Trumps grösstes Problem: Ein künstlicher Teich
Ein halbwegs anständiger Ausweg aus dem Iran-Debakel ist objektiv gesehen das dringendste Problem, das der amerikanische Präsident eigentlich lösen müsste. Trump hat es an seinen Vize J.D. Vance delegiert. Er selbst hat andere Prioritäten, er will einen künstlichen Teich in Washington, den Reflecting Pool, von Algen befreien.
Wovon sprechen wir? Der Reflecting Pool ist ein rund 600 Meter langer und 1 Meter tiefer künstlicher Teich zwischen dem Lincoln Memorial und der Gedenkstätte für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Dieser Teich ist in die Jahre gekommen und ziemlich vergammelt. So gesehen ist Trumps Absicht, ihn in Hinblick auf die anstehenden 250-Jahr-Feiern wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen, eigentlich verständlich.
Jeder andere Präsident hätte den Auftrag erteilt, den Reflecting Pool zu sanieren, und dann die Arbeit den zuständigen Spezialisten überlassen. Das «stabile Genie» hingegen hörte stattdessen einmal mehr auf seinen Bauch – und donnerte einmal mehr gegen eine Wand.
So wie Sicherheitsexperten ihn warnten, dass ein Krieg gegen den Iran unweigerlich die Schliessung der Strasse von Iran zur Folge haben würde, hätten Umweltexperten ihn darauf hingewiesen, dass der Sommer die dümmste Zeit ist, den künstlichen Teich zu sanieren. Hans Pearl, Professor für Umweltwissenschaften an der University of North Carolina, erklärt den Grund dafür im «Atlantic» wie folgt: «Algen, allen voran die grün-blauen Algen, mögen es warm. In dieser Jahreszeit herrschen für sie optimale Wachstumsbedingungen. Das ist Grundwissen in Biologie, keine Raketenwissenschaft.»
So sieht der Reflecting Pool heute aus:
Wahrscheinlich hat Trump im Biologieunterricht einen Fensterplatz belegt. Auch die Tatsachen, dass das Bewässerungssystem des Teiches sehr komplex und dringend sanierungsbedürftig ist, schlug er in den Wind. Stattdessen beauftragte er einen Kumpel aus Florida, den Reflecting Pool gesetzeswidrig, mit weit überrissenen Kosten und schludrig zu reparieren. Das Ganze schmückte er mit den üblichen Sprüchen. «Wir werden sehr anspruchsvolles Material verwenden, das 100 Jahre halten und von sehr talentierten Menschen angebracht werden wird. Das Material ist dick, stark, flexibel und hat eine natürliche, prachtvolle Farbe, die Farbe der amerikanischen Flagge», prahlte er auf seiner Plattform Truth Social.
Wie die Iraner hat sich die Natur nicht ganz so verhalten, wie Trump sich das vorgestellt hatte. Ein paar Tage lang erstrahlte der Reflecting Pool zwar tatsächlich in einer tiefblauen Farbe. Doch dann schlug die Natur zurück. Die Algen taten genau das, was die Experten vorausgesagt hatten: Sie vermehrten sich wie blöd und verwandelten den Teich in einen hässlichen, grünen Sumpf.
Das Resultat schildert Maureen Dowd in der «New York Times» wie folgt: «Auf den ersten Blick ist es wohltuend, dass dieser verrückte Präsident die Bürokratie niedertrampeln und Dinge einfach durchziehen kann. Aber wie es bei Trump üblich ist, müssen wir damit leben, dass er letztlich inkompetent, korrupt und geschmacklos ist und letztlich alles vermasselt.»
Der Präsident sieht es nicht ganz so. Für einmal macht er zwar nicht seine Vorgänger Joe Biden oder Barack Obama für den Schlamassel verantwortlich, doch er sieht dunkle Mächte am Werke. Vandalen hätten Chemikalien in den Pool geschüttet und ihn so mutwillig zerstört, jammerte er auf seiner Plattform.
Um dies zu verhindern, hetzte er die Parkwächter auf die angeblichen Vandalen. Diese verhafteten tatsächlich fünf Personen. Eine davon ist David Hearn, ein ehemaliger Olympia-Teilnehmer, der sich zufällig am Reflecting Pool aufgehalten hatte. «Ich habe nichts zerstört oder zerbrochen», erklärt er. «Ich war nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.» Trotzdem wurde er in Handschellen abgeführt, und jetzt droht ihm eine Gefängnisstrafe in der Höhe von fünf Jahren.
Jeanine Pirro, eine ehemalige Fox-News-Moderatorin, die von Trump als Generalstaatsanwältin des District of Columbia eingesetzt wurde, droht derweil: «Wer beim Vandalisieren oder dem Versuch davon ertappt wird, muss mit dem Kriminalsystem von D.C. rechnen. Wer Dinge in den Reflecting Pool giesst, die das Wachstum der Algen befördern, muss mit noch härteren Strafen rechnen.»
Der letzte Akt im Reflecting-Pool-Schmierentheater ist noch nicht über die Bühne gegangen. Ob es gelingen wird, den Teich bis zum Beginn der Feierlichkeiten zu säubern, ist ungewiss. Klar und laut ist hingegen die symbolische Botschaft der Scharade. Matt Viser fasst sie im «Atlantic» wie folgt zusammen:
«So weit sind wir also gekommen: Eine Nation, die von ihren Gründungsvätern mit grossen Träumen von einer Demokratie hervorgebracht wurde – eine Nation, die einen Bürgerkrieg, feindliche Angriffe erduldet und eine Depression, Rezessionen und Mordanschläge überstanden hat – feiert nun eine 250-Jahr-Feier, bei der wir zusehen müssen, ob wir das Wasser in einem jahrhundertealten Teich reinigen können oder nicht. Selbst Abraham Lincoln schaut mit steinernem Blick erstaunt zu.»
