Trump nutzt das Rezept der Demagogen – doch Amerikas Medien halten dagegen
Bereits als die Rede von Donald Trump angekündigt wurde, war allen klar, was der US-Präsident zu sagen gedachte. Grossspurig als Enthüllung von Wahlmanipulationen proklamiert, entpuppte sie sich denn auch als ein Sammelsurium altbekannter Klagen über eine angeblich manipulierte Wahl 2020, unbewiesener Behauptungen und faustdicker Lügen.
Die rund 30-minütige Rede gipfelte in einer Warnung vor drohenden Manipulationen bei den Zwischenwahlen und der Aufforderung an den Kongress, ein Gesetz zu verabschieden, das die Wahlrechte hauptsächlich der ärmeren Amerikanerinnen und Amerikaner einschränken würde.
Warum tut sich der Mann das an? Die Frage drängt sich auf, schliesslich muss sich Trump vor keiner Wahl mehr fürchten und könnte seine zweite Amtszeit entspannt geniessen. Die Antwort ist auf zwei Ebenen zu finden, einer psychologischen und einer politischen.
Man muss nicht Sigmund Freud heissen, um zu erkennen, dass der pathologische Narzisst Trump nicht verlieren kann. Dass er ausgerechnet von Joe Biden geschlagen wurde, wird er niemals zugeben. Es ist geradezu eine Obsession geworden. «Es fühlt sich an wie Captain Ahab in ‹Moby Dick›», sagt Trevor Potter, ein ehemaliger Vorsitzender des republikanischen Wahlausschusses in der «New York Times». «Er ist auf seine Behauptung fixiert, die Wahlen 2020 nicht verloren zu haben. Küchenpsychologen mögen erklären, dass er es nicht mag, wenn er verliert. Aber es ist offensichtlich ein tragender Pfeiler seiner Psyche geworden und gewissermassen auch ein wichtiger Teil seiner Regierung.»
«Moby Dick», nur so nebenbei, ist ein klassischer Roman von Herman Melville, in dem ein Kapitän eines Walfängerschiffes darauf fixiert ist, einen weissen Wal zu erlegen.
Es ist jedoch mehr als Trumps Psyche, die als Erklärung für die Rede herhalten muss. Trump weiss, was vor ihm schon andere Demagogen erkannt haben, beispielsweise das Sprachrohr von Adolf Hitler, Joseph Goebbels. Das Rezept ist simpel: Wiederholt man eine Lüge nur genügend oft, dann wird sie mit der Zeit geglaubt.
Auch George Orwell hat in seinem Roman «1984» festgehalten, dass, wer die Macht hat, die Vergangenheit neu zu schreiben, auch die Zukunft für sich entscheiden kann.
Trumps Lügen haben lange Beine
Trump tut genau dies, beharrlich und schamlos. Gebetsmühlenartig wiederholt er, dass die Wahlen 2020 manipuliert gewesen seien und er in Wahrheit mit grossem Vorsprung gewonnen habe. «Die spezifischen Behauptungen – Wahlmaschinen, Stimmzettelsammlungen, tote Wähler – mögen alle längst widerlegt sein, aber das spielt keine Rolle», stellt Jeffrey Sonnenfeld in seinem Buch «Trump’s Ten Commandments» fest. «Der generelle Eindruck, dass etwas Illegales stattgefunden habe, bleibt im öffentlichen Bewusstsein haften.»
Das stimmt leider. Das Stimmenbarometer Economist-YouGov zeigt an, dass rund die Hälfte der Republikaner mittlerweile überzeugt ist, dass die Wahlen 2020 tatsächlich manipuliert waren, obwohl mehr als 60 Richter – viele von ihnen sogar von Trump eingesetzt – diese Behauptung als grundlos verworfen haben.
In einem politisch aufgeheizten Klima haben Lügen und Verschwörungstheorien lange Beine. Dass Charlie Kirk von Israel ermordet worden sei, ist bereits ein Klassiker. Neuerdings soll auch der Tod von Lindsey Graham keine natürlichen Ursachen haben.
Mit seinen teils absurden und leicht zu widerlegenden Lügen will Trump das Terrain für die Zwischenwahlen vorbereiten. Allgemein wird erwartet, dass diese für die Republikaner zu einem Debakel werden. Denn Trumps Beliebtheitswerte sind mittlerweile auf 37 Prozent gesunken, das zeigt die jüngste Umfrage der «Washington Post».
Die USA sind nicht Nazi-Deutschland
Die Gründe für das Umfragetief liegen auf der Hand: Wie sich die USA ohne massiven Gesichtsverlust aus dem Irankrieg befreien können, weiss möglicherweise Gott, Trump sicher nicht. Die Erschwinglichkeitskrise ist nicht behoben, und jetzt mehren sich auch noch die Anzeichen für einen Crash der Tech-Aktien.
Gleichzeitig wird der Präsident alle Hebel in Bewegung setzen, um eine demokratische Mehrheit – schlimmstenfalls in beiden Kammern des Kongresses – zu verhindern. Das wissen aber auch die Demokraten, die ihrerseits alle Hebel in Bewegung setzen, um Trump genau daran zu hindern.
Sie haben gute Chancen, damit auch Erfolg zu haben. Trump mag sich an Goebbels orientieren und die USA sind zwar auf einem gefährlichen Weg in einen autoritären Staat, aber noch lange nicht Nazi-Deutschland. So haben sich zwei der grossen TV-Stationen – NBC und ABC – geweigert, Trumps Rede zu übertragen. Die führenden Zeitungen wie die «New York Times» oder die «Washington Post» haben sie stiefmütterlich behandelt, und wenn sie überhaupt berichteten, haben sie die Rede nach Noten verrissen.
Dazu kommt, dass Trumps Wahlmanipulation-Behauptungen mittlerweile ausgelutschter sind als die Schwulenhymne «YMCA», die jeweils an den präsidialen Rallys aus allen Lautsprechern plärrt. Ausser beim harten MAGA-Kern fallen sie nicht mehr auf fruchtbaren Boden. Junge Männer, Schwarze und Hispanics, die Trump zum Wahlsieg verholfen haben, wenden sich jetzt scharenweise von ihm ab.
Umgekehrt sind diese Behauptungen Viagra für die demokratischen Wähler. Sie werden am 3. November zahlreich an die Urne eilen. Trump könnte somit erleben, was schon Viktor Orban widerfahren ist. Die Mehrheit gegen ihn fällt so überwältigend aus, dass sämtliche Manipulationsversuche zum Scheitern verurteilt sind.
