Waldbrände in Europa: Es war Glück, dass es 2026 nicht noch schlimmer kam
Es ist ein hermetisch abgeriegelter Raum im Obergeschoss eines unscheinbaren Brüsseler Bürogebäudes. Auf grossen Bildschirmen an der Wand leuchten überdimensionierte Satellitenkarten. Ein wenig sieht es aus wie in einem James-Bond-Film.
Hier, im Krisenreaktionszentrum der Europäischen Union (ERCC), herrscht 24-Stunden-Betrieb. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, Weihnachten und Neujahr inklusive, überwachen die Krisen-Koordinatoren mögliche Katastrophenherde weltweit.
Schweiz löste Mechanismus bei Crans Montana aus
So auch am 1. Januar, als die Schweiz im Nachgang zum Brandinferno in Crans Montana den EU-Notfallmechanismus auslöste. Resultat: Schon wenige Stunden später konnten die ersten Schwerstverletzten per Flugzeug und Helikopter aus der Schweiz in Spezialkliniken im europäischen Ausland ausgeflogen werden. Insgesamt 35 Evakuierungen von Crans Montana kamen so zustande.
Jetzt, an einem Dienstag Ende August, scheint alles ruhig zu sein. Die Nepal-Katastrophe mit der verheerenden Sturzflut ist noch einige Tage entfernt. Anders war die Lage Ende Juli, als gefühlt halb Europa von Feuersbrünsten überrollt wurde. Dann herrschte hier Hochbetrieb. Löschflugzeuge mussten organisiert werden. Mehrere EU-Länder, darunter Frankreich und Spanien, baten andere Mitgliedstaaten um zusätzliche Feuerwehr-Kontingente.
Die Waldbrandsaison ist zwar noch nicht vorbei. Mittlerweile liegt der Fokus im ERCC aber eher auf Osteuropa. In Serbien zum Beispiel brennt ein Feuer in Siedlungsnähe und bedroht ein Kraftwerk. «Das beobachten wir intensiv», sagt Krisenkoordinator Guillem Marcet und zoomt auf einer Echtzeitkarte ganz nah an den Brandherd heran. Nach Serbiens Hilfsanfrage Ende vergangener Woche wurden vier Löschhelikopter und zwei Einsatzteams am Boden vor Ort entsandt.
Schon mehr als 625'000 Hektar verbrannt
Dunkelrot leuchten auch Gebiete in Spanien und Süditalien. Zudem ist in Ungarn, Albanien und Griechenland die Gefahr weiterhin extrem, dass neue Brände ausbrechen. «Feuerwetter» nennen das Fachleute. Es beschreibt den explosiven Mix aus Trockenheit, hohen Temperaturen und Wind, der dafür sorgt, dass sich ein Brand rasch ausbreiten könnte und nur schwer kontrollieren liesse.
«Wir stellen fest, dass es jedes Jahr schlimmer wird», sagt Guillem zu seiner vorläufigen Bilanz des diesjährigen Hitzesommers. Das vergangene Jahr 2025 war mit den Mega-Feuern auf der Iberischen Halbinsel zwar «besonders verrückt». Aber allgemein könne man schon sagen, dass jedes Jahr irgendwo in Europa neue Waldbrandextreme auftreten.
Stand heute sind 2026 in der EU bereits rund 625 000 Hektar Wald und Vegetation verbrannt. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre zu diesem Zeitpunkt.
Copernicus-Forscher: «Noch nie solche Werte gesehen»
Die Basis für die Analysen im Krisenzentrum liefert das EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus. Zu seinen Augen im All gehören die Sentinel-Satelliten, deren Daten mit Beobachtungen weiterer Satelliten kombiniert werden. Im frei zugänglichen Europäischen Waldbrandinformationssystem werden sie dann gebündelt. So lässt sich fast in Echtzeit verfolgen, wo es brennt, wie gross die betroffenen Flächen sind und wie gefährlich die Bedingungen bleiben.
Einer, der sich mit der Interpretation solcher Daten besonders auskennt, ist Mark Parrington, Wissenschaftler beim Copernicus-Atmosphärendienst. Er verweist auf Studien, die Hinweise auf das liefern, was die Spezialisten im EU-Katastrophenzentrum aus ihrer täglichen Arbeit schildern: Grosse Feuer treten zunehmend auch dort auf, wo sie früher seltener waren – in Mittel- und Nordeuropa. Dieses Jahr brannte es etwa in Belgien, Deutschland, Schottland, Wales und Irland.
Bemerkenswert war dieses Jahr laut Parrington auch die extreme Rauchbelastung. In Teilen Luxemburgs, Nordostfrankreichs und Deutschlands wurden zeitweise Feinstaubwerte von 400 bis 500 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen. Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt für diesen besonders gesundheitsschädlichen Feinstaub einen 24-Stunden-Mittelwert von maximal 15 Mikrogramm. «Ich kann mich nicht erinnern, solche Werte in Europa je gesehen zu haben», sagt Parrington.
Feuerwetter-Index auf Rekordkurs
Hinzu kommt die Klimawirkung. Knapp 26 Millionen Tonnen CO2 wurden durch die Feuer in der EU bislang freigesetzt – mengenmässig ungefähr so viel, wie Dänemark in einem Jahr aus fossilen Quellen ausstösst. Klar, ein Teil davon wird später von der nachwachsenden Vegetation wieder aufgenommen. Aber nicht alles: In Belgien und Schottland brannten dieses Jahr grosse Moorgebiete. Im dortigen Torf steckt Kohlenstoff, der über Tausende oder Zehntausende Jahre gespeichert wurde. Wird dieser verbrannt, lässt sich dieser Teil der Emissionen nur sehr langsam wieder ausgleichen.
Die deutlichste Warnung liefert Copernicus aber für Europas Feuerwetter, also die Frage, wie schwierig ein Brand unter den herrschenden Wetterbedingungen zu kontrollieren wäre. 2026 lag dieser Gefahrenwert oberhalb der gesamten bisherigen Bandbreite der Vergleichsjahre seit 2003. Mit anderen Worten: Die Bedingungen dafür, dass ein Feuer gross und nur schwer kontrollierbar wird, waren noch nie so extrem wie in diesem Sommer mit seiner Dürre und Dauerhitze.
Dass daraus nicht noch mehr Grossbrände entstanden, hatte auch mit Glück zu tun: Selbst extremes Feuerwetter führt nicht automatisch zu einem Brand. «Wenn es keine Zündung gibt, gibt es auch kein Feuer», sagt Parrington. Brennt es aber erst einmal, steigt unter solchen Bedingungen die Gefahr, dass sich das Feuer kaum mehr in den Griff bekommen lässt. Mit den Klimaprognosen und der gestiegenen Wahrscheinlichkeit für Dürren und andauernde Hitze dürfte die Feuerwetterkarte in den nächsten Jahren noch öfter dunkelrot leuchten. (schweizheute.ch)
