Was mag Robert Francis Prevost durch den Kopf gegangen sein, als er am Donnerstagnachmittag mit 132 anderen Kardinälen in der Sixtina sass und im 4. Wahlgang zum 89. Mal sein Name von einem Wahlzettel abgelesen wurde? Als klar wurde, dass er die Schwelle der Zweidrittelmehrheit erreicht hatte? Spürte er eine Art «Fallbeil» wie damals Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI?
Als Prevost als Papst Leo XIV und 267. Bischof von Rom kurz nach 19 Uhr auf die Loggia des Petersdoms trat, schien er nicht so entrückt wie damals sein Vorgänger. Sondern fest entschlossen.
Sein beeindruckender Weg zum Oberhaupt von rund 1,4 Milliarden Katholikinnen und Katholiken begann in Chicago im US-Bundesstaat Illinois, wo er am 14. September 1955 geboren wurde. Über seine Kindheit und seine Eltern ist nur wenig bekannt. Als 22-Jähriger trat er in den Augustinerorden ein, vier Jahre später legte er sein Ordensgelübde ab, ein Jahr später folgte die Priesterweihe.
Prevost versteht nicht nur etwas von Theologie, sondern auch von Zahlen. Seine akademische Ausbildung umfasst unter anderem einen Bachelor of Science in Mathematik. In seiner Doktorarbeit schrieb er über «Die Rolle des lokalen Priors im Orden des Heiligen Augustinus».
Prevost verbrachte viele Jahre in Peru. 1985 trat er dortigen Augustinermission bei und war von 1985 bis 1986 Kanzler der Territorialprälatur Chulucanas. 1987 und 1988 kehrte er zwischenzeitlich in die USA zurück, wo er als Berufungspastor und Missionsdirektor für die Augustinerprovinz von Chicago wirkte. Dann ging er erneut nach Peru und leitete dort zehn Jahre lang das Augustinerseminar in Trujillo.
Es folgte eine zweite Zwischenzeit in der Heimat. Ab 1999 war er Provinzprior, dann Generalprior der Augustiner in Chicago; dieses Amt übte er bis 2013 aus. Dann kehrte er abermals nach Peru zurück, diesmal auf Geheiss von Papst Franziskus.
Er wurde zum Apostolischen Administrator der Diözese Chiclayo, zwei Jahre später Bischof von Chiclayo. Als Vizepräsident und Mitglied des ständigen Rates der peruanischen Bischofskonferenz (2018 bis 2023) soll er zusammen mit den anderen peruanischen Bischöfen immer wieder geholfen haben, das Land bei Krisen stabiler zu machen.
Franziskus setzte grosses Vertrauen in Prevost, denn Anfang 2023 ernannte er ihn zum Präfekten des wichtigen Dikasteriums für die Bischöfe. Er war damit in den letzten beiden Jahren für die Auswahl von Bischöfen auf der ganzen Welt zuständig. Dieses Amt hatte er bis zum Tod von Papst Franziskus am 21. April inne. Am 30. September 2023 wurde Prevost von Franziskus in den Kardinalsrang erhoben.
Prevost gilt nicht als einer, der seine Positionen offensiv kommuniziert. In zentralen Themen äussere er sich nur wenig, schreibt etwa die gut dokumentierte Webseite collegeofcardinals.com. Er teilt Franziskus' Engagement in Bezug auf Umweltfragen und die Alltagssorgen der Menschen. «Der Bischof soll kein kleiner Prinz sein, der in seinem Königreich sitzt», wird er etwa zitiert.
Zur Erklärung «Fiducia supplicans», die unter bestimmten Bedingungen die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erlaubt, äusserte sich Prevost verhalten positiv.
Unklar ist, wie er zur alten lateinischen Messe steht; dazu scheint er sich noch nicht explizit geäussert zu haben. Vor allem konservative Kreise in seiner Heimat USA dürften gespannt sein, wo er sich diesbezüglich positionieren wird.
Im Vorfeld des Konklaves 2025 galt Prevost als möglicher Kompromisskandidat. Seine lange Missionszeit in Peru machte ihn zu einem «halb-amerikanischen» Kandidaten, der keine besonders grosse Nähe zum US-Präsidenten pflegt.
Prevost ist bei der Schweizer Bischofskonferenz kraft seines Amtes ein bekannter Name. Er sorgte vor kurzem auch für Irritation. So wurde im März bekannt, dass Jean Scarcella sein Amt als Abt von Saint-Maurice wieder aufnahm. Scarcella war nach einer kanonischen Voruntersuchung wegen Missbrauchsvorwürfen offiziell von Rom gerügt worden, eine Art Abmahnung. Danach war Scarcella freiwillig in den Ausstand getreten.
Die Bischofskonferenz und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz der Schweiz, in der die kantonalkirchlichen Organisationen zusammengeschlossen sind, nahmen die Wiedereinsetzung, für die letztlich Prevost verantwortlich ist, irritiert zur Kenntnis.
Die Aufgabe, die der neue Pontifex am Donnerstag übernahm, ist gewaltig. Es gibt viele kulturelle Ungleichzeitigkeiten in der Kirche. Eines von Franziskus' Anliegen war, einen neuen Weg der Beratung innerhalb der Kirche zu finden – also das, was er unter Synodalität verstand. Er war der Papst des «Nein, aber…». Er hielt einerseits an der Lehre fest, suchte andererseits neue Wege in der Praxis. Eine Gratwanderung, die auch zu Irritationen und Rissen führte.
An Papst Leo XIV. ist es nun, diese Gratwanderung auf sichere Wege zurückzuführen.
Ich hoffe, dass der neue Papst Franziskus würdig beerbt - gerne natürlich auch etwas mutiger.
Aber dass er einen Kinderschänder wieder einsetzte, ist für mich kein gutes Signal.