Wie das Ende der Zivilisation: Die Vergewaltigung betäubter Frauen
Europol muss einiges überlegt haben, als sie ihre Sonderermittlung Project Medusa taufte. Medusa, die schlangenhaarige Monsterfrau aus der Antike, deren Anblick alle zu Stein erstarren liess. Medusa aber auch, die als junge Frau so wunderschön war, dass der lüsternen Meeresgott Poseidon einfach nicht anders konnte, als sie in einem Tempel der Göttin Athene zu vergewaltigen. Athene, die sonst so besonnene Göttin der Weisheit, bestrafte aus Zorn über die Entweihung ihres Tempels nicht etwa Poseidon, sondern verwandelte Medusa in ein Monster. Später wird sie geköpft.
«Project Medusa» läuft seit April 2026 und widmet sich ganz dem Kampf gegen «durch Drogen begünstigte sexuelle Übergriffe in Paarbeziehungen, insbesondere in Online-Communities». Der englische Begriff dafür lautet «drug-facilitated sexual assault» oder DFSA. Das Resultat bisher (Stand Anfang Juli): 57 Verhaftungen, 158 in Sicherheit gebrachte Opfer, 113 laufende Ermittlungen, 274 weitere Ermittlungsansätze. Die Schlangen auf dem Haupt dieser Medusa sind unendlich viele. Grossbritannien und Deutschland führen das Projekt an, weitere Partnerländer sind Brasilien, Kanada, Frankreich, Ungarn, die Niederlande, Spanien und die USA. Angestossen hat die Untersuchungen der Fall Pelicot.
Das unfassbare Martyrium der Gisèle Pelicot, die von ihrem Mann jahrelang gut 50 fremden Männern bewusstlos zum Sex angeboten und gefilmt wurde, ist der bisher grösste bekannte Fall von DFSA. Ein anderer Fall führte im Mai 2026 in Deutschland zum Prozess. Ein chinesischer Arzt hatte da im Telegram-Forum «Fahrschule für Experten» in Deutschland lebenden chinesischen Männern Anleitungen für die Herstellung von Betäubungsmitteln gegeben.
Seine Kunden hatten unter Codewörtern wie «Autofahren» (Vergewaltigung), «tote Schweine» (Frauen), «Benzin» (Betäubungsmittel) chinesische Frauen vergewaltigt, mit ihren Taten geprahlt, sie gefilmt und ins Netz gestellt. Die Täter wurden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Viele in Deutschland lebende Chinesinnen begleiteten den Prozess und sorgten für dessen Verbreitung in China.
Schon 2023 wurde in Deutschland gegen eine Gruppe von Männern ermittelt, die sich auf der Pornoseite Motherless über DFSA austauschten und Filme ihrer Taten hochluden. Auch Sean Combs und Marius Borg Høiby missbrauchten Schlafende. Und die Schweiz hat Patrick Frei.
Es sind Verbrechen, die fassungslos machen. Ohnmächtig. Betäubt. Was für ein glühender Frauenhass muss in diesen Männern wüten? Welche absolute Abwesenheit von Empathie für ihre Opfer? Das Alter der Täter zum Zeitpunkt der Tat reicht von jung bis 70 und umfasst jede Berufs- und Bildungsgruppe.
Im Guardian erzählen jetzt zwei Frauen, die jahrelang von ihren Männern betäubt und missbraucht wurden. Zoe Watts erfuhr nach 14 Jahren Ehe von ihrem Mann selbst – er war Christ und brach schliesslich unter der Last der eigenen Schuld zusammen –, dass er jahrelang ihren Tee mit Betäubungsmitteln versetzt und sie danach vergewaltigt hatte. Watts hatte sich jahrelang über körperliche Symptome wie Blasenentzündung, Migräne, Verwirrtheit, Müdigkeit gewundert. Einmal war sie mitten in der Vergewaltigung erwacht, ihr Mann hatte sich entschuldigt, gesagt, er wisse gar nicht, was mit ihm los sei, und einen Arzt aufgesucht, sie hatte das Ablenkungsmanöver geglaubt.
«Diese Art von Verbrechen verändert deine gesamte Lebenswirklichkeit», sagt Zoe Watts, «es ist nicht so, als hätte ich einen Überfall erlebt und wäre dann in mein sicheres Zuhause und den Trost meines Mannes zurückgekehrt. Es ist wie eine Atombombe innerhalb der Familie. Man hinterfragt jedes Gespräch, jede Interaktion. Die Person, die man zu heiraten glaubte, mit der man die nächsten 60 Jahre verbringen wollte, ist nicht mehr dieselbe Person. Das Bett, das man für sicher hielt, ist es nicht – es war es noch nie.» Die Polizei, sagt sie, habe sie nach seinem Geständnis vorbildlich unterstützt.
Amanda Stanhope lebte in einer hochtoxischen Beziehung. Als sie Hilfe suchte, verschrieb man ihr Antidepressiva, Schlaftabletten und Betablocker. Ihr Partner war nicht ganz so gründlich, wenn es darum ging, die Spuren seiner nächtlichen Taten zu verwischen. Wenn sie ihn fragte, war seine Antwort stets: «Erinnerst du dich nicht mehr?» Klassisches Gaslighting. Schliesslich meinte sie, sie habe Alzheimer. Das Resultat waren noch mehr Medikamente. Sie verbrachte Jahre in zunehmender Verwirrung. Dann versuchte sie, sich mit einer Überdosis das Leben zu nehmen. Er rief den Krankenwagen, und bis dieser kam, hatte er die Bewusstlose schon wieder vergewaltigt.
Endlich zeigte sie ihn an. Er nahm sich das Leben. Heute braucht sie nur noch Schlaftabletten, denn schlafen kann sie von sich aus nicht mehr. Und sie offenbarte einen Trick der Täter: «Ich wurde in der Vergangenheit schon gefragt: ‹Weisst du körperlich nicht, dass du Sex hattest, wenn du aufwachst?›», sagt sie, «aber so viele von uns haben das Gleiche erlebt. Unsere Partner haben meist dafür gesorgt, dass sie schon früher am Abend Sex mit uns hatten – wenn man also aufwacht und weiss, dass man Sex hatte, denkt man, dass es das war.»
Stanhopes Partner war pornosüchtig. Und tatsächlich wird DFSA von Pornografie begünstigt. Denn Pornografie funktioniert nur in eine Richtung: Wer sie konsumiert, muss seinem Gegenüber nicht gefallen, muss es nicht befriedigen und auch sonst nicht mit ihm in eine Interaktion treten. «Sleep Content» ist ein Suchbegriff, ebenso wie «betäubt» und «vergewaltigt». Auf der immer wieder von der Polizei verfolgten Seite Motherless etwa fanden sich Tausende von Videos, Bildern und entsprechenden Tutorials. Die Frauen in diesem «Content» spielen keine Rolle. Sie haben keine Persönlichkeit, nur eine Funktion. Sind stumme Sexpuppen mit geschlossenen Augen.
Neu ist das nicht. Griechische Götter schwängerten gerne Schlafende. Und als Alkohol, Drogen und Pornografie im viktorianischen England boomten, da waren plötzlich auch K.o.-Tropfen und DFSA an der Tagesordnung. Aufbegehrende Gattinnen, die erste Emanzipationsschübe zeigten, wurden mit Chloroform ruhiggestellt. Die aufkommende Fotografie beförderte neben Familienporträts vor allem pornografische Bilder – auch da finden sich sehr viele schlafende Frauen. Das Internet gabs zum Glück noch nicht.
In die heutige Realität übersetzt, machen die Täter ihre Opfer zu Frauen, über die sie ohne jede Zustimmung und ohne die Anstrengung der Verführung absolut verfügen können. Zu Frauen, die nicht hinschauen, die sie anschauen können, die ihnen kein schlechtes Gewissen einjagen, keine Scham. Passenderweise ist das Echtheitszertifikat von DFSA der «End Eye Check»: Der Täter zieht für sein Publikum vor laufender Kamera das Augenlid eines bewusstlosen Opfers hoch, um sicherzustellen, dass es betäubt ist.
«Ich habe die Nachrichten gesehen», sagt Stanhope, «die diese Männer austauschen, in denen sie sich gegenseitig beglückwünschen, loben und Ratschläge geben. Das gehört alles dazu. Es ist nicht gerade eine Freundschaft, aber es ist ein gemeinsamer Raum, ein gemeinsames Interesse, das sich um etwas so Entsetzliches rankt. Es ist teuflisch.»
Das Ziel ist nicht, gemeinsam mit einer Frau etwas Schönes zu erleben. Das Ziel ist, gemeinsam mit anderen Männern eine Frau zu erniedrigen. Es klingt wie das Ende der Zivilisation.
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