International
Analyse

Warum das Kennedy Center Donald Trump ein Dorn im Auge ist

Trump, 1984, Orwell, Big Brother
Trump ist überall. Bild: watson/Shutterstock
Analyse

Trump und Big Brother

Im Kampf um das Kennedy Center geht es um weit mehr als die lächerliche Eitelkeit des US-Präsidenten.
17.09.2026, 14:0417.09.2026, 14:04

In George Orwells Jahrhundertroman «1984» überwacht Big Brother nicht nur die Menschen, sondern auch die Geschichte. Diese wird laufend neu geschrieben und den aktuellen geopolitischen Verhältnissen angepasst, denn, wie Orwell feststellt: «Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.»

Hitlers Faschismus und Stalins Kommunismus standen Pate für Orwells Erkenntnis. Die beiden Diktatoren liessen die Geschichte laufend umschreiben, um so ihre wahnwitzigen Ziele zu rechtfertigen. Bücher mit Inhalten, die nicht dazu passten, wurden verbrannt. Personen, die in Ungnade verfallen waren, aus den Fotos wegretuschiert.

epa12479014 The Smithsonian Museum of Natural History remains closed due to the government shutdown in Washington, DC, USA, 24 October 2025. The government shutdown, now in its 24th day, is the second ...
Das Smithsonian Museum of Natural History in Washington.Bild: Keystone

Diese unselige Praxis ist leider nicht ausgestorben. In Deutschland will die AfD neuerdings mehr Bismarck und weniger Hitler im Geschichtsunterricht. In den USA versucht Donald Trump das Smithsonian an die Leine zu nehmen, das nationale Museum, das die amerikanische Geschichte dokumentiert. So wie die deutschen Nationalisten die Gräuel der Nationalisten verniedlichen wollen, will Trump auf diese Weise die Sklavenherrschaft verharmlosen.

Im Mittelpunkt des amerikanischen Kulturkampfes steht jedoch aktuell das Kennedy Center in Washington. Dabei handelt es sich um ein Kulturzentrum, das zu Ehren des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy vom Kongress beschlossen und 1971 eröffnet wurde. Es kann auf jahrzehntelange Erfolgsgeschichte zurückblicken. Genau deswegen ist es jedoch Trump und der MAGA-Bewegung ein Dorn im Auge.

Das Kennedy Center gilt, respektive galt, als linksliberal. Als eine der ersten Amtshandlungen in der zweiten Amtszeit feuerte der Präsident daher den gesamten Aufsichtsrat, liess diesen durch ihm getreue Speichellecker ersetzen und sich selbst als Vorsitzenden wählen. Auch das Programm wurde radikal umgestellt, Kunst wurde durch nationalen Kitsch ersetzt.

The John F. Kennedy Center for the Performing Arts, is seen, Wednesday, Sept. 2, 2026, in Washington. (AP Photo/Mark Schiefelbein)
Donald Trump
Verhüllt: der Namenszug des Kennedy Centers.Bild: Keystone

Vor allem jedoch wurde das Kulturzentrum umbenannt, in Trump Kennedy Center. Was auf den ersten Blick als Ausgeburt des unendlichen Narzissmus des Präsidenten aussieht, ist weit mehr: Es ist ein Stich ins linksliberale Herz, und genau darum geht es Trump auch. Er weiss, dass seine MAGA-Meute nichts mehr liebt, als wenn er die Linksliberalen trollt. Seinen Namen mit deren Ikone Kennedy zu verbinden – mehr Beleidigung geht nicht.

Die Rechnung ist aufgegangen. Das linksliberale Lager hat aufgeheult. Es tat jedoch noch mehr: Es eilte zum Kadi und verklagte den Präsidenten. Mit gutem Grund: Dessen Umbenennung des Kulturzentrums ist ein klarer Verstoss gegen das Gesetz. Nur der Kongress wäre zu einem solchen Schritt berechtigt. Das sah auch der zuständige Richter so. Er gab der Klage Recht, – und das gleich zweimal –, und er ordnete an, dass Trumps Namenszug wieder vom Gebäude entfernt werden müsse.

Nun war Trump an der Reihe, aufzuheulen. Er will jetzt den Supreme Court anrufen und diesen richterlichen Entscheid kassieren lassen. Um seine Blamage zu kaschieren, hat er den Namenszug des Centers verhüllen lassen.

Damit hat der Präsident seine Wut noch lange nicht gestillt. Das Kennedy Center ist in die Jahre gekommen und muss renoviert werden. Trump will diese Renovation zum Anlass nehmen, es in seinem Sinn umwandeln zu lassen, so wie er bereits das Weisse Haus mit Gold zumüllt und einen Teil davon für seinen überdimensionierten Ballroom hat abreissen lassen.

epaselect epa13206870 Workers remove a large sculpture called 'Blue' by artist Joel Shapiro from the grounds of the John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, DC, USA, 02  ...
Entfernt: eine Trump missliebige Skulptur beim Kennedy Center.Bild: Keystone

Gleichzeitig hat Trump ein Ultimatum ausgesprochen. Darf sein Name nicht am Gebäude stehen, gibt es auch kein Geld für die Renovation. Zudem hat er einen Vorfall zum Anlass genommen, das Zentrum vorübergehend schliessen zu lassen. Am 4. September hat ein Sturm einen Balken des Daches abstürzen lassen. Die Sicherheit der Menschen sei deswegen nicht mehr gewährleistet, deshalb dürfe das Kennedy Center für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich sein, so die Begründung der von Trump eingesetzten Direktion.

In welch lächerliche Tiefen Trump gesunken ist, zeigt ein Post, die er auf seiner Plattform Truth Social nachgereicht hat. Die Renovation könne erst dann beginnen, wenn es gesichert sei, dass sein Name auf dem Gebäude erscheinen dürfe, heisst es darin.

Ob er mit dieser Drohung Erfolg haben wird, ist fraglich. Mit seinem Briefwahl-Urteil hat der Supreme Court bewiesen, dass er gelegentlich auch gegen den Präsidenten entscheiden kann. Trumps Eitelkeits-Projekte sind zudem nicht nur unpopulär, sondern auch von zwiespältigem Erfolg, wie das Beispiel der missglückten Renovation des Reflecting Pools zeigt.

Vor allem jedoch stehen reale Probleme an, vor denen sich der Präsident nicht länger wegducken kann. Wegen des missglückten Iran-Abenteuers steigen die Benzin- und vor allem die Dieselpreise. Weil mittlerweile auch, die nationalen Reserven an einen kritischen Punkt gelangt sind, rechnen Experten damit, dass die Preissteigerung ihren Höhepunkt noch längst nicht erreicht hat. Das bedeutet auch, dass die Inflation noch nicht gezähmt ist, obwohl die Fed soeben entgegen dem Wunsch des Präsidenten die Leitzinsen erhöht hat.

Anstatt in einem Kulturkampf zu versuchen, die Vergangenheit umzuinterpretieren, muss Trump daher dringend versuchen, seine Probleme der Gegenwart in den Griff zu bekommen. Dazu scheint der 80-jährige, gesundheitlich und geistig angeschlagene Präsident jedoch nicht mehr in der Lage zu sein.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Trump-Hotels
1 / 9
Trump-Hotels
Trump International Hotel and Tower in Chicago. (AP Photo/Charles Rex Arbogast)
quelle: ap/ap / charles rex arbogast
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Trump ruft NVIDIA-Chef an und nennt KI-Bedenken einen «Schwindel»
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
0 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Berufungsprozess gegen Marius Borg Høiby startet im Februar
Der Fall Marius Borg Høiby wird ab dem 9. Februar kommenden Jahres neu verhandelt. «Vorläufig sind 16 Tage für den Berufungsprozess vorgesehen», teilte das Berufungsgericht am Donnerstag mit.
Zur Story