«The Nerd Reich» – wie Amerikas Tech-Milliardäre einen neuen Faschismus befeuern
Der US-Journalist Gil Duran legt sich mit «Tech-Faschisten» aus dem Silicon Valley an. Kürzlich ist sein Sachbuch «The Nerd Reich» erschienen. Darin argumentiert er, dass die einflussreichsten Tech-Milliardäre wie Elon Musk oder Peter Thiel die Demokratie faktisch aufgegeben haben und sich einer faschistischen Ideologie und Bewegung bedienen.
Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Was ist passiert?
Der unabhängige Journalist Gil Duran warnt, ein kleiner Kreis von Tech-Milliardären und Risikokapitalgebern aus dem Silicon Valley versuche, das politische System zu stürzen und wolle selbst regieren. Diese Leute seien zum Schluss gekommen, dass ihnen die Demokratie im Weg stehe.
So lautet die zentrale These seines Sachbuchs «The Nerd Reich: Silicon Valley Fascism and the War on Democracy», das am 18. August erschienen ist.
Die politische Vision dieser superreichen Männer sei im Grunde eine digitale Aristokratie: eine Gesellschaft, in der eine kleine, technologisch hochgerüstete Elite herrscht und soziale Hierarchien gegeben und unantastbar sind.
Um einen entsprechenden Systemwechsel zu erreichen, bedienen sich die Tech-Milliardäre laut Duran des amtierenden US-Präsidenten und einer faschistischen Ideologie. Gemeint ist damit Donald Trumps MAGA-Bewegung.
Als Mittel zum Zweck nennt Duran künstliche Intelligenz, Kryptowährungen und die rasante algorithmische Verbreitung von Propaganda über die Social-Media-Plattformen.
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg prägte bekanntlich den Slogan «Move fast and break things», als es um die Entwicklung der Plattform ging. Was als unschuldiger technologischer Fortschritt verkauft wird, entlarvt Duran jedoch als ideologischen Feldzug zur Abschaffung der Demokratie. Die bestehende Rechtsordnung wird demnach nicht durch einen Putsch beendet, sondern durch digitale Infrastrukturen.
In rechten Kreisen zirkuliert schon länger die Idee des «Akzelerationismus»: Der Kapitalismus sowie der technologische Fortschritt sollen sich so schnell wie möglich beschleunigen, um eine neue Weltordnung herbeizuführen.
Warum ist von Faschismus die Rede?
Duran stuft Trumps «Make America Great Again»-Bewegung als faschistisch ein – und zwar nach Definitionen anerkannter Historiker und Faschismus-Forscher wie Umberto Eco. Er wendet die klassischen Faschismus-Kriterien zunächst auf die MAGA-Bewegung an und überträgt sie dann auf die Tech-Elite des Silicon Valley.
- Der Kult der Kränkung: Faschistische Bewegungen stilisieren sich oft als Opfer des bestehenden Systems.
- Dämonisierung von Feinden: Politische Gegner werden nicht als Mitbewerber, sondern als existenzielle Feinde betrachtet, die es zu beseitigen gilt. Dies zeigt sich etwa in der Vorgehensweise, den Staat massiv umzubauen und Hunderttausende Beamte zu entlassen.
- Absurde Propaganda: Faschisten nutzen gezielt Desinformation, um die Realität zu verzerren. Duran verweist auf die Verbreitung von absurder Propaganda, die Fakten ignoriert und stattdessen «eine alternative Realität» erschafft, um die Anhängerschaft zu mobilisieren und den öffentlichen politischen Diskurs zu kontrollieren.
- Ausnutzung von Ängsten: Es werden gezielt Ängste in der Bevölkerung geschürt und instrumentalisiert. Dies betrifft vor allem Themen wie die Sicherheit und Fragen zu Geschlecht und Sexualität. Die entsprechende Panikmache dient dazu, die Forderung nach autoritären Massnahmen und starken Führern zu legitimieren.
- Die Herrschaft der Starken: Faschismus strebt eine neue gesellschaftliche Ordnung an, in der die «Starken» herrschen. Laut Duran will nun eine kleine Gruppe von weissen Tech-Milliardären über das Schicksal der Menschheit entscheiden.
- Demokratiefeindliche Grundhaltung: Ein Kernmerkmal des Faschismus ist die Verachtung für demokratische Prozesse. Tech-Milliardäre betrachteten demokratische Errungenschaften wie das allgemeine Wahlrecht oder Sozialstaaten als historische Fehler, die den technologischen und kapitalistischen Fortschritt behindern.
- Verherrlichung von Gewalt: Historischer Faschismus (wie der italienische unter Mussolini) glorifizierte oft Geschwindigkeit, Technologie und Zerstörung. Duran zieht hier eine direkte Parallele: Auch die Tech-Milliardäre sähen Technologie als Mittel zur Unterwerfung der Menschen.
Den Kern des Techno-Faschismus bildet demnach die bewusste Ablehnung der gesellschaftlichen Fortschritte, die im Zeitalter der Aufklärung, im 18. Jahrhundert, erreicht wurden. Damals verankerte sich in den Köpfen die Idee von Gleichheit, Demokratie und Menschenrechten. Doch diese Konzepte bremsen gemäss der vom britischen Philosophen Nick Land begründeten «Dark Enlightenment»-Ideologie den technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt.
Im Gegensatz zu traditionellen Faschisten à la Benito Mussolini, die in ihren Reden die Vergangenheit mystisch verklärten, verfolgen die Tech-Oligarchen wie Elon Musk Pläne, die nach Science-Fiction klingen: Künstliche Intelligenz (KI) und weitere neue Technologien sollen ihnen zu gottgleichem Status verhelfen. Und letztlich zum Leben im Weltall.
Wer sind die Schlüsselfiguren des Techno-Faschismus?
Hier ist zunächst Multimilliardär Peter Thiel zu nennen. Der 58-Jährige, der unter anderem den umstrittenen Überwachungskonzern Palantir mitgründete, wird von Duran als zentrale Figur beschrieben. Er habe den Rechtsruck des Silicon Valley orchestriert und diese extremen Ideen in die Trump-Regierung getragen.
Mehrere Männer aus dem direkten Umfeld von Thiel und seinen Unternehmen hätten in der Trump-Regierung enormen Einfluss gewonnen. So seien über ein Dutzend Personen aus seinem Netzwerk in Machtpositionen platziert.
Woher will er das wissen?
Duran leitet seine oben erwähnte These nicht primär aus geheimen Treffen ab, sondern aus öffentlichen Aussagen, realen Geldflüssen und bereits angelaufenen Immobilien- und Politikprojekten der selbsternannten Tech-Elite.
Was auf den ersten Blick wie eine verrückte Verschwörungstheorie klingt, untermauert der 50-jährige Amerikaner mit einer Reihe konkreter, nachprüfbarer Fakten.
1. Kryptos als Waffe
Für Duran sind Bitcoin und andere Kryptowährungen nicht einfach eine Finanzinnovation, sondern ein gezieltes politisches Instrument. Er verweist auf das Buch «The Sovereign Individual» (1997) – quasi die Bibel der Bewegung, für deren Neuauflage 2020 Peter Thiel das Vorwort schrieb.
Demnach sollen Kryptos genutzt werden, um die Vermögen der Elite dem staatlichen Zugriff (Steuern) zu entziehen und Regierungen regelrecht auszutrocknen.
Tatsächlich hat die Krypto-Branche zuletzt massiv in die US-Politik eingegriffen: Lobbyisten gaben im Wahlkampf 2024 über 100 Millionen US-Dollar aus, um gezielt Politiker abzuwählen, die Kryptowährungen regulieren wollten.
2. Private Städte
Einen wichtigen Grundstein für die demokratiefeindliche «Denkschule» bildete laut Duran einerseits das 1997 erschienene Buch «The Sovereign Individual». Darin wird eine unregulierte, privatisierte Zukunft prophezeit: Statt gewählter Volksvertreter regieren mächtige Individuen.
Darauf aufbauend entstand in rechten Milliardärskreisen die Idee von digitalen und physisch existierenden «Netzwerk-Staaten»: Gemeint sind Sonderzonen oder Start-up-Städte, die ausserhalb der nationalen Gesetzgebungen existieren, mit selbstgemachten Regeln und niedrigen Steuern.
Laut Duran wird die Idee bereits in die Tat umgesetzt. Er belegt dies mit zwei konkreten Projekten:
- California Forever: Tech-Milliardäre kauften über Jahre hinweg heimlich riesige Landstriche im Norden Kaliforniens auf, um eine privat kontrollierte Stadt zu errichten. Als Umfragen zeigten, dass rund 70 Prozent der ansässigen Bevölkerung dagegen waren und das Projekt bei einer Abstimmung scheitern würde, zogen die Investoren es kurzerhand zurück.
- Prospera in Honduras: Es handelt sich um ein Krypto-Projekt auf der Insel Roatan. Tech-Investoren lancierten dort eine von nationalen Gesetzen weitgehend befreite Sonderzone. Als die honduranische Regierung versuchte, diese demokratisch nicht legitimierten Sonderrechte wieder einzuschränken, verklagten die US-Investoren den Staat auf 11 Milliarden Dollar Schadensersatz.
3. Der direkte Draht radikaler Vordenker ins Weisse Haus
Duran weist detailliert nach, wie die abstrusesten Ideen antidemokratischer Blogger direkt in der höchsten Politik ankommen.
Zu nennen ist hier der amerikanische Hobbyphilosoph und frühere Softwareentwickler Curtis Yarvin. Dieser lieferte den theoretischen Unterbau für den Staatsumbau in den USA. Er behauptete, die Demokratie habe versagt. Darum müsse man alle Bundesangestellten entlassen und einen diktatorischen CEO einsetzen.
Der amtierende US-Vizepräsident JD Vance wird in Durans Buch als ein Konstrukt von Peter Thiel beschrieben. Der deutsch-amerikanische Investor habe in ihn investiert und dessen politische Karriere massgeblich finanziert. Es sei kein Zufall, dass Vance auf X ausgerechnet Extremisten wie Yarvin folge. Das autoritäre Gedankengut des Silicon Valley hat somit einen direkten Stellvertreter im Weissen Haus. Sollte Trump zurücktreten oder sterben, übernimmt Vance.
Welche Rolle spielt Geld?
Eine absolut zentrale.
Durch ihren immensen Reichtum sehen sich die rechten bis rechtsextremen Multimilliardäre aus dem Silicon Valley – sie bezeichnen sich selbst als libertär – als überlegen an. Wer nicht in ihre Ideologie passt oder ihrer Vision im Weg steht, wird als entbehrlich oder Feind betrachtet.
Einige Akteure rechtfertigen ihr Vorhaben damit, dass das Schicksal von Milliarden ungeborener Menschen in der Zukunft wichtiger sei als das der heute Lebenden.
An dieser Stelle ist eine absurde Geschichte aus dem Silicon Valley zu erwähnen, die der Medientheoretiker und Buchautor Douglas Rushkoff («Survival of the Richest») 2022 publik machte. Demnach überlegten sich schwerreiche Prepper, ihren Sicherheitsleuten Schockhalsbänder anzulegen, um nach der Apokalypse die Kontrolle über sie zu behalten.
Paradox: Obwohl die Tech-Oligarchen den Rechtsstaat eigentlich zerschlagen wollen, profitieren sie auch gleichzeitig in enormem Ausmass von ihm – etwa durch milliardenschwere Regierungsaufträge für Palantir oder SpaceX.
Warum spielt Big Tech mit?
Weil Präsident Trump die marktbeherrschenden amerikanischen Tech-Konzerne – im Gegensatz zur EU – gewähren lässt, solange sie ihm von Nutzen sind.
Die Tech-Giganten haben Trump und seiner Familie geholfen, selber in die Milliardärsklasse aufzusteigen – etwa durch Kryptowährungs- und andere fragwürdige Deals. Im Gegenzug erhalten sie lukrative Regierungsaufträge und sind weitgehend von Regulierung und staatlicher Aufsicht befreit.
Durch ihre Investments konnten die Tech-Oligarchen bereits erreichen, dass in den USA die Gesetzgebung in Bereichen wie künstlicher Intelligenz und Kryptowährungen weitgehend geschwächt oder ganz abgeschafft wurde.
Wieso gibt es keine politische Gegenwehr?
Duran gibt der Demokratischen Partei der USA eine grosse Mitschuld an der Entwicklung. Politiker wie Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom seien zu sehr auf die Spendengelder der Silicon-Valley-Milliardäre angewiesen und trauten sich deshalb nicht, sie zur Verantwortung zu ziehen.
Newsom, ein begnadeter Social-Media-Akteur, attackiere nur Trump und Vance, nicht aber Peter Thiels seltsame Antichrist-Obsession, gibt Duran zu bedenken. Seine Befürchtung: Selbst wenn die Demokraten nach den Zwischenwahlen oder der Präsidentschaftswahl 2028 die Macht übernehmen, gewinnen die «Tech-Faschisten» – weil die neuen politischen Machthaber sie nicht zur Rechenschaft ziehen werden.
Anzumerken ist, dass Duran beruflich für die frühere US-Vizepräsidentin Kamala Harris in ihrer Zeit als kalifornische Generalstaatsanwältin tätig war, wie auch für die verstorbene demokratische Senatorin Dianne Feinstein.
Welche Rolle spielen die Medien?
Das kommt auf die Perspektive an.
Aus der Sicht von selbsterklärten Demokratie-Abschaffern wie Curtis Yarvin sind journalistische Medien zusammen mit dem Bildungswesen Teil der sogenannten «Cathedral». Damit meint er ein liberales Establishment, das den technologischen Fortschritt blockiere und entmachtet werden müsse.
Für Gil Duran hingegen ist der Journalismus das zentrale Werkzeug, um die komplexen, oft bizarr wirkenden Netzwerke und «Philosophien» der Tech-Milliardäre zu entflechten. Die Pläne würden für Aussenstehende oft nach Verschwörungstheorien klingen. Deshalb sei investigativer Journalismus notwendig, um die reale Bedrohung für die Demokratie mit Fakten zu belegen und die Öffentlichkeit zu warnen.
Was hilft gegen den Techno-Faschismus?
Duran betont, dass es noch Zeit gebe, sich gegen die schleichende Entmachtung zur Wehr zu setzen – vorausgesetzt, die Öffentlichkeit durchschaue die wahren politischen Absichten hinter der Illusion der Innovation. Er skizziert mehrere Gegenmassnahmen, sowohl auf staatlicher als auch zivilgesellschaftlicher Ebene.
Politische Massnahmen sind demnach:
- Beendigung der finanziellen Abhängigkeit: US-Politiker aller Lager müssten aufhören, sich von den Spendengeldern der Tech-Milliardäre abhängig zu machen.
- Entzug von Privilegien: Der Staat müsse hart durchgreifen, gesetzliche Regulierungen aufrechterhalten und die sogenannten Sonderstatus-Zonen auflösen.
Aber auch normale Bürgerinnen und Bürger müssen dem Treiben nicht machtlos zuschauen, so Duran.
- Politische Mobilisierung: Die Bevölkerung solle die Angst vor Jobverlust durch KI und vor einer von Milliardären kontrollierten Zukunft nutzen, um Politiker zu wählen, die sich den «dunklen Fantasien der Oligarchen» widersetzen.
- Aktiver Widerstand gegen Infrastruktur: Anwohner formierten sich bereits lokal «gegen den extremen Energie- und Ressourcenverbrauch von KI-Rechenzentren». Solche Proteste machten die Tech-Oligarchen verwundbar.
Jeder Moment sollte genutzt werden, um aufzuklären:
Andernfalls würden wir uns in einer Situation wiederfinden, in der «wir keine Demokratie haben, keine Wirtschaft und keine Zukunft.» Und: «Wenn das die Menschen nicht radikalisiert, dann haben wir verdient, was auf uns zukommt.»
Quellen
- theguardian.com: ‘If we don’t fight back, we don’t have a future’: the journalist taking on the ‘tech fascists’ of Silicon Valley (5. August)
- thenerdreich.com: Website zu The Nerd Reich
- publiceye.ch: Eine KI-basierte SLAPP-Maschine aus dem Silicon Valley (Mai 2026)
- kqed.org: ‘Nerd Reich’ Author Gil Duran on the Tech Authoritarian Movement (November 2025)
- theguardian.com: The super-rich ‘preppers’ planning to save themselves from the apocalypse (2022)
