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Bewohner von Lwandle mit einer Essenslieferung für 4 Wochen. bild: Lollie Gudlindlu

Coronavirus in Südafrikas Townships: «Menschen sterben lieber an Covid-19 als an Hunger»

Südafrika hat am 27. März einen rigorosen Lockdown verhängt. Am härtesten traf dies auch diesmal die Ärmsten: Die Bewohner in den Armensiedlungen. Warum dort die Chancen auf das Überleben steigt, wenn man an Covid-19 erkrankt, erzählt Lollie Gudlindlu aus dem Township Lwandle bei Kapstadt.



Südafrika führte einen der weltweit härtesten Lockdowns durch. Für fünf Wochen galt ab dem 27. März eine Ausgangssperre. Raus durfte man nur, um Essen zu kaufen oder medizinische Besorgungen zu machen.

Besonders brutal traf diese Massnahme die Einwohner der Townships, der Armensiedlungen im Staat am Kap. Denn dort wird oft in Wellblechhütten gehaust, eine «Wohnung» mit einem kleinen Zimmer teilt man sich dann gerne mal mit vier bis acht Personen.

Die Ausgangssperre wurde Anfangs Mai auf Level 4 heruntergefahren. Man soll weiterhin zuhause bleiben, aber es dürfen wieder einige Läden mehr öffnen (hier gibt es die Details).

Diese Öffnung bringt vielen Arbeitern aus dem Township wenig, denn ihre Arbeit ist nicht gesucht. Und da sie von der Hand in den Mund leben, bedeutet dies: Das Essen wird knapp. Wir haben mit Lollie Gudlindlu, einer Bewohnerin des Townships Lwandle bei Kapstadt, gesprochen. Sie koordiniert vor Ort auch ein Unterstützungsprojekt mit Spendengeldern aus der Schweiz.

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Das Coronavirus in Südafrika

Südafrika ist mit 8895 Fällen (WHO, 10. Mai) das afrikanische Land mit den meisten gemeldeten Fällen. Getestet wird im Vergleich zu Europa sehr wenig. Präsident Cyril Ramaphosa verhängte am 27. März eine totale Ausgangssperre, diese galt bis am 1. Mai. Seither gilt Level 4, was bedeutet, dass mehr Läden wieder offen sind. Verkauf von Alkohol oder Zigaretten ist weiterhin verboten, von 20 bis 5 Uhr darf niemand raus.

Lollie, weisst du, was in der Schweiz zu Beginn des Lockdowns eines der begehrtesten Produkte war – und darum teilweise kaum erhältlich?
Lollie Gudlindlu: Keine Ahnung.

WC-Papier.
Echt? Wieso? Hier würde das unter diesen Umständen niemand kaufen. Das ist verrückt!

Ja, es ist sehr schwer nachvollziehbar ... Genauso unvorstellbar ist es für viele Schweizer, wie das Leben im Township läuft. Kannst du das kurz beschreiben?
Die Townships werden von den ärmsten Menschen Südafrikas bewohnt. Teilweise gibt es «normale» kleine Häuser, doch oft wird noch in Wellblechhütten oder Bretterverschlägen gehaust. Diese «Wohnungen» bestehen meist aus einem oder zwei Räumen, wo dann die ganze Familie oder Wohngemeinschaften leben.

In Südafrika herrschte während fünf Wochen eine komplette Ausgangssperre. Auch jetzt gilt noch, zuhause zu bleiben, wer nicht arbeiten geht oder Essen besorgt. Was bedeutet das?
Das ist eigentlich nicht durchführbar, schon gar nicht mit Kindern. Für viele bedeutet dies, dass man mit vier bis acht Personen diesen kleinen Raum für 24 Stunden teilen müsste. Und Social Distancing ist sowieso nicht möglich.

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Lollie Gudlindlu (r.) mit ihren beiden Helfern. bild: Lollie Gudlindlu

Township Lwandle unterstützen

Lollie Gudlindlu arbeitet normalerweise als Haushälterin in einem benachbarten Viertel für einen Schweizer. Als der Lockdown in Südafrika kam, fragte sie ihn um Hilfe. Entstanden ist das Projekt Township Food Help, welches bisher 300 Familien in Lwandle bei Kapstadt mit Essenspaketen und weiteren 1700 Familien mit der Flüssignahrung Shumba half.

Gibt es denn viele Corona-Fälle in deinem Township?
Das ist sehr schwierig zu sagen. Weil getestet wirst du höchstens, wenn du ganz eindeutige Symptome hast. Ich kenne hier niemanden, der getestet wurde. Aber vor einigen Tagen schloss die Polizeiwache an der Ecke. ein Polizist sei positiv getestet worden.

Die engen Platzverhältnisse sind aber eigentlich «nur» das kleinere Übel. Arbeitsverträge, wie wir das in der Schweiz kennen, haben die allerwenigsten im Township. Wer nicht arbeitet, kriegt kein Geld.
Ja, das ist so. Wir leben von der Hand in den Mund. Viele Taglöhner stellen sich morgens an die Strasse und hoffen, einen Job zu ergattern. Falls ja, erhalten sie am Abend etwas Geld, falls nicht, gibt es nichts.

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Irgendwo im Township Lwandle. bild: Lollie Gudlindlu

Das Problem ist also oft das Geld und das Essen?
Genau. Das Coronavirus ist nicht das Hauptproblem, sondern die Nahrungsbeschaffung. Viele denken hier: Lieber Tod durch Covid-19 als durch Hunger. Denn wenn man Symptome hat und positiv getestet wird, kommt man wenigstens ins Spital, wo es täglich Mahlzeiten gibt. Und man hat die Chance, zu überleben.

Wie hilft die Regierung?
Eigentlich erhalten Südafrikaner Essenslieferungen. Man muss da diverse Formulare ausfüllen. Ich habe das gemacht und vor fast drei Wochen wurde mein Antrag genehmigt. Aber eine Essenslieferung habe ich noch nicht erhalten. Bekannte von mir haben diese mittlerweile erhalten. Warum ich nichts bekommen habe, weiss ich nicht.

Kann es sein, dass die Lieferung irgendwo «verloren ging»?
Man hört Gerüchte, dass Essensportionen anderweitig verkauft, selbst behalten oder verteilt werden. Ich weiss es nicht. Ich hoffe, sie kommt noch.

Du musst, auch weil du ein Spendenprojekt aus der Schweiz hier leitest, keinen Hunger leiden. Wen trifft es besonders hart?
Ja, ich bin arm. Aber wenn ich jetzt sehe, wie es anderen in meinem Township geht, dann geht es mir gut. Es ist teilweise fast nicht vorstellbar, was ich antreffe. Ich lebe seit Jahren hier, aber ich wusste nicht, wie prekär bei anderen die Lage ist.

Kannst du ein konkretes Beispiel nennen?
Heute traf ich eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern. Drei davon erhalten normalerweise eine Art Sozialversicherung. Von der Regierung wartet sie auch noch auf die Essensunterstützung, Arbeit hat sie keine. Sie haben nichts.

Lwandle

Eine alleinerziehende Mutter mit ihren fünf Kindern. Während des Lockdowns hat sie keine Chance auf Einkünfte. bild: Lollie Gudlindlu

Wer ist sonst noch schwer betroffen?
Es leben hier viele Menschen aus Simbabwe oder Malawi und anderen Ländern des südlichen Afrikas. Für sie ist es zusätzlich schwierig, von der Regierung etwas zu erhalten. Sie haben praktisch keine Chance auf Unterstützung und können nur mit Hilfe überleben.

Schon vor mehr als drei Wochen stand Südafrika an der Schwelle zur Krise:

Wie entscheidet ihr, wer von eurem Projekt unterstützt wird?
Ich kenne viele Leute hier und Menschen melden sich, die in argen Nöten sind. Zum Beispiel heute lieferten wir an eine Wohngemeinschaft, in welcher wir drei Leute erwarteten. Es lebten dann zehn dort.

Wie kann das sein?
Grundsätzlich ist es schwierig, zu erfassen, wer wo lebt. Aktuell sind auch aus anderen Provinzen viele Familienmitglieder mit ihren Kindern zurück zu den Eltern gekommen. Während der Krise wollen sie zusammen sein und sich unterstützen.

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Ein Essenspaket, das für eine Familie und vier Wochen reichen sollte. bild: Lollie Gudlindlu

Kinder besuchen in Südafrika oft Tagesschulen, wo sie auch essen erhalten. Das fällt jetzt weg, oder?
Genau. Die Schulen sind geschlossen. Normalerweise erhalten Kinder dort Frühstück und Mittagessen. Das fällt weg. Ich kenne ein paar Frauen, die hier jeweils für diese Kinder kochen. Aber grundsätzlich hängen diese zusätzlichen Essen jetzt auch von der Familie ab. Hinzu kommt, dass Arbeiter, die normalerweise beispielsweise als Lastwagenfahrer tagelang unterwegs sind, jetzt auch immer zuhause sind und zusätzliches Essen benötigen.​

Was verteilt ihr eigentlich?
Unsere Packages sind für vier Wochen gedacht. Das sind meist Grundnahrungsmittel. Ein grosser Teil davon ist Maismehl, daraus können verschiedene einfache Gerichte gemacht werden.

Was zum Beispiel?
Sehr beliebt ist in Krisenzeiten ein selbstgemachtes, nahrhaftes Getränk. Wir nennen es Amagewu (Anm. d. Red.: je nach Sprache und Region wird dieses auch anders bezeichnet).

Lwandle

Lwandle. bild: Lollie Gudlindlu

Was sind die weiteren Herausforderungen neben dem Essen?
Ein Problem ist die Elektrizität. Strom gibt es hier nur Prepaid. Wer also kochen will, muss sich Strom kaufen. Es gibt hier keine Monatsverträge oder so für Elektrizität.

Zahlen die Menschen Mieten für ihre kleinen Häuschen oder Hütten?
Ja, viele schon. Oft gehört ihnen auch die einfachste Unterkunft nicht. Und die Vermieter sind auf das Geld ebenfalls angewiesen, weshalb sie wenig kooperativ sind. Wer die Miete nicht bezahlen kann, verliert seine Unterkunft.​

Wie lange können die Menschen in Townships noch durchhalten?
Das ist nicht abschätzbar. Gefühlt wird es jeden Tag schlimmer. Wie schon gesagt, ich sehe hier auf meinen Touren Dinge, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

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Kinder erhalten normalerweise in der Schule essen, doch da diese zu ist, gibt es auch kein Essen. bild: Lollie Gudlindlu

Hat die Kriminalität zugenommen?
Ich kann es nicht beurteilen. Wir meiden die gefährlichen Gegenden im Township. Man hört immer wieder von Überfällen, wegen Essen. Aber erlebt habe ich es zum Glück nicht.

Wie schützt du dich selbst?
Wir haben einen eigenen Mundschutz genäht. Desinfektionsmittel erhalte ich manchmal von anderen Leuten, weil diese sehen, dass ich helfen will.

Wie geht es weiter?
Schwierig zu sagen. Wir wissen nicht, wie lange dieses Level 4 noch bestehen bleibt. Die Regierung will bis in sechs Monaten zum Normalzustand zurückkehren. Aber wir wissen es nicht.​

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Ouvrier 12.05.2020 23:45
    Highlight Highlight Und da soll es doch Leute geben die ernsthaft meinen uns geht es wahnsinnig schlecht, einige demonstrieren schon, aber die wissen nicht wirklich genau für oder gegen was, man könnte meinen jeder macht mit bei den Demos aber jeder mit einem anderen Anliegen. Hey, wir dürfen raus, wir haben Strom, Wasser... auch Warmwasser, Heizung, Internet, Telephon und TV, volle Lebensmittelläden, genug WC-Papier (LoLL) und wenn noch so arm, keiner wird verhungern. OK, keine Krise ohne Kollateralschaden, bei uns ist er noch absehbar, zumindest zur Zeit.
  • Juliet Bravo 12.05.2020 20:08
    Highlight Highlight Krass ist, dass unweit davon grosse Villenviertel stehen, wo sie in Saus und Braus leben. Südafrika hat die höchste soziale Ungleichheit der Welt. Das Ende der Apartheid konnte leider nur erreicht werden, indem der ANC wider Willen die Lösung der sozialen Frage von der Traktandenliste gestrichen hat.
    • honesty_is_the_key 14.05.2020 01:28
      Highlight Highlight Ich stimme dir absolut bei, es ist leider unglaublich (auf eine sehr schlimme Art und Weise) wie gross die Differenzen zwischen sehr reich und sehr arm sind in Südafrika. Ich glaube du weisst dass in den Villenvierteln auch viele Schwarze Millionäre leben ? Und das die "coloured" und Khoisan oft noch die grössere Arschkarte gezogen haben, weil sie weder weiss noch schwarz sind ?

      Aber ja, auf jeden extrem traurig was dort passiert, und lässt uns unsere "Sorgen" in ganz anderen Relationen erscheinen.
  • lilie 12.05.2020 19:59
    Highlight Highlight Für Townships und die Menschen dort ist ein Lockdown eine Katastrophe. Zumal die Regierung offenbar nicht ausreichend in der Lage ist, die Menschen auch mit dem Notwendigen zu versorgen.

    Absurderweise ist Südafrika vermutlich das einzige Land, in dem die Todesfälle seit der Coronakrise unter die üblichen Zahlen gesunken ist - was hauptsächlich auf den Rückgang von Gewaltverbrechen und Verkehrsunfällen zurückgeführt werden kann.

    Man kann trotzdem nur hoffen, dass die Massnahmen bald gelockert werden können. Ansonsten könnte die Gewalt massiv zunehmen.
    Benutzer Bild
  • B-Arche 12.05.2020 19:50
    Highlight Highlight Immerhin lese ich daraus dass diese Menschen bei Krankheit ins Spital kommen und auch dorthin gehen mittellos. Das ist besser als im Land of the Free USA wo die Unterschicht exakt das sein lässt um nicht noch das heruntergekommene Holzhüttchen aus den 1960ern zu verlieren welches man mit 100 Waffen verteidigt.
  • sheshe 12.05.2020 19:39
    Highlight Highlight Auch der Alkoholverkauf wurde verboten. Hat zur Folge, dass alle die können, selbst brauen. Inzwischen braut fast jeder, den ich kenne, in der Badewanne Bier in CT. Gibt auch schon Todesfälle deswegen. Ob die häusliche Gewalt hingegen so fest abnimmt (deshalb wurde das Verbot eingeführt) ist nicht ganz klar. Klar ist, die Beschaffungskriminalität hat stark zugenommen, sagen meine Quellen vor Ort.
    • Varanasi 12.05.2020 19:50
      Highlight Highlight Gerade haben sie darüber in der Tagesschau berichtet. Dort meinten sie, dass wegen dem Alkoholverbot die Gewalt abnimmt.
  • Silent_Revolution 12.05.2020 19:32
    Highlight Highlight Wie viele Bewohner der Townships nutzen das Gesundheitssystem, für welches sie jetzt weggesperrt werden?

    Die Massnahmen gibt es ja nicht, weil eine Ansteckung mit Covid-19 ein derart gefährliches Unterfangen ist, sondern weil das Gesundheitssystem bei einer Epidemie zu überlaufen droht.

    Sind die Leute versichert? Geld für Behandlungen haben sie bestimmt keines, das reicht ja kaum zum Leben.
    • lilie 12.05.2020 20:36
      Highlight Highlight @Silent_Revolution: In Südafrika gibts eine Zweiklassen-Medizin: Jeder, der sichs leisten kann, lässt sich privat versichern. Er erhält dafür Medizin auf westlichem Niveau.

      Der Rest ist auf die staatliche Gesundheitsversorgung angewiesen. Dort fehlt Personal, das System ist überlastet wegen HIV und Tuberkulose. Covid-19-Fälle können sie sich nicht leisten.

      Die Gesundheitsversorgung ist für Kinder und Schwangere gratis. Ansonsten weiss ich nichts, aber die interviewte Dame sagt ja, die Leute würden sehr wohl ins Spital gehen. Das scheint zumindest kein vordergründiges Problem zu sein.
    • Silent_Revolution 12.05.2020 21:09
      Highlight Highlight Die interviewte Dame sagt ja eben, dass die Leute nur dann ins Spital kommen, wenn sie positiv auf Covid-19 getestet werden, dass die Leute quasi schon drauf hoffen positiv zu sein, um gratis Mahlzeiten zu erhalten.
    • Silent_Revolution 12.05.2020 21:29
      Highlight Highlight Jedenfalls so wie ich das verstehe :)
    Weitere Antworten anzeigen
  • Amateurschreiber 12.05.2020 19:28
    Highlight Highlight "Lieber Tod durch Covid-19 als durch Hunger"

    Besser wäre, weder durch Covid-19 noch durch Hunger sterben zu müssen.

    Wollte ich nur gesagt haben, falls jemand gerade so etwas wie "Siehste, ein Lockdown ist schlimmer als Corona" posten will.
    • Eiswalzer 12.05.2020 22:10
      Highlight Highlight Man hat nicht mehr „Recht“, wenn man kritische Meinungen vorneweg nimmt...😉
      Logisch wäre es besser, an keinem der beiden zu sterben. Deshalb ist es ja wichtig, dass man Strategien möglichst so fährt, dass an BEIDEN möglichst wenig sterben. Insgesamt...
    • Maya Eldorado 13.05.2020 17:41
      Highlight Highlight Es ist eben so: Für diese Menschen am Rande ist Lockdown schlimmer als Corona.
    • Lululuichmagäpfelmehralsdu 14.05.2020 07:09
      Highlight Highlight Ein Lockdown ist schlimmer als Corona. 🤷‍♀️

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