D. Rüegg liess sich im USZ operieren – was dann geschah, bezeichnet er als «Katastrophe»
Eine letzte Erinnerung hat Daniel Rüegg, bevor die Katastrophe ihren Lauf nahm. «Ich nahm eine Dusche und zog mein Spitalhemd an.» Dann legt sich Rüegg, zu dem Zeitpunkt 61 Jahre alt, auf sein Bett und wartet darauf, für die Operation abgeholt zu werden.
Als es so weit ist, schluckt Rüegg die bereitgestellten Tabletten. Es war, als hätte jemand den Schalter umgelegt, beschreibt Rüegg: «Und dann war nichts mehr.»
Es ist der 13. September 2018. Bis Anfang Oktober wird Rüegg nicht mehr erwachen.
Eine Routinebehandlung?
2018 ist Francesco Maisano Leiter der Herzklinik am Universitätsspital Zürich. Er ist es, der Rüegg an der Herzklappe operieren wird. Als minimalinvasiver Routineeingriff wird Rüegg die Operation angepriesen, erinnert er sich.
Doch aus dieser Routinebehandlung am Herzen, für die nicht mal der Brustkorb geöffnet werden müsse, werden über 20 Notoperationen, 40 Tage Intensivstation, ein monatelanger Aufenthalt in einer Reha-Klinik. Und für Rüegg die Frage, auf die er auch knapp acht Jahre nach dem verhängnisvollen Eingriff noch immer nicht genau weiss:
Was ist schief gelaufen?
Brüllender Tiger
Um Rüeggs Leidensgeschichte zu verstehen, muss man in den August 2018 zurückgehen. Da besucht Rüegg, zu dem Zeitpunkt als Informatiker bei der Thurgauer Kantonalbank angestellt, seinen Hausarzt in Widnau.
Er berichtet ihm davon, dass er seit zehn Tagen hohes Fieber habe, 39 Grad. Ansonsten hat Rüegg keine Symptome, keinen Husten, kein Halsweh, nichts.
Der Hausarzt legt das Stethoskop auf Rüeggs blosse Brust und horcht seinem Herzschlag. «Dann hat er mich ernst angeschaut und gesagt: Pack deine Zahnbürste und ab ins Spital mit dir». Später wird er Rüegg sagen, seine Herzklappe habe geklungen wie ein brüllender Tiger.
Der brüllende Tiger ist das, was Ärztinnen und Ärzte eine Endokarditis nennen. Dabei handelt es sich um eine Entzündung der Herzinnenhaut. Meistens, so auch bei Rüegg, sind die Herzklappen betroffen. Unbehandelt ist eine Endokarditis lebensgefährlich.
Noch am gleichen Tag, es ist der 29. August 2018, tritt Rüegg ins Kantonsspital St.Gallen ein. Die Verdachtsdiagnose Endokarditis erhärtet sich. Er muss im Spital bleiben, wo er auf die nun notwendig gewordene Operation am Universitätsspital Zürich vorbereitet wird.
Das Kantonsspital St. Gallen hat eine eigene Herzabteilung. Allerdings werden dort keine Operationen am offenen Herzen durchgeführt. Rüegg wird nicht gefragt, wo er am liebsten behandelt würde. «Es war immer nur vom Unispital Zürich die Rede», erinnert er sich. «Heute würde ich vielleicht genauer nachfragen, ob es nicht auch noch andere Kliniken gebe, die die Operation durchführen könnten».
Eine neue Ära?
Zu diesem Zeitpunkt hat Rüegg aber keinen Anlass dazu, an der Fachkompetenz der Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich zu zweifeln. Und schon gar nicht an dessen Leiter, Francesco Maisano. Dessen Ernennung zum Klinikdirektor feierte das Unispital 2014 in einer Medienmitteilung als Coup, würden doch «seine akademischen Leistungen, die international höchste Anerkennung geniessen» und für das Unispital eine «neue Ära der Herzchirurgie» einläuten.
Spätestens seit vergangener Woche ist bekannt: Diese Ära hat in den Jahren 2016 bis 2020 dazu geführt, dass bei Operationen, die unter der Verantwortung von Maisano als Klinikdirektor an der Herzklinik durchgeführt wurden, 68 bis 74 Menschen mehr starben, als statistisch erwartbar gewesen wären.
Die Toten und ihre Angehörigen, das ist die eine Seite der Medaille. Die andere sind Menschen wie Daniel Rüegg, die von Maisano behandelt worden sind, schwere Komplikationen erfuhren und sich mühsam ins Leben zurückkämpfen mussten.
«Alle sprechen von diesen 70 Toten», sagt Rüegg. «Aber es gibt noch eine andere Optik: Hinter diesen 70 Toten stehen Angehörige. Und dann gibt es noch die, die nicht gestorben sind. Jene, die Maisano haarscharf überlebt haben, tauchen in dieser Statistik nicht auf.» Ob er selbst so ein Fall ist, weiss Rüegg nicht. Bis heute lebt er mit der Ungewissheit: Bin ich auch ein Opfer des Systems Maisano?
Rüegg reagiert allergisch
Am 13. September wird Rüegg von Maisano an der Herzklappe operiert. Der Eingriff verläuft erfolgreich. So steht es in einem Bericht des Unispitals, der watson vorliegt: «Die Operation und die Anästhesie verlief während der Herz-Lungen-Maschine völlig problemlos», steht da geschrieben.
Zur Stabilisierung des Kreislaufs wird Rüegg ein Medikament namens Physiogel verabreicht. Es wird eingesetzt, um Volumenmangel nach einer Operation auszugleichen. Denn nach einem chirurgischen Eingriff befindet sich oft zu wenig Blut oder Blutplasma im Körper des Patienten – was zu gefährlich niedrigem Blutdruck führen kann.
Für gewöhnlich ist eine Kochsalzlösung das Mittel erster Wahl zum Volumenausgleich, wie ein Chefarzt gegenüber watson erklärt. Physiogel komme nur zum Einsatz, wenn der Volumenausgleich mit Kochsalz nicht funktioniert hat. «Ich selbst habe Physiogel wegen des Risikos eines allergischen Schocks kaum je gegeben», sagt der Chefarzt.
Tatsächlich steht in den Warnhinweisen des Herstellers von Physiogel an erster Stelle, dass das Medikament «bei Patienten mit allergischen Reaktionen (z. B. Asthma) nur mit Vorsicht angewendet werden soll».
Rüegg ist Asthmatiker.
Unispital zahlt keine Entschädigung
Ob es wirklich Physiogel war, das bei Rüegg zu den Komplikationen geführt hat, ist bis heute unklar und wird sich vermutlich nicht mehr rekonstruieren lassen. Rüegg sagt: Der verantwortliche Arzt Francesco Maisano hat mit Rüegg kein medizinisches Vorgespräch geführt.
Ob dieses Vorgespräch verhindert hätte, dass ihm ein Mittel verabreicht wird, auf das er allergisch reagieren könnte, weiss Rüegg nicht. Für Laien ist der Fall schwierig zu beurteilen.
Das Universitätsspital Zürich jedenfalls sieht in seiner Stellungnahme auf ein Schadenersatzbegehren Rüeggs aus dem Juli 2023 keine Verletzung der medizinischen Sorgfaltspflicht. Es hat Rüeggs Forderung nach Schadenersatz abgelehnt.
Neben Physiogel kommt noch ein anderes Medikament infrage, das den allergischen Schock ausgelöst haben könnte. Egal, was es ausgelöst hat: Rüeggs Blutdruck fällt rapide ab, er erlebt einen allergischen Schock, sein Herz steht still. 35 Minuten lang wird er wiederbelebt, bis sich sein Zustand stabilisiert.
Keine Spur von Maisano
Der Leidensweg von Rüegg ist damit aber nicht vorbei – im Gegenteil beginnt er erst. Er wird über 20 weitere Male operiert, jeder Eingriff zieht einen nächsten nach sich. Rüegg muss an beiden Armen und Beinen aufgeschnitten werden, damit die Flüssigkeit, die sich in seinem Körper nun anstaut, entweichen kann. Eine Faszienspaltung nennen Medizinerinnen und Mediziner das. Sie ist bis heute sichtbar – als Narben, die sich über beide Unterarme ziehen.
An den Operationen sind Fachpersonen aus Gefässchirurgie, plastischer Chirurgie und Herzchirurgie beteiligt. Francesco Maisano ist bei keiner weiteren Operation mehr dabei. Der Chef des Herzklinikums, dessen Herzklappenoperation ganz am Anfang der Leidensgeschichte Rüeggs steht, verzichtet auch darauf, Rüegg zu besuchen, nachdem dieser wieder aufgewacht ist.
Für Rüegg bleibt Maisano unfassbar: ein Name auf Dokumenten.
«Eine Fehlleistung»
«Mir hätte es geholfen, wenn die verantwortlichen Personen im Nachgang zu all diesen Eingriffen sich mit mir zusammengesetzt und mir erklärt hätten, was passiert ist», sagt Rüegg. Das aber sei bis heute nicht geschehen.
«Intransparente Kommunikation nach Operationen, bei denen es zu Komplikationen gekommen ist, hat es unter Maisano mehrfach gegeben», sagt Erika Ziltener gegenüber watson. Die ehemalige SP-Kantonsrätin hat fast 19 Jahre lang die Patientenstelle des Kantons Zürich geleitet. In dieser Zeit hat sie Patientinnen, Patienten und Angehörige betreut und Rechtsverfahren durchgeführt, bei denen Maisano verantwortlicher Operateur war.
Daniel Rüegg ist einer davon. Der Bericht, den Ziltener für ihn erstellt hat, liegt watson vor.
Ziltener kritisiert die Organisation von Rüeggs Operation am Unispital Zürich. Er sei, ohne dass das zwingend nötig gewesen sei, vom einen auf den anderen Tag vom Kantonsspital St. Gallen ans Unispital Zürich verlegt worden. Rüegg beschreibt, dass er in St. Gallen im Spitalbett gelegen sei, als das Handy geklingelt habe und das Universitätsspital Zürich ihm mitgeteilt habe: «Kommen Sie nach Zürich, Sie werden morgen operiert».
Dem Universitätsspital Zürich sei nicht mal bekannt gewesen, dass er zu dem Zeitpunkt stationär im Kantonsspital St.Gallen gelegen habe. Rüegg sagt: «Schon der erste Kontakt mit dem Unispital war eine Fehlleistung.»
Ziltener kritisiert die Vorbereitung von Rüeggs Operation: «Aus meiner Sicht darf man eine nicht notfallmässige Herzoperation nicht so überstürzt durchführen.» Und noch etwas anderes stört Ziltener: dass Operateur Maisano sich nach der OP nie bei Rüegg gemeldet hat: «Wenn es zu Komplikationen kommt, muss der verantwortliche Operateur hinstehen und erklären, was schiefgelaufen ist.»
Aus all diesen Gründen ist Ziltener der Ansicht, dass Rüegg den Fall hätte weiterziehen müssen, nachdem das Universitätsspital seine Forderung nach Schadenersatz abgelehnt hatte. «Nach den Erstabklärungen musste ich von einem möglichen Behandlungsfehler ausgehen, der bei Herrn Rüegg zu gravierenden Gesundheitsschäden mit einer sehr langen Leidenszeit geführt hat.»
Unispital schweigt
Ist es am Universitätsspital Zürich gang und gäbe, dass der leitende Operateur sich kein einziges Mal beim Patienten meldet? Warum wurde Rüegg ein Medikament verabreicht, bei dem bekannt gewesen sein musste, dass er darauf allergisch reagieren könnte? Ist das Unispital Zürich bereit, den Fall von Rüegg neu zu beurteilen?
Diese und weitere Fragen hat watson dem Universitätsspital Zürich gestellt. Die Medienstelle hat keine einzige davon beantwortet. Sie verweist auf den Persönlichkeitsschutz und das Patientengeheimnis – und auf eine eigens für Patienten wie Rüegg eingerichtete Informationsstelle.
Rüegg ist nicht viel daran gelegen, weiter gross mit dem Universitätsspital zu kämpfen. Knapp acht Jahre nach der Operation lebt er ein weitgehend beschwerdefreies Leben. Er hat es sich hart erkämpft.
Nach 40 Tagen auf der Intensivstation musste er in einem mehrmonatigen Reha-Aufenthalt so ziemlich alles neu lernen: Schlucken, Sprechen, Gehen. Bis er die Saiten seiner akustischen Gitarre, mit der er in einer Bluegrass-Band spielt, wieder zupfen konnte, verging über ein Jahr.
Es ist das, was Rüegg seinem Operateur Maisano gerne sagen würde, wenn er die Möglichkeit dazu erhielte: «Das Ereignis am 13. September war für mich eine Katastrophe. Sie war nicht überstanden, nachdem ich die ersten paar Tage überlebt hatte. Es hat jahrelang gedauert, da wieder herauszukommen.»
Das Privatkrankenhaus San Raffaele in Mailand, an dem Maisano mittlerweile wirkt, hat eine Anfrage von watson unbeantwortet gelassen und auch auf telefonische Anrufe nicht reagiert.
