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Corona-Hotspot Ischgl: E-Mails aus Island zeigen massive Versäumnisse

Die Tiroler Behörden wussten bereits am 5. März, in welchen Hotels die infizierten Touristen aus Island nächtigten. Dennoch wurden kaum Kontaktpersonen getestet und Bars blieben für weitere Tage offen.



epa07286557 A general view of the village, is captured in Ischgl, Austria, 15 January 2019. Countries in the alps have received heavy snowfalls in the past days and are facing roadblocks and increased avalanche danger in many parts of the affected regions.  EPA/DANIEL KOPATSCH

Blick auf das Tiroler Dorf Ischgl, indem sich hunderte Gäste aus Deutschland, Dänemark, Norwegen und Schweden mit dem Coronavirus infizierten. Bild: EPA/EPA

Hätten die Tiroler Behörden früher auf den Corona-Hotspot Ischgl reagieren können? Verfügten sie über ausreichend Informationen, um die Dringlichkeit rechtzeitig zu erkennen? Auf diese Fragen scheinen E-Mails aus Island zweimal mit «Ja» antworten zu können. Aus den Schreiben, die profil.at vorliegen, geht hervor, dass die isländischen Behörden bereits in der Nacht auf den 5. März Tirol von positiv getesteten Ischgl-Heimkehrenden berichteten.

Im Laufe desselben Tages erreichte eine weitere E-Mail die Tiroler Behörden, in der nun von 14 Fällen die Rede ist. Zudem sind fünf Hotels aufgelistet, in denen die Infizierten residiert haben. Aus dem Mail geht hervor, dass einige infizierte Touristinnen und Touristen bereits am 29. Februar nach Island zurückgekehrt sind – die Tiroler Behörden wussten somit ab dem 5. März, dass das Virus bereits seit Ende Februar in Ischgl im Umlauf ist.

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Die zweite E-Mail vom 5. März: Die Tiroler Behörden wussten, dass das Virus ab Ende Februar in Ischgl im Umlauf war und in welchen Hotels die infizierten Isländer nächtigten. quelle: profil.at

Weshalb wurden in den betroffenen Hotels nicht unverzüglich alle Mitarbeitenden und Gäste getestet? In einer Stellungnahme erwidert das Land Tirol, man habe noch auf die Namen der infizierten Isländerinnen und Isländer gewartet, um anhand dieser Informationen Kontaktpersonen in den betreffenden Hotels ermitteln zu können.

«Lediglich bei einer der befragten Personen wurden leichte grippeähnliche Symptome festgestellt», schreibt das Land Tirol. Zum damaligen Zeitpunkt war bereits bekannt, dass auch asymptomatische Personen ansteckend sein können. Auf die Frage, wie viele Personen in der Folge getestet und unter Quarantäne gestellt wurden, gab es gemäss profil.at keine Antwort seitens der Behörden.

Gemäss einem der fünf Hotels wurde nur eine Mitarbeiterin getestet – und somit keine anderen Gäste der Hotels.

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Eine andere zentrale Frage lautet, weshalb Ischgl auf die Meldungen so viel langsamer reagierte als beispielsweise Innsbruck. Dort war Ende Februar im Hotel Europa eine Rezeptionistin positiv getestet worden. Die Innsbrucker Behörde testete noch am selben Tag alle rund 60 Kontaktpersonen der Infizierten. Die betroffenen Personen mussten in Quarantäne.

Profit vor Gesundheit?

An internationaler Negativpresse fehlt es der Skigemeinde im Paznauntal in den letzten Wochen und Monaten nicht: Ischgl wurde als «Ground Zero» beschrieben, der deutsche Spiegel wirft Ischgl «Gier und Versagen» vor: Zu lange hätte die Tiroler Landespolitik und die Tourismusindustrie auf einen Shutdown der Skisaison zugewartet. «Ging hier Profit vor Gesundheit

Laut profil.at kann der Landesregierung ein sofortiger Stopp der Hochsaison nicht leicht gefallen sein. Denn: «In Tirol wird jeder dritte Euro im Tourismus erwirtschaftet, ein Viertel aller Arbeitsplätze hängen an der Branche.» 2019 erwirtschaftete der Sektor 8,4 Milliarden Euro. Mit 1,4 Millionen Nächtigungen belegte Ischgl letztes Jahr den zweiten Rang.

«Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich.»

Landessanitätsdirektion Tirol am 8. März

Après-Ski-Betriebe wie das inzwischen berüchtigte Kitzloch machen an Spitzentagen bis zu 100'000 Euro Umsatz. Dass die genannte Bar nach Bekanntwerden des ersten infizierten Angestellten am 7. März noch zwei Nächte offenblieb, war mit den Behörden abgesprochen: «Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich», hiess es am 8. März seitens der Landessanitätsdirektion. Die Bar wurde lediglich desinfiziert.

Erst am 9. März, als die Testergebnisse von 16 unter Quarantäne gestellten Mitarbeitenden und Kontaktpersonen positiv ausgefallen waren, ordnete die Bezirkshauptmannschaft Landeck per sofort die Schliessung des Kitzlochs an.

Abreise-Chaos nach Shutdown

Nachdem am 13. März die Quarantäne über ganz Ischgl verhängt worden war, traten Massen an Urlaubern die Heimreise an. Viele von ihnen haben das Virus unbewusst in ihre Heimatländer mitgebracht. Weshalb wurden die Touristen nicht vorab getestet und für zwei Wochen isoliert? Einige vermuten finanzielle Interessen, da die Hotellerie für die rund 7000 Gäste 14 Tage hätte aufkommen müssen.

ABD0136_20200313 - ISCHGL - ÖSTERREICH: ZU APA0767 VOM 12.3.2020 - Die Wintersaison endet heuer aufgrund des Coronavirus in Tirol frühzeitig. Nach dem Wochenende werden alle Skigebiete geschlossen. Im Bild: Eine geschlossene Apres-Ski-Bar aufgenommen am Freitag, 13. März 2020, in Ischgl in Tirol. - FOTO: APA/JAKOB GRUBER

Nach dem verhängten Lockdown mussten alle rund 7000 Gäste Ischgl verlassen und die Heimreise antreten. Bild: APA/APA

Gemäss der örtlichen Polizei verliessen rund 80 Urlauberinnen und Urlauber das Paznauntal, obwohl sie ihren Flug erst am Folgetag von Innsbruck antreten konnten. Diese unbemerkten Zwischenstopps in Hotels der Landeshauptstadt sorgten für weiteren Ärger in der Branche. «Ich nehme an, dass die Angst hatten, dass sie sonst nicht mehr rauskommen. Laut Plan hätten die auch erst am 14. März aus dem Paznauntal ausreisen dürfen» sagt Elmar Rizzoli vom Magistrat Innsbruck gegenüber profil.at. Es ist gut möglich, dass die Hintergründe und Versäumnisse des «Ground Zero» vor Gericht geklärt werden müssen. (adi)

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30Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • formi50+ 04.05.2020 20:14
    Highlight Highlight Und wenn es nicht die Österreich Touris waren, dann haben die Italien-Reisenden den Rest erledigt.
  • rönsger 04.05.2020 19:20
    Highlight Highlight Das Beispiel Ischgl beschreibt lehrbuchmässig das Denken und Handeln unserer Wirtschaftsführer: es ist auf die kurze Frist ausgerichtet: Wenn der Laden nicht mehr brummt, ruft sicher bald eine neue Wirkungsstätte, und man verabschiedet sich mit Boni. Die langfristigen Folgen, beipielsweise wegen massivem Imageverlust, können die Nachfolger oder die Steuerzahler*innen ausbaden, und das dauert wesentlich länger als ein paar Wochen ohne Einnahmen. Ich werde jedenfalls Ischgl künftig meiden.
  • champedissle 04.05.2020 18:28
    Highlight Highlight In Oesterreich läuft halt vieles, wenn nicht alles über Beziehungen (küss de Haan gnää Frau, aber gäärne Herr Magister) und, vorsichtig ausgedrückt, interne Kanäle. In anderen Ländern würde man von Bestechung reden. Das ist vor allem in Wien und den Touristenorten allgegenwärtig. Wer je schon als Auswärtiger mit diesen Behörden zu tun hatte, wir mir recht geben.
  • swisskiss 04.05.2020 18:24
    Highlight Highlight Nachher ist man immer gescheiter... Ich wette, dass heute viele Regierungen, schärfer und umfassender auf solch eine Bedrohung reagieren würden.

    Hauptsache man lernt daraus, denn nur Dummheit macht immer denselben Fehler. Intelligenz macht immer Neue...
  • Kenshiro 04.05.2020 17:42
    Highlight Highlight Parallelen zu Wuhan sind zu sehen, die Chinesen umflogen das halbe Globus wie die Touristen die in Ischgl geflüchtet sind.

    In Ischgl ist aber eine Untersuchung inklusive einer möglichen Verurteilung möglich, in Wuhan das Epizentrum der weltweiten Pandemie, ist es nicht möglich. Wir sind ja schon dumme westler oder?

    • ursus3000 05.05.2020 10:34
      Highlight Highlight @ Kenshiro
      "Wir sind ja schon dumme westler oder? "
      Du kannst ruhig von Dir schreiben , nicht wir .
      Danke
  • weissauchnicht 04.05.2020 17:37
    Highlight Highlight Menschen machen Fehler, vor allem wenn sie zum ersten Mal mit einer neuen, unbekannten Situation konfrontiert sind. Weil sie Menschen sind.

    Braucht es jetzt wirklich noch einen Pranger? Hört doch auf damit!
    • weissauchnicht 05.05.2020 07:12
      Highlight Highlight Einen Pranger, bis sich jemand in der Verwaltung von Ischgl das Leben nimmt?

      Trotz den vielen Blitzen, ich bleibe dabei. Einen Medienpranger braucht es nicht. Aber es ist nicht das einzige Unmenschliche im Umgang mit Corona...
  • neutrino 04.05.2020 17:15
    Highlight Highlight Klar ist das alles unschön, aber in der Retrospektive doch auch nicht so tragisch. Jeder von uns muss doch in den nächsten 1-2 Jahren damit rechnen, Corona-infiziert zu werden und damit muss man leben. Defensiv geschätzt erwartet man ja, dass mindestens 20% der Bevölkerung es gehabt haben, d.h. allein in Österreich über 1 Mio Personen. Durch die Versäumnisse in Ischgl hatten es geschätzt auf einen Schlag 200 Personen mehr als ohne dieses Versagen, d.h. dann 0.002% von 1 Mio. Klar, ist dies unschön - aber so eine riesen Tragik ja jetzt auch nicht.
    • Beasty 04.05.2020 18:45
      Highlight Highlight Komische Rechnung machst du da... Wenn 200 Menschen je 3 angesteckt haben, sind wir bei 600. Und diese 600 je wieder 3 ergibt das schon 1800 und diese wiederum 3 schon 5400... So etwas wie in Ischgl kann massgeblich dazu beigetragen haben, dass zBsp. in Süddeutschland oder der Schweiz die Fallzahlen so schnell zugenommen haben. Es ist also mehr als unglücklich - wenn nicht schon fahrlässig - dass die Verantwortlichen nicht schneller reagiert haben.
    • Garp 04.05.2020 18:48
      Highlight Highlight Vergiss die 20% neuste Untersuchungen in Öe zeigen ein ganz anderes Bild.
    • xlt 04.05.2020 19:02
      Highlight Highlight Keine seriöse Person schätzt, dass bereits 20% das Virus hatten.
    Weitere Antworten anzeigen
  • felixJongleur 04.05.2020 16:53
    Highlight Highlight Die ganze Ischgl Geschichte konnte ich noch so stehen lassen, Stichwort Titlis. Was ich aber dann peinlich fand war die Präsentation der vermeintlichen Patientin 0 aus der Schweiz.
    • Paul55 05.05.2020 07:54
      Highlight Highlight 1975: Der weisse Hai, Amity und der Bürgermeister! Alles schon vorweggenommen, nur hat der weisse Hai weniger Touristen hinweggerafft als der Corona Virus.
      Ischgl und Wuhan werden Partnerstädte (Engelberg bewirbt sich noch drum) :-)
  • lilie 04.05.2020 16:35
    Highlight Highlight Das ist alles gar nicht schön und unverantwortliches, kurzsichtiges und zudem asoziales Handeln.

    Aber: Warum zum Geier hat Österreich trotzdem so tiefe Zahlen? Zählen die einfach nicht?

    Alle Länder, die den Start verpennt haben, sind im Chaos versunken (Italien, Grossbritannien, USA...). Nur bei den Österreichern passierte nicht allzu viel, und sie konnten sogar als erste nach dem Lockdown wiedereröffnen.

    Wie ist das möglich?!
    • Pedro Salami 04.05.2020 20:02
      Highlight Highlight Schätze in Ischgl waren vor allem ausländische Touristen zu Gast und die sind ja ausgereist. Angestellte die infiziert waren sagte man ja sie sollen sich zwei Tage in ihr Zimmer zurückziehen und dann wieder zur Arbeit erscheinen und gefälligst die Klappe halten. Oder sie hätten nur eine Grippe.
    • fools garden 04.05.2020 20:19
      Highlight Highlight @lilie, Der Österreicher ist weit weniger reisefreudig als z.B. Deutsche, Holänder Belgier oder auch Helvetier. Der Tourist geht zu ihm, woas der Taifel, obs lei der Schmeh isch oder wos.
      In Ischgl waren vermutlich ein paar Positive in den Partyhallen und der Tourist trug dann das Virus nach Hause.
      Ich hab viel Familie im Süd und Nordtirol aber glaub mir, diese schafften es nicht einmal in die Schweiz, geschweige denn nach Südfrankreich...(eine Ausnahme)
      Stubenhocker riskieren weniger!
    • bokl 04.05.2020 20:20
      Highlight Highlight - Hotspot war Tirol nicht Wien
      - angesteckte Touristen zählen im Heimatland
    Weitere Antworten anzeigen
  • Lowend 04.05.2020 15:50
    Highlight Highlight Wer die Nähe der familiären Seilschaften aus Tourismus und Bergbahnen und deren Nähe und Einfluss auf die ÖVP Landesregierung kennt, wundert sich gar nicht, dass so lange nichts passiert ist. Profit machen, bis der Dampfer sinkt, schien damals die Devise gewesen zu sein.
  • ELMatador 04.05.2020 15:35
    Highlight Highlight Geld regiert die Welt, niemand möchte der erste sein der Schreit.

    Schreit man zu früh und die Pandemie wird abgewendet, wird man nämlich verteufelt weil ja gar nichts geschehen ist. Die Frage ist, wo ist die Grenze zwischen Geld- und Reputationsangst und die Verantwortung die man gegenüber der Gesellschaft hat.
  • Pedro Salami 04.05.2020 15:34
    Highlight Highlight Was in Ischgl abging wurde vom ORF schon vor Wochen aufgezeigt.
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    Laufzeit 48 Minuten die sich m.M. aber lohnen.

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