«Russische Offensive ist verpufft»: Diese fünf Punkte machen Putin die Hölle heiss
Der Ukraine-Krieg kommt immer deutlicher an einen Wendepunkt. Grössere Durchbrüche an der Front werden zunehmend unwahrscheinlich. Dafür versuchen beide Seiten, den Gegner durch Luftangriffe in der Tiefe zu zermürben: mit Drohnenschlägen auf Logistik, Infrastruktur und Nachschubwege. Die aktuelle Entwicklung deutet darauf hin, dass diese Verschiebung in der Kriegsführung die sich verteidigende Ukraine begünstigt und die russische Armee vor wachsende strukturelle Probleme stellt.
Diese fünf Entwicklungen setzen Russlands Kriegführung zunehmend unter Druck:
Drohnen-Patt
Nach Einschätzung des österreichischen Militärexperten Markus Reisner hat der massive Einsatz von Drohnen eine «Todeszone» von bis zu 50 Kilometer Tiefe geschaffen. Diesen «Drohnenwall» könnten beide Seiten nur schwer überwinden. «Die russische Frühjahrsoffensive ist verpufft», stellt Reisner im ZDF-Interview fest.
Zwar bereitet Moskau eine neue Sommeroffensive vor, doch deren Erfolgsaussichten seien gering. Die russische Armee dürfte versuchen, die Ukraine im Norden und Süden zu binden, um anschliessend im Donbass einen entscheidenden Durchbruch zu erzielen. Mit demselben Ziel ist Kreml-Herrscher Putin jedoch bereits in den vergangenen beiden Jahren gescheitert. Die britische Geheimdienstchefin Anne Keast-Butler sorgte jüngst mit der Zahl von 500'000 getöteten Russen für Aufsehen , welche die bisherige Kriegsführung den Kreml gekostet habe.
Reisner folgert daraus: «Die Russen müssen im fünften Kriegsjahr erkennen, dass die Art und Weise, wie sie ihre Angriffe vortragen, nicht zum Erfolg führt. Darum sehen wir gerade diese Eskalation auf der strategischen Ebene.» Damit spielt der Bundesheer-Oberst auf die schweren Luftangriffe auf Kiew an, die in der Nacht auf Dienstag erneut zahlreiche Tote und Verletzte forderten, sowie auf den jüngsten Einsatz der ballistischen Oreshnik-Rakete.
Nachschublinien unter Druck
Wie der «Kyiv Independent» in einer aktuellen Analyse feststellt, hat die Ukraine ihre sogenannte «Middle Strike Campaign» («Mittelstrecken-Feldzug») in den vergangenen Wochen massiv ausgeweitet. Die ukrainischen Drohneneinheiten konzentrieren sich zunehmend auf Lastwagen, Tankfahrzeuge, Versorgungskolonnen und wichtige Verkehrsachsen in einer Tiefe von 25 bis 200 Kilometern hinter der Front. Besonders betroffen ist der Landkorridor zwischen Russland und der besetzten Krim.
Entlang zentraler Versorgungsrouten wurden nach ukrainischen Angaben inzwischen Hunderte Fahrzeuge getroffen. Zentrales Mittel ist dabei die von Ex-Google-CEO Eric Schmidt entwickelte und von Starlink gesteuerte «Hornissen»-Drohne. Ausgerüstet mit einem 5-Kilo-Sprengkopf und 200 Kilometern Reichweite steht die Waffe inzwischen in grossen Zahlen zur Verfügung. Selbst russische Militärblogger räumen ein, dass die neuen Drohnenangriffe ein ernsthaftes Problem darstellen und bislang keine überzeugende Gegenstrategie existiert.
Footage of a Ukrainian Hornet mid-range strike drone slamming into a Russian KamAZ transport deep behind the frontline earlier this week. pic.twitter.com/BhgjVB5rRG
— OSINTtechnical (@Osinttechnical) May 30, 2026
Treibstoffmangel und Versorgungsprobleme
Die ukrainischen Angriffe bleiben nicht ohne Folgen. In den besetzten Gebieten der Südukraine sowie auf der Krim häufen sich Berichte über Treibstoffengpässe. Die von Moskau eingesetzten Behörden mussten teilweise Benzinrationierungen einführen. Auf der Krim wurden Verkäufe begrenzt oder nur noch über Gutscheinsysteme abgewickelt. Lange Schlangen an Tankstellen in Sewastopol, Melitopol oder Mariupol zeigen, dass die ukrainischen Angriffe zunehmend auch den zivilen Alltag beeinflussen. Gleichzeitig erschweren die Drohnenangriffe die Versorgung russischer Truppen mit Treibstoff, Munition und Ersatzteilen.
Nach Einschätzung ukrainischer Analysten könnte die Kampagne bei anhaltendem Tempo sogar einzelne Frontabschnitte von der Versorgung abschneiden. Gleichzeitig melden ukrainische Verbände erfolgreiche Angriffe auf russische Lagerhäuser, Truppenunterkünfte und Logistikzentren in den besetzten Gebieten von Donezk und Luhansk. Nach Angaben des ukrainischen 3. Armeekorps stehen wichtige Nachschubrouten in Teilen der besetzten Region Luhansk inzwischen unter permanenter Beobachtung und Feuerkontrolle ukrainischer Drohnen.
Verlust der sicheren Tiefe im Hinterland
Parallel zu den Angriffen auf Verkehrswege in den russisch besetzten Gebieten erweitert die Ukraine die Reichweite ihrer Luftangriffe immer mehr. Am Wochenende bestätigte der ukrainische Generalstab Angriffe auf die Raffinerie von Saratow, einen wichtigen Knotenpunkt des russischen Pipeline-Netzes in der Region Kirow sowie ein Treibstofflager im Gebiet Rostow. Einige der angegriffenen Ziele liegen mehr als 1000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.
Laut Militärexperte Reisner hat die Luftoffensive mit ständig variierenden Zielen gegen die russische Ölindustrie jenen «saturierenden Effekt», den die Ukraine früher aufgrund der knappen Verfügbarkeit von Marschflugkörpern wie Storm Shadow nie erreichen konnte: Etwa ein Viertel der Erdölproduktion und die damit zusammenhängenden Kriegseinnahmen sind bereits trocken gelegt.
Gleichzeitig führen Drohneneinschläge in Moskau der städtischen Bevölkerung vor Augen, dass der Krieg nicht mehr fernab im Rahmen einer «Spezialoperation» stattfindet, sondern zunehmend Russlands Zentren einbezieht. Das erhöhe ebenfalls den Druck auf den Kreml.
Eingeschränkte Offensivmöglichkeiten
Russische Militärblogger und Kriegsberichterstatter äussern sich ungewöhnlich offen über die aktuellen Probleme von Putins Armee. Sie berichten von erschwerten Truppenrotationen, Verzögerungen bei Munitionslieferungen und steigenden Risiken für Versorgungskonvois. Das amerikanische Institute for the Study of War (ISW) kommt ebenfalls zum Schluss, dass die ukrainischen Angriffe operative Auswirkungen entfalten und die russischen Offensivmöglichkeiten einschränken.
Noch verfügt Moskau über genügend Ressourcen, um den Krieg fortzusetzen. Doch die zunehmenden Schwierigkeiten fördern erste Anzeichen von russischer Kriegsmüdigkeit zutage. So findet es Markus Reisner «bemerkenswert», dass selbst Wladimir Putin im Umfeld der Mai-Parade ein «sich abzeichnendes Kriegsende» angedeutet hat. (aargauerzeitung.ch)

