Schweiz

Ehemalige Verdingkinder und Opfer von fürsorgerischen Massnahmen posieren mit Kinderfotos vor dem Bundeshaus am 31. März 2014 Bild: KEYSTONE

Schon 1000 Gesuche eingegangen: Endlich entschädigt die Schweiz die Zwangsversorgten

Ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte wird aufgearbeitet. Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen können seit Anfang Januar 2017 ihren Anspruch auf einen Solidaritätsbeitrag geltend machen. Innerhalb eines Monats lagen dem Bundesamt für Justiz schon knapp 1000 Gesuche vor.

01.02.17, 09:30 01.02.17, 16:09

Bis tief ins 20. Jahrhundert wurden Kinder in der Schweiz misshandelt oder als Verdingkinder auf den Marktplätzen verkauft. Junge Schwangere wurden zum Abtreiben oder zur Weggabe ihres Kindes gezwungen. Menschen, deren Lebensweise nicht den gängigen Vorstellungen entsprach, wurden in Heime oder Gefängnisse gesteckt oder für Medikamententests missbraucht. 

Opfer solcher fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen können seit Januar 2017 ein Gesuch beim Bundesamt für Justiz (BJ) einreichen und ihren Anspruch auf einen Solidaritätsbeitrag geltend machen. «Gegenwärtig nähert sich die Zahl der Gesuchseingänge beim BJ rasch der Schwelle von 1000 Gesuchen», sagt Reto Brand, Leiter des Fachbereich Fürsorgerische Zwangsmassnahmen auf Anfrage von watson.

Bundesrat rechnet mit 12'000-15'000 Gesuchen

Wie viele Personen Anspruch auf den Solidaritätsbeitrag geltend machen werden, ist unklar: «Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mit der notwendigen Präzision abzuschätzen, ob die vom Bundesrat geschätzte Bandbreite dereinst erreicht werden wird oder nicht», sagt Brand. In seiner Botschaft an das Parlament ging der Bundesrat von 12'000-15'000 Personen aus, welche ein Gesuch stellen werden. Insgesamt stehen 300 Millionen Schweizerfranken für die Solidaritätsbeiträge zur Verfügung. Da alle Opfer den gleichen Betrag erhalten sollen, wird dieser maximal 25'000 Franken betragen.

Direktbetroffene müssen ein Gesuch beim BJ einreichen und glaubhaft machen, dass sie Opfer einer fürsorgerischen Zwangsmassnahme oder Fremdplatzierung wurden. «Ein strikter Beweis im Rechtssinn ist nicht nötig – und könnte in den meisten Fällen wohl auch nicht geführt werden. Weil die Ereignisse zeitlich so lange her sind, reicht es, wenn die gesuchsstellenden Personen ihre Opfereigenschaft lediglich glaubhaft machen», sagt Brand. Für die Beschaffung von Dokumenten aus Archiven, aber auch für grundsätzliche Beratung kann weiter die Hilfe der kantonalen Anlaufstellen in Anspruch genommen werden. 

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Brikne, 20.7.2017
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  • Benot 01.02.2017 16:30
    Highlight Man kann mit "LeChef" in vielem uneins sein. Am Schluss hat er aber doch einen sehr interessanten Aspekt eingebracht:

    "Ich sehe schon, dass so etwas wie institutionelle Verantwortung existiert. Aber Sinn macht das für mich nur wenn die Institution das auch auf die tatsächlich verantwortlichen regressieren kann."

    Was damals geschah, war auch damals unrecht. Von den damaligen Tätern sind viele noch am Leben.
    Und wie werden die vom Staat behandelt? Sie erhalten Pensionen von weit über 4'000 monatlich = jährlich mehr als das Doppelte der 1x-Entschädigung an Sklaven und Zwangssterilisierte.
    7 0 Melden
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  • banda69 01.02.2017 16:27
    Highlight Und die SVP hat sich mit Händen und Füssen gegen diese Wiedergutmachung gewehrt. Die SVP macht sich selbst lieber Steuergeschenke und rettet Abzocker (Banken).
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  • Benot 01.02.2017 12:35
    Highlight Unter all den verwerflichen Taten unseres Landes seit (und mit) dem 2.WK, ist für mich das mit den Verding(kinder)sklaven die schrecklichste.

    Da verstummt bei mir all das fröhliche Gejodel, das stolze Schweizerlächeln und die lustigen Kantonswappen.

    Einige sagen: "Das war damals." Aber der Skandal um die "Entschädigungen", die vom Täter selber jahrzehntelang hinausgezögert wurden und auf ein Trostpflaster reduziert werden ... findet HEUTE statt.

    Ey, Schweizer! So wird mit euren eigenen Landsleuten umgegangen!

    Diese Schweiz widert mich zutiefst an. Verreckt doch an eurem Geld.
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  • Hierundjetzt 01.02.2017 10:46
    Highlight 25'000.- Fränkli, weil ich als Frau jahrelang ins Gefängnis (!) musste *nur* weil ich zwei Affären hatte?

    25'000.- Fränkli, weil ich als Sohn auf dem Marktplatz im Emmenthal an einen Bauern verkauft wurde, weil meine Mutter den gewalttätigen Ehemann verlies?

    25'000.- Fränkli, weil ich dazu gezwungen wurde mein Kind abzutreiben, nur weil ich den Namen des Vaters nicht preisgeben wollte und / oder in keiner Ehe lebte.

    Das alles bis vor 40 Jahren. 1970ger. 40 Jahre. Tscheggsch.

    Aha.

    Und wer ist sogar gegen diese lächerlichen 25'000.- Fränkli? Richtig: als einzige Partei (!) die SVP.
    65 5 Melden
    • Madison Pierce 01.02.2017 13:38
      Highlight Rein emotional bin ich völlig einig mit Dir. Die Entschädigungen kommen zu spät und sind zu knausrig.

      Aber juristisch ist es schon schwieriger: Damals war das geltendes Recht, auch wenn wir uns das kaum vorstellen können. Die Frage ist, wie weit zurück wir Rechtsfälle mit unserem aktuellen Moralempfinden beurteilen und Urteile korrigieren sollen.

      England begnadigt ja gerade verurteilte Homosexuelle und je weiter man zurück geht, desto mehr gäbe es zu korrigieren. Manch unschuldige Frau ist in den Archiven noch als "Hexe" zu finden...
      4 7 Melden
    • Benot 01.02.2017 15:36
      Highlight Nicht einverstanden, "Madison Pierce"!

      Ich glaube nicht, dass Sklaverei "damals" geltendes Recht war in der Schweiz; auch nicht Kindersklaverei.

      Das ist aber, was stattgefunden hat. Es wurde einfach mit anderen Worten verschleiert. Sogar oberzynisch: Offizielle ging es um "das Wohl des Kindes" oder der betroffenen Mutter.

      Die staatlich verordnete Sklaverei, die vor gar nicht langer Zeit in der Schweiz stattgefunden hat, war nie rechtens.
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  • Brandroid 01.02.2017 10:40
    Highlight Hihihi BJ
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  • Benot 01.02.2017 10:37
    Highlight @ Autorin Nadia Brenneisen:

    Zum ersten Satz im Artikel: "Bis tief ins 20. Jahrhundert ..."

    Was heisst das genau?
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  • Calvin WatsNon 01.02.2017 10:30
    Highlight Mich würde interessieren, wieviele den Stempel "abgelehnt" erhalten. Salamitaktik wie das vorangeht.👎🏻
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    • Les 01.02.2017 13:27
      Highlight Calvin, ich kann dir da von der Front berichten. Arbeite in einem der grössten kantonalen Archive der Schweiz. Die Beweisführung läuft logischerweise vor allem über noch vorhandene Schriftstücke. Nun ist es gerade für sogenannt administrativ Verwahrte eine ziemlich Hemmschwelle, sich mit einem Archiv (Stichwort Amtsstelle) in Verbindung zu setzen. Auch kein Wunder: Diese Menschen haben nicht grad gute Erfahrung mit der CH-Administration gemacht! Ich kann dir aber versichern: In den Archiven wird ihnen geholfen, die Akten aufzufinden. Und ein Aktenstück genügt bereits zur Beweisführung!
      16 0 Melden
    • Les 01.02.2017 13:34
      Highlight So weit ich das also abschätzen kann, kommt das gut und wird so unkompliziert für die betroffenen wie nur möglich abgewickelt. Ich denke die Gesuche werden dann auch in Bern speditiv erledigt.
      Und noch was: Noch wichtiger als der Batzen (25'000 maximal) scheint mir die Anerkennung: Euch wurde Unrecht zugefügt. War eine Schweinerei! Und die offizielle Schweiz entschuldigt sich hiermit bei euch.
      Finde das sehr wichtig. Ich bin also beschämt über vergangenes Unrecht und ein bisschen stolz, dass das jetzt versucht wird, wieder gut zu machen (so weit man so was wieder gut machen kann)
      17 0 Melden
    • Calvin WatsNon 01.02.2017 13:51
      Highlight @Les: Danke für deine Ausführungen. Sehr gut geschrieben, dem ist nichts mehr anzufügen.👍🏻👍🏻👌🏻
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  • LeChef 01.02.2017 09:50
    Highlight Ich will niemandem auf die Füsse treten (mach ich wohl trotzdem mit diesem Kommentar, tut mir leid!), aber 300 Millionen sind ganz schön viel Geld. Das wächst nicht an den Bäumen, sondern muss von den Steuerzahlern zur Verfügung gestellt werden. Es ist wohl unbestreitbar, dass den Opfern dieses Systems enormes Leid zugefügt wurde, aber dafür können alle unter 60-jährigen in diesem Land doch gar nichts. Stört es denn niemanden, Wiedergutmachung leisten zu müssen für etwas, das man gar nicht verbrochen hat? Das geht einfach total gegen mein Gerechtigkeitsempfinden. Los, blitzt mich dafür..
    17 57 Melden
    • RobinBurn 01.02.2017 11:17
      Highlight Ich sehe was du meinst, aber manchmal muss man eine kleine Ungerechtigkeit in Kauf nehmen, um eine grössere wenigstens ein bisschen wieder gut zu machen.
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    • Angelo C. 01.02.2017 11:38
      Highlight Dann wird es wohl auch gegen deinen Gerechtigkeitssinn verstossen, dass Deutschland noch nach 70-80 Jahren schweres Unrecht an den Holocaust-Opfern aus dem Steuersubstrat entschädigt...

      Man macht es sich wohl etwas gar einfach, wenn man lapidar meint : "Ja was haben denn wir, die Nachkriegsgeneration damit am Hut?"

      Genauso ist das mit diesen teilweise ebenso schweren Schreckensgeschichten, welche lange Jahre (entschieden länger als der Holocaust) vielen Schweizern widerfahren ist, die heute noch psychisch erledigt sind, es im Leben nie geschafft haben.

      Lies einige ihrer Horrorlebensläufe!
      36 2 Melden
    • Bijouxly 01.02.2017 11:50
      Highlight @lechef: ich bin deiner Meinung. Aber aus einer anderen Argumentation, nicht wegen Schuld oder nicht-Schuld, sondern weil es damals auch nicht strafbar war. Ich finde diese Entschädigungszahlung empathisch verständlich aber rational völlig daneben. Man stelle sich mal vor, Prostitution wäre in 100 Jahren absolut verboten und man würde danach allen noch lebenden heutzumals Prostituierten eine Entschädigung zahlen. Das geht doch nicht. Zu jener Zeit war es rechtens, egal wie wir heute dazu stehen (da gäbe es noch sehr sehr viele andere Entschädingungsgruppen nach dieser Logik...).
      5 33 Melden
    • Hierundjetzt 01.02.2017 11:51
      Highlight LeChef:

      25'000.- Fränkli weil Du vom Staat OHNE Rechtsgrundlage zwangssterilisiert wurdest? Über Jahrzehnte (!!) als Kleinkind (!) Sklavenarbeit verrichten musstest oder weil Deine Mutter wegen eine Affäre ins Gefängnis musste?

      Und jetzt kommst du und reklamierst wegen 300 Milliönchen? Aber der UBS 60 Milliarden geben weil Sie die Amis beschi**en haben, das ist dann ganz was anderes.

      Was stimmt nicht mit Dir?
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    • Hierundjetzt 01.02.2017 11:56
      Highlight Bijouxly: Nein, es war auch damals gemäss Gesetzeslage nicht korrekt. Kinderarbeit war bei uns ab den 30ger Jahren verboten. Zwangssterilisation von absolut gesunden Menschen ebenso.

      Schau den Film Verdingbub, spricht mit Deinen Grosseltern, informier Dich, geh ins kantonale Archiv.

      Aber um gotteswillen hör auf etwas zu erfinden.
      23 2 Melden
    • Bijouxly 01.02.2017 12:13
      Highlight @hierundjetzt: es gibt auch noch andere menschen, denen es schlecht geht. Richtig, es war damals der staat. Damals. Das tut von damals niemandem mehr weh. Und 300 millionen sind schon nicht wenig.
      Dein (völlig deplatziertes) UBS beispiel: durch die rettung der ubs hat der staat jedem einzelnen von uns geholfen und dadurch eine noch schlimmere krise abgewendet. Selbst wenn nur die hälfte der gesamtbevölkerung profitiert hätte, wären es pro Person noch immer "nur" 15'000.- gewesen. Also ist die Zahlung der 300 Millionen für einen viel kleineren Teil von Nutzen und damit verhältnismässig grösser.
      5 23 Melden
    • Benot 01.02.2017 12:27
      Highlight ach LeChef....

      Wenn Du dasselbe bloss auch bei den 5 Milliarden für die total unnötige überflüssige Armee sagen würdest.

      Und zur Verantwortung für die Schuld Deiner Vorfahren: Ansonsten bist Du doch auch stolz auf die Schweiz, obwohl Du bisher noch wenig dazu beigetragen hast. Du behauptest sogar einem Einwanderer gegenüber ein Vorrecht zu haben, als Nachkomme Deiner Vorfahren. Da passt es.
      Aber wenn es um Schuld geht, weisst Du von nichts mehr, da kneifst Du...
      20 4 Melden
    • The Origin Gra 01.02.2017 12:40
      Highlight LeChef, die Wiedergutmachung ist absolut Berechtigt. Warum? Weil die Gesellschaft das damals so wollte oder es Toleriert hat.
      Es geht um Wiedergutmachung.
      Wenn Dir jemand Schaden zufügt, bekommst Du vom Gericht auch eine Wiedergutmachung.
      Jetzt muss der Staat und die Gesellschaft für früher begangenes Unrecht Zahlen.
      Das ist absolut gerechtfertigt.

      Die Schweiz gibt für viel Blöderes Geld aus.
      20 1 Melden
    • Macke 01.02.2017 13:13
      Highlight @LeChef: Vieles wurde schon gesagt, ich habe nicht mehr viel hinzuzufügen. Aber auch du profitierst vermutlich irgendwann in deinem Leben vom Solidaritätsprinzip, sei es als ArbeitsloseR, schwer KrankeR etc. Und wenn nicht, dann freue ich mich für dich. Es geht darum, dass die Schweiz dafür gerade steht, was sie angerichtet hat - auch 40 Jahre danach.
      10 1 Melden
    • Hierundjetzt 01.02.2017 13:24
      Highlight Bijouxliy:

      25'000.- dafür, das Du Dein Leben lang nie mehr Kinder haben kannst? Nur weil der Gemeindebeamte (im Milizamt) dies so verfügte?

      25'000.- dafür, dass Du ohne Gerichtsbeschluss 3 Jahre ins Gefängnis musstest?

      Aha.

      25'000.- für ein zerstörtes Leben?
      15 1 Melden
    • LeChef 01.02.2017 13:30
      Highlight Ich muss sagen, die 5 Armeemilliarden wären an anderen Orten schon besser aufgehoben. ;) Das tut aber nichts zur Sache, genau wie die UBS. Ich sehe schon, dass so etwas wie institutionelle Verantwortung existiert. Aber Sinn macht das für mich nur wenn die Institution das auch auf die tatsächlich verantwortlichen regressieren kann. Sonst werden nur neue Ungerechtigkeiten geschaffen. Es ist da eben recht schwer die Grenze zu ziehen. Die Hugenotten wurden lange Zeit verfolgt und ermordet, wer zahlt denen eine Entschädigung? Was ist mit den Nachfahren der südamerikanischen Ureinwohner?
      2 13 Melden
    • Sveitsi 01.02.2017 14:31
      Highlight Das nennt man Solidaritätsprinzip - darauf basiert vieles in der Schweiz. Und das finde ich gut so.
      5 0 Melden
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