Warum wir die «sozialen Medien» vergessen sollten
«Soziale Medien.» Die Bezeichnung ist im deutschen Sprachraum etabliert. Nur leider führt sie je länger desto mehr in die Irre.
Tatsächlich täten wir gut daran, andere Formulierungen zu verwenden. Dies wurde mir schmerzhaft bewusst, als ich während der Sommerferien die mediale Berichterstattung über den Migranten-Ansturm auf Ceuta verfolgte.
Hier meine Überlegungen.
Wo ist das Problem?
Im Deutschen ist das Wort «sozial» stark positiv besetzt. Es impliziert Gemeinsinn, Hilfsbereitschaft, Empathie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Doch «soziale Medien» bewirken das genaue Gegenteil; sie sind im Kern asozial.
Ihre Empfehlungs-Algorithmen sind auf maximale Aufmerksamkeit getrimmt. Was triggert, gewinnt. Die systematische Verstärkung von Extrempositionen und Fake News untergräbt jedoch die für jede Demokratie unverzichtbare Meinungsbildung und öffentliche Diskussion.
Die Tragödie in der spanischen Exklave Ceuta, bei der innert Tagen viele Nordafrikaner ihr Leben verloren, markiert einen besorgniserregenden Wendepunkt. Sie ruft uns auf brutale Weise ins Bewusstsein, dass Social Media tötet.
Die Plattformen der marktdominierenden Tech-Konzerne aus den USA und China dienen als gesellschaftliche Brandbeschleuniger. Sie befeuern reale humanitäre Krisen. Und zwar durch die Verbreitung von Falschinformationen. Im vorliegenden Fall stehen Facebook, Instagram und TikTok im Fokus, deren Algorithmen und mangelnde Aufsicht durch die Plattformbetreiber den Migranten-Sturm anheizten.
Marketing ja, aber keine Verantwortung
Ob «soziale Medien» oder «soziale Netzwerke»: Diese Begriffe verharmlosen die massiven negativen Folgen der marktbeherrschenden Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube. Und sie verschleiern deren Funktionsweise.
Wir sollten den Tech-Konzernen keinen «sozialen» Charakter attestieren, wenn sie bei ihren Plattformen die Profitmaximierung über alles stellen. Und auch der zweite Teil des Begriffs – «Medien» – ist mehr als problematisch. Denn er dichtet den Betreibern eine gesellschaftliche Aufgabe an, die sie weder erfüllen noch juristisch dafür haften wollen.
Nachrichtenagenturen und andere journalistische Medien, die seriös arbeiten, zeichnen sich durch Faktenprüfung und die Einhaltung ethischer Regeln und Berufspflichten aus (siehe Schweizer Journalistenkodex). Und sie müssen sich ans Gesetz halten. Die Big-Tech-Konzerne hingegen verbreiten problematische Postings Dritter und weigern sich strikt, die redaktionelle Verantwortung für das zu übernehmen, was ihre Algorithmen millionenfach in die Feeds spülen. Schlimmer noch: Sie profitieren auch noch wirtschaftlich davon.
Big-Tech-Unternehmen nutzen den Medien-Begriff zwar im Marketing, um sich den gesellschaftlichen Stellenwert und die Glaubwürdigkeit des Journalismus anzueignen. In der Realität vermischen sich auf ihren Plattformen aber verifizierte Nachrichten ungetrennt mit PR, KI-generierten Beiträgen, Meinungen, Werbung und Desinformation.
Wenn es aber um Regulierung oder Haftung geht, etwa bei gezielten Falschinformationen, wehren sich Meta und Co. vehement, juristisch als «Medienunternehmen» eingestuft zu werden. Vor Gericht und gegenüber dem Gesetzgeber bezeichnen sie sich als neutrale Technologie-Provider.
Das Fazit – und ein Kompromissvorschlag
Halten wir fest: Wer von «sozialen Medien» schreibt oder spricht, übernimmt unkritisch das Marketing-Framing jener Konzerne, die den echten Medien schaden.
Hingegen schafft der Begriff Social-Media-Plattformen eine zwingend nötige journalistische Distanz. Wem das zu lang ist, der könnte zumindest Social Media verwenden. Ja, das ist ein Anglizismus. Aber ein etablierter Begriff. Und gerade bei den amerikanischen Plattformen deutlich besser.
PS: Der Ursprung des Begriffs ist nicht eindeutig geklärt, wie eine Recherche in der online verfügbaren wissenschaftlichen Literatur zeigt. Gemäss der Forschung tauchte er in den frühen 1990er-Jahren auf. Zu einer Zeit also, als Zuckerberg und Co. noch harmlose Knirpse waren.
In der Soziologie und den Kommunikationswissenschaften bedeutet das Adjektiv «sozial» nicht «wohltätig», «rücksichtsvoll» oder «gut für die Gesellschaft». Es bedeutet lediglich auf die menschliche Gemeinschaft bezogen oder interaktiv. Und Medium wird technisch verstanden, als Vermittler von Informationen. Ein soziales Medium ist demnach ein Netzwerk, in dem Menschen interagieren, Gruppen bilden und Inhalte teilen. Und das unabhängig davon, ob der Austausch konstruktiv ist oder schädlich. Und auch die Manipulation der User durch die Plattformen und ihre Empfehlungs-Algorithmen wird ausgeblendet.
Anzumerken bleibt noch, dass «Social Media» seit 2013 offiziell im Rechtschreibung-Duden steht. 😉
