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Warum der Zürcher-Unispital-Skandal kaum rechtliche Folgen hat

Warum der Zürcher-Unispital-Skandal kaum rechtliche Folgen haben wird

Der Bericht der Untersuchungskommission stellt dem Zürcher Unispital im Fall des Herzchirurgen Francesco Maisano ein miserables Zeugnis aus. Konsequenzen scheint das kaum zu haben.
07.05.2026, 04:0307.05.2026, 04:03
Léonie Hagen
Léonie Hagen

Die Vorwürfe an das Zürcher Universitätsspital (USZ) sind happig: Die Rede ist von einem Systemversagen im Fall des Herzchirurgen Francesco Maisano, das Resultat sind 70 vermeidbare Todesfälle innert weniger Jahre. Das sei nur möglich gewesen, weil die Verantwortlichen auf allen Ebenen weggesehen hätten, schreibt die unabhängige Untersuchungskommission. Und jetzt?

Andre Zemp, Praesident Spitalrat Univeristaetsspital Zuerich, Mitte, spricht neben Niklaus Oberholzer, Leiter der Untersuchungskommission, links, und Monika Jaenicke, CEO, Voristzende der Spitaldirekt ...
Er will das Universitätsspital Zürich transparenter machen: André Zemp, Präsident des Spitalrats des USZ (Mitte).Bild: keystone

Spital reagiert mit Anlaufstellen und Rücktritten

Die Lösungen, die das USZ nun vorschlägt, wirken im Vergleich dazu zurückhaltend. Man habe in einem partizipativen Prozess vieles neu gestaltet. Das USZ sei daran, die Compliance und Unternehmenskultur auf der Herzchirurgie zu verbessern, sagt die Spitalführung am Dienstag. Für die Betroffenen und Angehörigen wurde eine Anlaufstelle eingerichtet. Dazu ein neuer Beirat, der herausfinden soll, ob und in welchem Umfang Entschädigungen angemessen seien.

Strafanzeigen gab es drei, unter anderem wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung. Zwei Dutzend «nicht erwartbare Todesfälle» wurden der Staatsanwaltschaft gemeldet. Diese soll nun prüfen, ob sich daraus weitere Anzeigen ergeben könnten. Drei Mitglieder des Spitalrats aus Maisanos Zeit waren bis zum Erscheinen des Untersuchungsberichts noch im Amt. Jetzt haben sie ihre Mandate niedergelegt.

Beschuldigter Chirurg gilt weiterhin als führender Experte

Maisano selbst scheint sich wieder im Aufstieg zu befinden. Der umstrittene Herzchirurg – dem von Kritikern nota bene trotz hoher fachlicher Kompetenz viele Führungskompetenzen abgesprochen wurden – bestreitet auch nach Erscheinen des Berichts der Untersuchungskommission jegliches Fehlverhalten. Er arbeitet seit 2021 wieder in einem Universitätsspital in Mailand.

Dort unterrichtet er als Professor und als Direktor einer Herzklinik. Auf Anfragen dieser Redaktion dazu, ob und wie die bereits zuvor geäusserten Vorwürfe gegen Maisano im Rahmen dieser Neuanstellung thematisiert wurden, reagiert das Spital nicht.

Auch akademisch hat Maisano bisher höchstens Kratzer davongetragen. Im vergangenen Jahr allein hat er 75 wissenschaftliche Arbeiten mitpubliziert, so viele wie bisher nur 2019. Die berüchtigten «Cardiobänder», welche Maisano selbst mitentwickelt und in Zürich eingesetzt hatte, sind zwar in Europa nicht mehr zugelassen. Doch er operiert und forscht weiter; seine Erkenntnisse erscheinen in renommierten Zeitschriften, auch in solchen aus der Schweiz. Bis vor Kurzem trat Maisano auch an internationalen Konferenzen als Experte auf – offenbar unhinterfragt.

Ob sich daran nun etwas ändert, ist ungewiss. Die Anzeigen, welche das USZ erstattet hat, richten sich nicht gegen ihn persönlich, sondern gegen Unbekannt.

Maisano ist nicht allein verantwortlich – sondern das System

Der Bericht selbst kommt gleichzeitig auch zum Schluss, dass Maisano zwar unlauter geforscht und teils gravierendes Fehlverhalten an den Tag gelegt habe. An der höheren Sterberate des USZ sei aber nicht er schuld, sondern das gesamte Arbeitsumfeld auf der Herzchirurgie. Die Ärzte, welche damals rund um Maisano arbeiteten, kommen im Bericht kaum namentlich vor; in der Öffentlichkeit finden sie noch weniger statt.

Gerade dort liege das Problem, sagt der Gesundheitsökonom Heinz Locher. Er hat selbst im Kanton Bern in verschiedenen Funktionen rund um das Universitätsspital gearbeitet. Unispitäler seien in der Führung herausfordernder als herkömmliche Spitalstrukturen, so Locher. Er spricht von einer «Primadonnenwirtschaft», von konkurrierenden Einzelinteressen, die dazu führten, dass niemand richtig hinsehe. Neben Transparenz, Kommunikation und klarer Verantwortung brauche es vor allem eines: den Willen, Regelungen durchzusetzen.

Gleichzeitig lässt sich das nur schwer juristisch verfolgen. Die Führungsmitglieder des Universitätsspitals unterstehen teilweise dem Beamtenrecht und sind damit schwieriger juristisch zu belangen. Ausserdem muss für einen Schuldspruch die sogenannte adäquate Kausalität nachgewiesen werden: ein Beweis dafür, dass die fehlende Aufsicht einer Person zu einem konkreten Schaden geführt hat. Das wiederum sei «enorm schwer», so Locher.

Zusätzlich sind die Hierarchien an einem grossen Spital wie dem USZ eher kompliziert, sodass oft nicht eine Person allein die Verantwortung für allfällig zweifelhafte Handlungen eines Chefarztes hat.

Das heisst: Strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird wohl niemand. Nicht die Chirurgen, die an dieser Klinik gearbeitet haben. Nicht die Direktion, nicht der Spitalrat. Auch nicht die Zürcher Regierung, die ihrerseits zu wenig Kontrollen gegenüber dem Spitalrat durchführte, weil auch dort Spannungen zwischen den zuständigen Direktionen bestanden. Wo das System versagt, ist jeder mitverantwortlich – und niemand belangbar.

Der nun von der Spitalführung angekündigte Kulturwandel komme spät, sagt Locher. Gerade die Forderungen nach Transparenz im Umgang mit Interessenbindungen und neuen Technologien bestünden schon lange: «Das haben wir vor fünfzehn Jahren gefordert.» Solch «blutstillende Sofortmassnahmen» seien zwar wichtig. Doch sie seien nur erste Schritte in einem Prozess, der noch Jahre, gar Jahrzehnte andauern werde. (aargauerzeitung.ch)

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