Weltklimarat streicht das schlimmste Szenario – aber das ist keine Entwarnung
Wer wissen will, wie sich das Klima der Erde in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird, sollte keine Kristallkugel konsultieren. Zu diesem Zweck gibt es Klimaszenarien auf wissenschaftlicher Grundlage, die mögliche zukünftige Entwicklungen des Klimas auf Basis von unterschiedlichen Treibhausgas-Emissionen abbilden. Da sie die wissenschaftliche Grundlage für politische Massnahmen zum Schutz vor der Klimaerwärmung bilden, sind sie oft Ziel von Angriffen, die ihrerseits politisch motiviert sind.
Für die offiziellen Szenarien, die in die Sachstandsberichte des Weltklimarats (IPCC) einfliessen, ist ein internationales Gremium zuständig, das im Coupled Model Intercomparison Project (CMIP) zusammenarbeitet. Es handelt sich um ein Projekt des Weltklimaforschungsprogramms (WCRP), das gemeinsam von der Weltorganisation für Meteorologie, dem Internationalen Wissenschaftsrat und der Zwischenstaatlichen Ozeanographischen Kommission der UNESCO gefördert wird. Innerhalb des CMIP ist der Ausschuss ScenarioMIP für die Entwicklung der Szenarien zuständig, die für die Erd-System-Modelle zur Vorhersage des künftigen Klimas erforderlich sind.
Neue Klima-Szenarien
Dieser Ausschuss hat nun das neue Szenario-Rahmenwerk veröffentlicht, auf dem dann der siebte Sachstandsbericht des Weltklimarats basieren wird. In dieser neuen Generation von Klimaszenarien fehlt RCP8.5, bzw. SSP5-8.5, das «Katastrophenszenario», das eine Erwärmung der Erde um 4 bis 6 Grad bis Ende des Jahrhunderts beschreibt. Schon länger weisen Experten darauf hin, dass dieses Modell – das auch im letzten Sachstandsbericht des Weltklimarats enthalten war – zu unrealistisch sei. Es handelt sich um ein Hoch-Emissions-Szenario, in dem die Wirtschaft schnell wächst, fossile Energieträger noch verstärkt genutzt und kaum Klimaschutzmassnahmen ergriffen werden.
Unter anderem der Ausbau der erneuerbaren Energien hat dieses Szenario zusehends unwahrscheinlicher gemacht, wie die Wissenschaftler schreiben:
Keine Entwarnung
Leider bedeutet die Streichung des Katastrophenszenarios mitnichten, dass die Klimaerwärmung kein Problem darstellt. Der Klimaforscher Detlef van Vuuren von der Universität Utrecht, der an der Ausarbeitung der neuen Szenarien beteiligt war, sagte gegenüber der niederländischen Zeitung De Volkskrant, die Folgen einer Erwärmung um 3,5 Grad seien «schon schlimm genug». Van Vuuren fügte hinzu: «Und wenn wir zu wenig gegen die Treibhausgasemissionen unternehmen, kommt man automatisch doch noch auf höhere Werte. Nur geschieht das später, nach 2100.» Und auch der Klimaforscher Zeke Hausfather vom Klimainstitut Berkeley Earth, der ebenfalls Mitglied von ScenarioMIP ist, betont, dass die Erwärmung drei Grad überschreiten könnte.
In ihrem neuen Rahmenwerk stellen die Klimawissenschaftler anstelle der fünf bisherigen SSP-Szenarien eine neue Reihe von sieben Szenarien vor, die allesamt nach Emissionstrends benannt sind:
- High emission scenario:
Ein Szenario mit Emissionen, die als plausibel eingeschätzt werden, basierend auf der Annahme von Entwicklungen, die einen Rückbau der derzeitigen Klimaschutzmassnahmen beinhalten. Auch dieses Szenario liegt unter den Annahmen von SSP5-8.5. - High-to-Low emission scenario:
Ein Szenario, das in etwa dem gleichen Emissionsverlauf wie das «High»-Szenario folgt, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts jedoch einen Kurswechsel vollzieht und strenge Klimaschutzmassnahmen ergreift, um bis 2100 Netto-Null-CO₂-Emissionen zu erreichen. - Medium emission scenario:
Ein mittleres Szenario, das die Folgen einer Fortsetzung der derzeitigen Politik und Trends in die Zukunft untersucht. - Medium-to-Low emission scenario:
Ein Szenario, das eine verzögerte Intensivierung der Klimaschutzmassnahmen untersucht, bei dem das Pariser Temperaturziel zwar verfehlt wird, aber bis zum Ende des Jahrhunderts CO₂-Netto-Null-Emissionen erreicht werden. Darauf folgt eine Phase mit negativen Netto-CO₂-Emissionen, um auf einer Zeitskala von mehreren Jahrhunderten das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. - Low emission scenario:
Das Szenario mit niedrigen Emissionen ist so konzipiert, dass es mit dem Ziel vereinbar ist, die Erwärmung auf einen Wert von voraussichtlich unter 2 Grad zu begrenzen, ohne vor Ende des Jahrhunderts wieder auf 1,5 Grad zurückzufallen. Das Szenario wird über das Jahr 2100 hinaus durch einen Emissionsverlauf verlängert, der danach zu einem langsamen Rückgang der Erwärmung führt. - Very Low emission scenario:
Dieses Szenario zielt darauf ab, den Temperaturanstieg unter Berücksichtigung der realistischen Einschränkungen so gering wie möglich zu halten. Dieses Szenario ist somit für das untere Ende der Pariser Zielbandbreite relevant (d. h. zum Zeitpunkt des höchsten Temperaturanstiegs so nah wie möglich an 1,5 Grad zu bleiben und den Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts auf 1,5 Grad zu begrenzen). - Low-to-Negative emission scenario:
Dies ist ein Szenario, bei dem das 1,5-Grad-Ziel stärker überschritten wird, worauf strenge klimapolitische Massnahmen folgen, die zu negativen Netto-Treibhausgasemissionen führen, um die Erwärmung wieder auf ein niedrigeres Niveau zu senken.
Die neuen Szenarien dürften sich darauf auswirken, wie die Risiken der Klimaerwärmung kommuniziert werden: Politische Entscheidungsträger werden im Idealfall weniger auf das extremste Szenario fokussieren und mehr darauf, welches am wahrscheinlichsten ist. Gleichzeitig verändert sich die Risikowahrnehmung: Die Gefahr liegt nicht nur in einem extremen Anstieg der Emissionen, sondern auch in politischem Versagen und geopolitischen Spannungen. Durch die neuen Szenarien könnte ein umfassenderes Bild der Klimarisiken entstehen, in dem physische Auswirkungen und gesellschaftliche Anfälligkeit zusammenkommen. (dhr)
