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Ukraine: Neuartige Drohnen übernehmen Aufgabe von Soldaten

Roboterkrieg wird real: Neuartige Drohnen übernehmen in der Ukraine Aufgabe von Soldaten

Der Personalmangel zwingt die ukrainischen Streitkräfte zu kreativen Lösungen. Bodengestützte Drohnen zeugen davon, wie ein Frontbesuch zeigt.
19.05.2026, 11:5926.06.2026, 08:59
Kurt Pelda, Oblast Donezk / ch media

Es ist 22.30 Uhr, als die Textnachricht eintrifft: «Wir sind da, in einem grossen gepanzerten Fahrzeug.» Warm angezogen, mit Schutzweste und Helm, verlasse ich das Haus. Um die Ecke steht der Radpanzer, der Motor läuft.

Ich öffne die schwere Stahltür und setze mich auf die Rückbank. Der Soldat auf dem Beifahrersitz hat das Rufzeichen «Uragan» (Ukrainisch für «Orkan»). «Sitzst du bequem», fragt er auf Englisch? Es ist eine rhetorische Frage, denn wir machen uns auf den Weg ins Kampfgebiet.

An der Front im Donetsk hat soeben eine ferngesteuerte Bodendrohne einen Verwundeten geborgen; dieser wird nun von Kameraden auf einen Pickup-Truck umgeladen.
An der Front im Donetsk hat soeben eine ferngesteuerte Bodendrohne einen Verwundeten geborgen; dieser wird nun von Kameraden auf einen Pickup-Truck umgeladen.bild: Press service of the 93rd Separate Mechanized Brigade/Handout

Der Fahrer drückt aufs Gaspedal, und der Panzer rast durch einen kilometerlangen Netztunnel. Es dauert lange, bis wir das Ende erreichen. Kurz bevor wir ins Freie hinausfahren, meldet Uragan, dass er die «elektronische Kampfführung» eingeschaltet habe – also Störsender gegen russische Drohnen.

Rotlicht im Freien

Nun, da uns der Netztunnel nicht mehr vor Luftangriffen schützt, sind wir auf die starken Sender auf dem Dach des Fahrzeugs angewiesen. Wir können nur hoffen, dass sie auf jenen Frequenzen senden, die auch die russischen Drohnenpiloten verwenden.

Es ist ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel zwischen Drohnenproduzenten und Herstellern von Störsendern: Immer, wenn die Russen für ihre Kampfdrohnen neue Frequenzbereiche verwenden, müssen neue Störsender entwickelt werden. Meistens haben die Drohnenproduzenten in diesem Wettlauf die Nase vorn.

Netztunnels schützen vor Drohnen.
Netztunnels schützen vor Drohnen. bild: Kurt Pelda

Der Panzer ist inzwischen von der Landstrasse abgebogen. Jetzt schaltet der Chauffeur die Abblendlichter aus. Es ist stockfinster. Auf einer vereisten Piste fahren wir durch den Wald, bis zu einer grossen Lichtung. Hier lässt uns der Fahrer aussteigen. Es ist kalt, unser Atem kondensiert in der Luft.

Von nun an sind im Freien nur noch Taschenlampen mit Rotlicht erlaubt. Bis zu den nächsten russischen Stellungen sind es noch etwa zwölf Kilometer. Während mich Uragan einen Feldweg entlang führt, dreht der Radpanzer um und verschwindet wieder im Wald.

Ein paar Schritte entfernt stossen wir auf ein sonderbares Gefährt mit dicken Geländepneus und einer vergitterten Ladefläche, der Grund für unsere nächtliche Fahrt. Es ist eine Bodendrohne. Die Ukrainer verwenden dafür den sperrigen Ausdruck «landgestützter Roboterkomplex» (NRK). Beladen ist das Gefährt mit Munitionskisten und Kartons.

Drohnen am Boden?

In der Militärtechnik und Robotik wird selten von Drohnen gesprochen, wenn es um Landsysteme geht. Der korrekte Fachbegriff für ein unbemanntes Fahrzeug lautet: UGV (Unmanned Ground Vehicle). Dabei ist grundsätzlich zwischen zwei Typen zu unterscheiden: R-UGV (Remotely Operated) werden von Menschen ferngesteuert. A-UGV (Autonomous) agieren unabhängig, gesteuert von KI.

Im alltäglichen Gebraucht hat sich aber tatsächlich «Drohne» als Überbegriff für unbemannte, ferngesteuerte oder autonome Systeme etabliert, ob in der Luft, im Wasser oder am Boden. (dsc)

Editorial Bild
bild: keystone

Die Nacht ist gefährlicher als der Tag

Die Todeszone – also das Gebiet, in dem jeder Mensch und jedes Fahrzeug riskiert, von einer Kampfdrohne aufgespürt und angegriffen zu werden, beginnt in etwa zwei Kilometern Entfernung. «Sich als Kämpfer in der Nacht in der Todeszone zu bewegen, ist noch gefährlicher als am Tag», erzählt Uragan. «Die Wärmebildkameras der chinesischen Aufklärungsdrohnen – die Russen und wir benützen denselben Typ – sehen in der Nacht und bei klarem Wetter praktisch alles.»

Wenn Soldaten zur Front marschieren oder von dort zurückkehren, ist das am Tag weniger riskant. Im Winter hilft der Morgennebel, die Sicht der Drohnenkameras einzuschränken. Meistens werden zwei Soldaten zusammen losgeschickt. Grössere Gruppen ziehen schnell die Aufmerksamkeit von Drohnen auf sich.

Uragan bei der beladenen Bodendrohne.
Uragan bei der beladenen Bodendrohne.bild: Kurt pelda

Die Versorgung isolierter Stützpunkte an der Front wird häufig durch Flugdrohnen sichergestellt, doch deren Nutzlast ist beschränkt. Wenn es zum Beispiel um den Transport schwerer Munitionskisten oder um die Rettung von Verwundeten geht, verwenden die Ukrainer deshalb zunehmend Bodendrohnen, sowohl in Rad- als auch in Kettenausführung. «Unsere Kameraden an der Front brauchen gerade neue Kampfdrohnen und Munition für ihre grossen Bomberdrohnen», erklärt Uragan. «All das haben wir gut verpackt auf unseren NRK geladen.»

Wir gehen noch ein paar Schritte dem Feldweg entlang, und dann biegt Uragan ab und führt mich zu einem ebenerdigen Haus. Es ist die Kommandozentrale. Kein Lichtstrahl dringt nach aussen. Der Generator, der das Gebäude mit Strom versorgt, ist weder hör- noch sichtbar.

Wir werden erwartet. Die Stube ist gut geheizt, darum bitten uns die Soldaten, Helm und Schutzweste auszuziehen. Der Pilot des NRK sitzt in einem Lehnstuhl mit geblümtem Polster. Auf der Rückseite seines T-Shirts ist der Satz «Wir sehen alles» aufgedruckt.

Tatsächlich wachen die Soldaten über ein «gläsernes Gefechtsfeld». Vor ihnen sind auf einem langen Tisch fünf Bildschirme aufgereiht. Einer davon zeigt aktuelle Drohnenaufnahmen aus dem Kampfgebiet, ein anderer ist für die Kommunikation mit anderen Stellungen reserviert.

Im Schneckentempo an die Front

Die Bodendrohne ist mit Wärmebildkameras ausgerüstet, die dem Fahrer Sicht nach vorn und rückwärts erlaubt. Gesteuert wird das Gefährt ähnlich wie bei einem Modellflugzeug. Der Unterschied liegt bei der Verbindung: Weil Funksignale von landgestützten Sendern am Boden oft nur schwer zu empfangen sind, erfolgt die Steuerung über einen Satelliten.

Nun setzt sich das drollige Fahrzeug in Bewegung, und schnell wird klar, worin der Nachteil von Bodendrohnen besteht: Der NRK holpert im Schritttempo über einen verschneiten Feldweg. Am Bildschirm des Piloten wird unten rechts die Geschwindigkeit und die zurückgelegte Strecke angezeigt.

Das Tempo variiert zwischen vier und sieben Kilometern pro Stunde. Jeder Geländewagen wäre schneller, aber diesen Nachteil nehmen die Soldaten gerne in Kauf: Bodendrohnen sind zwar langsam, sie kosten aber weniger als Autos, und vor allem braucht so niemand für eine Versorgungsfahrt sein Leben zu riskieren.

Im Kommandoraum der Drohneneinheit.
Im Kommandoraum der Drohneneinheit. bild: kurt pelda

Durch die zunehmenden russischen Drohnenangriffe verloren die Ukrainer nämlich erstmals im Krieg mehr Soldaten bei Nachschuboperationen als vorne an der Front.

Mit den unbemannten Versorgungsfahrzeugen «Made in Ukraine» schont die Armee ihre Soldaten. Sonderausführungen werden auch bei der Rettung von Verwundeten verwendet. Sie sind mit einer Art «Sarg aus Stahl» ausgerüstet, in den verwundete Kämpfer an der Front gelegt werden. Der Behälter schützt bei der Rückfahrt vor Splittern explodierender Granaten oder Drohnen. Auf diese Weise wurden schon Soldaten über Entfernungen von mehreren Dutzend Kilometern evakuiert.

Immer mehr künstliche Intelligenz

Bei Fahrten über grosse Distanzen kommt zunehmend künstliche Intelligenz zum Zug. Das gilt auch für den Fall, dass eine Drohne die Funkverbindung verliert. Dann kann KI das Fahrzeug – und damit zum Beispiel auch den Verwundeten – retten, indem sie die Drohne selbstständig zum Treffpunkt mit dem Krankenwagen steuert.

«Die in der Ukraine hergestellten Bodendrohnen kosten je nach Ausstattung, zwischen einer Viertelmillion und einer Million Hriwna», erzählt Fedir, ein Unteroffizier in der Einheit, mit der wir unterwegs sind. Das entspricht einem Stückpreis von umgerechnet zwischen 4400 und 17’500 Franken. Topmodelle aus den USA mit viel KI seien dagegen erst für mehr als 250’000 Franken zu haben.

Selbstverständlich gibt es auch für Kampfeinsätze Bodendrohnen. Diese sind häufig mit einem schweren Maschinengewehr des Typs Browning M2 und ausreichend Munition ausgerüstet. Die Fahrzeuge werden von Piloten an neuralgischen Punkten im Frontgebiet geparkt und schiessen von dort auf angreifende Russen.

Auch hier kommt teilweise KI zum Einsatz. Allerdings gibt Fedir zu bedenken, dass die künstliche Intelligenz bisher nicht gut zwischen ukrainischen und russischen Soldaten unterscheiden kann. Dieses Problem haben aber selbst geübte Beobachter, weil viele Kämpfer beider Kriegsparteien nicht die offiziellen Uniformen ihrer Armeen tragen.

Kampfroboter sind bereits Realität

Kampfroboter und Bodendrohnen sind in der Ukraine schon jetzt Realität. Angesichts des Personalmangels in den Streitkräften werden sie schon bald eine viel wichtigere Rolle einnehmen als heute. Das gilt auch für KI. Bereits heute übernimmt bei manchen funkgesteuerten Flugdrohnen die KI den Zielanflug. Das liegt an den Störsendern der Russen, welche die Funksignale der Drohnen im engen Umfeld einer Artilleriestellung beispielsweise unterdrücken.

Um die letzten paar hundert Meter bis zum Ziel zu überbrücken, kann der Pilot bei entsprechend nachgerüsteten Drohnen der KI den Auftrag geben, eine Fahrzeug oder Geschütz selbständig anzufliegen. Die KI merkt sich dabei das Pixelmuster des Ziels und steuert die Drohne ohne Funksignale bis zur Detonation.

Im Weiler werden Kisten und Kartons aus dem Gitterkäfig des NRK abgeladen.
Im Weiler werden Kisten und Kartons aus dem Gitterkäfig des NRK abgeladen. bild: kurt pelda

Inzwischen hat unsere Bodendrohne mehr als zehn Kilometer zurückgelegt und fährt in einen leeren, gespenstisch wirkenden Weiler. Der Pilot kündigt den wartenden Soldaten die Ankunft an. Plötzlich tritt aus der Dunkelheit eine Gestalt auf die Strasse und weist den NRK mit Handzeichen an, rückwärts zu einer Garage zu fahren. Dann öffnen die Kämpfer die Gitterverkleidung und laden die verpackten Drohnen und Bomben aus.

Nach wenigen Minuten ist der NRK bereit für die Rückfahrt. Nun haben die Ukrainer in dem Weiler wieder genug Material, um die angreifenden Russen mit ihren Flugdrohnen zu piesacken.

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