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Bewohner von Lwandle mit einer Essenslieferung für 4 Wochen.
Bewohner von Lwandle mit einer Essenslieferung für 4 Wochen.
bild: Lollie Gudlindlu

Coronavirus in Südafrikas Townships: «Menschen sterben lieber an Covid-19 als an Hunger»

Südafrika hat am 27. März einen rigorosen Lockdown verhängt. Am härtesten traf dies auch diesmal die Ärmsten: Die Bewohner in den Armensiedlungen. Warum dort die Chancen auf das Überleben steigt, wenn man an Covid-19 erkrankt, erzählt Lollie Gudlindlu aus dem Township Lwandle bei Kapstadt.
12.05.2020, 19:1213.05.2020, 10:16
Reto Fehr
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Südafrika führte einen der weltweit härtesten Lockdowns durch. Für fünf Wochen galt ab dem 27. März eine Ausgangssperre. Raus durfte man nur, um Essen zu kaufen oder medizinische Besorgungen zu machen.

Besonders brutal traf diese Massnahme die Einwohner der Townships, der Armensiedlungen im Staat am Kap. Denn dort wird oft in Wellblechhütten gehaust, eine «Wohnung» mit einem kleinen Zimmer teilt man sich dann gerne mal mit vier bis acht Personen.

Die Ausgangssperre wurde Anfangs Mai auf Level 4 heruntergefahren. Man soll weiterhin zuhause bleiben, aber es dürfen wieder einige Läden mehr öffnen (hier gibt es die Details).

Diese Öffnung bringt vielen Arbeitern aus dem Township wenig, denn ihre Arbeit ist nicht gesucht. Und da sie von der Hand in den Mund leben, bedeutet dies: Das Essen wird knapp. Wir haben mit Lollie Gudlindlu, einer Bewohnerin des Townships Lwandle bei Kapstadt, gesprochen. Sie koordiniert vor Ort auch ein Unterstützungsprojekt mit Spendengeldern aus der Schweiz.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Das Coronavirus in Südafrika
Südafrika ist mit 8895 Fällen (WHO, 10. Mai) das afrikanische Land mit den meisten gemeldeten Fällen. Getestet wird im Vergleich zu Europa sehr wenig. Präsident Cyril Ramaphosa verhängte am 27. März eine totale Ausgangssperre, diese galt bis am 1. Mai. Seither gilt Level 4, was bedeutet, dass mehr Läden wieder offen sind. Verkauf von Alkohol oder Zigaretten ist weiterhin verboten, von 20 bis 5 Uhr darf niemand raus.

Lollie, weisst du, was in der Schweiz zu Beginn des Lockdowns eines der begehrtesten Produkte war – und darum teilweise kaum erhältlich?
Lollie Gudlindlu: Keine Ahnung.

WC-Papier.
Echt? Wieso? Hier würde das unter diesen Umständen niemand kaufen. Das ist verrückt!

Ja, es ist sehr schwer nachvollziehbar ... Genauso unvorstellbar ist es für viele Schweizer, wie das Leben im Township läuft. Kannst du das kurz beschreiben?
Die Townships werden von den ärmsten Menschen Südafrikas bewohnt. Teilweise gibt es «normale» kleine Häuser, doch oft wird noch in Wellblechhütten oder Bretterverschlägen gehaust. Diese «Wohnungen» bestehen meist aus einem oder zwei Räumen, wo dann die ganze Familie oder Wohngemeinschaften leben.

In Südafrika herrschte während fünf Wochen eine komplette Ausgangssperre. Auch jetzt gilt noch, zuhause zu bleiben, wer nicht arbeiten geht oder Essen besorgt. Was bedeutet das?
Das ist eigentlich nicht durchführbar, schon gar nicht mit Kindern. Für viele bedeutet dies, dass man mit vier bis acht Personen diesen kleinen Raum für 24 Stunden teilen müsste. Und Social Distancing ist sowieso nicht möglich.

Lollie Gudlindlu (r.) mit ihren beiden Helfern.
Lollie Gudlindlu (r.) mit ihren beiden Helfern.
bild: Lollie Gudlindlu
Township Lwandle unterstützen
Lollie Gudlindlu arbeitet normalerweise als Haushälterin in einem benachbarten Viertel für einen Schweizer. Als der Lockdown in Südafrika kam, fragte sie ihn um Hilfe. Entstanden ist das Projekt Township Food Help, welches bisher 300 Familien in Lwandle bei Kapstadt mit Essenspaketen und weiteren 1700 Familien mit der Flüssignahrung Shumba half.

Gibt es denn viele Corona-Fälle in deinem Township?
Das ist sehr schwierig zu sagen. Weil getestet wirst du höchstens, wenn du ganz eindeutige Symptome hast. Ich kenne hier niemanden, der getestet wurde. Aber vor einigen Tagen schloss die Polizeiwache an der Ecke. ein Polizist sei positiv getestet worden.

Die engen Platzverhältnisse sind aber eigentlich «nur» das kleinere Übel. Arbeitsverträge, wie wir das in der Schweiz kennen, haben die allerwenigsten im Township. Wer nicht arbeitet, kriegt kein Geld.
Ja, das ist so. Wir leben von der Hand in den Mund. Viele Taglöhner stellen sich morgens an die Strasse und hoffen, einen Job zu ergattern. Falls ja, erhalten sie am Abend etwas Geld, falls nicht, gibt es nichts.

Irgendwo im Township Lwandle.
Irgendwo im Township Lwandle.
bild: Lollie Gudlindlu

Das Problem ist also oft das Geld und das Essen?
Genau. Das Coronavirus ist nicht das Hauptproblem, sondern die Nahrungsbeschaffung. Viele denken hier: Lieber Tod durch Covid-19 als durch Hunger. Denn wenn man Symptome hat und positiv getestet wird, kommt man wenigstens ins Spital, wo es täglich Mahlzeiten gibt. Und man hat die Chance, zu überleben.

Wie hilft die Regierung?
Eigentlich erhalten Südafrikaner Essenslieferungen. Man muss da diverse Formulare ausfüllen. Ich habe das gemacht und vor fast drei Wochen wurde mein Antrag genehmigt. Aber eine Essenslieferung habe ich noch nicht erhalten. Bekannte von mir haben diese mittlerweile erhalten. Warum ich nichts bekommen habe, weiss ich nicht.

Kann es sein, dass die Lieferung irgendwo «verloren ging»?
Man hört Gerüchte, dass Essensportionen anderweitig verkauft, selbst behalten oder verteilt werden. Ich weiss es nicht. Ich hoffe, sie kommt noch.

Du musst, auch weil du ein Spendenprojekt aus der Schweiz hier leitest, keinen Hunger leiden. Wen trifft es besonders hart?
Ja, ich bin arm. Aber wenn ich jetzt sehe, wie es anderen in meinem Township geht, dann geht es mir gut. Es ist teilweise fast nicht vorstellbar, was ich antreffe. Ich lebe seit Jahren hier, aber ich wusste nicht, wie prekär bei anderen die Lage ist.

Kannst du ein konkretes Beispiel nennen?
Heute traf ich eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern. Drei davon erhalten normalerweise eine Art Sozialversicherung. Von der Regierung wartet sie auch noch auf die Essensunterstützung, Arbeit hat sie keine. Sie haben nichts.

Eine alleinerziehende Mutter mit ihren fünf Kindern. Während des Lockdowns hat sie keine Chance auf Einkünfte.
Eine alleinerziehende Mutter mit ihren fünf Kindern. Während des Lockdowns hat sie keine Chance auf Einkünfte.
bild: Lollie Gudlindlu

Wer ist sonst noch schwer betroffen?
Es leben hier viele Menschen aus Simbabwe oder Malawi und anderen Ländern des südlichen Afrikas. Für sie ist es zusätzlich schwierig, von der Regierung etwas zu erhalten. Sie haben praktisch keine Chance auf Unterstützung und können nur mit Hilfe überleben.

Schon vor mehr als drei Wochen stand Südafrika an der Schwelle zur Krise:

Wie entscheidet ihr, wer von eurem Projekt unterstützt wird?
Ich kenne viele Leute hier und Menschen melden sich, die in argen Nöten sind. Zum Beispiel heute lieferten wir an eine Wohngemeinschaft, in welcher wir drei Leute erwarteten. Es lebten dann zehn dort.

Wie kann das sein?
Grundsätzlich ist es schwierig, zu erfassen, wer wo lebt. Aktuell sind auch aus anderen Provinzen viele Familienmitglieder mit ihren Kindern zurück zu den Eltern gekommen. Während der Krise wollen sie zusammen sein und sich unterstützen.

Ein Essenspaket, das für eine Familie und vier Wochen reichen sollte.
Ein Essenspaket, das für eine Familie und vier Wochen reichen sollte.
bild: Lollie Gudlindlu

Kinder besuchen in Südafrika oft Tagesschulen, wo sie auch essen erhalten. Das fällt jetzt weg, oder?
Genau. Die Schulen sind geschlossen. Normalerweise erhalten Kinder dort Frühstück und Mittagessen. Das fällt weg. Ich kenne ein paar Frauen, die hier jeweils für diese Kinder kochen. Aber grundsätzlich hängen diese zusätzlichen Essen jetzt auch von der Familie ab. Hinzu kommt, dass Arbeiter, die normalerweise beispielsweise als Lastwagenfahrer tagelang unterwegs sind, jetzt auch immer zuhause sind und zusätzliches Essen benötigen.​

Was verteilt ihr eigentlich?
Unsere Packages sind für vier Wochen gedacht. Das sind meist Grundnahrungsmittel. Ein grosser Teil davon ist Maismehl, daraus können verschiedene einfache Gerichte gemacht werden.

Was zum Beispiel?
Sehr beliebt ist in Krisenzeiten ein selbstgemachtes, nahrhaftes Getränk. Wir nennen es Amagewu (Anm. d. Red.: je nach Sprache und Region wird dieses auch anders bezeichnet).

Lwandle.
Lwandle.
bild: Lollie Gudlindlu

Was sind die weiteren Herausforderungen neben dem Essen?
Ein Problem ist die Elektrizität. Strom gibt es hier nur Prepaid. Wer also kochen will, muss sich Strom kaufen. Es gibt hier keine Monatsverträge oder so für Elektrizität.

Zahlen die Menschen Mieten für ihre kleinen Häuschen oder Hütten?
Ja, viele schon. Oft gehört ihnen auch die einfachste Unterkunft nicht. Und die Vermieter sind auf das Geld ebenfalls angewiesen, weshalb sie wenig kooperativ sind. Wer die Miete nicht bezahlen kann, verliert seine Unterkunft.​

Wie lange können die Menschen in Townships noch durchhalten?
Das ist nicht abschätzbar. Gefühlt wird es jeden Tag schlimmer. Wie schon gesagt, ich sehe hier auf meinen Touren Dinge, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Kinder erhalten normalerweise in der Schule essen, doch da diese zu ist, gibt es auch kein Essen.
Kinder erhalten normalerweise in der Schule essen, doch da diese zu ist, gibt es auch kein Essen.
bild: Lollie Gudlindlu

Hat die Kriminalität zugenommen?
Ich kann es nicht beurteilen. Wir meiden die gefährlichen Gegenden im Township. Man hört immer wieder von Überfällen, wegen Essen. Aber erlebt habe ich es zum Glück nicht.

Wie schützt du dich selbst?
Wir haben einen eigenen Mundschutz genäht. Desinfektionsmittel erhalte ich manchmal von anderen Leuten, weil diese sehen, dass ich helfen will.

Wie geht es weiter?
Schwierig zu sagen. Wir wissen nicht, wie lange dieses Level 4 noch bestehen bleibt. Die Regierung will bis in sechs Monaten zum Normalzustand zurückkehren. Aber wir wissen es nicht.​

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