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«Gopfertelli Landolt, warum bisch nie me i dr Ziitig?» – der Überlebenskampf des BDP-Chefs

Bild: alan maag
Die BDP muss zehn Jahre nach ihrer Gründung beweisen, dass sie ihr Ablaufdatum noch nicht überschritten hat. Parteipräsident Martin Landolt schlägt sich dafür mit zynischen Journalisten, vernünftigen Revolutionären und seinen braunen Zähnen herum. Ein Porträt.
24.03.2018, 10:3925.03.2018, 07:54
Alan maag (Bilder)

«Das versenke ich an der Landsgemeinde in fünf Sätzen, wenn es nötig ist», sagt Martin Landolt über die Freisprechanlage in seinem Auto. Es ist ein trüber Nachmittag Anfang Februar. Wir sind unterwegs auf der A3, von seinem Wohnort Näfels im Glarnerland ins bernische Münsingen. Dort trifft sich am Abend die kantonale BDP zur Delegiertenversammlung, die grösste und wichtigste Sektion der Partei. Bald wählt der Kanton Bern. Und der Landolt möchte nicht noch einmal eine Wahlniederlage schönreden müssen.

Aber jetzt im Auto sind die Berner Wahlen weit weg. Am anderen Ende der Leitung ist ein Parteikollege aus dem Glarner Landrat. Gemeinsam wollen sie da den Vorschlag zur Sanierung des Sportzentrums in Näfels zurechtstutzen. «Abä-Rutschi, Sauna, Wellness, Pipapo», zählt der Landolt auf. Völlig überdimensioniert, da sind sich die beiden BDP-Männer einig.

«Wir Politiker sind alle ein bisschen eitel»: Martin Landolt auf der Autobahn. 
«Wir Politiker sind alle ein bisschen eitel»: Martin Landolt auf der Autobahn. 
Bild: alan maag

Wird die Sanierung im Parlament nicht noch angepasst, wendet sich der Landolt notfalls am ersten Maisonntag an die «hochvertruutä Mitlandlüüt» und schiesst die Vorlage ab. So spricht man an der Glarner Landsgemeinde das Volk an. Und dort hat sein Wort Gewicht, als einziger Nationalrat des Kantons, zweimal wiedergewählt, das weiss er. «Und dr Dümmscht bini au nüüd».

Die kantonale Politik bereite ihm Freude, sagt er später auf der A1, irgendwo zwischen Lenzburg und Härkingen. Rechte Spur, nie über 120 km/h, beim Autofahren wie in der Politik ein Vernünftiger. Denn im Kanton sei man näher an den Alltagssorgen der Leute.

«Im Prinzip ist es allen scheissegal, was wir im Parlament machen.»

Und gleichzeitig ist der Landolt da weiter weg von den eigenen Sorgen in Bundesbern. Dort verlor die BDP nach den letzten Wahlen 2015 nicht nur die Bundesrätin, sondern auch die Rolle als Zünglein an der Waage. Ziehen SVP und FDP am selben Strang, sagen sie im Nationalrat, wo es lang geht. Mehrheitsmacherin wie noch in der letzten Legislatur ist die BDP nicht mehr.

«Im Prinzip ist es allen scheissegal, was wir hier machen», so brutal ehrlich drückt es der Landolt aus, als wir uns im Dezember im Bundeshauscafé «Galerie des Alpes» zum Gespräch treffen. «Da oben geht keiner mehr auf uns zu und wirbt um uns», sagt er und zeigt zur Decke, wo ein Stock höher die Wandelhalle liegt.

Das veränderte Kräfteverhältnis bekommt er nicht nur in der Politik zu spüren. Auch in den Medien hat das Interesse an der BDP abgenommen, seit Eveline Widmer-Schlumpf zurückgetreten ist. Und das wurmt den Landolt, das merkt man. «Meine Samstage sind ruhiger geworden», stellt er fest. Früher, als er noch Präsident einer Bundesratspartei war, da sei er fast jede Woche ein, zwei Stunden am Telefon gewesen. Irgendein Journalist von der Sonntagspresse musste stets noch etwas wissen von ihm, ein Quote haben.

«Immer diä gliich huerä Gschicht»: Martin Landolt über die Medien.
«Immer diä gliich huerä Gschicht»: Martin Landolt über die Medien.
Bild: alan maag

Er persönlich geniesse diese Ruhe. Mehr Zeit für die Familie, für die Jagd, «zum gu Bike oder gu Segglä». Als einziger Nationalrat seines Kantons sei die gesunkene Präsenz in der nationalen Presse für ihn selber nicht so wichtig. In Glarus interessiere es kaum, ob er in den Sonntagsblättern aus Zürich vorkomme oder nicht. «Aber meinen Job als Parteipräsident macht das nicht leichter». Die Basis mache sich schon mal Sorgen über die fehlende Medienpräsenz. «Gopfertelli Landolt, warum bisch nie me i dr Ziitig?», wird er dann an Parteianlässen gefragt.

Kratzt die geschwundene Aufmerksamkeit am Ego? «Wir Politiker sind alle ein bisschen eitel, das stimmt.» Das Eingeständnis kommt ohne zu zögern. Dann legt sich erstmals das typische Landolt-Grinsen über sein Gesicht: Über die Stirn ziehen sich Furchen und die Fältchen rund um die blauen Augen verstärken den Schalk im Blick noch zusätzlich. «Ihr Journis aber noch viel mehr», schiebt er nach.

Überhaupt, diese Medien. Der Landolt redet sich in der «Galerie des Alpes» erstmals in Fahrt, als es um die «immer gliich huerä Gschicht» einer BDP auf dem Totenbett geht, deren Untergang unmittelbar bevorstehe. Das Narrativ nervt ihn. Er kann nicht verstehen, weshalb manche Medienschaffende das Ende der BDP regelrecht herbei sehnten: «Müssen wir denn ums Verrecken sterben?»

«Vernunft wird nicht belohnt. Wir sterben in Sachlichkeit.»

Der Landolt passt genau auf, wie die Journalisten – «dr Renz vum Tagi, dr Hehli i dr NZZ, dr Steiner vum Fernseh» – über seine Partei berichten. Was ihn besonders wurmt: «Wenn uns die gleichen Journalisten, die unsere Ideen ignorieren, vorwerfen, wir hätten kein Programm. Dann wird es ungerecht und zynisch.»

Der Schweiz mangele es nicht an politischer Vernunft. Das zeigten die Abstimmungsergebnisse, bei denen die BDP mit ihren Parolen so nahe beim Volk liege wie kaum eine andere Partei. Das Problem ortet er bei der Berichterstattung: «Vernunft wird nicht belohnt. Wir sterben in Sachlichkeit», sagt er mit Blick auf die Medienpräsenz von Polparteien und Haudrauf-Politikern wie Andreas Glarner.

«Ich bin nicht neidisch auf die politischen Ränder. Aber ich bin manchmal frustriert.»
«Ich bin nicht neidisch auf die politischen Ränder. Aber ich bin manchmal frustriert.»
Bild: alan maag

Diese Worte kann man natürlich als Ausdruck des Frusts verstehen: Hier beklagt sich der Präsident einer kriselnden Partei und sucht Ausreden für den Wählerschwund. Aber dem Landolt nimmt man die ehrliche Sorge um die Zukunft der Schweiz ab. Europa, Altersvorsorge, Unternehmenssteuern: «Uns ist die Fähigkeit für die grossen Kompromisse verloren gegangen.» Früher habe man sich zusammengerauft, wenn es darauf angekommen sei: «Chlei giftlä isch cool, aber etz isch’s wichtig, etz tüemer ufhörä politisiärä.»

Die Unfähigkeit zum Kompromiss habe auch mit dem Personal zu tun. «Früher hatten wir hier einen Mörgeli im Saal, das hat es noch verleiden mögen. Heute haben wir einen Köppel, einen Glarner, einen Hess und wie sie alle heissen.» Solche Figuren hätten ein erfolgreiches Konzept entwickelt, um die Wutbürger abzuholen und so gewählt zu werden. Deshalb gebe es immer mehr Nachahmer.

Ob er manchmal auch gerne mehr poltern, die laute statt die vernünftige Stimme sein würde? «Ich bin nicht neidisch auf die politischen Ränder. Aber ich bin manchmal frustriert.» Denn er sei überzeugt, dass mehr Leute die Politik der BDP wollten, als es der Wähleranteil den Anschein mache: Fortschrittlich, aber nicht links. Wirtschaftsfreundlich, aber nicht gegen die Menschen. Anständiger Tonfall statt rhetorische Aufrüstung: «Wir sind die Revolution der Vernunft», sagt es der Landolt, ganz der Wahlkämpfer.

«Ich schaffe es zu wenig, den Leuten aufzuzeigen, dass wir die Antwort auf ihre Bedürfnisse sind. Das fuchst mich.»

Politologen und Journalisten malen ein weniger schmeichelhaftes Bild. Dasjenige einer in ihrer Existenz bedrohten Partei.  Bei den letzten eidgenössischen Wahlen 2015 büsste die BDP bei der Wählergunst 1,3 Prozentpunkte ein und verlor zwei Sitze. Sollte der Abwärtstrend ungebremst weitergehen, ist sogar die Fraktionsstärke in Gefahr. In kantonalen Parlamenten verlor sie seither nochmals 8 Sitze, mehr als 10 Prozent des Bestands.

Der Partei fehle ein klares Profil, lautet die Kritik. Sie sei nie über die Rolle des «Widmer-Schlumpf-Wahlvereins» hinausgewachsen. Es fehle an markanten Figuren an der Spitze. Mit ihrem Schielen auf eine progressive, jüngere Wählerschaft steuere die Partei dorthin, wo sich schon die Grünliberalen tummelten. Sie politisiere an der Basis vorbei: älteren, klar bürgerlichen, strukturkonservativen Menschen auf dem Land.

Der Landolt sieht das natürlich ganz anders. Die DNA der Partei sei immer progressiv gewesen. Es gebe ein Bedürfnis nach der Politik der BDP und eine Nische dafür, die heute leer sei. Doch das Fussvolk für Landolts «Revolution der Vernunft», es läuft noch nicht in Scharen zur BDP über. «Ich schaffe es zu wenig, den Leuten aufzuzeigen, dass wir die Antwort auf ihre Bedürfnisse sind. Das fuchst mich.» Den jungen Leuten von der «Operation Libero» etwa – im Gegensatz zur BDP die derzeitigen Darlings der Medienszene – würde der Landolt gerne «Punggt für Punggt» im Parteiprogramm aufzeigen, dass die BDP eigentlich genau ihre Politik umsetzen wolle.

«Eine solche Klatsche darf es nicht mehr geben»: Martin Landolt an der Delegiertenversammlung der BDP Bern. 
«Eine solche Klatsche darf es nicht mehr geben»: Martin Landolt an der Delegiertenversammlung der BDP Bern. 
Bild: alan maag

Gerade wäre ein günstiger Zeitpunkt für neue Wähler, die BDP als Antwort auf ihre Bedürfnisse zu entdecken. Denn das laufende Jahr ist ein «Schicksalsjahr» für die Partei – auch wenn der Landolt den Begriff nicht sonderlich mag. Im Herbst feiert sie ihr 10-jähriges Jubiläum. Vorher muss sie kantonale Wahlen in ihren Stammlanden Bern, Graubünden und Glarus bestreiten. Dort ist sie Regierungspartei und stellt stattliche Fraktionen in den Parlamenten. Die Urnengänge sind ein wichtiger Test vor den eidgenössischen Wahlen im Herbst 2019.

Bei welchem Wahlausgang machen Sie sich ernsthaft Sorgen um das Überleben Ihrer Partei? Sofort beginnt das «expectation management». Der Landolt stapelt tief. Bei Regierungswahlen gehe es sowieso mehr um die Persönlichkeiten und weniger um die Parteien. Da wäre ein Sitzverlust wenig aussagekräftig. Und bei den Parlamentswahlen in Graubünden verzerre das Majorzsystem die Parteistärken. Am meisten interessiert ihn das Ergebnis in Bern. Dort hielt die BDP 2014 zwar ihren Sitz im Regierungsrat, verlor aber fünf Prozentpunkte beim Wähleranteil und 11 ihrer 25 Grossratssitze: «Eine solche Klatsche darf es nicht mehr geben.»

«Ich erhielt eine Liste mit den Namen von acht Parteimitgliedern. Vier davon waren tot.»

Das Geschäft kann hart sein. Warum sind Sie eigentlich in die Politik gegangen, Herr Landolt? «Ich hab schon als Kind zur Mutter gesagt, ich werde mal Gemeindepräsident von Näfels.» Er habe es immer gut gekonnt mit den Leuten, sich im Milizsystem engagiert (Fasnachts-OK, Turn- und Patentjägerverein, heute Präsident des Spitzen-Volleyballclubs «Biogas Volley Näfels»). Sein Leben hatte er sich in etwa so vorgestellt: Eine Familie gründen, sich im Berufsleben beweisen und dann mit 50, wenn diese Ziele erreicht sind, in die Kommunalpolitik einsteigen. Klar sei auch gewesen, dass er dies bei einer bürgerliche Partei tun würde. Lange rechnete er damit, am Ende wohl in der FDP zu landen. Da kannte er ein paar Leute.

«Du hast braune Zähne, das sieht scheisse aus, Landolt. Dann habe ich aufgehört zu lachen für die Fotografen.»
«Du hast braune Zähne, das sieht scheisse aus, Landolt. Dann habe ich aufgehört zu lachen für die Fotografen.»
Bild: alan maag

Es kam anders. Weil er sich in der Vereinsarbeit bewährt hatte, fragte man ihn Mitte der neunziger Jahre an, ob er das Präsidium der SVP-Ortspartei in Näfels übernehmen wolle. Er sagte zu. «Ich erhielt eine Liste mit den Namen von acht Mitgliedern. Vier davon waren tot.» Da ist es wieder, das Landolt-Grinsen. Er habe dann nach dem Rechten gesehen, für die Landratswahlen eine gute Liste zusammengestellt und wurde prompt ins Parlament gewählt. In den schalkhaften Blick mischt sich jetzt ein bisschen Wehmut nach einer Zeit, in der alles reibungslos und unbeschwert verlief, aufwärts ging.

Zusammen mit einem Grossteil der damaligen Glarner SVP gründete er dann 2008 nach dem Parteiausschluss von Eveline Widmer-Schlumpf die BDP. Seit knapp 6 Jahren ist er ihr Präsident. Letzte Frage in der «Galerie des Alpes»: Welche Schlagzeile möchten Sie bei ihrem Rücktritt über sich lesen? «Dass ich ein Überzeugungstäter gewesen sei. Und dass ich es in einer schwierigen Zeit recht gemacht habe.» 2020 gibt der Landolt das Präsidium ab. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin soll eine Partei übernehmen, «die eine Perspektive hat und in einem besseren Zustand ist als heute».

«Vor einem Jahr habe ich das Rauchen aufgegeben. Jetzt bini digg und uuglüggli.»

Sein eigener Zustand hat sich schon verbessert. Szenenwechsel: Anfang Februar, Raststätte Kölliken-Nord. Der Fotograf findet das Licht gerade schön, wir fahren runter von der A1 für Porträtaufnahmen. Herr Landolt, Sie zünden sich ja gar keine Zigarette an, haben Sie das Rauchen aufgegeben? Ja, hat er, vor einem Jahr schon: «Jetzt bini digg und uuglüggli.» Sagt es und grinst sein Landolt-Grinsen. Ein Grossteil des zusätzlichen Gewichts sei aber bereits wieder weg.

Nach den letzten Wahlen habe er einen medizinischen Check-up gemacht. Alles sei tipptopp gewesen, auch die Lunge. Der Arzt – «minä Doggtr, ä schlauä Typ» – habe ihm geraten: «Jetzt musst du umso mehr aufhören, Landolt, solange noch alles in Ordnung ist.» Bei ihm habe es auch viel mit Eitelkeit zu tun gehabt, das gebe er zu. Jedes Mal wenn ein Foto von ihm in der Zeitung war, dachte er sich: «Du hast braune Zähne, das sieht scheisse aus, Landolt. Dann habe ich aufgehört zu lachen für die Fotografen.»

«Bei meinem Rücktritt soll man lesen können, dass er es recht gemacht hat in einer schwierigen Zeit.»
«Bei meinem Rücktritt soll man lesen können, dass er es recht gemacht hat in einer schwierigen Zeit.»
Bild: alan maag

Eine Stunde nach dem Stopp an der Raststätte erreichen wir an diesem trüben Februartag unser Ziel, das Schlossgut Münsingen. Die Berner Delegiertenversammlung ist gut besucht, der Landolt schüttelt viele Hände. Für seine Rede von der «Revolution der Vernunft» erhält er warmen Applaus. Ein paar Wochen später verläuft der Auftakt zum Wahljahr 2018 glimpflich. Am 4. März verteidigt der neu angetretene Kaspar Becker in Glarus den BDP-Sitz in der Regierung problemlos. «Rock’n’Roll!» triumphiert der Landolt auf Twitter.

Für den Wahlsonntag am 25. März wird er erneut zu seiner Berner Kantonalsektion reisen. Und der Landolt möchte lieber keine Niederlage schönreden müssen. Die Ergebnisse werden zeigen, wie es mit der Partei weitergeht in ihrem Schicksalsjahr. Die BDP ist auch nach fast 10 Jahren ein zartes Pflänzchen. Wie viele Stürme sie noch übersteht, wird man sehen. Gewinnt sie in Bern überraschend hinzu, könnte aus dem Sturm- ein Rückenwind werden. Der Landolt würde sein Lachen wiederfinden. Und wer weiss, vielleicht zeigt er dann den Fotografen wieder einmal seine Zähne.

«Rock'n'Roll!»: Martin Landolt über den BDP-Wahlerfolg in Glarus.
«Rock'n'Roll!»: Martin Landolt über den BDP-Wahlerfolg in Glarus.
Bild: alan maag
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