachung standen. Vor diesem Hintergrund kann die Beerdigung von Mateo als eine der wichtigsten öffentlichen Kundgebungen angesehen werden, die während des Spanischen Bürgerkriegs zugunsten des republikanischen Spaniens stattgefunden haben.
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