Sachsen-Anhalt: AfD exakt gleich stark wie Hitlers NSDAP 1932
43,8 Prozent: Mit diesem Rekord-Ergebnis hat die AfD die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gewonnen. Gegenüber 2021 steigerte sie ihren Wähleranteil um 23 Prozentpunkte. Die CDU wurde auf 17,2 Prozent halbiert.
Die Zahl 43,8 hat es in sich, nicht nur wegen der Höhe, sondern auch wegen eines Zufalls: Wer weit in die deutsche Geschichte zurückblickt, stösst auf ein identisches Ergebnis. Und zwar bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932, ein halbes Jahr vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler.
Damals erzielten seine Nationalsozialisten (NSDAP) im Wahlkreis Magdeburg ebenfalls 43,8 Prozent. Im benachbarten Wahlkreis Merseburg waren es 42,6 Prozent. Die beiden Wahlkreise deckten grosse Teile des Gebiets ab, aus dem später Sachsen-Anhalt entstand.
Reichsweit kam die NSDAP damals auf 37,4 Prozent. Heisst: Die Region, die dieser Tage unter Rechtsextremismus-Verdacht steht, war 1932 eine Hochburg der Nationalsozialisten. Gemessen am Wähleranteil ist die AfD heute in Sachsen-Anhalt genauso stark, wie es die NSDAP in dieser Region im Sommer 1932 war.
Das sagt nichts über allfällige Ähnlichkeiten der Parteien aus. Die AfD ist nicht die NSDAP, und Deutschland im Jahr 2026 ist nicht die Weimarer Republik. Die NSDAP war eine offen antidemokratische und antisemitische Bewegung, verfügte über paramilitärische Verbände, setzte systematisch politische Gewalt ein. Hitler wollte die parlamentarische Demokratie beseitigen und errichtete nach seiner Ernennung zum Reichskanzler 1933 eine Diktatur.
Die AfD hingegen tritt heute in einer stabilen parlamentarischen Demokratie zu freien Wahlen an. Sie hat mehrfach Neonazis aus der Partei ausgeschlossen. Kritiker sagen jedoch, die AfD dulde das Nazi-Gedankengut dennoch und lasse extreme Aktivisten gewähren. Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.
Interessant ist, dass die NSDAP nach Hitlers Machtübernahme Anfang 1933 ihren Wähleranteil nicht mehr signifikant steigern konnte, obwohl die Wahl nicht mehr frei und die Presse gleichgeschaltet war. Nach dem Reichstagsbrand setzten die Nazis am 28. Februar 1933 die Presse- und Meinungsfreiheit ausser Kraft. Kritische Zeitungen wurden verboten. Bei der Wahl im März 1933 – Hitler war inzwischen Reichskanzler – erreichte die NSDAP in Magdeburg 47,3 Prozent, also nur wenige Prozentpunkte mehr als noch 1932.
Ähnliche Wählermilieus damals und heute
Der Historiker Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München–Berlin, sieht Ähnlichkeiten zwischen dem Aufstieg der NSDAP und der AfD. Man könne «gewisse Kontinuitäten oder besser Wiederanknüpfungen erkennen», dürfe diese aber nicht überbewerten, sagt er.
Auffällig seien ähnliche Wählermilieus: ländliche, kleinstädtische und kleinbürgerliche Regionen spielten schon beim überdurchschnittlichen Abschneiden der NSDAP eine wichtige Rolle und prägen auch heute Teile der AfD-Wählerschaft. Fundamental anders seien dagegen die Ursachen des heutigen Erfolgs – insbesondere die massive Deindustrialisierung Ostdeutschlands nach 1990 und das bis heute wirksame Ost-West-Ressentiment.
Sachsen-Anhalt zeigt, dass neue Parteien relativ schnell aufsteigen können. Die AfD trat dort 2016 erstmals bei einer Landtagswahl an und erreichte auf Anhieb 24,3 Prozent. Fünf Jahre später waren es dann «nur» noch 20,8 Prozent, jetzt 43,8 Prozent. Sie brauchte also zehn Jahre vom ersten Landtagsantritt bis zur heutigen Stärke.
NSDAP-Aufstieg innerhalb von vier Jahren
Explosiver verlief der Aufstieg der NSDAP. Im Wahlkreis Magdeburg kam sie bei der Reichstagswahl 1928 noch auf weniger als zwei Prozent. 1930 waren es bereits 19,5 Prozent, im Juli 1932 dann 43,8 Prozent. In gut vier Jahren wurde aus einer Splitterpartei die stärkste Kraft.
Auch darin zeigt sich, wie unterschiedlich die historischen Situationen waren. Der Durchbruch der Nationalsozialisten fiel in die dramatische Endphase der Weimarer Republik mit Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und eine politische Ordnung, die immer schneller zerfiel. Der Aufstieg der AfD vollzieht sich dagegen über mehr als ein Jahrzehnt in einem gefestigten demokratischen System.
Auch damals bedeuteten 43 Prozent übrigens keineswegs automatisch die Macht. Reichsweit erreichte die NSDAP im Juli 1932 37,4 Prozent und wurde stärkste Partei. Im November fiel sie wieder auf 33,1 Prozent zurück. Hitler wurde erst am 30. Januar 1933 Reichskanzler – nicht aufgrund einer absoluten Mehrheit, sondern nachdem konservative Eliten glaubten, ihn politisch einbinden und kontrollieren zu können.
Die Erinnerung des israelischen Historikers
Wie sehr die historische Dimension dieses Wahlergebnisses empfunden wird, zeigt Moshe Zimmermann. Der israelische Historiker sagte dieser Zeitung, der AfD-Sieg habe ihm «eine schlaflose Nacht bereitet». Er fühle sich an die Landtagswahl in Lippe vom Januar 1933 erinnert, bei der die NSDAP fast 40 Prozent erreichte. Zimmermann betont zugleich: «Ich behaupte nicht, dass sich die Geschichte wiederholt.» Doch für ihn ist die Richtung beunruhigend: Rechtsextreme Kräfte gewinnen in Deutschland und Europa an Zustimmung. (schweizheute.ch)
