KI-Datenzentren werden zur Kampfzone bei den Midterms
Die USA als Schlaraffenland der künstlichen Intelligenz? Das war einmal. Die Skepsis gegenüber der Technologie wächst nicht nur wegen KI-Agenten, die sich verselbständigt und der menschlichen Kontrolle entzogen haben. Oder der Angst vor allem junger Menschen um ihre Jobchancen. Auch der Widerstand gegen die Infrastruktur nimmt zu.
Gemeint sind die teilweise gigantischen Datenzentren, die für Training und Betrieb von KI die benötigte Rechenleistung liefern. Sie sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Noch vor einem Jahr hielten sich Befürworter und Gegner in etwa die Waage. Nun kam es innerhalb kurzer Zeit zu einem heftigen Backlash.
Heute lehnen 75 Prozent der Amerikaner gemäss einer aktuellen Erhebung den Bau von Datenzentren in ihrer lokalen Umgebung ab, nur noch 15 Prozent sind dafür. Neben der KI-Skepsis gibt es handfeste Gründe für die Opposition: Sie verbrauchen grosse Mengen an (Kühl-)Wasser und Strom, was sich auf die Rechnungen der Haushalte auswirkt.
Furcht vor Wertverlust
Die brummenden Serverfarmen in den oft schlecht isolierten, klobigen Gebäuden sorgen zudem für Lärmemissionen, und das rund um die Uhr. Viele Amerikaner fürchten, dass ein solches Zentrum in der Nachbarschaft den Wert ihrer Liegenschaft mindert. Diese Missstimmung bekommt die Politik zu spüren, unabhängig von der Parteizugehörigkeit.
Datenzentren sind zu einer eigentlichen Kampfzone bei den Midterm-Wahlen in zwei Monaten geworden. Dann werden das Repräsentantenhaus, ein Drittel des Senats sowie die Gouverneursposten in 36 Bundesstaaten neu bestellt. Teilweise stellen sie die Kaufkraft, das Sorgenthema Nummer eins vieler Amerikaner, in den Schatten.
Etwas weniger skeptisch
Die Abneigung gegen Datenzentren ist eines der Themen, bei dem sich die Anhänger beider Parteien in dem tief gespaltenen Land weitgehend einig sind. Das schlägt auf den Wahlkampf durch. Demokraten und Republikaner versuchen gleichermassen, sich mit Kritik an Datenzentren zu profilieren und Opponenten entsprechend zu attackieren.
Zum Beispiel bei der Gouverneurswahl im nördlichen Bundesstaat Wisconsin. Dort prangert der Republikaner Tom Tiffany seinen demokratischen Herausforderer David Crowley als Fan von Datenzentren an, nur weil der sich im Vorwahlkampf seiner Partei etwas weniger skeptisch dazu positioniert hatte als seine «sozialistische» Rivalin Francesca Hong.
Moratorien gefordert
Dabei hatte der Kongressabgeordnete und stramme Trump-Gefolgsmann Tiffany sich früher ebenfalls positiv zum Bau von Rechenzentren geäussert. Nun fordert er eine Abschaffung der staatlichen Subventionierung und Schutzmassnahmen für Gebührenzahler sowie Wasserressourcen und Farmland. Andere Republikaner gehen noch weiter.
Mike Rogers, der in Michigan den Demokraten Abdul El-Sayed im Kampf um einen Sitz im Senat herausfordert, hat sich ebenso für ein Datencenter-Moratorium ausgesprochen wie Stacy Garrity, die bei der Gouverneurswahl in Pennsylvania gegen den demokratischen Amtsinhaber Josh Shapiro antritt. Er war bis vor kurzem ein Befürworter solcher Zentren.
Showdown in Texas
Angesichts des Backlashs aber hat er eine Verordnung erlassen, mit der die Kriterien für die Bewilligung neuer Datenzentren verschärft werden. Zu vielen Entwicklern seien die Gemeinden egal, in denen sie diese bauen wollten, sagte Shapiro, dem Ambitionen für die Präsidentschaftswahl 2028 nachgesagt werden, am Dienstag dem Sender CNBC.
Seine New Yorker Amts- und Parteikollegin Kathy Hochul ging noch weiter. Sie hat im Juli ein Moratorium angeordnet. In kaum einem Bundesstaat aber gehen die Wogen so hoch wie in Texas. Dort hatte der republikanische Gouverneur Greg Abbott, der sich für eine vierte Amtszeit bewirbt, die Ansiedlung von Techfirmen und Datenzentren gepusht.
Rechte wählen Demokratin
Das fliegt ihm nun um die Ohren, denn auch in der konservativen Hochburg Texas hat die Abneigung gegen solche Zentren massiv zugenommen. Gemäss einer aktuellen Umfrage lehnen 54 Prozent einen Bau selbst dann ab, wenn er mit Vorschriften zum Wasser- und Stromverbrauch sowie zu Lärmemissionen verbunden ist. Das bringt Abbott in Rücklage.
Konservative haben gemäss der «Washington Post» angekündigt, im November die Demokratin Gina Hinojosa zu wählen, die ein Moratorium befürwortet. In Umfragen liegen sie und Abbott praktisch gleichauf. Ihr Erfolg wäre eine mittlere Sensation, denn die Demokraten haben in Texas seit 1994 keine Wahl auf staatlicher Ebene gewonnen.
Keine höheren Stromrechnungen
Greg Abbott hat deshalb seine Tonalität gegenüber den Betreibern von Datenzentren verschärft. Sie müssten dafür sorgen, dass die Stromrechnungen der «Normalverbraucher» nicht ansteigen, forderte der Gouverneur. Er kündigte an, keine neuen Datenzentren zu bewilligen, bis deren Auswirkungen auf die Stromversorgung abgeklärt würden.
Bei den US-Techkonzernen sorgt die feindselige Stimmung in der Bevölkerung für Unbehagen. Sie verweisen auf die Arbeitsplätze und Steuereinnahmen, die mit Datenzentren verbunden sind. Doch Jobs entstehen vor allem während der Bauphase. Für den Betrieb der Serverfarmen werden relativ wenige Leute benötigt.
«Rückständig und arm»
Ähnlich durchzogen ist das Bild bei den Steuern. Das Loudoun County im Bundesstaat Virginia vor den Toren der Hauptstadt Washington, in dem sich die weltweit grösste Dichte an Datenzentren befindet, erfreut sich eines Geldsegens. Andere Gemeinden und Regionen aber haben sie mit Steuerrabatten angelockt und profitieren folglich kaum.
Einer jedoch stellt sich gegenüber den Protesten bislang taub: Präsident Donald Trump. Im Podcast mit seinem früheren Anwalt Michael Cohen verharmloste er die Nebenwirkungen der Datenzentren. Am Montag legte er in einem Post auf Truth Social nach: Gemeinden, die nichts von Datenzentren wissen wollen, würden «rückständig und arm» enden, so Trump.
Kein Datencenter bei Mar-a-Lago
Sein Vize JD Vance zeigte diese Woche etwas mehr Verständnis für die Gegnerschaft. Es sei «ein echtes Problem», wenn Datenzentren zu höheren Stromrechnungen führten. Zwei Gründe dürften Trumps sture Haltung befeuern: seine Kumpanei mit den Tech-Oligarchen, vor allem aber die Furcht, die USA könnten den KI-Wettlauf mit China verlieren.
Dabei hat selbst das Palm Beach County in Florida, in dem sich Trumps Mar-a-Lago-Anwesen befindet, kürzlich ein riesiges Rechenzentrum abgelehnt. Der «Spiegel» brachte es auf den Punkt: «Trump wünscht sich, dass die USA die KI-Welt dominieren. Die Menschen vor Ort wünschen sich vor allem bezahlbaren Strom, eine sichere Wasserversorgung. Und Ruhe in ihrem Zuhause.»
