Reto Knutti zu Klimazielen während Öl-Krise: «Es ist geradezu grotesk»
Katherina Reiche, Wirtschaftsministerin in Deutschland, hat vor Kurzem an einem Treffen der Öl- und Gasbranche öffentlich an den Klimazielen der EU gezweifelt. Sehen wir einen Trend, dass kritische Stimmen in Bezug auf die – selbst gesteckten, verbindlichen – Klimaziele jetzt lauter werden?
Reto Knutti: Weltweit sind die Fortschritte bei den CO2-Reduktionen ungenügend. Die globalen Emissionen haben wahrscheinlich den Höchststand erreicht, aber sie sinken immer noch nicht. Die US-Regierung hat sich offiziell aus der UNO-Rahmenkonvention, dem Weltklimarat IPCC und dem Pariser Übereinkommen verabschiedet. Die Welt ist auf Kurs für fast 3 Grad statt 1,5 Grad. Aber statt mehr zu tun, fordern einige nun «realistischere Ziele».
Wo könnten die aktuellen Gründe liegen?
Klimaschutz und Nachhaltigkeit werden im Moment als mühsam und teuer wahrgenommen. Aber eigentlich ist es geradezu grotesk: Katherina Reiche argumentiert, für Unternehmen sei bezahlbare Energie entscheidend, gleichzeitig gehen die Preise für Benzin und Gas durch die Decke, und der Kunde bezahlt es. Kritische Stimmen benutzen also die hohen Energiepreise als Argument, um Klimaschutz zu pausieren. Dabei zeigt sich, dass gerade Staaten, die bei den Klimazielen vorwärts gemacht haben, aktuell weniger ausgeliefert sind.
Welche Länder sind das besonders?
Spanien ist heute bei 42 Prozent Wind und Solar – eine Verdopplung in sechs Jahren. Dänemark ist bei fast 60 Prozent. Aber es ist bei Weitem nicht nur Europa. In Nepal sind 75 Prozent der neuen Fahrzeuge elektrisch. Auch Länder wie Pakistan oder Indien investieren massiv in Erneuerbare. Indien überspringt die Fossilen weitgehend und geht von Biomasse direkt zu sauberem Strom. China investiert nicht nur massiv in Erneuerbare, das Land produziert auch fast alle Solarpanels und Batterien und die Mehrheit der E-Autos.
Wie sieht es in der Schweiz aus: Gibt es auch hier kritische Stimmen in Bezug auf die Klimaziele?
Die Klimaziele werden nicht direkt hinterfragt, aber sie werden ungenügend umgesetzt.
Inwiefern?
Parlament und Bundesrat sind im Moment sehr zögerlich unterwegs. Zum Beispiel konnte man bei der Diskussion des Entlastungspakets in der Frühlingssession das Gebäudeprogramm nur mit grosser Anstrengung weiterführen.
Und die Bevölkerung?
Wenn man Herrn und Frau Schweizer fragt, dann spricht sich eine deutliche Mehrheit generell für mehr Klimaschutz aus, aber gleichzeitig hat die Bevölkerung im letzten Jahr diverse Vorlagen abgelehnt. Die Haltung «Klimaschutz ja, aber nicht hier, nicht jetzt, nicht ich und nicht so» ist verbreitet. Aber jene Länder, die jetzt investieren und Spitzentechnologie fördern, werden davon künftig profitieren.
Also ist die Schweiz Ihrer Meinung nach nicht auf Kurs im Hinblick auf die Klimaziele?
In der Schweiz konnten wir die Pro-Kopf-Emissionen seit 1990 um 40 Prozent senken, trotzdem findet wohl niemand, dass es uns heute schlechter geht. Klimaschutz wirkt. Gleichzeitig haben wir mit unserem Konsum immer noch einen der grössten Pro-Kopf-Fussabdrücke der Welt – 1,5-mal so hoch wie beispielsweise China. Netto-Null-Treibhausgase 2050 steht im Gesetz, es ist aber offensichtlich, dass wir noch nicht auf Kurs sind. Die CO2-Ziele 2030 werden wir deutlich verfehlen. Auch die Ausbauziele für erneuerbare Energie für 2030 werden schwer zu erreichen sein. Nicht weil die Ziele unmöglich sind, sondern weil die Massnahmen zur Umsetzung nicht genügen.
... Aber der Bundesrat suggeriert, dass wir auf Kurs seien.
Für Bundesrat und Parlament hat eine ambitionierte Klimapolitik im Moment keine hohe Priorität. Das ist zumindest meine Wahrnehmung. Aber der Bundesrat muss das Netto-Null-Ziel umsetzen, also kommuniziert er, was die Schweiz alles tut, im Wissen, dass es nicht ausreichen wird – und die Schweiz ihren fairen Beitrag zu den Pariser Klimazielen nicht leistet.
Dabei wäre es doch gerade jetzt sinnvoll, die Abhängigkeit von Öl und Gas zu reduzieren …?
Unbedingt. Der Ölpreis hat sich mit dem Iran-Krieg fast verdoppelt. Wenn die heutigen Preise für die Fossilen als Folge des Krieges im Iran bleiben, dann kostet uns das in der Schweiz nochmals etwa fünf Milliarden Franken pro Jahr mehr. Also zusätzlich zu den sechs bis zehn Milliarden Franken, die wir für den Import bezahlen. Hinzu kommen zum Beispiel aber auch 4,5 Milliarden Franken für Gesundheitskosten durch die Luftverschmutzung des Strassenverkehrs. Kurzfristig ist die Forderung nach billigem Benzin nachvollziehbar, aber langfristig sind wir weniger anfällig für geopolitische Verwerfungen, wenn wir von Öl und Gas wegkommen – und mehr Wertschöpfung bleibt in der Schweiz.
Spürt man denn, dass die Konsumenten und Unternehmen umdenken?
Es gibt Tendenzen in unterschiedliche Richtungen. Die hohen Preise für die Fossilen machen in der Tat Wärmepumpen oder batterieelektrische Fahrzeuge noch attraktiver. Der Strom für ein mittelgrosses Elektroauto kostet je nach Gemeinde 3.50 bis 5.60 Franken pro 100 Kilometer, sieben Liter Benzin pro 100 Kilometer kosten etwa 13 Franken. Finanzielle Aspekte sind aber nicht die einzigen Treiber: So ist zum Beispiel das Recht auf Laden in Mietwohnungen entscheidend.
Und was spricht gegen den Ausbau der Erneuerbaren? Die höheren Energiepreise, die geopolitischen Unsicherheiten, die Abkühlung der Weltwirtschaft und die Aufwertung des Schweizer Frankens führen gleichzeitig dazu, dass weniger investiert wird. Nationalistische Tendenzen haben in Kriegszeiten Aufwind, man denkt kurzfristig und egoistisch, das Vertrauen in internationale Prozesse leidet, und Geld verdient man mit fossiler Energie.
Mal ehrlich: Wofür brauchen wir die Klimaziele überhaupt? Warum sind sie noch wichtig?
Die Dekarbonisierung macht wirtschaftlich Sinn, aber sie erfordert am Anfang Investitionen. Verbindliche Ziele schaffen einerseits Planungssicherheit für diese Investitionen, und andererseits sorgen sie dafür, dass für alle gleiche Regeln gelten. Vertrauen ist in solchen Prozessen zentral. Darum hat die Wirtschaft das Klima- und Innovationsgesetz (KlG) 2024 wie auch das Energiegesetz 2025 unterstützt. Klimaschutz bedeutet auch Investitionen in Infrastruktur, Standortförderung und Geopolitik. In unsicheren Zeiten wie jetzt geraten Umwelt-Themen ins Hintertreffen. Die explodierenden Benzinpreise sind jedoch ein starkes Argument, Innovation und den Ausbau der erneuerbaren Energien rasch voranzutreiben – egal, was andere Länder tun.
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