Iran verliert immer mehr die Kontrolle über Hormus – und droht mit Angriffen in Europa
Die gegenseitigen Bombardierungen und Attacken im Nahen Osten zwischen den USA und dem Iran sind vorläufig eingestellt – das Seilziehen im Hintergrund geht allerdings auch ohne Bomben und Explosionen ungehindert weiter.
Im Fokus steht noch immer die Strasse von Hormus. Beide, der Iran und die USA, haben in der Vergangenheit immer wieder die Vorherrschaft über die strategisch wichtige Handelsroute für sich beansprucht. Erst am Montag verkündete Donald Trump, man habe die «vollständige Kontrolle» über die Meerenge.
Mit dieser Aussage, wenn auch schon öfter getätigt, dürfte der US-Präsident für einmal gar nicht mal so falsch liegen. Denn gemäss Daten des Schiffsverfolgungsdienstes Kpler verliert das Regime in Teheran immer mehr die Kontrolle über Hormus. Hinzu kommt die US-Blockade iranischer Häfen in der Region.
In der Strasse von Hormus gibt es derzeit drei verschiedene Routen, die Schiffe befahren können (siehe Bild). Eine durch die Hoheitsgewässer des Irans, die Vorkriegsroute in der Mitte der Meerenge sowie eine Route, die durch die Gewässer des Omans verläuft.
Zu Beginn des Krieges war die iranische Marine dazu imstande, Schiffe auf allen drei Routen zu attackieren und so den Verkehr zum Stillstand zu zwingen. Die Zahlen von Kpler legen nun aber nahe, dass dies nicht mehr der Fall ist.
Denn gemäss CNN sind mehr als 80 Prozent aller Schiffsdurchfahrten, die in den letzten zwei Wochen durch die Meerenge erfolgten, über die Route nördlich der omanischen Küste erfolgt.
Mittlerweile scheint es also so, dass Schiffe dank des Schutzversprechens der USA und der Präsenz der US Navy das Risiko einer Durchfahrt zunehmend (erfolgreich) auf sich nehmen.
Homayoun Falakshahi, Leiter der Rohölanalyse bei Kpler, sagt gegenüber CNN.
Das hat auch finanzielle Konsequenzen für den Iran. Denn theoretisch wäre das Regime in Teheran nach Ablauf der Absichtserklärung, die der Iran und die USA ausgehandelt haben, dazu berechtigt, für das Durchfahren eine Maut zu erheben. Doch gemäss Kpler ist der Iran dazu nicht imstande:
«Die Forderung des Iran, Mautgebühren zu erheben, ist etwas, was die meisten Länder im Nahen Osten nicht tun wollen und bisher auch nicht getan haben», sagt Dan Pickering, Gründer und Chief Investment Officer bei Pickering Energy Partners.
Trump drohte dem Oman
Es scheint daher kein Zufall zu sein, dass Trump vor zwei Tagen den Druck auf den Oman erhöhte. Das Sultanat verhandelt derzeit mit dem Iran über eine alternative und damit vierte Route durch die Strasse von Hormus. Details sind zwar nicht bekannt, aber Berichten zufolge würden Schiffe dann über eine Route in der Nähe des Irans einlaufen und über eine Route in der Nähe des Omans wieder auslaufen. Dies scheint für Trump aber keine Option zu sein, zumindest legt das seine Rhetorik der vergangenen Tage nahe. Wenn ein Deal rund um die Strasse von Hormus zustande kommt, müssten die USA in den Augen von Trump miteingeschlossen werden.
«Wenn der Oman uns in die Quere kommt, werden wir sie in Grund und Boden bombardieren», sagte Trump denn auch vor wenigen Tagen dem Sender Fox News. Das zwischen Teheran und Washington ausgehandelte Rahmenabkommen sah eigentlich vor, dass der Oman und der Iran gemeinsam eine Lösung für die Schifffahrt finden – in Absprache mit den Anrainerstaaten und unter Berücksichtigung internationalen Rechts. An dieser Lösung scheint Trump aber nicht mehr interessiert zu sein.
Trump meinte denn auch weiter, er stehe trotz der im Rahmenabkommen festgesetzten und mittlerweile abgelaufenen 60-Tage-Frist für vertiefte Verhandlungen mit dem Iran nicht unter Druck. «Ich habe es nicht eilig», erklärte er. Dem Iran legte er nahe, angesichts des wachsenden Drucks die Weisse Fahne zu hissen. «Es sind gute Pokerspieler, aber sie gehen zugrunde.»
US-Energieminister Chris Wright sagte letzte Woche, dass sich die Gesamtmenge an Öltransiten durch die Strasse von Hormus sowie den umgeleiteten Transporten auf 15 Millionen Barrel pro Tag beläuft. Vor Start des Krieges lag diese Zahl zwar noch bei rund 20 Millionen Barrel, dennoch ist es eine Annäherung an den Status quo vor dem Krieg. Ob diese Zahlen stimmen, ist allerdings schwer zu sagen.
Eine totale Kontrolle über die Meerenge, wie Trump am Montag behauptete, wäre das so oder so noch nicht. Die Unsicherheit ist weiter enorm.
Dasselbe Dilemma gilt aber auch für den Iran.
Iran verschärft die Rhetorik
Wie in der Vergangenheit erkennen die Mullahs das zwar nicht öffentlich an, doch innerhalb des Regimes hat man die aggressive Rhetorik gegenüber den USA in den letzten Tagen wieder verschärft.
Am Mittwoch vermeldete die Financial Times, dass das iranische Regime die Möglichkeit in Betracht zieht, US-amerikanische Ziele in Europa ins Visier zu nehmen, falls der Krieg wieder aufflammen sollte. Der Zeitungsbericht stützt sich dabei auf die Aussagen von zwei Personen, die dem Regime nahestehen.
Konkret sollen US-Basen in Bulgarien oder in Zypern als mögliche Ziele geprüft worden sein. Auch die Manipulation von Unterwasser-Glasfaserkabeln in der Strasse von Hormus sei gemäss dem Bericht diskutiert worden. Der Zeitpunkt scheint auffällig und kann als Zeichen eines zunehmend nervösen, aber auch radikaleren Regimes in Teheran gewertet werden.
Erst letzte Woche berief Ayatollah Mojtaba Khamenei zahlreiche Hardliner in wichtige Spitzenpositionen im Sicherheits- und Militärbereich. Auch die iranischen Revolutionsgarden geben sich wieder gewohnt angriffig.
Denn die aktuelle Situation ist sowohl für den Iran als auch für die USA gefährlich, für beide Parteien könnte der Status quo längerfristig zum Problem werden.
In den USA stehen im November die Midterms an. Der Krieg im Iran ist in den USA extrem unbeliebt, die Beliebtheitswerte von Donald Trump sind gemäss neuen Umfragen tiefrot. Die Sorge vor einem länger anhaltenden Krieg in der Bevölkerung ist gross – und für die Republikaner hinsichtlich der Parlamentswahlen eine reale Bedrohung.
Die Zeit drängt für beide Seiten
Ein militärischer Ausweg aus dem Krieg scheint nach den Erfahrungen der vergangenen Monate nicht möglich zu sein. Darum greift der US-Präsident nun, auch wegen mangelnder Alternativen, zu einem weiteren Mittel: mit wirtschaftlichem Druck soll das Regime in die Knie gezwungen werden.
Tatsächlich ist die Wirtschaft im Iran stark angeschlagen, was vor allem die einfache Bevölkerung zu spüren bekommt. Es gibt allerdings keine Anzeichen dafür, dass sich die Mullahs dem innenpolitischen Druck beugen würden. Das brutale Vorgehen, jeglichen Widerstand gegen die Regierung im Keim zu ersticken, scheint eher zu zeigen: Teheran ist nach wie vor willig und in der Lage, weiter mit brutalster Repression die Menschen im eigenen Land (mund)tot zu machen.
«Wirtschaftlicher Druck wird nur dann Erfolg haben, wenn unsere Widerstandsfähigkeit grösser ist als die des iranischen Regimes, und es ist nicht klar, ob das eine gute Wette ist», sagt Suzanne Maloney, Iran-Expertin und Direktorin für Aussenpolitik der Denkfabrik Brookings Institution, gegenüber der New York Times.
Die Zeit jedenfalls drängt, für die USA und Donald Trump wie auch für das iranische Regime – auch wenn beide Seiten ihre Bereitschaft zum Durchhalten betonen. Die «New York Times» spricht von einem Kampf der wirtschaftlichen Willenskräfte.
Völlig offen ist, wer diesen Kampf für sich entscheiden wird.
