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Ein Gläschen in Ehren und so. kafi freitag

FragFrauFreitag

Liebe Frau Freitag. Letztens sass ich im Zug und habe dabei gesehen, wie ein Vater neben seinem Sohn einen Joint drehte. 

Ich war ich schockiert und habe ihn darauf einige Sekunden böse angeschaut, bis ich gemerkt habe, dass ich das wohl nicht tun würde, wenn der Mann ein Bier in der Hand hätte. Was finden Sie, ist es überhaupt schlechter, neben seinem Kind zu kiffen als zu trinken? Oder ist es sogar «besser»? Liebe Grüsse. Lillian, 21



Liebe Lillian

Ihren bösen Blick hätte ich wahnsinnig gern gesehen, gopf nonemal! Er hatte sicher eine sehr zerstörende, wenn nicht vernichtende Kraft. Es hat sowieso immer was ganz Grosses, wenn einen wildfremde Menschen mit blossem Augenkontakt tadeln, es ist wahrlich eine Freude!

Ob es besser oder schlechter ist, kann ich persönlich nicht beurteilen, ich habe mein Leben lang noch nie gekifft und habe keine Ahnung, ob man seine elterliche Pflicht noch wahrnehmen kann in diesem Zustand. Betrunken war ich dagegen schon oft und darum weiss ich, dass Alkohol den Menschen weder verständnisvoller noch liebenswürdiger macht. Im Gegenteil. Man wird in der Tendenz eher laut, fahrig und unkonzentriert. Alles Dinge, die für ein Kind jetzt nicht so lässig sind. Aber auch nicht weiter schlimm, wenn es das einmal miterlebt.

Als ich kürzlich bei einer Familie mit Kindern zu Besuch war, ist das Gespräch auf saufende Eltern gekommen. Die anwesende 8-jährige Tochter, die nicht mit am Tisch sass, aber sich doch in Hörweite befand, schaltete sich in die Diskussion ein und plauderte etwas aus dem Nähkästchen über die angeschickerten Eltern. Sie sagte, sie findet es nicht so toll, wenn ihre Eltern eine Flasche Wein geleert haben, weil man ihr dann nicht mehr zuhören würde. Ein paar Tage darauf fragte ich meinen Sohn, was er davon halte, wenn ich mal was trinke. Er antwortete, dass er noch nie gemerkt habe, dass ich so viel getrunken hätte, dass ich anders wäre als sonst. Mich beruhigte das irgendwie, ich merkte, dass mich alles andere beschämen würde. Und daraus leitete ich ab, dass ich unbewusst darauf achte, in seinem Beisein nicht in dem Masse zu trinken, dass es mein Verhalten ihm gegenüber tangiert.

Auch ich habe schon kiffende Eltern erlebt. Aber wenn ich ehrlich bin, haben sie mich nicht mehr berührt, als es trinkende Eltern auch tun. Mich ekelt jede Art von gröberem Kontrollverlust im Beisein von Kindern an, der Stoff, der diesen Zustand hervorruft, ist mir dabei herzlich egal. Dass man Alkohol aber als normal ansieht, während Gras eine böse böse Droge ist, ekelt mich allerdings ebenfalls an, weil die Doppelmoral dahinter in einer Lautstärke schreit, die meinen Ohren schadet. In der Schweiz und in Deutschland ist Alkohol die mit Abstand schlimmste Droge im Bezug auf die verheerenden Auswirkungen auf die Familie. Unter keiner anderen Substanz haben Kinder und PartnerInnen mehr zu leiden. Darum ärgert mich die Verharmlosung des kleinen Gläsli Rotweins kolossal. Mich ärgern all die Familienväter und Mütter, die nach einem heiteren Abend noch ins Auto steigen und ihre Kinder nach Hause fahren. Mich ärgern die Leute, welche die halbe Flasche Rotwein (die in der Regel eine ganze ist) mit einer nongalanten Handbewegung wegwinken, wie man es mit Kavaliersdelikten eben so zu tun gewöhnt ist.

Mich bringt die Verharmlosung von Alkohol so was von in Rage, dass ich zuweilen den Leuten die Autoschlüssel wegnehme. Das ist nicht reif und wenig erwachsen, aber manchmal ist es das Einzige, was mir übrig bleibt. Keine Ahnung, was Sie mit dieser Antwort jetzt anstellen wollen. Falls Sie sich nicht sicher waren, ob Sie Alkoholikerin oder Kifferin werden wollen, war ich Ihnen wohl keine so gute Hilfe, aber wenn Sie nur wissen wollten, ob Sie einen Vater mit Joint noch böser anschauen sollen, als Sie es bei einem Vater mit Bierdose in der Hand eh schon tun, rate ich Ihnen eher ab. Generell. Weil eigentlich geht es Sie einen Scheiss an, solange Sie nicht Zeugin von Gewalt oder anderer Misshandlung werden. Und diese sind selten offen sichtbar.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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