Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Sektenblog

Religionsfreiheit in den USA: Die Nobel-Mogelpackung für Bigotterie und Schwulen-Hass



Protesters call for Mississippi Gov. Phil Bryant to veto House Bill 1523, which they say allow discrimination against LGBT people, during a rally outside the Governor's Mansion in Jackson, Miss., Monday, April 4, 2016. (AP Photo/Rogelio V. Solis)

In den USA gehen Frauen regelmässig auf die Strasse, um sich gegen neue Bestimmungen zur Abtreibung zu wehren.
Bild: Rogelio V. Solis/AP/KEYSTONE

Die Welt spinnt, gerät völlig aus den Fugen und brennt an allen Ecken und Enden. Der Nahe Osten ist ein Pulverfass, die islamische Welt ist in Geiselhaft der Islamisten. Erdogan macht den Pfau, Libyen, Somalia und Eritea kollabieren, Putin entwickelt neue Machtfantasien und träumt von der Weltherrschaft.

Nirgends auf der Welt wird die Religionsfreiheit so hochgehalten wie in den USA. Gleichzeitig ist kaum ein anderes Land so bigott und vollgestopft mit Doppelmoral.

Zum Glück gibt es noch die USA, den letzten stabilen Faktor auf unserem inferioren Planeten. Bei näherer Betrachtung scheint aber auch dies nur eine Illusion zu sein. Wer einen eitlen Popanz und politischen Eunuch zum Präsidentschaftskandidaten macht – die Rede ist von Donald Trump –, setzt den Weltfrieden aufs Spiel. Und wer einen christlichen Fundi wie Ted Cruz als Alternative präsentiert, müsste sich fragen, ob er reif für die Demokratie ist.

Glaubensgemeinschaften mit Machtanspruch

Womit wir beim eigentlichen Thema wären. Nirgends auf der Welt wird die Religionsfreiheit so hochgehalten wie in den USA. Gleichzeitig ist kaum ein anderes Land so bigott und vollgestopft mit Doppelmoral wie die westliche Weltmacht.

Was nach einem kolossalen Widerspruch klingt, ist völlig stimmig. Die Religionsfreiheit in den USA dient nicht in erster Linie dazu, den Bürgern einen grossen religiösen Freiraum zu bewahren. Nein, sie wird dazu missbraucht, den Glaubensgemeinschaften einen schier unbegrenzten Spielraum zu gewähren, der jeden Schabernack erlaubt.

So spielen in den USA die strenggläubigen Christen eine wichtige Rolle. Kein Kandidat kommt darum herum, sie links (respektive rechts) liegen zu lassen oder ihnen den Schmus zu bringen.

Der Einfluss der christlichen Fundis zeigte sich in diesen Tagen im US-Staat Mississippi, der ein Gesetz erlassen hat, das den schönen Namen «Religious Liberty Accommodation Act» trägt.

Adoptionsagenturen dürften Paare abweisen, die vorehelichen Geschlechtsverkehr hatten. Beweise müssten sie nicht erbringen.

Religionsfreiheit ist immer gut, denkt der durchschnittliche Amerikaner. Doch hinter der noblen Verpackung verbirgt sich ein menschenrechtswidriger Inhalt. Das Gesetz dient nämlich dazu, zahlreiche Grundrechte zu beschneiden und Homosexuelle zu diskriminieren.

Erinnerungen an «Kauft nicht bei Juden»

Es sieht beispielsweise vor, dass Personen und Unternehmen keine Geschäfte mit gleichgeschlechtlichen Paaren mehr abschliessen müssen, sofern der Deal ihre religiösen Gefühle verletzt. Ausserdem könnten sich Organisationen und Institutionen weigern, Homosexuelle zu bedienen. Das erinnert fatal an die Geschichte, als es hiess: «Kauft nicht bei Juden».

Bild

bild via google 

Konkret: Staatliche Behörden und Firmen wären befugt, transsexuelle Personen fristlos zu entlassen, ohne die Massnahme zu begründen. Weiter dürften Adoptionsinstitutionen Paare abweisen, die vorehelichen Geschlechtsverkehr hatten. Beweise müssten die Stellen nicht erbringen, der Verdacht auf Sex vor der Ehe würde genügen. Sie werden vermutlich Gott als Lügendetektor einsetzen. Der ist schliesslich unfehlbar. Fast wie der Papst.

Für Gläubige aus radikalen Freikirchen ist Homosexualität ein Beweis für das satanische Wirken des Teufels auf der Erde.

Die Empörung der Bürger, die nicht zum christlich-fundamentalistischen Lager gehören und nicht nur mit dem religiösen Wurmfortsatz denken, ist gross. Sie bekamen bei ihrem Protest prominente Unterstützung. Die Rockstars Bruce Springsteen und Bryan Adams sagten ihre Konzerte ab.

Der zuständige Gouverneur Phil Bryant versteht den Protest nicht: «Wer sich Sorgen um die Menschenrechte macht, muss verstehen, dass auch gläubige Menschen Rechte haben», sagte er. Das Gesetz schütze diejenigen Leute, die die Ehe ausschliesslich als Institution für heterosexuelle Paare betrachteten. Die Argumentation ist so verquer wie der Glaube, Gott habe das Gesetz genehmigt.

Für Gläubige aus radikalen Freikirchen ist Homosexualität ein Beweis für das satanische Wirken des Teufels auf der Erde. Ein Ausdruck von Sodom und Gomorrha. Da fällt ihnen nur die Redewendung «Pfui Teufel» ein.

Womit einmal mehr bewiesen wäre, dass christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit aufhören, wo die religiös motivierte Homophobie beginnt. 

Auch in Indiana wüten christliche Fundis. Gouverneur Mike Pence hat ein Gesetz unterschrieben, das Abtreibungen erschweren soll. Besteht der Verdacht, dass ein Fötus das Downsyndrom (früher auch als Mongoloismus bekannt) aufweist, darf er nicht mehr abgetrieben werden.

Tote Föten müssen bestattet werden

Weiter verlangt das Gesetz, dass Föten bei einer Fehlgeburt gleich zu behandeln sind wie verstorbene Menschen: Sie müssen begraben oder kremiert werden. Der Hintergrund: Für christliche Fundis sind schon Embryonen Wesen mit einer vollwertigen Seele.

Hundreds of abortion rights supporters gather at the Indiana Statehouse to protest an anti-abortion law signed by Gov. Mike Pence, that is among the most restrictive in the U.S., Saturday, April 9, 2016, in Indianapolis. (Mykal McEldowney/The Indianapolis Star via AP)  NO SALES; MANDATORY CREDIT

Frauenproteste in Indiana.  Bild: AP/The Indianapolis Star

Die Frauen von Indiana rufen ihre Mitstreiterinnen dazu auf, dem Gouverneur Rapporte über ihre Blutungen zu schicken.

Frauen in Indiana sind empört und laufen Sturm. Sie decken Gouverneur Pence mit geharnischten Briefen ein. Sie klären ihn auf, dass jede Menstruation eine Fehlgeburt sein könne, was sie nicht einmal realisieren würden.

Die Frauen von Indiana rufen ihre Mitstreiterinnen dazu auf, dem Politiker Rapporte über ihre Blutungen zu schicken und ihn um Rat zu fragen. Der Gouverneur lässt sich von den aufgebrachten Frauen aber nicht verunsichern. Er habe gebetet, als er das Gesetz unterschrieben habe, liess er sie wissen. 

Christliche Überzeugungstäter glauben deshalb, dass Gott mit dem neuen Gesetz einverstanden ist und es abgesegnet hat. Und so wird einmal mehr die religiöse Verblendung zum Aberglauben, unter dem breite Bevölkerungskreise leiden müssen. Denn fromme Politiker glauben, Gott leite ihre politische Agenda. Schöne neue Welt, die fröhlich weiter spinnt.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei. Neu befasst er sich mit dem Thema wöchentlich auf watson.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Langnau holt Schwedens Topskorer Marcus Nilsson

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Passend dazu: Die 10 besten Gay-Kampagnen

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Sektenblog

Warum mich das «Armbrust-Sektendrama» berührt wie selten ein Fall

Seit 40 Jahren gehören Sektengeschichten zu meinem Alltag. Dabei handelt es sich meist um tragische Schicksale, die Einblick in ungeahnte Tiefen seelischer Abgründe geben.

Was aber in diesen Tagen beim sogenannten «Armbrust-Fall» im bayrischen Passau ans Licht gekommen ist, hat mich berührt wie selten zuvor ein Fall. Dies hat vor allem mit der Ohnmacht der Eltern eines Opfers zu tun, die sich von der Gesellschaft im Stich gelassen fühlen: Das Physiker-Ehepaar Julia und Olaf U. verlor seine …

Artikel lesen
Link zum Artikel