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Libanesin: «Der Heimatort meiner Familie wurde eine Geisterstadt»

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Libanesin: «Ich möchte meine Heimat nicht verlassen, aber ich muss darüber nachdenken»

Im Libanon herrscht ein Krieg, der keinen Namen hat, sagt die Libanesin Amaya. Der Heimatort ihrer Familie nahe der Grenze zu Israel verwandelt sich in eine Geisterstadt. Die Luftanschläge treiben die Menschen zur Flucht – auch über die Landesgrenzen hinweg. Ein Leben ausserhalb von Libanon kann sich Amaya nicht vorstellen. Noch nicht.
28.09.2024, 10:2628.09.2024, 21:02
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Eigentlich fühlt sich Amaya wohl in ihrem Heimatland. Sie schätze die Freiheit, die Libanon ihr als Frau im Nahen Osten gewährt. Doch die Angst einer Kriegsausweitung sitzt tief. Am Telefon teilt sie uns mit:

«Ich habe Angst, mein Zuhause zu verlieren. Ich habe Angst, dass meine Eltern sterben. Oder mein Mann. Oder meine vierjährige Tochter.

Ich habe auch Angst, dass sie in diesem Jahr nicht zur Schule gehen wird, dass sie keine Bildung erhalten wird.

Ich habe Angst, dass ich mein Leben, das ich wirklich geniesse, verliere.»

Die 31-jährige Libanesin heisst eigentlich anders. Aus Sicherheitsgründen schützen wir ihre Identität.

Amaya, befindest du dich an einem sicheren Ort?
Amaya: Meine Familie und ich sind in Sicherheit. Der grösste Teil meiner Familie hat ihren Heimatort Alma el Chaab verlassen. Der Ort liegt im südlichen Libanon, unmittelbar vor der Grenze zu Israel.

Die Region, die am stärksten von den Luftangriffen betroffen ist.
Südlibanon wird seit Beginn des Gaza-Kriegs im vergangenen Oktober regelmässig beschossen. Mindestens 800 Einwohner haben das Dorf bereits verlassen. Vor einigen Tagen wurde auch eine Strasse des Heimatdorfes meiner Familie bombardiert. Es kam zu einer tödlichen Tragödie: Ein Nachbar suchte Zuflucht in der Kirche des Dorfes, seine Frau weigerte sich, das Haus zu verlassen. Sie ist beim Beschuss ums Leben gekommen. Israel behauptet, dass sich in diesen Häusern Raketen und Waffen der Hisbollah befinden. Ich weiss nicht, wie sie darauf kommen. Alma el Chaab ist ein christliches Dorf ohne Hisbollah-Mitglieder.

Sind die Bewohnerinnen und Bewohner vor den Angriffen gewarnt worden?
Nein.

Hast du noch Verwandte in dieser Region?
Die meisten sind in die Hauptstadt Beirut geflohen, andere befinden sich gerade auf der Flucht. Es herrscht ein grosses Verkehrschaos und einige Strassen wurden aus Sicherheitsgründen gesperrt, sodass sie einen längeren und holprigen Weg nehmen mussten, um in Sicherheit zu gelangen.

Aufnahmen vom Dorf Alma el Chaab vor den Luftanschlägen.
Aufnahmen vom Dorf Alma el Chaab vor den Luftanschlägen.bild: zvg
Alma el Chaab ist ein christliches Dorf mit vielen Tieren.
Alma el Chaab ist ein christliches Dorf mit vielen Tieren. bild: zvg
Aufnahme eines durch die israelischen Luftangriffe zerstörten Gebäudes in Alma el Chaab.
Aufnahme eines durch die israelischen Luftangriffe zerstörten Gebäudes in Alma el Chaab.bild: zvg
Viele der Menschen aus Südlibanon sind bereits in Richtung Beirut geflohen.
Viele der Menschen aus Südlibanon sind bereits in Richtung Beirut geflohen.bild: zvg

Wo befindest du dich?
Ich lebe im Gebiet Metn, östlich von Beirut und 120 Kilometer von Alma el Chaab entfernt. Momentan ist die Gegend sicher und verfügt über alle notwendigen Einrichtungen wie Schulen, Banken, Supermärkte, Kirchen, Einkaufszentren. Die Lage ist ziemlich angespannt, da wir ständig israelische Kampfflugzeuge am Himmel hören. Gelegentlich fliegen diese Flugzeuge so schnell, dass sie die Schallmauer durchbrechen. Dies verursacht einen gewaltigen Knall – ein erschreckendes, aufrüttelndes Geräusch. Nach jedem Luftangriff hören wir später Sirenen, die wahrscheinlich in Richtung Beirut fahren, um Verletzte zu transportieren.

Du bist Lehrerin. Kannst du derzeit noch unterrichten?
Die Schulen und Kindergärten sind aufgrund der Luftangriffe am 24. September landesweit geschlossen worden. Es besteht die Sorge, dass den Kindern auf dem Schulweg etwas zustösst. Die Schulen im äussersten Süden sind bereits seit letztem Oktober zu. Viele Schülerinnen und Schüler sind in grössere Städte wie Tyros oder Sidon gezogen, um ihre Ausbildung fortzusetzen. Nun haben sich viele Schulen dazu entschlossen, auf Fernunterricht umzustellen. So auch meine.

«Ich möchte Libanon nicht verlassen. Ich liebe mein Land. Ich schätze die Freiheit, die ich hier als Frau im Nahen Osten habe.»

Wie gehst du mit der Situation um?
Mit einfühlsamen Menschen zu sprechen, die in der gleichen Situation stecken, hilft enorm. Gemeinsam mit meiner Familie helfe ich vertriebenen Familien. Wir vermitteln sie zu Organisationen, die ihnen Essen, Matratze, Kissen und Hygieneprodukte zur Verfügung stellen. Das lenkt uns etwas ab und gibt uns das Gefühl, etwas Produktives und Nützliches zu tun.

Gibt es in diesen dunklen Stunden auch schöne Momente?
Gemeinsames Beten und das Zusammenkommen verschiedener Glaubensrichtungen – sowohl Christen als auch Muslime – stärkt unsere Einheit und festigt die Bindung zwischen uns. Wir verfolgen die News aus aller Welt. Die Märsche und Proteste zu sehen, erfüllt unsere Herzen mit Hoffnung und Zufriedenheit. Wir fühlen uns gehört und für einmal nicht alleine gelassen.

A protester waves a Lebanese flag as demonstrators gather to protest the war in Gaza and Lebanon in front of the Los Angeles Federal Building on Tuesday, Sept. 24, 2024, in Los Angeles. (AP Photo/Etie ...
Protest gegen den Krieg in Gaza und Libanon, Los Angeles, 24. September 2024. Bild: keystone

Hast du schon einmal eine ähnliche Situation erlebt?
Ja, im Jahr 2006. Während des Libanonkriegs war ich 13 Jahre alt. Gleiches Szenario, nur ist nun die Raketentechnik fortgeschrittener, die Waffen zerstörerischer und einfacher aus der Ferne zu bedienen. Ich erinnere mich, dass die Kommunikation zum Stillstand kam, Lebensmittel knapp wurden, die Menschen Schlange standen, um ihre Autos zu betanken. Ich konnte nicht zur Schule gehen und wir konnten uns auch nicht in Sicherheit begeben. Wir fühlten uns in unserem eigenen Land gefangen.

Im Libanon gibt es keine Schutzbunker.
Viele Menschen schlafen deshalb im Freien, aber zum Glück haben wir eine wunderbare Gemeinschaft. In unserer Kultur ist Gastfreundschaft von zentraler Bedeutung. Kirchen, NGOs sowie private Initiativen stellen Wohnungen, Telefonnummern von Fahrern, die bereit sind, vertriebene Familien zu transportieren, zur Verfügung.

Die bombardierte Strasse in Alma el Chaab, die oben im Artikel vor den Luftangriffen abgebildet ist. Video: extern/zvg

Gedenkst du, das Land zu verlassen?
Viele Menschen fliehen bereits, einige davon sind ins benachbarte Syrien geflüchtet. Wenn der Krieg anhält und in unserer vermutlich sicheren Region etwas passiert, planen auch wir, das Land zu verlassen. Doch eigentlich möchte ich das nicht. Ich liebe mein Land. Ich schätze die Freiheit, die ich hier als Frau im Nahen Osten habe. Ich mag meinen Job, mein Haus. Ich weiss nicht, ob der Libanon, den ich gekannt habe, zurückkehren wird.

Wie meinst du das?
Wie sollen all die zerstörten Häuser wieder aufgebaut werden? Mit welchem Geld? Man verbringt sein Leben damit, ein schönes Haus zu bauen oder zu kaufen, und in einem Augenblick wird es dem Erdboden gleichgemacht. Die Wirtschaft Libanons hat ihren tiefsten Punkt erreicht. Wir haben keine Mittel, um unser Land wieder aufzubauen.

«Wir haben keine Mittel, um unser Land wieder aufzubauen.»

Wie stehen die Menschen derzeit zur Hisbollah?
Viele unterstützen die Hisbollah und denken, dass sie verhindern kann, dass Israel libanesische Gebiete besetzt. Andere kritisieren die Hisbollah dafür, sich in den Gazakrieg eingemischt zu haben, indem sie Israel mit Raketen angriff.

Offiziell befinden sich der Libanon und Israel seit 1948 noch im Krieg. Zwischen den beiden Nachbarländern bestehen keine diplomatischen Beziehungen. Die Situation verschärfte sich eklatant nach Beginn des Gazakriegs. Aber auch davor kam es immer wieder zu Eskalationen.

Wie dramatisch ist die Situation in den Spitälern?
Die Krankenhäuser sind überlastet. Ärzte, Krankenschwestern und das gesamte medizinische Personal sind im Dauereinsatz. Sie geben ihr Bestes. Vor allem die Pager-Explosionen überfordern das Versorgungssystem. Das Ausmass zeigt eine Aussage des libanesischen Augenarztes Dr. Elias Warrak. Dieser habe in seinen 25 Jahren als Augenarzt noch nie so viele Augen operiert wie am 18. September 2024.

Kommt es im Land zu Hamsterkäufen oder sonstigen Kriegsvorbereitungen?
Vereinzelt gibt es Panikkäufe. Doch die Supermärkte sind nicht leer gekauft worden. So absurd es klingt: Die Menschen haben sich an Notsituationen gewöhnt.

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20 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Wir (M)Ostschweizer*innen nun im Süden
28.09.2024 13:18registriert Juni 2019
Tragisch und Brutal so ein Leben, das wünscht man niemand...
Aber mit allem Respekt eine Anmerkung,
bei ca. 5 Millionen Einwohner und
ca. 100'000 Hisbollah Kämpfer, wieso toleriert man das?
Libanon die Schweiz des Nahen Osten,
so schade und doch es biz au selber schuld.
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Lordkanzler-von-Kensington
28.09.2024 15:33registriert September 2020
Auch diese Menschen sind Opfer&Leidtragende der Hizbollah+ähnlichen Terroristen.
Jeder Mensch möchte auskömmlich in Ruhe leben, absolut nachvollziehbar, aber man kann auch nicht vor Allem vor der Haustüre wegschauen. Nach dem 2.Weltkrieg mussten sich die Deutschen fragen lassen, was hast Du gewusst & was hast Du getan??
Die Veränderungen in Ländern, wie Libanon oder in Religionen, wie dem Islam, müssen von innen, den eigenen Leuten kommen, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Und man darf sich wehren, auch als Nachbarn. Trotzdem tun die Schicksale weh, zeigt es doch, Krieg ist an sich falsch.
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