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Europas Rechtspopulisten reagieren unterschiedlich auf den AfD-Wahlsieg

Angst vor den Deutschen? Die AfD-Parteichefs Tino Chrupalla und Alice Weidel feiern den Wahlsieger von Magdeburg, Ulrich Siegmund (Mitte).
Angst vor den Deutschen? Die AfD-Parteichefs Tino Chrupalla und Alice Weidel feiern den Wahlsieger von Magdeburg, Ulrich Siegmund (Mitte).Bild: Clemens Bilan/EPA

«Nur Idioten freuen sich» – die AfD-Reaktionen von Europas Rechten überraschen

Man könnte meinen, die europäischen Rechtsparteien seien hellauf begeistert vom AfD-Erdrutsch in Sachsen-Anhalt. Doch das ist ein Irrtum.
07.09.2026, 15:1007.09.2026, 15:10
S. Brändle, d. straub, r. hess und j. wittmann

Auf die vielen erwartbaren Stimmen im Ausland von politischen Rechts- und Links-Auslegern gibt es am Tag nach dem AfD-Wahltriumph in Sachsen-Anhalt auch überraschende Reaktionen. Eine Übersicht:

Frankreich: Funkstille bei Le Pen

Noch am Montagmorgen herrschte am Sitz des Rassemblement National (RN) in Paris Funkstille. Ganz offensichtlich wissen die französischen Rechten nicht, wie sie auf den Triumph der deutschen Rechten reagieren sollen. An sich könnte Le Pen den Wahlausgang in Sachsen-Anhalt als gutes Omen für ihre eigene Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr deuten.

Aber nein: Le Pen und auch ihr nomineller Parteichef Jordan Bardella schwiegen vorerst gut hörbar. Der Grund liegt nicht auf der Hand, ist aber bei genauerem Hinsehen klar: Die Lepenisten wollen mit der deutschen Partei nicht in den gleichen Topf geworfen werden.

Far-right leader Marine Le Pen and Far-right party National Rally president Jordan Bardella arrive to attend the 10th anniversary of the deadly 2016 truck attack in Nice, southern France, Tuesday, Jul ...
Marine Le Pen und Jordan Bardella.Bild: keystone

Vorbei sind die Zeiten, als die beiden Formationen als Schwesterparteien galten. 2024 warf Le Pen die AfD nach einem Nazi-freundlichen Spruch («Nicht alle SS waren Kriminelle») aus ihrer Fraktion im EU-Parlament. Der Hintergrund: Die RN-Gründerin bemüht sich seit Jahren um ein moderateres Image, das sie 2027 ins Elysée bringen soll.

Zum Bruch kam es 2024 auch, weil die AfD straffällige und andere Ausländer aus dem Land werfen will. Le Pen hält sich zu diesem Konzept der «Remigration» auf Distanz. Diese Haltung wirkt indessen reichlich geheuchelt. Noch am Samstag hatte Bardella in Italien mit harten Worten bestätigt, Le Pen werde im Fall ihres Wahlsieges ein Referendum zur Abschiebung verurteilter Ausländer organisieren – wie die AfD.

Stefan Brändle, Paris

Italien: Auch Giorgia Meloni schweigt

Lega-Chef Matteo Salvini hat nach den ersten Hochrechnungen in Sachsen-Anhalt umgehend zum Telefon gegriffen, um Alice Weidel zum «spektakulären Triumph» ihrer Partei zu gratulieren. Das Wahlresultat belege den «starken Wunsch nach einem Wechsel, nach Sicherheit und Arbeit». Auch der andere italienische Rechtsaussen, Ex-General Roberto Vannacci, freute sich über den Erfolg der AfD, mit der er mit seiner neuen Partei Futuro Nazionale im Europaparlament in der Fraktion Europa der Souveränen Nationen (ESN) zusammenarbeitet.

Von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni kam zunächst kein Kommentar. Die Chefin der nationalkonservativen Fratelli d’Italia scheint zu befürchten, dass sie mit einer brüsken Distanzierung von der extremistischen AfD weitere Wähler an den ebenso extremen Vannacci verlieren könnte.

Italian Prime Minister Giorgia Meloni speaks during a news conference in Bari, Friday, Sept 4, 2026 (Roberto Monaldo /LaPresse via AP)
Italy Meloni Record
Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Bild: keystone

Eine Art inoffizielle Stellungnahme gab Aussenminister Antonio Tajani ab: «Der Wahlsieg der AfD ist eine ganz schlechte Nachricht, weil es sich um eine politische Kraft handelt, die im Kontrast zu den liberalen Werten des Westens steht», betonte Tajani, dessen Partei Forza Italia auf Europa-Ebene wie die CDU der EVP angehört.

Domink Straub, Rom

Polen, Ungarn, EU und Israel: «Nur Idioten können sich freuen»

«Nur Idioten oder Verräter können sich über den Triumph der AfD in Deutschland freuen», kommentierte Ministerpräsident Donald Tusk in Polen den Wahlausgang in Sachsen-Anhalt. Kein Wunder: In Polen wird die AfD wegen ihrer Russland-Nähe als Sicherheitsrisiko wahrgenommen. Ausserdem muss Tusk sich im kommenden Jahr selbst in der Wahl gegen die Rechtspopulisten von der polnischen PiS-Partei behaupten.

Im Nachbarland Ungarn jubelte dagegen der Ex-Premier und Tusk-Widersacher Viktor Orban über den «Erdrutschsieg» der AfD und den «grossartigen Abend für Deutschland und Europa». «Das ist erst der Anfang», prophezeit Orban.

Weitere Gratulationen gab es auch von den FPÖ-Rechtspopulisten in Österreich sowie einer ganzen Reihe europäischer Schwesterparteien, wie etwa von Geert Wilders PVV in den Niederlanden.

In Israel fielen die Reaktionen derweil zwischen besorgt und alarmierend aus. Die «Jerusalem Post» verweist darauf, dass die AfD zwar offenen Antisemitismus vermeide, aber gleichwohl anti-jüdische Stereotypen wie «globalistische Eliten» kultiviere. Die linke Tageszeitung Haaretz warnte, dass zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland wieder Rechtsextremisten an die Macht kommen könnten.

Im offiziellen Brüssel blieb eine Reaktion auf das politische Erdbeben in Deutschland aus. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, bekanntlich selbst eine Deutsche, ist in Grönland unterwegs und demonstrativ mit anderem beschäftigt. Zum Wahldebakel ihrer CDU-Partei in Sachsen-Anhalt hat sie sich Stand jetzt nicht geäussert.

Ebenso Manfred Weber, der mächtige Statthalter der CDU/CSU-Union im EU-Parlament und Präsident der Europäischen Konservativen. Für ihn dürfte die Schwächung von Bundeskanzler Friedrich Merz unangenehm werden. Schon heute wandelt Weber in Brüssel auf einem schmalen Grat zwischen Aufrechterhalten der Brandmauer und punktueller Zusammenarbeit mit der AfD. Dafür wird er von den Sozialdemokraten und Liberalen, eigentlich Webers Partner in einer informellen EU-Koalition, heftig kritisiert.

epa13093831 European People's Party (EPP) President Manfred Weber briefs the press during the European Parliament session in Strasbourg, France, 07 July 2026. EPA/OLIVIER MATTHYS
Manfred Weber.Bild: keystone

Remo Hess, Brüssel

Grossbritannien: «Durchbruch mit Raketenantrieb»

«Die Deutschen haben die Nase voll!», feierte Alex Armstrong vom rechten Nachrichtensender GB News den Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt – man habe «dem linken Kanzler Friedrich Merz» die Meinung gegeigt. Andere Kommentatoren blieben sachlicher, unterschätzten aber keineswegs die herausragende Bedeutung des Wahlausgangs. Für die «Times» stellt dieser «nicht nur einen Rekord, sondern einen Durchbruch mit Raketenantrieb» dar, und der «die Frage aufwirft, wie lange Merz noch im Amt bleiben kann».

Die BBC-Korrespondentin Katya Adler sieht «ein blinkendes rotes Warnsignal für traditionelle politische Parteien, aber auch für Institutionen in ganz Europa wie die Justiz oder Sicherheitsdienste». Es gebe halt, meinte James Rothwell im «Telegraph», «die Mauer im Kopf» immer noch: «Der frühere kommunistische Osten bleibt psychologisch, wirtschaftlich und politisch ein anderes Land.»

Jochen Wittmann, London

(schweizheute.ch)

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Aufstieg der AfD
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Aufstieg der AfD

Die Alternative für Deutschland wird am 14. April 2013 rund um den Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke gegründet. Sie ist zu Beginn eine EU-skeptische, neoliberale Partei.

quelle: imago images
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