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epa08402587 Wheel barrow couriers sits in their wheel barrows waiting to take food from a food hand out school to their customers in nearby shanty town on day 40 of the national lockdown as a result of Covid-19 Coronavirus, Johannesburg, South Africa, 05 May 2020. The new micro business has evolved from the need for local shanty town residents to get their food to them during the daily hand outs. Food insecurity is one of the country's biggest issues during lockdown.  EPA/KIM LUDBROOK

Ein Mann wartet in einem Township von Johannesburg in Südafrika auf die Ausgabe von Lebensmitteln, um sie dann ins Quartier zu bringen und zu verteilen. Der Mini-Job dieser sogenannten Wheel Barrow Couriers (Schubkarrenleute) ist durch die Ausgangsbeschränkungen entstanden. Bild: EPA

Warum trifft die Corona-Pandemie Afrika so viel weniger hart?



Am 14. Februar erkrankte ein chinesischer Staatsangehöriger in Ägypten und wurde positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Es war der erste offizielle Corona-Fall auf dem afrikanischen Kontinent. Während die Pandemie sich rasant rund um den Erdball verbreitete und Europa und danach die USA China als Epizentrum der Seuche ablösten, stiegen die Fallzahlen in Afrika nur vergleichsweise langsam an.

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Dieser zumindest bisher moderate Anstieg kontrastiert mit den drastischen Warnungen, die in den Medien die Runde machen. So warnte Mitte Februar Microsoft-Gründer Bill Gates, der mit seiner Stiftung Impf-Programme in Entwicklungsländern fördert, die Pandemie könne in Afrika bis zu zehn Millionen Todesopfer fordern, wenn sich das Virus ungebremst ausbreite.

Ende März malte UNO-Generalsekretär Antonio Guterres die nahe Zukunft Afrikas in den düstersten Farben und sprach von Millionen von Toten, falls nicht eine «gigantische Mobilisierung» stattfinde. Und die WHO warnte Mitte April, gemäss einer provisorischen Modellrechnung könnte die Zahl der Infizierten auf dem Kontinent innerhalb von drei bis sechs Monaten auf zehn Millionen steigen.

Der Chef des WHO-Notfall-Stabs in Afrika, Michel Yao, wies allerdings darauf hin, dass sich diese Prognose noch ändern könne, denn falls die Bevölkerung ihr Verhalten anpasse, lasse sich der Anstieg bremsen. Dies sei bei der Ebola-Epidemie ebenfalls geschehen; die schlimmsten Prognosen hätten sich dort nicht bewahrheitet, weil die Leute entsprechend reagiert hätten.

Die Situation

Knapp drei Wochen später sind die Corona-Fallzahlen zwar auch in Afrika weiter gestiegen, doch der Kontinent weist im Vergleich zu anderen Weltregionen nach wie vor verhältnismässig wenige Infektionen und Todesfälle auf. Von Kairo bis Kapstadt – wir sprechen hier von einem Kontinent mit 1,3 Milliarden Einwohnern – sind bisher weniger bestätigte Fälle gezählt worden als allein in Belgien, das lediglich etwas mehr als 11 Millionen Einwohner hat. Und es gibt allein in den USA mehr Todesfälle als getestete Infizierte in ganz Afrika.

Gerade der Vergleich mit den USA ist frappant: Am 13. März gab es in ganz Afrika weniger als 200 bestätigte Fälle, am 6. April waren es rund 10'000. In den USA stieg die Zahl in einem Monat – vom 6. März bis zum 5. April von etwas mehr als 200 auf über 330'000. Dies bei einer Bevölkerung, die nur etwa einen Viertel so gross ist wie jene Afrikas.

Auch in Afrika steigt die Zahl der bestätigten Fälle stark an – jedoch auf einem nach wie vor tiefen Niveau.

Die meisten bestätigten Fälle gibt es in Südafrika, sonst sind aber eher Nordafrika, Westafrika und das westliche Zentralafrika betroffen. Unter den vier Staaten mit den meisten Infektionen finden sich drei nordafrikanische; ebenso bei den vier Staaten mit den meisten Todesfällen. Dies lässt vermuten, dass das Virus vorwiegend aus Europa nach Afrika gelangte.

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Im Vergleich zu den Brandherden der Pandemie in den USA und Europa ist Afrika bisher wenig betroffen. Karte: Johns Hopkins University

Südafrika führt die Liste der Länder mit den meisten bestätigten Fällen in Afrika an. Danach folgen aber drei nordafrikanische Länder.

Bei den Covid-19-Todesfällen führen drei nordafrikanische Länder die Liste an; insgesamt befinden sich fünf Länder aus dieser Region unter den ersten zehn.

Diese Zahlen zeichnen allerdings mit Sicherheit ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Wie überall sonst auch beruhen sie auf Tests, die in aller Regel nur einen geringen Teil der Bevölkerung erfassen, der obendrein alles andere als repräsentativ ist. In vielen Staaten Afrikas fehlten – und fehlen mancherorts immer noch – die Mittel, um genügend Personen testen zu können.

So hatte Nigeria, die grösste Volkswirtschaft Afrikas und ein Gigant mit rund 200 Millionen Einwohnern, bis zum 8. April lediglich 5000 Tests durchgeführt. Bis zum 4. Mai stieg die Gesamtzahl der Tests auf lediglich 18'536. Südafrika mit 58 Millionen Einwohnern hatte zu diesem Zeitpunkt immerhin knapp 246'000 Tests durchgeführt. Pro 1000 Personen sind das 4,144 Tests (Nigeria: 0,09). Zum Vergleich: Die Schweiz, die nicht extrem viel testet, kommt auf einen Wert von 32,551 (Stand 2. Mai).

Die sogenannte Dunkelziffer, also die Zahl der Infizierten, die nicht registriert werden und in der Statistik nicht auftauchen, dürfte daher in Afrika besonders gross sein. Der Epidemiologe Christian Lengeler, Präsident der Swiss Malaria Group, sagte am 24. April in einem Interview mit der NZZ, es müsse «also schon Hunderttausende von unentdeckten Fällen geben».

Zugleich weist Lengeler aber auch auf einen Umstand hin, der die Befürchtung, es müsse eine ungeheure Dunkelziffer geben, etwas relativiert: Man sehe bis jetzt keinen Ansturm auf die Spitäler. Dies bestätigt auch John Nkengasong, Direktor des Afrikanischen Zentrums für Seuchenkontrolle in Addis Abeba: Die Krankenhäuser wären von Patienten überflutet, wenn ein Grossteil der Infektionen nicht erfasst würde. Tatsächlich gibt dies, wie Lengeler sagt, Anlass zur Hoffnung, es werde nicht zu einer Katastrophe kommen – selbst wenn man in Rechnung stellt, dass ein Teil der Erkrankten es gar nicht erst in ein Krankenhaus schafft.

Die Gründe

Um es gleich vorwegzunehmen: Niemand weiss wirklich, warum die Bevölkerung des afrikanischen Kontinents bisher gegenüber dieser Pandemie eine so erstaunliche Resilienz an den Tag legt – genauso wenig, wie man weiss, ob die Situation sich nicht doch noch gravierend verschlechtern wird.

Als Erklärung für die vergleichsweise geringe Wucht, mit der die Pandemie bisher Afrika getroffen hat, steht das durchschnittliche Alter der Bevölkerung auf diesem Kontinent im Vordergrund, das um etwa 20 Jahre niedriger liegt als in Europa. Das neuartige Coronavirus – beziehungsweise die von ihm verursachte Krankheit Covid-19 – ist vor allem für die Altersgruppe der über 65-Jährigen gefährlich, die in Afrika nur etwa 2 Prozent der Bevölkerung ausmacht. In der Schweiz sind es dagegen 18,7 Prozent.

Afrika ist ein junger Kontinent, ...

... während Europa vergreist.

Dazu kommt, dass Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, die einen schweren Verlauf der Krankheit begünstigen, in der afrikanischen Bevölkerung weniger verbreitet sind als in der europäischen. Allerdings sind bedeutend mehr Menschen in Afrika durch Mangelernährung geschwächt, zudem können Infektionskrankheiten wie Malaria oder Ebola dazu beitragen, Teile der Bevölkerung weiter zu schwächen – so dass diese anderen Krankheiten wie Covid-19 weniger Widerstand entgegensetzen können.

Das Virus erreichte Afrika später als Europa. Die afrikanischen Regierungen hatten deshalb etwas mehr Zeit, Massnahmen vorzubereiten und ins Werk zu setzen. Dies taten einige von ihnen: Das Personal auf den Flughäfen trug lange vor seinen Kollegen in Europa Schutzmasken und führte Temperaturmessungen durch. Senegal und Ruanda schlossen die Grenzen und führten Ausgangsbeschränkungen ein, als die Zahl der bestätigten Fälle noch sehr niedrig war. Südafrika schloss die Landesgrenzen und führte Ende März eine der weltweit strengsten Ausgangssperren ein.

Die schnelle Reaktion erfolgte wohl nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit der Bekämpfung von Ausbrüchen anderer Krankheiten wie Aids, Tuberkulose oder Ebola. Gerade der langwierige Kampf gegen die Tuberkulose hat dazu geführt, dass auch die Leute auf der Strasse mit Konzepten wie Abstandhalten oder Infektionskontrolle vertraut sind.

Heath officials check the listings of people who are to be tested for COVID-19 as well as HIV and Tuberculosis, in downtown Johannesburg Thursday, April 30, 2020. Thousands are being tested in an effort to derail the spread of coronavirus. South Africa will began a phased easing of its strict lockdown measures on May 1, although its confirmed cases of coronavirus continue to increase. (AP Photo/Jerome Delay)

In Johannesburg werden die Leute nicht nur auf SARS-CoV-2 getestet, sondern zugleich auch auf HIV und Tuberkulose. Bild: AP

Weitere Thesen, die zur Erklärung der niedrigen Fallzahlen in Afrika herangezogen werden, sind eher hypothetischer Natur. So wird manchmal das warmfeuchte Klima, dem das Virus weniger gut widerstehen könne, als mögliche Ursache erwähnt. Derzeit ist dies nicht mehr als Spekulation. Eine Tatsache ist indes, dass die Mobilität der afrikanischen Bevölkerung geringer ist als in anderen Regionen. Hier gilt es allerdings zu bedenken, dass in vielen Städten des riesigen Kontinents zahlreiche Einwohner dicht zusammenleben und Social Distancing dort vielerorts ein Ding der Unmöglichkeit ist. Dies müsste der Verbreitung des Virus eigentlich Vorschub leisten.

Noch nicht geklärt ist die Frage, ob die Impfung gegen Tuberkulose, die in einigen afrikanischen Ländern nach wie vor obligatorisch ist, einen schützenden Effekt vor Covid-19 hat. Wäre dem so, dürfte dies nicht nur die Virologen in Afrika interessieren.

epaselect epa08372867 A South African child from the 7de Laan shack settlement receives a bowl of porridge from resident Kaltoma Samodien (L) who cooks for the 9 Miles Project Covid-19 community support programme in Strandfontein, Cape Town, South Africa, 20 April 2020. The 9 Miles Project Covid-19 community support programme feeds over 1500 people from vulnerable coastal communities across Cape Town. Born out of a surf outreach initiative the 9 Miles Project is a registered non-profit organisation (NPO) founded in 2013 by Nigel Savel. The project works with youth in coastal informal settlements and provides mentorship and support to the at-risk youth. Now with extreme lockdown measures in place food security is a massive problem in South Africa.  The 9 Miles Project Covid-19 community support programme is one of the organisations that has stepped into this void to try alleviate the growing hunger across the city.  EPA/NIC BOTHMA ATTENTION: This Image is part of a PHOTO SET

Karitative Einrichtungen wie hier in Kapstadt verteilen Essen an Bedürftige. Bild: EPA

All dies bedeutet freilich nicht, dass die Pandemie in Afrika kaum schlimme Folgen hätte. Gerade die teilweise drastischen Massnahmen, die nicht selten mit harter Hand durchgesetzt werden, treffen die Bewohner der Townships und Slums am härtesten. Diese Menschen sind oft darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner zu verdienen. Viele leben von der Hand in den Mund und sind nicht in der Lage, Vorräte anzulegen. Sie können nicht wochenlang im Lockdown leben: Sie stehen vor der Wahl, entweder die Vorschriften einzuhalten und zu hungern oder trotzdem auf die Strasse zu gehen, um ihre Dienstleistungen anzubieten und Besorgungen zu machen – mit dem Risiko, streng bestraft zu werden. In Südafrika kam es deswegen bereits zur Plünderung von Lebensmittelgeschäften. Amnesty International hat die Regierungen im südlichen Afrika daher aufgefordert, der Bevölkerung Nahrungsmittel zur Verfügung zu stellen.

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