Diese Lösung zur Klimarettung hat einen Haken
Die wichtigsten Akteure der Industrie, Vertreter der Luftfahrt und zahlreiche Staaten betonen es immer wieder: In den kommenden Jahren wollen sie aufhören, die Umwelt zu verschmutzen. Meist nennen sie dafür das Jahr 2050. Auch die Schweiz hat versprochen, bis dahin klimaneutral zu werden. Dafür müsse sie ihre Treibhausgasemissionen «drastisch reduzieren», schreibt das Bundesamt für Umwelt.
Die Aufgabe ist gewaltig. Um sie zu bewältigen, könnte eine bestimmte Technologie eine Schlüsselrolle spielen: die CO2-Abscheidung aus der Luft, meist als DAC («Direct Air Capture») bezeichnet. Dabei wird Kohlendioxid direkt aus der Atmosphäre gefiltert und dauerhaft tief im Untergrund gespeichert.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Das aus der Luft entfernte CO2 kann Emissionen ausgleichen, die sich laut dem Bundesamt für Umwelt nicht vollständig vermeiden lassen. Deshalb ist in diesem Zusammenhang oft von sogenannten «Negativemissionen» die Rede. Sie sollen helfen, unvermeidbare Restemissionen zu kompensieren und so die Klimaziele doch noch zu erreichen.
Derzeit ist diese Technologie allerdings noch weit davon entfernt, ihre Versprechen einzulösen. Das zeigt eine Studie der ETH Zürich, eines deutschen Instituts und des Imperial College London, die kürzlich im Fachjournal «Nature Communications» erschienen ist. «CO2-Abscheidung gilt weithin als entscheidend, um Klimaneutralität zu erreichen», schreiben die Forschenden.
Tatsächlich setzen immer mehr Akteure aus Industrie, Wirtschaft und Politik auf CO2-Abscheidung, um ihre Klimaversprechen einzuhalten. «Implizit verlassen wir uns bereits stark auf diese Technologie», sagt Nicoletta Brazzola, eine der Autorinnen der Studie. Der Grund: Die Emissionen sinken nicht so schnell wie erhofft, gleichzeitig nimmt die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu.
Das Problem dahinter ist allerdings, dass der Ausbau dieser Technologie heute noch «extrem begrenzt» ist, wie die Forschenden schreiben. Derzeit sind weltweit nur rund 30 Anlagen in Betrieb, die meisten davon in Europa und Nordamerika. Um die von der Industrie angekündigten Ziele zu erreichen, müssten die heutigen Kapazitäten laut Studie um das rund 100'000-Fache steigen. Und das in gerade einmal knapp 25 Jahren. Nicoletta Brazzola fasst es so zusammen:
«Nicht unmöglich»
Die gute Nachricht: Einen Gang höher zu schalten, sei «nicht unmöglich», hält die Studie fest. Die Forschenden verglichen drei Szenarien – basierend auf dem Ausbau von drei bereits etablierten Technologien: Flüssigerdgas, Ammoniaksynthese und Windenergie. Nur Letztere wuchs einst schnell genug, um auch DAC theoretisch auf Kurs zu bringen.
Das könne aber nur mit einer «koordinierten und ambitionierten» Politik gelingen, schreiben die Forschenden. Entscheidend sei, rasch zu handeln: Ein kurzfristiger Schub, der die Kapazitäten bis 2030 deutlich erhöht, könnte die für 2050 prognostizierte mittlere Kapazität um mehr als 600 Prozent steigern.
Als vergleichbare Beispiele nennt Nicoletta Brazzola Lithium-Batterien und Elektroautos. In beiden Fällen habe eine Kombination aus hohen Anschubsubventionen und massiven Investitionen in die Produktion dazu beigetragen, die Kosten zu senken – und den Markt in Schwung zu bringen.
Doch DAC funktioniert anders. Weil es noch keinen etablierten Markt gibt, lasse sich nicht einfach eine Technologie durch eine andere ersetzen, erklärt die Forscherin. «Vielmehr müsste ein Markt aus dem Nichts geschaffen werden – für eine Dienstleistung, für die niemand von sich aus einen natürlichen Kaufanreiz hat.»
Ja, aber …
Anders gesagt: Gewonnen ist hier noch gar nichts. «Das weckt echte Zweifel daran, ob wir diese Ziele realistisch erreichen können», räumt Nicoletta Brazzola ein. Gleichzeitig betont sie: Gezielt eingesetzte Fördermassnahmen, die in den kommenden zehn Jahren von mehreren Ländern koordiniert umgesetzt werden, könnten den in der Studie beschriebenen Hochlauf vom theoretisch Möglichen ins Machbare bringen.
An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch sinnvoll ist, zu sagen, diese Ziele seien machbar, wenn man gleichzeitig auf die riesigen Hürden verweist. Nicoletta Brazzola bejaht das. «Ich persönlich glaube nicht, dass ‹ja, aber …› automatisch ‹wahrscheinlich nicht› bedeutet», sagt sie. Und nennt folgendes Beispiel:
Die Aufgabe, um die es hier geht, sei vergleichbar, sagt die Forscherin. «Man könnte sogar argumentieren, dass die Bedrohung für die Menschheit noch existenzieller ist. Denn der Klimawandel ist kein Problem, das man in ein oder zwei Jahren wieder loswird», betont sie.
«Ob eine solche Aufgabe machbar ist, hängt davon ab, ob wir Massnahmen ergreifen, von denen wir bereits gezeigt haben, dass wir sie umsetzen können, wenn wir uns dazu entschliessen, die nötigen Mittel bereitzustellen», schliesst Brazzola.
Ob das tatsächlich geschieht, werden die kommenden Jahre zeigen. Sicher ist: Die bisherigen Beispiele machen wenig Mut. Eine Recherche von Mediapart zeigte vergangene Woche, dass das CO2-Megaprojekt von Total Energies in Norwegen deutlich weniger Gas speichern konnte, als seine Anlage eigentlich zulassen würde. Auch das Schweizer Unternehmen Climeworks hat bislang nur einen Bruchteil jener Emissionen aus der Atmosphäre geholt, deren Entfernung es versprochen hatte.
