Das Ende der Le-Pen-Dynastie? Am Dienstag fällt das Urteil
Am Dienstag entscheidet ein Pariser Berufungsgericht, ob die Verurteilung von Marine Le Pen wegen der Veruntreuung von EU-Geldern anfangs 2025 rechtens war. Wird das Verdikt bestätigt, kann die bisherige Favoritin bei den Präsidentschaftswahlen 2027 nicht mehr kandidieren.
Und die Beweislast gegen die 57-jährige Galionsfigur des Rassemblement National (RN) scheint erdrückend. Als Favoritin der Umfragen gestartet, muss sie wahrscheinlich ihren Ersatzmann Jordan Bardella ins Rennen schicken. Das wäre fast schon historisch: Eine Elysée-Wahl ohne den Namen Le Pen, das hatte es in Frankreich seit 1981 nicht mehr gegeben. Jean-Marie Le Pen war danach viermal angetreten, seine Tochter Marine dreimal.
Kann sie im April 2027 kein viertes Mal antreten, wäre das wohl das Ende einer Familiendynastie, die auf die französische Politik mehr Einfluss hatte als jeder andere politische Clan, auch wenn es kein(e) Le Pen je in den Elysée-Palast geschafft hat.
Villa Montretout – Symbol und Mittelpunt der Le Pen-Familie
Wenn es ein Symbol für die Herrschaft der Le Pens gibt, dann ist es die Villa Montretout im schicken Pariser Vorort Saint-Cloud. Von ihrer Terrasse geht der Blick über die Hauptstadt. Im Erdgeschoss empfing der Patriarch Jean-Marie Le Pen seine Besucher in einem Büro, das von Marschmusik-Schallplatten, zwei Kleinplastiken des Hitler-Bildhauers Arno Breker, Fotos und Medaillen überquoll.
Unter den Orden fand sich kein einziger, der von der französischen Republik verliehen war. Der 2025 verstorbene Gründer des rechtsextremen Front National (FN) war die Kehrseite der Republik, ihr Kontrapunkt. Hier in Montretout heckte er seine wüsten Sprüche über die Gaskammern («ein Detail der Geschichte») und die «Ungleichheit der Rassen» aus. Und hier machte er von sich reden, als er seine Frau Pierrette vor die Tür stellte und ihr empfahl, sich als Putzfrau zu verdingen – vorauf sie im Playboy halbnackt mit Waschlappen und Staubsauger posierte.
Wie Le Pen zu Montretout gekommen war, ist bis heute nicht restlos geklärt. 1976 hatte ein reicher Sympathisant die Villa und ein paar weitere Millionen an den Vorsitzenden des Front National (FN) vererbt. Das kam nicht überall gut an. Im gleichen Jahr verletzte ein nächtlicher Bombenanschlag auf die Familie Le Pen mehrere Personen, so auch Tochter Marine. Die Attentäer sind nie gefasst worden.
Dank dem Erbgeld etablierte sich Jean-Marie Le Pen an der FN-Spitze. Seine Kumpels, darunter Vichy-Kollabos und ein Waffen-SS, hatten ihm nur eine Marionettenrolle zugedacht. Mit seiner Rhetorik gegen die Immigranten legte Jean-Marie Le Pen in den Wahlen der 1980er- und 90er-Jahren stetig zu. 2002 übertraf er im ersten Wahlgang sogar den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin; erst in der Stichwahl unterlag er Jacques Chirac.
2011 ersetzte ihn Tochter Marine Le Pen. Sie verwandelte den verfemten FN in die Weichspülvariante RN und warf den extremistischen Vater gleich noch aus der Partei. Der Patriarch zog sich nach Montretout zurück, wo er giftete: «Ich wünsche, dass sie meinen Namen so schnell wie möglich ablegt.»
Zugleich schickte er von Montretout aus seine Lieblingsenkelin Marion Maréchal-Le Pen vor, die mit ihren neoliberalen und erzkonservativen Positionen ihrer Tante das Leben schwer machte. Die RN-Fraktionschefin reiste derweil nach Israel und holte sich die Unterstützung durch die Nazijäger Beate und Serge Klarsfeld. Und sie sagte plötzlich Dinge wie: «Der Islam ist kompatibel mit der Republik.»
Ihr Ziehsohn überholt sie
In Paris zog sich die Justizschlinge um Marine Le Pen zu. Die Favoritin aller Präsidentschaftsumfragen machte darauf ihren 27-jährigen Berater Jordan Bardella zum RN-Chef. Der erhielt bald höhere Zustimmungsraten als Marine Le Pen. Sie wirkt heute verhärmt, aus ihrer Stimme spricht Bitterkeit. Gewiss, sie hatte Erfolg mit ihrer Taktik der republikanischen Salonfähigkeit. Aber jetzt, da sie vor den Toren des Elysées, das heisst vor der Verwirklichung ihres Lebenswerkes steht, läuft ihr der politische Ziehsohn den Rang ab.
Noch tun alle, als ob: Bardella tut, als ob Le Pen den Berufungsprozess gewinnen werde, und Le Pen, als ob sie noch die Kraft für eine Präsidentschaftskandidatur hätte. Rächt sich heute, dass «Marine», wie ihre Fans sie nennen, eigentlich gar nicht in die hohe Politik wollte? Ihr Vater hatte die älteste seiner drei Töchter, Marie-Caroline, als Dauphine ausersehen. Marine wäre lieber Anwältin geblieben, um sich um minderjährige Straffällige zu kümmern, wie sie das nach ihrem Studium in einer Kanzlei getan hatte.
Der Pater Familias setzte dann aber doch auf Marine. Aber jetzt, dreissig Jahre später, mit der Justiz im Nacken, wirkt ihre Kandidatur bisweilen wie eine Pflichtkandidatur.
Neigt sich die Politdynastie der Le Pens ihrem Ende zu? Jean-Marie Le Pen ist im Januar 2025 im Alter von 96 Jahren in seiner Villa gestorben. Damit hat die Familie auch ihren Mittelpunkt verloren, das Symbol ihres einstigen Einflusses: Im Juni haben Marine und ihre Schwestern die Villa Montretout verkauft. Der Le Pen-Clan ist heimatlos. (schweizheute.ch)

