Vom Trauma zur Ökoluxus-Destination: Ruandas grünes Wunder
Beim Blick aus dem Flugzeugfenster begreife ich erst nach einem Moment des Staunens, was unter mir in der gleissenden Sonne funkelt wie unzählige, wild verstreute Diamanten: Es sind die Blechdächer der Lehmhütten, in denen der grösste Teil der Bevölkerung lebt. Ruanda ist einer der am dichtesten besiedelten Staaten weltweit. Mehr als 14 Millionen Menschen teilen sich gerade einmal 26'000 Quadratkilometer in dem ostafrikanischen Binnenland. Zum Vergleich: In der Schweiz leben rund 9,1 Millionen Menschen auf 41'291 Quadratkilometern.
Das Gefühl, in diesem grünen Kokon zu schlafen, ist magisch, doch die Vulkannacht ist kurz. Um 5 Uhr morgens klopft es an der Tür. Nach einem Kaffee breche ich mit Guide Fabrice auf. Wir marschieren an Feldern vorbei, die von Bauernfamilien bestellt werden.
Der Kontrast beim Verlassen der Gedenkstätte könnte kaum grösser sein: Kigali präsentiert sich als pulsierende und moderne afrikanische Metropole, verteilt auf unzählige Hügel – faszinierend, intensiv. Und auffällig sauber.
Ruanda hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Vorreiter des nachhaltigen Luxus-Ökotourismus entwickelt. Der Ökosafari-Anbieter Wilderness steht exemplarisch für diesen Ansatz: Die Marke verbindet exklusives Reisen mit konsequentem Naturschutz, Wiederaufforstung und der direkten Förderung der lokalen Bevölkerung. Das Unternehmen betreibt mehrere hochwertige Lodges – und genau dorthin wollen wir.
Alternative Perspektiven werden geschaffen
Auf der dreistündigen Fahrt von Kigali gen Osten ziehen Teeplantagen, kleine Märkte, Bananenhaine, dicht bebaute Dörfer und unzählige Menschen am Strassenrand vorbei. Kurz vor der Grenze zum Akagera National Park besuchen wir die Akayange Primary School. Schulleiter Ildephonse Mbarushimana erklärt, wie die Philosophie von «Wilderness» hier greift: dank Zusammenarbeit mit der schuleigenen Organisation Children in the Wilderness (CITW).
Das Ökoluxus-Konzept funktioniert, weil die lokale Bevölkerung durch wöchentliche Zusammentreffen, den Bau von Klassenräumen und Schulstipendien eingebunden wird. Das schafft alternative Perspektiven und stärkt die Bereitschaft, die Tierwelt zu schützen, anstatt von Wilderei zu leben.
An der Parkgrenze empfängt mich Ranger Venuste im offenen Jeep. «Wilderness» hat sich hier eine exklusive, 4'200 Hektar grosse Konzession im Norden des Akagera gesichert. Das Magashi Peninsula Resort besticht durch seine aussergewöhnliche Lage. Drei Luxus-Zeltvillen thronen direkt am Lake Rwanyakazinga, auf der Terrasse locken ein privater Pool und ein Stargazing-Bett, während unten Nilkrokodile in der Sonne dösen und Elefanten baden.
Schon am ersten Abend offenbart sich bei einer nächtlichen Pirschfahrt die wilde Aktivität in der Dunkelheit: Im Scheinwerferlicht tauchen Flusspferde, Löwen, Elefanten, Zebras und Antilopen auf. Am nächsten Morgen werden wir Zeugen, wie ein Impala-Weibchen sein Junges gebiert und dieses nach nur 40 Minuten auf wackligen, aber eigenen Beinen steht. Später gleiten wir im Safariboot vorbei an badenden Elefantenherden, Nilkrokodilen und unzähligen Hippos. Abends entdecken wir bloss 50 Meter vor der Villa einen Leoparden auf nächtlichem Streifzug. Am Lagerfeuer lassen wir diesen Tag ausklingen.
Am nächsten Morgen hält der Weg zum Parktor ein grandioses Finale bereit. Vor uns öffnet sich die weite Ebene. Massai-Giraffen schreiten elegant durch die Landschaft, Rhinos wälzen sich im Schlamm, Löwen dösen in der Sonne, weiter hinten grast eine Büffelherde, Zebras und Antilopen bereichern die Szenerie.
Beim Gate treffen wir Bahati, er wird mich nun in den Norden Ruandas fahren. Irgendwo unterwegs sind auf einer abschüssigen Wiese Kinder zu sehen, die Fussball spielen. Mit einem kaputten Ball, der Luft verliert. Wir halten an, sofort umzingeln sie uns. Sie fragen – und ich verspreche ihnen, auf dem Rückweg einen echten Fussball vorbeizubringen.
Tourismus als Motor für die Gemeinschaft
Auf 2500 Metern über Meer schmiegt sich die Sabyinyo Lodge an den Regenwald am Fusse der Vulkane. Die Lodge gehört der lokalen Community-Stiftung Sacola, «Wilderness» führt als Partner nur den Betrieb – ein Pionierprojekt für sozial nachhaltigen Tourismus.
Am Sonntagmorgen hängen die Wolken in tiefem Grau an den Vulkanflanken. Ich sitze mit einem Kaffee auf der Terrasse. Aus dem Tal dringt Gesang herauf. Wunderschöne Männer- und Frauenstimmen finden sich in rhythmischen Harmonien – in der nahen Dorfkirche wird ein Gottesdienst gefeiert.
Später führt mich Guide Leonard ins Dorf und zeigt mir, wie tief das soziale Engagement von «Wilderness» hier verwurzelt ist. Wir sehen von der Community finanzierte Steinhäuser für bedürftige Familien, eine Hühnerfarm, die von älteren Frauen betrieben wird, die den Genozid überlebt haben, und eine Schule für 3000 Kinder.
Familien erhalten Kühe, deren erster weiblicher Nachwuchs an die nächste bedürftige Familie weitergegeben wird. Das Prinzip ist simpel: Die Menschen sind zu Eigentümern des Tourismus geworden.
Die futuristischen, nestförmigen Villen des Bisate Resort schmiegen sich in das Amphitheater eines erloschenen Vulkankegels und interpretieren die traditionelle ruandische Palastarchitektur neu. Ihre organischen Formen aus lokalem Bambus verschmelzen regelrecht mit den Hängen der Virunga-Vulkane.
Bisate zeigt die radikale Zukunft des Ökoluxus: Das einst kahle Agrarland wurde von «Wilderness» mit über 100 000 einheimischen Bäumen wiederaufgeforstet – so nachhaltig, dass sogar gelegentlich Gorillas durch den Garten ziehen sollen. Einen eigenen Gemüsegarten hat das Resort auch – für dessen Pflege und Bewirtschaftung ist Félicien verantwortlich.
Das Gefühl, in diesem grünen Kokon zu schlafen, ist magisch, doch die Vulkannacht ist kurz. Um 5 Uhr morgens klopft es an der Tür. Nach einem Kaffee breche ich mit Guide Fabrice auf. Wir marschieren an Feldern vorbei, die von Bauernfamilien bestellt werden.
Nach einer halben Stunde heisst es: Stopp, Gepäck deponieren, Schutzmasken auf. Diese sind zum Schutz der Primaten vor menschlichen Krankheitserregern für alle Besuchenden obligatorisch. Nur hundert Meter vor uns tut sich eine Gruppe von rund 60 Goldmeerkatzen an den Kräutern und Früchten gütlich. Eine Stunde lang beobachten wir die flinken, goldglänzenden Primaten gebannt und staunend.
Bevor wir wieder die Kurven hinab nach Kigali nehmen, kaufen wir in Ruhengeri die versprochenen Fussbälle für die Jungs am Wegrand und übergeben sie kurz darauf. Ein letztes, jubelndes Winken im Rückspiegel – als Sinnbild für ein Land, das trotz schwerer Vergangenheit mit bemerkenswertem Optimismus nach vorne blickt. Der Abschied von Ruanda, er fällt schwer.
Diese Reportage entstand im Rahmen einer Pressereise auf Einladung von Wilderness und Let's go Tours. (schweizheute.ch)
