Europa feiert Kanadas «Anti-Trump»-Premier – doch der hat andere Ziele
Kanada übt sich im Widerstand. Seit der Eskalation des Zollstreits mit dem grossen südlichen Nachbarn geben sich die gemeinhin konsensorientierten kanadischen Politiker kantig.
So ätzte der linke Ministerpräsident der Provinz Manitoba diese Woche über den Befehl des amerikanischen Präsidenten, aus Wut über Kanada den Lake Ontario auf der US-Seite in «Lake America» umzutaufen. «Das ist nicht sein bestes Werk», sagte Wab Kinew über die Namensänderung – und zog dann den Vergleich zu einer alten Rockband, die seit 50 Jahren immer wieder den gleichen Hitsong in schäbigen Lokalen spiele. «Ich glaube, wir befinden uns nun in diesem Teil der Präsidentschaft von Donald Trump.»
Wab Kinew reacts to Donald Trump renaming Lake Ontario: "You know when a rock band is really over the hill and you see them in a casino playing some song from like 50 years ago? I think that's the part of Donald Trump's presidency we're at now." pic.twitter.com/zizfAk7NUo
— Scott Robertson (@sarobertson_) August 27, 2026
Solche Sticheleien reichen einem Lokalpolitiker in Ottawa, der Kapitale Kanadas, nicht aus. Der parteiunabhängige Abgeordnete Riley Brockington gab diese Woche bekannt, dass er die Umbenennung der Trump Avenue anstrebe. Die Quartierstrasse – die den Namen des heutigen US-Präsidenten seit 25 Jahren trägt – sei ein öffentliches Ärgernis, sagte Brockington. «Es ist mir peinlich, dass Donald Trump in der Hauptstadt des Landes auf diese Weise geehrt wird.»
Kanadas Bevölkerung unterstützt Carneys Kurs
Diese Töne passen zum Bild, das Kanada gerne von sich selbst zeichnet. Im Unterschied zum amerikanischen Nachbarn, mit dem man sich eine fast 9000 Kilometer lange Grenze teilt, ist man zwar gemeinhin friedliebender und umgänglicher. Aber wer sich regelmässig die Hockey-Matches der kanadischen NHL-Teams anschaut, der weiss: «Wir können auch wütend werden.» So formulierte es kürzlich ein (höchst freundlicher) Kanadier im Gespräch.
Verkörpert wird dieser kanadische Idealtypus von Mark Carney, dem seit März 2025 amtierenden Premierminister. Der ehemalige Banker wirkt bei seinen öffentlichen Auftritten meist kühl und kontrolliert. In Europa wird er deshalb als «Anti-Trump» gefeiert, als das personifizierte Gegenstück zum volatilen amerikanischen Präsidenten.
Aber nötigenfalls kann auch der linksliberale Regierungschef mit einem gezielten Bodycheck seinen politischen Gegner aus dem Gleichgewicht bringen. So geschehen am vergangenen Freitag, als er die langwierigen Zollverhandlungen mit den USA in buchstäblich letzter Minute abbrach. Die Gespräche ruhen seither.
Carneys Kurs stösst, zumindest in ersten Reaktionen, auf Zustimmung in Kanada. Selbst in den konservativen Provinzen Alberta und Saskatchewan, die der Bundesregierung in Ottawa gemeinhin skeptisch gegenüberstehen, unterstützen rund zwei Drittel der Bevölkerung die «harte Linie» des Premierministers.
USA sagen: Carney handelt «politisch motiviert»
In Washington verdrehen hochrangige Präsidenten-Berater die Augen, wenn sie solche Aussagen hören. Sie sagen, das Vorgehen des kanadischen Premierministers sei «rein politisch motiviert», wie es der amerikanische Handelsminister Howard Lutnick formulierte.
Lutnick: "If you think I ever said the words 'French' -- do I care about how the Quebecois speak? I mean, what could matter less to America? We don't care." pic.twitter.com/ly3s1YdItd
— Aaron Rupar (@atrupar) August 27, 2026
Das mag übertrieben klingen, ganz falsch ist diese Argumentation aber nicht. Denn in diesem Herbst stehen in Kanada zwei wichtige innenpolitische Urnengänge an, die Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Regierungstätigkeit von Carney haben werden.
Zuerst wird in der französischsprachigen Provinz Québec ein neues Parlament gewählt. Carney will Anfang Oktober verhindern, dass der separatistische Parti Québécois nach zwölf Jahren in der Opposition an die Macht zurückkehrt. Deshalb liess er die Handelsgespräche mit den USA platzen, als sich die Regierung Trump kritisch über den Stellenwert der französischen Sprache in Kanada äusserte. (Washington dementiert diese Darstellung.)
Der andere Urnengang betrifft Alberta im Westen des Landes. Dort wird Mitte Oktober darüber entschieden, ob sich die konservative Provinz von Kanada abspalten und ein Sezessionsreferendum ansetzen darf. Gegen diesen radikalen Schritt spricht sich auch die rechte Regierungschefin der Provinz aus. Carney musste Danielle Smith allerdings in den vergangenen Monaten politische Zugeständnisse machen, damit er nicht Gefahr läuft, als Premierminister in die Geschichtsbücher einzugehen, unter dem sein Land auseinanderfiel.
Carney mag sich also als Anti-Trump aufspielen, als vernünftiges Gegengewicht zum amerikanischen Präsidenten. Im Kern ist der ehemalige Hockeyspieler auch ein konventioneller Politiker. Er weiss: Letztlich zählt nur der Sieg. (schweizheute.ch)

