Deutschland will auf Drohnen-Anschlag in Leipzig reagieren – das sind die Optionen
Noch ist nicht öffentlich bekannt, wer für den versuchten Anschlag mit einer Sprengstoff-Drohne verantwortlich ist, die am 4. August auf dem Flughafen Leipzig/Halle in der Nähe ukrainischer Frachtmaschinen entdeckt wurde.
Schon bald will die die deutsche Regierung dazu aber Angaben machen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte am Sonntag im ARD-Sommerinterview, die Ermittlungen stünden kurz vor dem Abschluss. «Wir haben eine weitgehende Einigung in der Bundesregierung, wie wir reagieren», sagte er. Und es werde nicht mehr lange dauern.
Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Steckt Russland hinter dem Drohnen-Anschlag?
Offizielle Zuordnung steht aus
Auf Medienberichte angesprochen, wonach die deutsche Regierung davon ausgeht, dass Russland hinter dem Vorfall steckt, sagte ein Regierungssprecher am Wochenende:
«Welt am Sonntag», «Politico» und «Bild» berichteten unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Personen, die namentlich nicht genannt werden, die Regierung bereite ein umfangreiches Massnahmenpaket gegen Moskau vor.
Der aussenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetović, sagte dem «Spiegel», sollte sich bestätigen, dass Russland hinter dem hybriden Angriff stecke, wäre eine europäische Antwort nötig. Gleichzeitig müsste die Bundesregierung in diesem Fall besonnen reagieren, «um weitere zunehmende Eskalationen zu verhindern».
Kanzleramtsministerin Nina Warken (CDU) sagte am Abend in der ZDF-Sendung «Berlin direkt» auf die Frage, ob die Regierung sicher sei, dass es Russland ist: «Wir haben noch keine Zuordnung vorgenommen, und das werden wir tun, wenn wir tatsächlich sicher sind, wem wir das zuordnen können.»
Russland sehe Deutschland und Europa schon seit Langem als legitime Zielscheibe für solche Angriffe, sagte die deutsche Politologin Hanna Notte in einer TV-Talkshow. Ziel sei es, den Preis für die Länder, die die Ukraine unterstützten, zu erhöhen, damit diese die Waffenlieferungen einstellten, so die Russlandkennerin und Sicherheitsexpertin.
Der jüngste Drohnenvorfall sei indes ein Zeichen für eine neue «Qualität» der russischen Operationen, urteilte sie. Der ostdeutsche Flughafen gilt als zentraler Umschlagplatz für militärische Hilfslieferungen an die Ukraine.
Was wird die deutsche Regierung tun?
Drahtzieher soll bald feststehen – Merz hat Reaktion angekündigt
Die Bundesregierung stimme ihre Reaktion auf den versuchten Sprengstoff-Anschlag aktuell innerhalb der Europäischen Union und mit Nato-Partnern ab, sagte Merz. Es werde eine Reaktion aus Deutschland sein, aber die Partner würden davon nicht überrascht werden.
Auf die Frage, ob Deutschland überhaupt angemessen reagieren könnte, sollte sich eine Urheberschaft Russlands herausstellen, antwortete der Kanzler: «Warten wir mal ab, was angemessen reagieren heisst.»
Aus Regierungskreisen war zuletzt zu hören, in einem so gravierenden Fall sei es mit der Ausweisung von einem oder zwei Diplomaten nicht getan. Der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat erklärt, man wolle erst den Beweis führen und dann die Konsequenzen überlegt haben und auch gleich zur Anwendung bringen können.
Neben der Ausweisung von Diplomaten wäre wohl auch eine Einbestellung des Botschafters des Landes, aus dem ein versuchter Anschlag gesteuert wurde, zu erwarten.
Wird die NATO reagieren?
Viel war zuletzt darüber spekuliert worden, welche Konsequenzen jenseits der Diplomatie sonst noch möglich wären – etwa ob Deutschland Artikel 4 des Nato-Vertrags in Anspruch nehmen könnte. Dieser sieht Beratungen der Verbündeten vor, wenn sich ein Nato-Staat von aussen gefährdet sieht.
Sollte ein staatlicher russischer Akteur als Drahtzieher benannt werden, wäre es zudem denkbar, die sogenannte Schattenflotte empfindlich zu stören. Sie besteht aus Tankern und Frachtschiffen, die Russland zum Vermeiden von Sanktionen etwa beim Öltransport einsetzt. Zudem wird sie zunehmend mit Spionage- und Sabotageakten in Verbindung gebracht.
Vor allem die im deutschen Parlament, dem Bundestag, vertretenen Grünen hatten zuletzt mehrfach gefordert, das russische Kulturinstitut in Berlin – auch bekannt als Russisches Haus – zu schliessen. Dieses soll als Tarnung für russische Geheimdienste dienen und auch Propaganda und Desinformation des Kreml unterstützen. Betrieben wird das Zentrum von einer staatlichen russischen Agentur, die seit 2022 auf der Sanktionsliste der Europäischen Union steht.
Warum ist der Fall so besonders?
Die mit Sprengstoff präparierte Drohne war am Abend des 4. August im Sicherheitsbereich des Leipziger Flughafens zwischen ukrainischen Frachtmaschinen entdeckt worden.
Die Bundesanwaltschaft sprach von einem «schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur in Deutschland». Ermittelt wird wegen des Verdachts des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr.
Attentate bzw. terroristische Anschläge, die nach Einschätzung der deutschen Justiz im Auftrag fremder Staaten verübt wurden, sind in Deutschland selten.
- Für erhebliche diplomatische Spannungen sorgte der sogenannte Tiergarten-Mord 2019. Deutschland wies damals zwei russische Diplomaten aus. Der verurteilte Täter kam 2024 im Zuge eines Gefangenenaustauschs zwischen Russland, den USA, Deutschland und weiteren Ländern frei und wurde vom russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich am Flughafen empfangen.
- 1992 wurde ein Anschlag auf kurdische Exilpolitiker im Berliner Restaurant «Mykonos» verübt. Das Berliner Landgericht sprach von einem Attentat im Auftrag des iranischen Geheimdienstes.
- 1986 wurde in West-Berlin ein Sprengstoff-Anschlag auf die bei US-Soldaten beliebte Diskothek «La Belle» verübt. Ermittlungen ergaben, dass der Anschlag vom libyschen Geheimdienst orchestriert wurde.
Warum steht Russland unter Verdacht?
Ganze Bandbreite hybrider Angriffe
Deutsche Sicherheitsbehörden nehmen seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 eine Zunahme von aus Moskau gesteuerten Cyberangriffen und anderen Sabotageakten wahr. Auch Spionage sowie Desinformationskampagnen und andere Versuche der Einflussnahme seien häufiger zu beobachten.
Sowohl nach dem Fund der Sprengstoff-Drohne in Leipzig als auch im Zusammenhang mit einem Waffenversteck, das 2025 in einem Waldstück bei Berlin angelegt worden war, sagte der deutsche Innenminister Dobrindt, eine Beteiligung «fremder Mächte» sei nicht auszuschliessen.
Der Generalbundesanwalt ermittelt zu dem Waffenversteck gegen einen Tatverdächtigen wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit und der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Mit anderen Worten: Es wird vermutet, dass die zwei Pistolen samt Munition dort für mögliche Attentate deponiert wurden.
Der Tatverdächtige befindet sich in Rumänien in Untersuchungshaft. Rumänische Medien berichten, der junge Ukrainer stehe auch im Verdacht, zusammen mit einem Komplizen im russischen Auftrag in Rumänien zwei Pakete mit Brandsätzen bei einem Kurierdienst aufgegeben zu haben.
Beinah-Absturz im Sommer 2024
Im Juli 2024 entzündete sich im DHL-Logistikzentrum am Flughafen Leipzig/Halle ein Luftfrachtpaket. Sicherheitskreise gehen davon aus, dass das Paket im Auftrag eines russischen Geheimdienstes platziert wurde. Deutschland entging damals vermutlich nur knapp einem Flugzeugabsturz.
Die litauische Generalstaatsanwaltschaft hat Anfang 2026 in der Hauptstadt Vilnius Anklage gegen fünf mutmassliche Handlanger erhoben. Die Hintermänner stehen nicht vor Gericht, da sie bislang nicht gefasst wurden.
Den fünf Angeklagten wird vorgeworfen, präparierte Pakete mit hochentzündlichen Chemikalien und Zeitzündern über DHL und DPD in Umlauf gebracht zu haben. Ermittlungsakten zeigen, dass sie als Kuriere und Helfer detaillierte Anweisungen über den Messenger-Dienst Telegram erhielten. Es dürfte sich um sogenannte «Wegwerf-Agenten» handeln.
Litauische und europäische Sicherheitsbehörden werfen den Bomben-Auftraggebern vor, direkt mit dem russischen Militärgeheimdienst (GRU) verbunden zu sein.
Quellen
- Nachrichtenagenturen SDA und DPA
- t-online.de: "Das ist auch einfach das, was Russland gut kann" (31. August)
(dsc)
