Alle Augen auf Trump: Die wichtigsten Fragen zum Nato-Gipfel in der Türkei
Über dem Nato-Gipfel in Ankara hängt eine grosse Frage: Wie berechenbar sind die USA unter Donald Trump? Seine Drohungen und Seitenhiebe machen das Treffen zum Stresstest. Die Nato will Geschlossenheit demonstrieren – und Trump zufriedenstellen.
Fünf Fragen und Antworten.
Was will Trump?
Der US-Präsident kommt nicht nach Ankara, um die Nato zu beruhigen, sondern um seine Bedingungen zu stellen. Für ihn ist das Bündnis nur dann wertvoll, wenn Europa mehr zahlt und die USA entlastet werden. Wie beim letzten Gipfel in Den Haag, wo die Europäer Verteidigungsausgaben von fünf Prozent der Wirtschaftsleistung zusagten. «Daddy Trump», wie er von Nato-Generalsekretär Mark Rutte genannt wurde, konnte sich als grosser Sieger feiern lassen.
Im Vorfeld des diesjährigen Gipfels haben die USA angekündigt, künftig weniger militärische Fähigkeiten für die Nato bereitzustellen. Zum Beispiel wollen sie Atom-U-Boote mit Tomahawk-Marschflugkörpern aus dem Nato-Operationsgebiet abziehen. Auch vom Rückruf einer Flugzeugträgergruppe und der Streichung eines Verbandes von Langstreckenbombern ist die Rede. Europa verfügt aber nicht über die Mittel, diese Fähigkeiten zu ersetzen.
Wie wollen die Europäer Trump zufriedenstellen?
Das grosse Gipfel-Ziel der Nato ist es, Trump aufzuzeigen, dass die Milliarden-Zusagen vom letzten Jahr nun umgesetzt werden. Auf andere Art formuliert: Es soll gezeigt werden, wie die Nato ihre neu gefundene Kraft auf die Strasse bringt. Dazu sollen Trump neue Rüstungsverträge über zig Milliarden präsentiert werden. Die «grosse Enthüllung» nennen die Nato-Organisatoren die Inszenierung, die an die Dramaturgie einer TV-Show erinnert.
Zweitens geht es um die Ukraine. Vorgesehen ist ein neues Milliardenversprechen: 70 Milliarden Euro pro Jahr über zwei Jahre, also gesamthaft 140 Milliarden. Damit wollen die Europäer zeigen, dass sie Kiew langfristig unterstützen, auch wenn die USA unter Trump nicht mehr zahlen.
Allerdings wird dabei sehr kreativ gerechnet. 60 Milliarden Euro kommen von einem EU-Kredit. Von den übrigen 80 Milliarden ist die eine Hälfte bereits einmal angekündigtes Geld. Neu sind also lediglich 40 Milliarden für 2027.
Was könnte alles schiefgehen?
Vieles. Nato-Diplomaten gestehen hinter den Kulissen ein, dass es einzig darum geht, Donald Trump bei Laune zu halten. Dieser ist für seine kurze Aufmerksamkeitsspanne bekannt. Der ursprünglich auf zwei Tage angesetzte Gipfel wurde auf ein gemeinsames Dinner am Dienstagabend und eine dreistündige Arbeitssitzung am Mittwochmorgen zusammengestrichen.
Der schlimmstmögliche Fall wäre es, wenn Trump sich wieder in einer Schimpftirade gegen einzelne Mitglieder verliert. Das hat er schon gegen Spanien getan, das mit seinen Verteidigungsausgaben das Schlusslicht in der Nato ist. Vergangene Woche fiel Trumps Bannstrahl auf Deutschland, dessen Rüstungsanstrengungen er «lächerlich» nannte. Wie er zu diesem Fazit kam, sagte er nicht. 2025 lag Deutschland mit über 100 Milliarden Euro auf Platz 2 der Nato-Ausgabenliste – gleich nach den USA.
Was soll Trumps Streit mit Meloni?
Ursprünglich pflegte Trump eine enge Beziehung zu Italiens rechter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Doch seit dem G7-Gipfel im französischen Evian, wo sich Trump über Meloni lustig gemacht hatte, knarzt es. Vor dem Ankara-Gipfel teilt Trump nun erneut aus. Auf seinem Netzwerk «Truth Social» postete er ein Foto, auf dem Meloni ihn intensiv anschaut. Daneben steht der Satz «Restraining order needed» – sinngemäss: «Hier ist eine einstweilige Verfügung nötig.»
Das wirkt persönlich, zeigt aber Trumps Muster: Er macht Bündnispolitik zum Machtspiel. Selbst ihm wohlgesinnte Regierungschefs müssen mit öffentlicher Demütigung rechnen.
Der Grund ist, dass Italien den USA die Nutzung ihrer Militärbasis in Sizilien für den Krieg gegen den Iran verwehrt hatte. Das hat Trump nicht vergessen. Auch andere Alliierte könnten wegen ihrer kritischen Haltung zum Iran-Krieg am Gipfel erneut unter die Räder kommen.
Welche Rolle spielt Gastgeber Erdogan?
Kurz vor dem Gipfel wurden bei Razzien in der Türkei Hunderte Oppositionelle festgenommen. Am Donnerstag wurde auch der landesweit bekannte Stand-up-Komiker Deniz Göktas verhaftet. Ihm wird unter anderem «Präsidentenbeleidigung» im Rahmen seines neuen Bühnenprogramms vorgeworfen.
Für Erdogan ist der Gipfel trotzdem schon vor Beginn ein Erfolg: Er kann sich als Gastgeber eines Bündnisses inszenieren, das ohne ihn nicht auskommt. Tatsächlich steht die Türkei wegen ihrer starken Armee und ihrer immensen geopolitischen Bedeutung zwischen Europa, Russland, Nahost und dem Schwarzen Meer so hoch im Kurs wie schon lange nicht mehr.
Und mit Donald Trump versteht sich Erdogan bekanntlich bestens. Vor zwei Wochen sagte der US-Präsident sogar, er würde nur an den Gipfel reisen, weil er von seinem «Freund» Erdogan persönlich darum gebeten wurde.
Daraus will Erdogan jetzt konkrete Vorteile ziehen: Er hofft auf grünes Licht aus Washington für den Kauf des F-35-Kampfjets. Von Europa will er Zugang für die türkische Rüstungsindustrie zu den EU-Verteidigungsprogrammen.
Für Erdogan ist der Gipfel die Bühne einer selbstbewussten Türkei. Er sagt: «Europa braucht die Türkei mehr als die Türkei Europa», und hat damit vermutlich nicht unrecht. (schweizheute.ch)
