Wissen
Schweiz

Unispital Zürich: Patient erzählt von Skandal um Herzchirurg Maisano

Dass Daniel Rüegg heute wieder Gitarre spielen kann, ist nicht selbstverständlich: Sein Leben hing nach einer Operation am Universitätsspital Zürich am seidenen Faden.
Dass Daniel Rüegg heute wieder Gitarre spielen kann, ist nicht selbstverständlich: Sein Leben hing nach einer Operation am Universitätsspital Zürich am seidenen Faden.Bild: watson/Reto Heimann

D. Rüegg liess sich im USZ operieren – was dann geschah, bezeichnet er als «Katastrophe»

Das Universitätsspital wird von einem Skandal um den ehemaligen Leiter der Herzchirurgie, Francesco Maisano, erschüttert. Daniel Rüegg wurde 2018 von Maisano operiert – und erlebte schwere Komplikationen.
12.05.2026, 04:4012.05.2026, 10:24

Eine letzte Erinnerung hat Daniel Rüegg, bevor die Katastrophe ihren Lauf nahm. «Ich nahm eine Dusche und zog mein Spitalhemd an.» Dann legt sich Rüegg, zu dem Zeitpunkt 61 Jahre alt, auf sein Bett und wartet darauf, für die Operation abgeholt zu werden.

Als es so weit ist, schluckt Rüegg die bereitgestellten Tabletten. Es war, als hätte jemand den Schalter umgelegt, beschreibt Rüegg: «Und dann war nichts mehr.»

Es ist der 13. September 2018. Bis Anfang Oktober wird Rüegg nicht mehr erwachen.

Eine Routinebehandlung?

2018 ist Francesco Maisano Leiter der Herzklinik am Universitätsspital Zürich. Er ist es, der Rüegg an der Herzklappe operieren wird. Als minimalinvasiver Routineeingriff wird Rüegg die Operation angepriesen, erinnert er sich.

Doch aus dieser Routinebehandlung am Herzen, für die nicht mal der Brustkorb geöffnet werden müsse, werden über 20 Notoperationen, 40 Tage Intensivstation, ein monatelanger Aufenthalt in einer Reha-Klinik. Und für Rüegg die Frage, auf die er auch knapp acht Jahre nach dem verhängnisvollen Eingriff noch immer nicht genau weiss:

Was ist schief gelaufen?

Brüllender Tiger

Um Rüeggs Leidensgeschichte zu verstehen, muss man in den August 2018 zurückgehen. Da besucht Rüegg, zu dem Zeitpunkt als Informatiker bei der Thurgauer Kantonalbank angestellt, seinen Hausarzt in Widnau.

Er berichtet ihm davon, dass er seit zehn Tagen hohes Fieber habe, 39 Grad. Ansonsten hat Rüegg keine Symptome, keinen Husten, kein Halsweh, nichts.

Der Hausarzt legt das Stethoskop auf Rüeggs blosse Brust und horcht seinem Herzschlag. «Dann hat er mich ernst angeschaut und gesagt: Pack deine Zahnbürste und ab ins Spital mit dir». Später wird er Rüegg sagen, seine Herzklappe habe geklungen wie ein brüllender Tiger.

Im Kantonsspital St. Gallen werden derzeit 45 Covid-Patienten behandelt.
Am Kantonsspital St.Gallen wurde Daniel Rüegg auf seine Herz-Operation vorbereitet.Bild: keystone

Der brüllende Tiger ist das, was Ärztinnen und Ärzte eine Endokarditis nennen. Dabei handelt es sich um eine Entzündung der Herzinnenhaut. Meistens, so auch bei Rüegg, sind die Herzklappen betroffen. Unbehandelt ist eine Endokarditis lebensgefährlich.

Noch am gleichen Tag, es ist der 29. August 2018, tritt Rüegg ins Kantonsspital St.Gallen ein. Die Verdachtsdiagnose Endokarditis erhärtet sich. Er muss im Spital bleiben, wo er auf die nun notwendig gewordene Operation am Universitätsspital Zürich vorbereitet wird.

Das Kantonsspital St. Gallen hat eine eigene Herzabteilung. Allerdings werden dort keine Operationen am offenen Herzen durchgeführt. Rüegg wird nicht gefragt, wo er am liebsten behandelt würde. «Es war immer nur vom Unispital Zürich die Rede», erinnert er sich. «Heute würde ich vielleicht genauer nachfragen, ob es nicht auch noch andere Kliniken gebe, die die Operation durchführen könnten».

Eine neue Ära?

Zu diesem Zeitpunkt hat Rüegg aber keinen Anlass dazu, an der Fachkompetenz der Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich zu zweifeln. Und schon gar nicht an dessen Leiter, Francesco Maisano. Dessen Ernennung zum Klinikdirektor feierte das Unispital 2014 in einer Medienmitteilung als Coup, würden doch «seine akademischen Leistungen, die international höchste Anerkennung geniessen» und für das Unispital eine «neue Ära der Herzchirurgie» einläuten.

Spätestens seit vergangener Woche ist bekannt: Diese Ära hat in den Jahren 2016 bis 2020 dazu geführt, dass bei Operationen, die unter der Verantwortung von Maisano als Klinikdirektor an der Herzklinik durchgeführt wurden, 68 bis 74 Menschen mehr starben, als statistisch erwartbar gewesen wären.

Die Toten und ihre Angehörigen, das ist die eine Seite der Medaille. Die andere sind Menschen wie Daniel Rüegg, die von Maisano behandelt worden sind, schwere Komplikationen erfuhren und sich mühsam ins Leben zurückkämpfen mussten.

«Alle sprechen von diesen 70 Toten», sagt Rüegg. «Aber es gibt noch eine andere Optik: Hinter diesen 70 Toten stehen Angehörige. Und dann gibt es noch die, die nicht gestorben sind. Jene, die Maisano haarscharf überlebt haben, tauchen in dieser Statistik nicht auf.» Ob er selbst so ein Fall ist, weiss Rüegg nicht. Bis heute lebt er mit der Ungewissheit: Bin ich auch ein Opfer des Systems Maisano?

Rüegg reagiert allergisch

Am 13. September wird Rüegg von Maisano an der Herzklappe operiert. Der Eingriff verläuft erfolgreich. So steht es in einem Bericht des Unispitals, der watson vorliegt: «Die Operation und die Anästhesie verlief während der Herz-Lungen-Maschine völlig problemlos», steht da geschrieben.

RUSSIA, BELGOROD - MARCH 11, 2025: Medical staff perform minimally invasive video-assisted mitral valve plasty at St Joasaph Regional Clinical Hospital. Anton Vergun/TASS PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY 7 ...
Ein Chirurgie-Team im russischen Belgorod führt eine minimalinvasive Operation an der Mitralklappe durch. Genau einem solchen Eingriff unterzog sich auch Daniel Rüegg.Bild: www.imago-images.de

Zur Stabilisierung des Kreislaufs wird Rüegg ein Medikament namens Physiogel verabreicht. Es wird eingesetzt, um Volumenmangel nach einer Operation auszugleichen. Denn nach einem chirurgischen Eingriff befindet sich oft zu wenig Blut oder Blutplasma im Körper des Patienten – was zu gefährlich niedrigem Blutdruck führen kann.

Für gewöhnlich ist eine Kochsalzlösung das Mittel erster Wahl zum Volumenausgleich, wie ein Chefarzt gegenüber watson erklärt. Physiogel komme nur zum Einsatz, wenn der Volumenausgleich mit Kochsalz nicht funktioniert hat. «Ich selbst habe Physiogel wegen des Risikos eines allergischen Schocks kaum je gegeben», sagt der Chefarzt.

Tatsächlich steht in den Warnhinweisen des Herstellers von Physiogel an erster Stelle, dass das Medikament «bei Patienten mit allergischen Reaktionen (z. B. Asthma) nur mit Vorsicht angewendet werden soll».

Rüegg ist Asthmatiker.

Unispital zahlt keine Entschädigung

Ob es wirklich Physiogel war, das bei Rüegg zu den Komplikationen geführt hat, ist bis heute unklar und wird sich vermutlich nicht mehr rekonstruieren lassen. Rüegg sagt: Der verantwortliche Arzt Francesco Maisano hat mit Rüegg kein medizinisches Vorgespräch geführt.

Ob dieses Vorgespräch verhindert hätte, dass ihm ein Mittel verabreicht wird, auf das er allergisch reagieren könnte, weiss Rüegg nicht. Für Laien ist der Fall schwierig zu beurteilen.

Das Universitätsspital Zürich jedenfalls sieht in seiner Stellungnahme auf ein Schadenersatzbegehren Rüeggs aus dem Juli 2023 keine Verletzung der medizinischen Sorgfaltspflicht. Es hat Rüeggs Forderung nach Schadenersatz abgelehnt.

Neben Physiogel kommt noch ein anderes Medikament infrage, das den allergischen Schock ausgelöst haben könnte. Egal, was es ausgelöst hat: Rüeggs Blutdruck fällt rapide ab, er erlebt einen allergischen Schock, sein Herz steht still. 35 Minuten lang wird er wiederbelebt, bis sich sein Zustand stabilisiert.

Keine Spur von Maisano

Der Leidensweg von Rüegg ist damit aber nicht vorbei – im Gegenteil beginnt er erst. Er wird über 20 weitere Male operiert, jeder Eingriff zieht einen nächsten nach sich. Rüegg muss an beiden Armen und Beinen aufgeschnitten werden, damit die Flüssigkeit, die sich in seinem Körper nun anstaut, entweichen kann. Eine Faszienspaltung nennen Medizinerinnen und Mediziner das. Sie ist bis heute sichtbar – als Narben, die sich über beide Unterarme ziehen.

Eine Narbe vom Handansatz vis zur Ellenbeuge: An beiden Armen und Beinen musste Rüegg notfallmässig aufgeschnitten werden.
Eine Narbe vom Handansatz vis zur Ellenbeuge: An beiden Armen und Beinen musste Rüegg notfallmässig aufgeschnitten werden. Bild: watson/Reto Heimann

An den Operationen sind Fachpersonen aus Gefässchirurgie, plastischer Chirurgie und Herzchirurgie beteiligt. Francesco Maisano ist bei keiner weiteren Operation mehr dabei. Der Chef des Herzklinikums, dessen Herzklappenoperation ganz am Anfang der Leidensgeschichte Rüeggs steht, verzichtet auch darauf, Rüegg zu besuchen, nachdem dieser wieder aufgewacht ist.

Für Rüegg bleibt Maisano unfassbar: ein Name auf Dokumenten.

«Eine Fehlleistung»

«Mir hätte es geholfen, wenn die verantwortlichen Personen im Nachgang zu all diesen Eingriffen sich mit mir zusammengesetzt und mir erklärt hätten, was passiert ist», sagt Rüegg. Das aber sei bis heute nicht geschehen.

«Intransparente Kommunikation nach Operationen, bei denen es zu Komplikationen gekommen ist, hat es unter Maisano mehrfach gegeben», sagt Erika Ziltener gegenüber watson. Die ehemalige SP-Kantonsrätin hat fast 19 Jahre lang die Patientenstelle des Kantons Zürich geleitet. In dieser Zeit hat sie Patientinnen, Patienten und Angehörige betreut und Rechtsverfahren durchgeführt, bei denen Maisano verantwortlicher Operateur war.

Daniel Rüegg ist einer davon. Der Bericht, den Ziltener für ihn erstellt hat, liegt watson vor.

Ziltener kritisiert die Organisation von Rüeggs Operation am Unispital Zürich. Er sei, ohne dass das zwingend nötig gewesen sei, vom einen auf den anderen Tag vom Kantonsspital St. Gallen ans Unispital Zürich verlegt worden. Rüegg beschreibt, dass er in St. Gallen im Spitalbett gelegen sei, als das Handy geklingelt habe und das Universitätsspital Zürich ihm mitgeteilt habe: «Kommen Sie nach Zürich, Sie werden morgen operiert».

Dem Universitätsspital Zürich sei nicht mal bekannt gewesen, dass er zu dem Zeitpunkt stationär im Kantonsspital St.Gallen gelegen habe. Rüegg sagt: «Schon der erste Kontakt mit dem Unispital war eine Fehlleistung.»

Ruedi Loeffel, Kantonsrat EVP-BE, Yvonne Gilli, Nationalraetin Gruene-SG, Erika Ziltener, Praesidentin Traegerverein oeffentlicher Krankenkasse, Stephane Rossini, Nationalrat SP-VS und Marina Carobbio ...
Erika Ziltener (3. von links) ist Historikerin und diplomierte Pflegefachfrau. Sie setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Patienten und Patientinnen ein.Bild: KEYSTONE

Ziltener kritisiert die Vorbereitung von Rüeggs Operation: «Aus meiner Sicht darf man eine nicht notfallmässige Herzoperation nicht so überstürzt durchführen.» Und noch etwas anderes stört Ziltener: dass Operateur Maisano sich nach der OP nie bei Rüegg gemeldet hat: «Wenn es zu Komplikationen kommt, muss der verantwortliche Operateur hinstehen und erklären, was schiefgelaufen ist.»

Aus all diesen Gründen ist Ziltener der Ansicht, dass Rüegg den Fall hätte weiterziehen müssen, nachdem das Universitätsspital seine Forderung nach Schadenersatz abgelehnt hatte. «Nach den Erstabklärungen musste ich von einem möglichen Behandlungsfehler ausgehen, der bei Herrn Rüegg zu gravierenden Gesundheitsschäden mit einer sehr langen Leidenszeit geführt hat.»

Unispital schweigt

Ist es am Universitätsspital Zürich gang und gäbe, dass der leitende Operateur sich kein einziges Mal beim Patienten meldet? Warum wurde Rüegg ein Medikament verabreicht, bei dem bekannt gewesen sein musste, dass er darauf allergisch reagieren könnte? Ist das Unispital Zürich bereit, den Fall von Rüegg neu zu beurteilen?

Diese und weitere Fragen hat watson dem Universitätsspital Zürich gestellt. Die Medienstelle hat keine einzige davon beantwortet. Sie verweist auf den Persönlichkeitsschutz und das Patientengeheimnis – und auf eine eigens für Patienten wie Rüegg eingerichtete Informationsstelle.

Daniel Rüegg auf seiner Terrasse: Im Appenzeller Vorderland im Hintergrund ist er viel auf seinem E-Bike unterwegs.
Daniel Rüegg auf seiner Terrasse: Im Appenzeller Vorderland im Hintergrund ist er viel auf seinem E-Bike unterwegs.Bild: watson/Reto Heimann

Rüegg ist nicht viel daran gelegen, weiter gross mit dem Universitätsspital zu kämpfen. Knapp acht Jahre nach der Operation lebt er ein weitgehend beschwerdefreies Leben. Er hat es sich hart erkämpft.

Nach 40 Tagen auf der Intensivstation musste er in einem mehrmonatigen Reha-Aufenthalt so ziemlich alles neu lernen: Schlucken, Sprechen, Gehen. Bis er die Saiten seiner akustischen Gitarre, mit der er in einer Bluegrass-Band spielt, wieder zupfen konnte, verging über ein Jahr.

Es ist das, was Rüegg seinem Operateur Maisano gerne sagen würde, wenn er die Möglichkeit dazu erhielte: «Das Ereignis am 13. September war für mich eine Katastrophe. Sie war nicht überstanden, nachdem ich die ersten paar Tage überlebt hatte. Es hat jahrelang gedauert, da wieder herauszukommen.»

Das Privatkrankenhaus San Raffaele in Mailand, an dem Maisano mittlerweile wirkt, hat eine Anfrage von watson unbeantwortet gelassen und auch auf telefonische Anrufe nicht reagiert.

Putzen im Covid-Spital

1 / 8
Putzen im Covid-Spital
Was muss Shukrije Sahiti alles anziehen, bevor sie ein Zimmer putzt? Wir zeigen es dir – mit sechs Bildern.
quelle: ch media / sandra ardizzone
Auf Facebook teilenAuf X teilen

1000 Freiwillige melden sich zum Spital-Hilfsdienst

Video: srf
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
142 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
benn
12.05.2026 06:42registriert September 2019
maisano ist nicht etwa im gefängnis wo er hin gehört sondern millionär und immer noch am operieren!
1573
Melden
Zum Kommentar
avatar
Voraus denken!
12.05.2026 06:21registriert März 2022
Und in Biel praktiziert eine "Ärztin" welche in Schwyz gesperrt wurde. Es läuft vieles schief in der Schweiz.

Statt sich um Realpolitik zu kümmern werden Nebelpetarden wie die Chaosinitiative der Rechtspopulisten-Truppe geworfen.
16431
Melden
Zum Kommentar
avatar
Wer‘s_glaubt…
12.05.2026 07:03registriert Mai 2021
Unglaublich, aber wahr: Maisano hatte anscheinend keinen Facharzttitel, keinen Professorentitel und auch keinen Doktorentitel, als er 2014 im Schnellverfahren zum Klinikleiter ans Unispital Zürich berufen wurde!!! Sein Curriculum wurde zu wenig geprüft. Mir fehlen die Worte für dieses Versäumnis.
(Infos von News Plus Podcast)
1153
Melden
Zum Kommentar
142
Warum die Gladiatoren tragische Helden waren
Gladiatorenkämpfe gehörten zu den blutigsten Spektakeln der römischen Welt. Sie waren auch auf dem Gebiet der heutigen Schweiz äusserst beliebt.
Im Dezember 2021 machten Archäologinnen und Archäologen in Kaiseraugst (AG) eine überraschende Entdeckung. Bei Bauarbeiten für das neue Bootshaus des Basler Ruderclubs kamen die Überreste eines bislang unbekannten römischen Amphitheaters zum Vorschein. Die Anlage misst rund 50 Meter in der Länge und 40 Meter in der Breite und liegt unmittelbar neben dem spätrömischen Kastell Castrum Rauracense.
Zur Story