Der belgische Unternehmer zwischen Vatikan, Moskau und Verschwörungen
Die Strafanzeige reichte Pierre Louvrier direkt bei der Bundesanwaltschaft ein. Üble Nachrede sei es gewesen, was diese Zeitung im September vergangenen Jahres sowie einige Tage später die «Handelszeitung» über ihn berichteten. Die beiden Medien hatten die Ankündigung des Geschäftsmannes aufgegriffen, mit 300 Millionen Franken die Mehrheit der Schweizer Mediengruppe Highlight des ehemaligen FCB-Präsidenten Bernhard Burgener übernehmen zu wollen. Selbst die Finanzmarktaufsicht bot Louvrier auf; die Berichte schädigten angeblich den Ruf der Firma.
Pierre Louvrier ist ein belgischer Unternehmer, der nach einer katholischen Erziehung sein berufliches Glück in Russland suchte. Nach dem russischen Einmarsch auf die Krim verlagerte er sein Wirken zunächst nach Genf und dann vor allem nach Italien. Im Vatikan führt er eine wenig transparente Stiftung, die Clementy Schuman Legacy Foundation (CSLF), wobei er sich als normales Board-Mitglied bezeichnet. Diese sammelt einen Kreis von rechtskonservativen Personen, die mit Berufung auf den Vorzeigeeuropäer Robert Schumann Friedensvorstellungen entwickelt. Diese beruhen allerdings vor allem darauf, die bestehenden Sanktionen gegen Russland gegen Geschäfte mit Russland einzutauschen.
Auch Strafanzeige gegen die «New York Times»
Die Strafanzeige hat sich erledigt. Das Verfahren, das die Bundesanwaltschaft an die Aargauer Staatsanwaltschaft in Lenzburg abtrat, versandete in einer Nichtanhandnahmeverfügung. Weder hatte Louvriers italienischer Anwalt die Strafanzeige innert nützlicher Frist in deutscher Übersetzung nachgereicht, noch die vom Gericht geforderten 800 Franken als Sicherheitsleistung überwiesen.
Louvrier schickte dafür ein Schriftstück mit, das als Strafanzeige gegen die «New York Times» (NYT) bezeichnet ist. Dies hat sich bei der Akteneinsicht ergeben. In diesem Schreiben schildert er sich als Opfer einer umfassenden Verschwörung.
In der vorliegenden Anzeige gegen die NYT erzählt Louvrier folgende Geschichte: Ende 2024 sei ihm ein vertrauliches Dossier zugespielt worden, das mutmasslich der kanadische Geheimdienst über ihn erstellt habe. Darin werde er als «Subjekt» beschrieben, das mit seinen philanthropischen Initiativen westliche Institutionen untergrabe und Ziele fördere, die mit denen des Kremls übereinstimmten.
Im selben Boot wie Jordan Bernt Peterson
Dass er diese Beschreibung als «böswillig» falsch bezeichnet, ist das eine. Schliesslich sei er bloss «ein kleiner belgischer Unternehmer». Bemerkenswert ist seine Quelle: Der Kanadier Jordan Bernt Peterson habe ihm das Dossier überreicht; dieser habe es wiederum von dessen «privatem Sicherheitsdienst» erhalten. Peterson, ein emeritierter Psychologieprofessor, ist durch seine Auftritte auf den Sozialen Medien zur internationalen Nummer in der Verbreitung pointiert konservativer Positionen geworden. Ob Geschlechterfrage, Covid-Massnahmen oder Klimawandel – stets steht er auf der Seite einer lauten Minderheit.
Louvriers Verschwörungserzählung, die er von einem Verschwörungserzähler erhalten hat, geht so: Kaum habe er von Peterson das Dossier erhalten, sei er von einem Journalisten der «New York Times» genau mit diesen Vorwürfen konfrontiert worden. Obwohl er diesem gesagt habe, dass etwa seine russischen Verbindungen falsch dargestellt würden, sei er in der «New York Times» am 29. Januar 2025 so geschildert worden, wie im Dossier beschrieben.
Der Zeitpunkt der Publikation sei wiederum Teil einer politischen Kampagne gewesen. Zwei Tage nach dem Erscheinen des Beitrags fand im US-Senat die Anhörung von Tulsi Gabbard statt, der neuen Direktorin US-Geheimdienste, die per Ende Juni 2026 jedoch wieder zurücktreten wird. Die Verbindung: Gabbard hatte im Sommer zuvor an einer von Louvrier organisierten Veranstaltung im Vatikan teilgenommen. Darin wurde über einen eurasischen Brückenschlag raisoniert. Der Artikel in der NYT führte bei der Senat-Anhörung zu kritischen Fragen an Gabbard. Louvrier schliesst daraus, als «nützlicher Idiot» für einen US-innenpolitischen Kampf benutzt worden zu sein.
Ein Opfer der «bulgarischen Mafia»
Es wäre schon die zweite Intrige, der Louvrier im Lauf der Jahre zum Opfer gefallen wäre. So scheiterte in Bulgarien die Übernahme einer hoch verschuldeten Gesellschaft im Telekommunikationsbereich. Die «bulgarische Mafia» hätte ihn mit einer Verleumdungskampagne überzogen, dass es «unmöglich und gefährlich» geworden sei, an der Beteiligung festzuhalten. Dies schreibt er in der Klage gegen die NYT. Die medial verbreitete Mutmassung, der sanktionierte Oligarch Konstantin Malofjev sei als Financier hinter dem Übernahmeversuch gestanden, weist Louvrier als «Falschinformation» zurück.
Auch in der Strafanzeige gegen diese Zeitung hat Louvrier eine Verbindung mit Malofjev zurückgewiesen. Es sei bereits eine Verfügung einer Behörde erwirkt worden, die «den verletzenden, falschen und nicht aktuellen Charakter ähnlicher veröffentlichter Inhalte anerkannt hat». Auf die Bitte, diese Verfügung zuzustellen, reagierten weder Louvrier noch sein Anwalt.
Über Louvriers geschäftliche Erfolge ist nichts bekannt. In Moskau scheiterte die Übernahme eines Autohauses (2012), da ihm angeblich die versprochenen Aktien nicht übergeben wurden. In Bulgarien war es angeblich die Mafia (2015), die ihn am Erfolg hinderte. In Italien blieb er Zahlungen für die Rettung des Technologieunternehmens Fimer (2023) schuldig, wobei nach Louvriers Ansicht die Gegenseite ihre Verpflichtungen nicht eingehalten hatte. Die Ankündigung, die Schweizer Highlight-Gruppe zu übernehmen (2025), blieb ohne erkennbare konkrete Schritte.
Auch für «Financial Times» ein Mysterium
Seit dem Beitrag in der «New York Times» steht Louvrier im Zentrum verschiedener Recherchen, auch im deutschsprachigen Raum. Die «Zeit» näherte sich ihm an, indem sie unter dem Titel «Putins Konzertmeister» den Kulturmanager Hans-Joachim Frey porträtierte, der das Musikprogramm des mysteriösen Vatikan-Treffens organisiert hatte. Die linke «Taz» beschrieb zuletzt Louvriers Netzwerk, das «von Trumps Lager über Moskau bis zu Sigmar Gabriel» reiche.
Anfang Jahr widmete die «Financial Times» (FT) dem Belgier einen prominenten Auftritt und eine grosse Recherche. Die Autorin beschreibt ihn als Mann, der an der Schnittstelle von Wirtschaft, Finanzen und Religion operiere. Sie wurde von Louvrier nicht nur empfangen, sondern auch gleich in dessen vatikanische Salon-Welt eingeführt. Doch auch die FT konnte das Mysterium Louvrier nicht entschlüsseln.
So bleibt im Vagen, welche über seine Kontakte angebandelten Deals realisiert würden, wenn die USA und Russland wieder ins Geschäft kommen sollten. Von Milliardeninvestitionen ist die Rede. Louvrier sagt der FT, nicht er, sondern die Stiftung werde die Gewinne erhalten. Für sich hat er jedoch vorgesorgt. Die Privatadresse der Strafanzeige verweist auf ein stattliches Landgut nordwestlich von Rom.
