On-Näherinnen verdienen im Monat so viel, wie ein Paar Schuhe kostet
Für die Schuhfirma On läuft es bestens: 2025 konnte erstmals ein Umsatz über 3 Milliarden Franken erzielt werden und auch 2026 läuft es erfreulich. Gute Nachrichten für die Verantwortlichen des Unternehmens. Doch am anderen Ende der Hierarchie sieht es anders aus. Die NGO Public Eye hat in Indonesien bei Zulieferern des Schuhherstellers recherchiert und Missstände aufgedeckt, wie der Tages-Anzeiger berichtet. Auch andere Marken wie New Balance oder Asics lassen hier Schuhe produzieren.
Viele Arbeiterinnen und Arbeiter erhalten einen Mindestlohn von 2,9 Millionen indonesischen Rupiah, was knapp 130 Franken entspricht. Also so viel, wie man hierzulande für ein Paar On-Schuhe bezahlt. Zum Leben reicht dieser Lohn allerdings nicht, erzählt eine Näherin im Bericht.
Beim Zulieferer Yihong seien zudem unbezahlte Überstunden, Belästigungen, unrechtmässige Kündigungen oder fehlende schriftliche Verträge festgestellt worden. Viele Arbeitnehmende würden Schulden auf sich nehmen, um über die Runden zu kommen. Die Firma sei im Besitz chinesischer Investoren und habe sich auf Färbe- und Druckprozesse spezialisiert. Hier werde beispielsweise von Hand auch das Schweizerkreuz oder das Label «Swiss Engineering» am Schuh angebracht.
Als sich die Arbeiterinnen und Arbeiter zu wehren begannen und eine Gewerkschaft bildeten, seien sie unter Druck gesetzt worden. Wer sich weigerte, auszutreten, sei entlassen worden, heisst es in der Reportage. Es kam zu Protesten, die Angestellten seien vom Management als Störefriede bezeichnet worden.
Die bei Yihong hergestellten Teile gehen weiter an den Hauptlieferanten von On, Long Rich, wo auch die Näherin arbeitet. Hier wird der Mindestlohn gezahlt, der, wie erwähnt, nicht zum Leben reicht. Zudem würden Arbeitnehmende angeschrien.
Mit diesem Umstand konfrontiert, erklärt der Schuhhersteller, dass man nichts von den tiefen Löhnen bei Long Rich gewusst habe, da eine entsprechende Analyse noch nicht abgeschlossen sei. Mittlerweile habe man diesen Missstand erkannt. Es liefen Gespräche, um dies zu ändern. Auch andere Missstände sollen angegangen werden, etwa die Einschüchterung von Angestellten.
Auch bei Subunternehmen soll es zu Veränderungen kommen: «Wir prüfen, wie wir das Konzept der existenzsichernden Löhne auch auf Sublieferanten ausweiten können», sagt eine Sprecherin zum «Tages-Anzeiger».
Der Druck von On und anderen Schuhfirmen hat schon einmal Erfolg gezeigt. Nachdem die Firmen von Public Eye auf die unrechtmässigen Entlassungen von Gewerkschaftsmitgliedern beim Subunternehmen Yihong aufmerksam gemacht worden waren, wurden Bestellungen sistiert, «bis die Firma nachgewiesen hat, dass sie die festgestellten Verstösse vollständig behoben hat», erklärt die On-Sprecherin. Diese betrafen auch Standards für verantwortungsbewusste Beschaffung. Yihongs Management erklärte damals gegenüber Public Eye: «Wir haben unsere Lektion gelernt.»
Das Problem: Die Menschen in der Region sind abhängig von den Firmen. Werden die Löhne aufgrund des Drucks der Schuhfirmen angehoben, fürchten viele einen Wegzug der Fabriken Richtung billigerer Regionen. Die Schuhindustrie habe jedoch in einer Region bereits die Landwirtschaft und die Fischerei verdrängt. Ziehen die Firmen weg oder werden Menschen entlassen, bleiben ihnen kaum Alternativen. (vro)
