«Tödlicher als Schusswaffen»: US-Ökonom staunt über unsere Klimaanlagen-Verweigerung
Der US-amerikanische Starblogger Noah Smith hat Zehntausende zahlender Abonnenten und Hunderttausende Follower erobert, indem er nüchtern nach allen Seiten austeilt. So sei die linke Bewegung «zu weit gegangen und gescheitert», unter Donald Trump erlebten die USA eine «noch nie dagewesene Korruption». Aber er klingt wütend, geht es um die europäische Verweigerung von Klimaanlagen.
Europas Eliten würden einen «geisteskranken Kreuzzug gegen Klimaanlagen führen». Die Folgen seien tödlich.
Europa leide immer häufiger unter brutalen Hitzewellen und sei darauf nicht vorbereitet, schreibt Smith. Selbst Spitäler hätten zu wenige Klimaanlagen, stellt er verwundert fest und verweist auf einen Bericht der «Frankfurter Allgemeinen» (FAZ) mit dem Titel: «Klinik bei 35 Grad – Patienten liegen im eigenen Schweiss».
In der Freiburger Universitätsklinik gibt es Klimaanlagen nur in den Operationsräumen und im Verwaltungsgebäude – wo die Klinikleitung ihre Büros hat. Patienten kommen zur Routinekontrolle, landen in der Notaufnahme. Ein Spezialist vom Katastrophenschutz tut sein Möglichstes, plant vorbeugend eine Evakuierung und schimpft: «Die ganze Welt klimatisiert ihre Krankenhäuser».
Die Folgen sind nicht nur in Spitälern fatal. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Juni eine Meldung veröffentlicht: «Europa verlor innerhalb von vier Jahren 200'000 Menschen durch Hitze – doch fast alle diese Todesfälle wären vermeidbar gewesen.» 200'000 Todesfälle, fast alle vermeidbar.
Mit der Geduld am Ende
Einer der Hauptgründe für dieses Sterben ist für Smith die europäische Klimaanlagen-Verweigerung. Nur 19 Prozent der Haushalte hätten eine Klimaanlage. In Kanada hingegen seien es 70 Prozent, in den USA sogar 88 Prozent. Den globalen Spitzenplatz halte Japan mit 91 Prozent.
Für Smith gibt es für diesen Mangel an Klimaanlagen keinen triftigen Grund, keinen einzigen. Was es hingegen gebe, sei ein Konflikt zwischen «normalen» Europäern und der «Elite».
Die «normalen» Europäer seien mit ihrer Geduld am Ende. In Frankreich – dem Land, das von der jüngsten Hitzewelle am stärksten betroffen war – wollen in einer Umfrage acht von zehn Personen unbedingt Klimaanlagen installiert haben in Häusern und Schulen sowie in Trams und Zügen. In Online-Videos sieht man zudem Franzosen in langen Schlangen vor geschlossenen Läden stehen, in denen noch Klimaanlagen zu kaufen sind. Öffnet der Laden, stürmt die Menge hinein.
Einen Ansturm auf Klimaanlagen hat auch die Schweiz erlebt. Der Online-Händler Galaxus hat diesen Juni fast 40 Prozent mehr Klimaanlagen verkauft als im bisherigen Rekordmonat Juni 2025. Die eigenen Lager seien «fast leer», vermeldet der Händler, jene der Hersteller und Zwischenhändler in ganz Europa ebenfalls «grösstenteils leergekauft». Nachschub wird es wohl erst wieder geben, wenn die Geräte nicht mehr dringend gebraucht werden – wenn der Sommer vorbei ist.
Die «normalen» Europäer jagen also in Smiths Worten «verzweifelt den lebensrettenden Klimaanlagen hinterher». Die «Eliten» würden hingegen probieren, ihnen diese dringend benötigte Erleichterung vorzuenthalten.
Als Beleg nennt er Aussagen von Ministerien, Professoren oder öffentlich-rechtlichen Sendern, welche auf vielerlei Weise von Klimaanlagen abraten würden: Diese seien «egoistisch», würden zwar Menschen abkühlen, aber die Erde weiter aufheizen. Es gebe zig Beispiele von Eliten, die eklatante Desinformationen über Klimaanlagen verbreiten würden. Oder dann werde deren Gebrauch mit baulichen Auflagen oder Gesetzen verhindert – was auf die Forderung hinauslaufe, «für einen minimalen Klimanutzen zu sterben».
Denn Europa ist ohnehin insgesamt nur verantwortlich für 13 Prozent der weltweiten Kohlenstoffemissionen. Würden in Europa im grossen Stil nun Klimaanlagen installiert, seien die Folgen für das Klima ziemlich gering. «Glaubt irgendjemand, dass eine unglaublich geringe Reduktion wirklich den jährlichen Verlust von Zehntausenden von Menschenleben wert ist?»
Was ist tödlicher: die Waffen in den USA oder die Hitze in Europa? Diese Frage hat sich auch die schottische Datenwissenschaftlerin Hannah Ritchie gestellt. Ihr zufolge ist es tatsächlich so: Die Zahl der Hitzetoten in Europa übertrifft die Zahl der Schusswaffenopfer in den USA. Wenn man die Zahl der Toten allerdings an der jeweiligen Gesamtbevölkerung misst, ist es wieder andersherum. Dann sind die Waffen in den USA tödlicher als die Hitze in Europa. Wenn auch nur wenig. Für Ritchie ändert all das jedoch nichts an ihrem Fazit: «Die USA schützen sich schlecht gegen Waffen; die Europäer schlecht gegen Hitze.»
Chefbüros bleiben kühl, Mitarbeitende schwitzen
Durch die Hitze würden in Europa sogar mehr Menschen sterben als in den USA durch Schusswaffen, schreibt Smith. Laut seiner groben Überschlagsrechnung kommen auf 100'000 Menschen in Europa jährlich 23,5 Tote durch Hitze. In den USA sind es mit 13,7 Toten durch Schusswaffen ungefähr halb so viele. Smith dazu: «In den USA sind die lockeren Waffengesetze ein Missstand – in Europa ist die Hitze ein noch viel grösserer Skandal.»
Mit Klimaanlagen wäre Europas jährliches Massensterben grösstenteils vermeidbar, schreibt Smith unter Bezug auf eine Studie zu den USA. Dort ist die Zahl der Hitzetoten nach dem Jahr 1960 um 75 Prozent gefallen – im Wesentlichen dank der Verbreitung von Klimaanlagen. «Wo immer die Zahl der Klimaanlagen steigt, bricht die Zahl der Hitzetoten ein.»
In der Schweiz scheinen sich die Stimmen zu mehren, die ein Umdenken fordern. «Das Thema ist hierzulande erstaunlich emotional», schreibt dazu etwa der Klimawissenschaftler Cyril Brunner von der ETH Zürich in den sozialen Medien. Die aktuelle Strategie sei unvorteilhaft, insbesondere der zurückhaltende Umgang mit fest installierten Klimaanlagen. Die Geräte seien häufig ineffizient, schlecht installiert und schlecht mit dem Stromnetz abgestimmt. «Wir haben noch Aufholbedarf bei der Anpassung an das neue Schweizer Klima.»
Bis auch Europa sich angepasst hat, wird die Hitze wohl noch manchen Konflikt ausbrechen lassen. So enthüllte das Magazin «Politico» beispielsweise kürzlich peinliche Vorgänge in der Zentrale der Europäischen Kommission. Inmitten der Hitzewelle wurden dort die Klimaanlagen ausgeschaltet, jedoch nur auf den unteren Etagen. Weiter oben blieb es gekühlt, auch ganz oben bei Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Boulevardzeitung «Bild» spottete: «Von der Leyens Büro bleibt kühl, Mitarbeiter müssen schwitzen.»

