International
EU

In Polen steht die Demokratie auf der Kippe – zündet die EU jetzt die «Atombombe»?

epa06091452 People participate in a protest in front of the Sejm building in Warsaw, Poland, 16 July 2017. The demonstration was organized by Committee for the Defense of Democracy (KOD). Members and  ...
Demonstration gegen die geplante Justizreform Polens in Warschau.Bild: EPA/PAP

In Polen steht die Demokratie auf der Kippe – zündet die EU jetzt die «Atombombe»?

Brüssel hat die Polen unter Drohungen zu einem sofortigen Stopp der umstrittenen Justizreform aufgefordert. Wie EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans mitteilte, wird nicht mehr ausgeschlossen, sogar zur schärfsten Massnahme zu greifen: Dem Aussetzen des Stimmrechts auf europäischer Ebene.
20.07.2017, 10:0820.07.2017, 10:21

Seit anderthalb Jahren steht die nationalkonservative polnische Regierung in der EU wegen der Gefährdung der Demokratie am Pranger. Doch Warschau zeigt sich völlig unbeeindruckt und baut die Kontrolle über die Justiz weiter aus.

Seine jüngsten Pläne sehen unter anderem die Entlassung der Landesrichterräte, die für die Wahrung der Unabhängigkeit der Justiz zuständig sind, sowie einen grösseren Regierungseinfluss bei der Wahl ihrer Nachfolger vor. Nach Einschätzung von Kritikern könnten über die Justizreform Demokratie und Gewaltenteilung in dem EU-Land ausgehebelt werden.

epa06096264 European Commissioner in charge of Better regulation, Inter-Institutional Relations, Rule of Law and Charter of Fundamental Rights, Frans Timmermans, speaks at a media briefing on the Poli ...
Fordert den sofortigen Stopp der Reformpläne Warschaus: U-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans. Bild: EPA/EPA

Timmermans sagte am Mittwoch in Brüssel, sollten die geplanten polnischen Gesetze in der derzeit vorliegenden Form umgesetzt werden, würde dies beträchtliche negative Auswirkungen auf die Unabhängigkeit der Justiz haben.

Zusammengenommen würden sie die verbliebene juristische Unabhängigkeit gänzlich aufheben und die Justiz unter die vollständige politische Kontrolle der Regierung stellen, sagte er weiter. Er rief die polnische Regierung dazu auf, ihre Reformpläne sofort zu stoppen.

EU

Polens Regierung kündigte eine «konkrete Antwort» auf die Äusserungen der Kommission an. Die Kritik der EU bezeichnete sie als voreilig und ungerechtfertigt. Das Gesetzgebungsverfahren sei noch nicht abgeschlossen, verteidigte das Aussenministerium am Mittwochabend in einer Mitteilung die Reformpläne.

Die Atombombe

EU-Vizekommissionspräsident Timmermans betonte angesichts der Verschärfung der Situation, dass «Macht der Rechtsstaatlichkeit unterliegen muss». Dies sei auch eine Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg. «Nur so kann die EU zusammenbleiben.» Daher sei die EU-Kommission dazu verpflichtet zu handeln.

Die Brüsseler Behörde will nun «eine umfassende rechtliche Analyse» vornehmen und sich dann bei ihrem Treffen in der kommenden Woche erneut mit der Frage befassen.

Tausende Gegner der geplanten Justizreform gingen am Mittwochabend in Warschau auf die Strasse. Bild: EPA/PAP

Die EU-Kommission hat dann die Möglichkeit, auf zwei Arten zu reagieren: entweder mit einem Vertragsverletzungsverfahren, das am Ende in eine Busse mündet.

Oder aber mit dem dreistufigen Rechtsstaatsverfahren mit Artikel 7 des Vertrages von Lissabon, der im Brüsseler Jargon auch «Atombombe» genannt wird.

Bei diesem Verfahren kann einem EU-Staat, der in schwerwiegender Weise die Grundwerte der Europäischen Union verletzt, als letzte Massnahme das Stimmrecht auf europäischer Ebene entzogen werden – das Zünden der Atombombe. Voraussetzung dazu wäre aber, dass die anderen EU-Länder dieser Massnahme einstimmig zustimmen, was jedoch schwierig werden dürfte.

Brüssel bevorzugt Dialog

Gemäss Timmermans steht die EU-Kommission kurz davor, Artikel 7 anzuwenden. Gleichzeitig forderte er die polnische Regierung aber dazu auf, seiner Einladung zu folgen und sich mit ihm zu treffen. «Unsere Hand zum Dialog mit den polnischen Regierenden ist nach wie vor ausgestreckt», sagte er.

Wie es in Polen mit der Justizreform weitergeht, ist zurzeit noch nicht ganz klar. Denn Präsident Andrzej Duda hatte sich am Dienstag überraschend dagegen gestellt. Er verlangte eine Überarbeitung des Gesetzes, mit dem die Regierung ihren Einfluss auf die Besetzung von Richterstellen massiv ausweiten will.

Justiz

Das Gesetz war bereits vergangene Woche vom Parlament verabschiedet worden, kann aber ohne Dudas Unterschrift nicht in Kraft treten. Unterstützung bekam der Staatschef am Dienstagabend von tausenden Demonstranten.

Unklar ist, wie Dudas Intervention zu werten ist. Denn er gilt als Unterstützer der Nationalkonservativen und hat viele ihrer umstrittenen Reformen bereits durchgewinkt.

epa06094957 Polish President Andrzej Duda gives a speech on the bill on Poland's Supreme Court at the Presidential Palace in Warsaw, Poland, 18 July 2017. The Sejm started the first reading of th ...
Welche Rolle spielt Polens Präsident Duda?Bild: EPA/PAP

Bereits ein Verfahren

Nicht zum ersten Mal gibt es Streit zwischen der EU-Kommission und Polen. Wegen einer vorangegangenen Justizreform hatte die EU-Kommission bereits im Januar 2016 ein Rechtsstaatsverfahren gegen Polen eingeleitet – zum ersten Mal in der Geschichte der EU überhaupt.

Damals ging es um die Beschränkung der Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts. Die polnische Regierung hatte nach ihrem Amtsantritt im November 2015 die Ernennung von fünf Verfassungsrichtern rückgängig gemacht. Zudem wurde laut Kommission die Prüfung der Verfassungsmässigkeit von Gesetzen erschwert.

Mitte Mai hatte dann erstmals die EU-Staaten über die Lage des Rechtsstaates in Polen beraten. Die anderen EU-Regierungen forderten die EU-Kommission auf, vorerst weiterhin den Dialog mit Warschau zu suchen. (wst/sda/afp/reu/dpa/apa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Demokraten fordern Ermittler zu Trumps Epstein-Verbindungen
Einige Demokraten im US-Repräsentantenhaus fordern die Einsetzung eines unabhängigen Sonderermittlers, um Verbindungen von US-Präsident Donald Trump zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zu untersuchen. In einem neuen Bericht von Mitarbeitern der Demokraten im Justizausschuss der Parlamentskammer heisst es, immer mehr Beweise legten dar, dass Trump «Mitte bis Ende der 1990er Jahre aktiv an Jeffrey Epsteins sexuellem Missbrauch junger Frauen beteiligt war». Trump kannte den gestorbenen Sexualstraftäter einst gut. Er bestritt aber sowohl jegliche Verwicklung in die kriminellen Machenschaften als auch von Epsteins Taten gewusst zu haben.
Zur Story