«Im Visier von Putins Attentätern» – deutscher Unternehmer erzählt
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Regelmässig den Wohnort wechseln, mit Personenschützern leben und weit weg von seinen Angehörigen sein: Der Chef eines deutschen Militär-Start-ups, das Drohnen für die Ukraine entwickelt, sagt, er stehe wegen eines mutmasslich von Moskau geplanten Attentats unter umfassendem Schutz.
«Putin hat diesen Weg gewählt, ich muss das akzeptieren», sagt Stefan Thumann, Chef des bayerischen Kleinunternehmens Donaustahl, in einem Gespräch von einem geheim gehaltenen Ort aus. Der 39-Jährige geht davon aus, dass sein Leben erst wieder normal werde, «wenn das russische Regime gestürzt ist». Gleichzeitig hält er es für möglich, dass «die Russen es schaffen werden», ihn zu töten.
Der Unternehmer sagt, er sei im Dezember 2025 von den deutschen Behörden vor einer Gefahr gewarnt worden. Kurz darauf sei eine weitere Information gefolgt:
Seitdem habe sich sein Alltag grundlegend verändert, sagt er. Er führt sein Unternehmen aus der Distanz und gibt gleichzeitig Interviews. Physisch sei er «mehr oder weniger vollständig von der Aussenwelt isoliert», erklärt er. Der Kontakt zu seiner Familie sei «sporadisch» und «ausschliesslich digital».
Auf Anfrage äusserte sich zuständige bayerische Innenministerium, weder zu den Schutzmassnahmen für den Unternehmer noch zu den Ermittlungen. Diese liegen in der Verantwortung der Generalstaatsanwaltschaft. Das Ministerium verwies auf die «Geheimhaltung» des Verfahrens.
Russische Vorfälle in Deutschland
Russland weist solche Vorwürfe regelmässig zurück. Laut Berlin sind deutsche Rüstungsunternehmen und kritische Infrastrukturen jedoch bevorzugte Ziele einer zunehmenden Sabotage- und Spionagekampagne, die Moskau zugeschrieben wird.
Deutschland, der grösste Hilfslieferant der Ukraine, warf Moskau zudem vor, hinter dem versuchten Anschlag mit einer Sprengdrohne Anfang August am Flughafen Leipzig in der Nähe ukrainischer Frachtflugzeuge zu stehen. Die russischen Behörden wiesen diese Anschuldigung zurück, betonten aber, dass die Flugzeuge mit militärischer Hilfe beladen gewesen seien.
Ein weiterer Vorfall ereignete sich Anfang September. In einer Strasse in München, in der mehrere Rüstungsunternehmen ihren Sitz haben, wurden Brandbomben auf Gebäude geworfen. Zwei bulgarische Staatsangehörige wurden festgenommen. In diesem Fall nannte Berlin keinen Auftraggeber, die Möglichkeit einer russischen Verbindung wurde jedoch thematisiert.
Im Jahr 2024 sollen die USA und Deutschland laut des Senders CNN zudem ein mutmasslich Russland zugeschriebenes Attentatsvorhaben gegen Armin Papperger, den Chef des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall, verhindert haben.
Zwischen Deutschland und Russland herrscht ein «echter Krieg»
Für Stefan Thumann ist «jedes Rüstungsunternehmen» in Europa «in unterschiedlichem Ausmass ein Ziel für die russische Armee». Seinen Angaben zufolge wurden in seinem Fall zwei Verdächtige festgenommen.
Dabei soll es sich um sogenannte «Wegwerf-Agenten» handeln – ein Begriff aus dem deutschen Nachrichtendienst. Dieser sagt, Moskau rekrutiere häufig über soziale Netzwerke und gegen geringe Geldbeträge Laien, die solche Operationen ausführten. Dadurch werde die Arbeit der Ermittler erschwert und die direkte Verbindung zu russischen staatlichen Stellen begrenzt. Zahlreiche Verfahren und Ermittlungen gegen Personen mit solchen Profilen laufen derzeit.
Nach dem Vorfall in Leipzig erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz, Deutschland stehe zunehmend «im Visier russischer Hybridangriffe» . Der Begriff umfasst zahlreiche Operationen, die Moskau zugeschrieben werden.
Als eher kleiner Akteur im Verteidigungssektor präsentiert sich Donaustahl als «Disruptor», der eine Branche aufrütteln will, die als zu schwerfällig und zu langsam bei der Anpassung an die aktuelle technologische Revolution auf den Schlachtfeldern gilt.
Das Unternehmen setzt auf ein Modell mit dezentraler Massenproduktion relativ günstiger Drohnen. Nach eigenen Angaben habe genau dieses Konzept die Aufmerksamkeit Russlands geweckt. Sein Konzept besteht darin, Angriffsgeräte und Sprengköpfe für Drohnenabwehrsysteme zu entwickeln und deren Produktion einer Vielzahl von Unternehmen zu übertragen. Der Chef von Donaustahl sagt:
Seiner Ansicht nach müsse die deutsche Regierung das Ausmass der Bedrohung noch erkennen und könne sich nicht «mit Symbolpolitik begnügen».
Der russische Aussenminister Sergei Lawrow griff diese Formulierung auf und bezeichnete die deutschen Vorwürfe nach dem Vorfall in Leipzig als «Beginn eines echten Krieges».
