International
Frankreich

Frankreich: Gisèle Pelicot spricht erstmals öffentlich

Gisèle Pelicot spricht erstmals öffentlich: «Schaute zurück, bis sie ihre Augen senkten»

Sie war ein Opfer und wurde eine Ikone: Gisèle Pelicot erzählt erstmals öffentlich, wie sie die spektakuläre Vergewaltigungs-Affäre aus ihrer Sicht erlebte. Und was sie anderen Frauen rät.
12.02.2026, 03:3012.02.2026, 05:42
Stefan Brändle, Paris / ch media

Die Reihe ist an Gisèle Pelicot. Fast zehn Jahre lang war die Französin von ihrem eigenen Mann betäubt und Unbekannten zur Schändung im Ehebett überlassen worden. Später musste sie vier Monate lang einen weltweit verfolgten Prozess gegen 51 Angeklagte aussitzen. Doch nie verlor das vielleicht bekannteste Gesicht Frankreichs auch nur ein Wort in der Öffentlichkeit.

FILE - Gisele Pelicot leaves the courthouse for a break during the appeals trial in the case of a man challenging his conviction, less than a year after the landmark verdict in a drugging and rape tri ...
Gisèle Pelicot veröffentlicht ihre Memoiren und spricht erstmals öffentlich.Bild: keystone

Nun ergreift sie es doppelt. Nächste Woche erscheinen ihre «Memoiren», und zwar – weil es denn ein Weltbestseller sein wird – gleichzeitig in mehreren Sprachen; der deutsche Titel lautet «Eine Hymne an das Leben» (bei Piper).

Am Mittwochabend stellte sich die adrette 73-Jährige Frau mit dem Pagenschnitt und der Spitznase erstmals den Fernsehkameras. Schlicht in weisse Hosen und eine hellblaue Bluse gekleidet, trat sie in der französischen Literatursendung «La Grande Librairie» auf, flankiert von der Journalistin Judith Perrignon, die sie bei der Niederschrift des Buches sekundierte.

Ebenso schlicht ist ihr Auftreten: Ernst, konzentriert, wie schon während des Monsterprozesses in Avignon, beantwortet sie die Fragen des Moderators, nüchtern, ohne jedes verbindliche Lächeln. Wie es ihr gehe? «Ich versuche mich wieder aufzubauen, indem ich dieses Buch geschrieben habe», sagt sie, um nach einer Denkpause anzufügen: «Auf diesem Ruinenfeld.»

Das Lächeln der Mutter

Aber nein, beruhigt sie den Fragesteller: Sie sei trotz allem Durchgemachten weder depressiv noch suizidär, wie das vielen Opfern passiere. Sie habe ungeahnte Kräfte in sich entdeckt und sogar zu ihrer Lebensfreude zurückgefunden. Wie das, will der Moderator wissen. Sie habe ihre Mutter zwar noch als Kind – durch eine Krebserkrankung – verloren, erinnere sich aber bis heute an ihr Lächeln. Das mache sie stark.

Was sie seither erlebte, angefangen von der Mitteilung der Polizei, dass ihr Mann in Haft sei, vergleicht sie mit einem vorbeibrausenden TGV, einem Tsunami, ja gar einer Explosion.

Gisèle Pelicot sagt das alles ganz sachlich. Sie zeigt wenig Gefühle, bezeichnet sich selber als «schamhaft und diskret». Als man ihr die scheusslichen Amateurporno-Videos vorgespielte, glaubte sie zuerst schlicht nicht, dass sie das war, nackt auf dem Bett, von ihrem Mann gefilmt.

«Ich sah eine fremde Frau, die bewusstlos, seelenlos dalag. Mein Gehirn schaffte die Erkenntnis nicht, dass ich das war. Erst vier oder fünf Stunden später rang ich mich zur Einsicht durch: Ich war von meinem Mann und einer Menge anderer Männer ohne mein Wissen vergewaltigt worden. Immer wieder.»

Der Moderator fragt sehr direkt: Viele Leute hätten gedacht, es könne gar nicht sein, dass eine Frau zehn Jahren lang «nichts gemerkt» haben wolle. Doch, antwortet die Angesprochene. Und sie sei nicht die einzige gewesen: Sie habe zwei Neurologen wegen ihrer Aussetzer und Gedächtnislücken konsultiert, Gynäkologen, andere Ärzte. Jeder habe eine andere Diagnose gestellt, aber keiner die richtige: Vergewaltigung. «Als ich auf der Polizeiwache dieses Wort hörte, brach für mich eine Welt zusammen», sagt Gisèle Pelicot.

«Das war doch alles unmöglich – schliesslich verbrachte ich gerade das fünfzigste Jahr mit diesem Mann, für den ich als junge Frau einen Coup de foudre hatte.»

Heute fühle sie sich aufgebracht, verraten. Hass auf ihren Ex-Mann – von dem sie seit 2024 geschieden ist – verspüre sie aber nicht:

«Man kann doch nicht sein ganzes Leben in den Müll werfen. Wir hatten auch gute Momente miteinander.»

Anders mit den 50 Männern, die der Einladung zur Vergewaltigung gefolgt waren: «Entschuldigung, aber das waren keine gewöhnlichen Männer, wie es überall heisst», wendet ihr Opfer ein. «Das waren Vergewaltiger. Und kein einziger hat meinen Mann bei der Polizei angezeigt.»

Während des Prozesses hätten ihr diese Angeklagten böse Blicke zugeworfen.

«Aber ich schaute erhobenen Hauptes zurück, bis sie ihre Augen senkten. Ich bin stolz, dass ich diesen Männern standgehalten habe.»

Nur zweimal habe sie es im Verhandlungssaal nicht mehr ausgehalten. Einmal erklärte eine Verteidigerin, man sehe auf einem Video, dass sie ihr Becken offenbar lustvoll mitbewegt habe. Dabei habe der medizinische Gutachter klargemacht, dass ich das aus Schmerz getan hätte.

Nun ereifert sich Gisèle Pelicot doch leicht über «diese Männer», die allesamt verurteilt wurden:

«Es bräuchte mal einen kräftigen Tritt in diesen Ameisenhaufen unserer machistischen, patriarchalen Gesellschaft.»

Aus den tausenden von Briefen von vergewaltigten Frauen, die sie erhalte, gehe klar hervor, dass sich all diese kriminellen Täter straflos fühlten.

Auch ihr Mann habe versucht, sie zu unterwerfen, aber er habe es nicht geschafft. Sie sei nur eine gewöhnliche Frau, aber sie habe einen unabhängigen Geist. «Ich sage allen misshandelten Frauen: Schämt euch nicht, fühlt euch nicht schuldig, geht zur Polizei. Wenn das auch nur eine Frau tut, weil sie denkt, dass sie schaffen könne, was ich auch geschafft habe, dann habe ich mein Ziel schon erreicht.»

Als die Sendung zu Ende ist und Gisèle Pelicot das Studio verlässt, passiert, was schon in Avignon geschah: Das Publikum im TV-Studio beginnt spontan zu applaudieren. (bzbasel.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
12 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Gina3
12.02.2026 08:36registriert September 2023
Und ich hoffe inständig, dass mit den Epstein-Files dasselbe geschieht wie durch Gisèle Pelicot angestoßen:
➡️ dass sich die Schande endlich verlagert.
➡️ Dass die Täter, ihre Helfer, die Vertuscher und Profiteure sich schämen müssen –
und ihren Einfluss, ihre Jobs, ihre Unterstützer verlieren.
➡️ Dass Licht ins Dunkel kommt und klar gesagt wird:

Das ist nicht normal.
Missbrauch, Ausbeutung und das Schweigen darüber sind nicht normal.
373
Melden
Zum Kommentar
avatar
SirJoe
12.02.2026 07:58registriert Juli 2015
Eine unglaublich üble Geschichte, eine unglaublich starke Frau.
324
Melden
Zum Kommentar
avatar
Schlüsselblüemli
12.02.2026 07:19registriert April 2020
Ich empfehle das Buch „Mit Männern leben“, wo es genau um diesen Prozess geht und verschiedenste Bereiche beschrieben werden. Ich empfehle es auch dringend allen Männern!

Es ist unglaublich was da abgegangen ist und wie alltäglich und normal Missbrauch stattfindet.
358
Melden
Zum Kommentar
12
«Tod Chamenei»: Versprecher führt zur Entlassung eines iranischen TV-Chefs
Ein Regionalchef des iranischen Staatsfernsehens IRIB ist nach einem Versprecher seines Reporters entlassen worden. Dieser hatte in einer Live‐Sendung zum 47. Jahrestag der Islamischen Revolution am Mittwoch statt des üblichen Slogans «Tod den USA» versehentlich «Tod Chamenei» gesagt.
Zur Story