International
Naher Osten

Nach massivem Luftangriff im Libanon – Das könnte Israel nun vorhaben

Flame and smoke rise from an Israeli airstrike in the Khiam valley, as seen from Marjayoun town, south Lebanon, Tuesday, Sept. 24, 2024. (AP Photo/Hussein Malla)
Flammen und Rauch steigen nach einem israelischen Luftangriff im Khiam-Tal auf, gesehen von der Stadt Marjayoun im Südlibanon am 24. September.Bild: keystone

Nach Luftangriff im Libanon mit über 500 Toten: «Israel nimmt zivile Todesopfer in Kauf»

Die Hisbollah-Miliz im Libanon erlebt den härtesten Luftangriff Israels seit fast 20 Jahren. Nahostexperte Andreas Böhm von der Universität St. Gallen erklärt im Interview mit watson die Gründe und möglichen Folgen.
24.09.2024, 17:4824.09.2024, 18:06
Mehr «International»

Herr Böhm, Israel führt seit Montag den folgenschwersten Luftangriff seit 2006 auf die Hisbollah-Miliz im Libanon aus. Weshalb genau jetzt?
Andreas Böhm: Israel hatte den Angriff auf die Hisbollah-Miliz lange geplant und vorbereitet; darauf deuten etwa die Truppenverschiebungen in den Norden hin. Aber auch die Pager-Explosionen im Libanon von vergangener Woche, hinter denen klar Israel vermutet wird, waren Teil des Plans. Der Zeitpunkt für den Angriff ist politisch gewollt.

Warum?
In den vergangenen Wochen hat Israel die Militäraktionen in Gaza zurückgefahren. In Israels Politik sind sowohl die Regierung als auch die Opposition der Meinung, dass nun die Zeit sei, den Fokus auf den Norden und die Hisbollah-Miliz zu richten. Begründet wird das damit, dass 80’000 evakuierte Bewohner in nördlichen Gebieten Israels wieder zurück in ihre Häuser wollen.

Andreas Böhm leitet an der Uni St. Gallen das Kompetenzzentrum Philanthropie und hat zum Libanon wissenschaftliche Studien verfasst.
«Der Zeitpunkt für den Angriff ist politisch gewollt»: Nahostexperte Andreas Böhm. Bild: zvg
Zur Person
Andreas Böhm leitet an der Universität St. Gallen das Kompetenzzentrum Philanthropie und hat zum Libanon wissenschaftliche Studien verfasst. Seine Forschungsschwerpunkte sind Geopolitik, Philanthropie und der Mittlere Osten.

Israels Ziel ist es, die Hamas auszulöschen – und bei der Hisbollah?
Man kann die Hisbollah ebenso wenig komplett auslöschen wie die Hamas. Obwohl die Hisbollah nur von einem kleinen Teil der Libanesen unterstützt wird – hauptsächlich von den Schiiten – ist ihr Widerstand gegen Israel im Land populär. Israel kann jedoch der Hisbollah militärisch grossen Schaden zufügen, indem sie ihre Waffen- und Munitionsdepots sprengt, Raketenlager angreift und die militärische Führung eliminiert. So wird die Funktionsfähigkeit der Miliz stark beeinträchtigt.

«Für die Hisbollah hingegen wird es ein Problem, wenn es zu viele Todesopfer gibt.»

Laut der israelischen Armee habe der Luftangriff auf Waffenlager abgezielt, die sich zum Teil in privaten Wohnräumen befanden. Zivilisten habe man mit Anrufen und Nachrichten zwei Stunden vor dem Angriff gewarnt – trotzdem sind viele gestorben.
Es ist ein Fakt, dass die Hisbollah solche Lager in der Nähe und unterhalb von Wohnhäusern hat. Aber das sind heimliche Verstecke. Ein Bewohner schöpft vielleicht Verdacht, weiss aber davon in der Regel nichts. Mit der Warnung möchte man sich hinterher rechtfertigen können, wenn es zu vielen zivilen Opfern kommt.

Raketeneinschläge: Seit Montag dauert ein massiver Luftangriff der israelischen Armee gegen die Hisbollah-Miliz im Libanon an. Video: watson/Hanna Dedial

Nimmt Israel diese toten Zivilisten in Kauf oder doch die Hisbollah-Miliz, indem sie diese als menschliche Schutzschilde missbraucht, wie es Benjamin Netanjahu kürzlich sagte?
Auf Bildern nach den Luftschlägen im Libanon ist erkennbar, dass Lagerhallen angegriffen wurden, es aber auch Bombardements auf Wohngebiete gab. Insofern nimmt Israel die zivilen Todesopfer in Kauf. Und dass Netanjahu von Schutzschilden spricht, würde nur Sinn machen, wenn man davon absehen würde, dort anzugreifen, wo Zivilisten sind. Für die Hisbollah hingegen stellt es ein Problem dar, wenn es zu viele Todesopfer gibt.

Weshalb?
Die Hisbollah hat den Libanon nicht so sehr im Griff wie die Hamas den Gazastreifen. Ihr können die Toten nicht egal sein. Als es 2006 über 1200 Todesopfer gab, musste der Anführer der Hisbollah öffentlich auftreten und eingestehen, dass er den Krieg nicht begonnen hätte, wenn er die Konsequenzen gekannt hätte. Das Kernproblem ist die Abwesenheit des libanesischen Staates, weswegen eine Terrororganisation praktisch schalten und walten kann, wie sie will.

«Den offenen Krieg haben wir jetzt schon.»

Wie denken die Menschen im Libanon über die Angriffe Israels?
Seit dem 7. Oktober 2023 prägt der Gazakonflikt die Öffentlichkeit in den arabischen Ländern in einem Mass, das wir uns kaum vorstellen können. Im Libanon ist man der weithin übereinstimmenden Ansicht, unabhängig der politischen oder religiösen Einstellung, dass Israel in Gaza einen Völkermord begeht. Sogar Leute, welche die Hisbollah bekämpfen, lehnen das Vorgehen Israels rundheraus ab.

epa11622227 Lebanese people, who are fleeing southern Lebanon, travel on their cars along the Damour highway towards Beirut, Lebanon, 24 September 2024. Thousands of people fled southern Lebanon after ...
Flucht aus dem Süden: Autokolonne auf der Damour-Autobahn Richtung Beirut am 24. September, am zweiten Tag der israelischen Luftangriffe.Bild: keystone

Israels Generalstabschef Herzi Halevi sagte, die Armee bereite schon «die nächsten Phasen» des Kampfes vor. Kommt als Nächstes eine Bodenoffensive?
Das ist schwer zu sagen. Ein Einmarsch mit allen Unwägbarkeiten stellt für Israel ein hohes Risiko dar – jedenfalls solange man die Hisbollah aus der Luft praktisch ungehindert treffen kann.

Die Sorge vor einer unkontrollierten Eskalation nach einer Bodenoffensive wächst. Stehen wir an der Schwelle zu einem offenen Krieg zwischen dem Libanon und Israel?
Den offenen Krieg haben wir jetzt schon, da sollten wir nicht um den heissen Brei reden.

Was wird die nächsten Wochen geschehen?
Das ist schwer abzuschätzen. Die Amerikaner haben Israel keinerlei Bedingungen auferlegt. Gleichzeitig kann es auch sein, dass der militärische Druck für diplomatischen Druck genutzt wird.

Das bedeutet?
Dass Israel die Hisbollah zu einem Arrangement bezüglich der Grenze drängen will. Denn durch die Stationierung von Waffen südlich des Litani-Flusses verstösst die Hisbollah gegen die UNO-Resolution 1701. Ein Rückzug der Hisbollah käme aber einer Niederlage gleich. Bis dahin kann Israel sie relativ ungehindert treffen und den Druck erhöhen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Einmaliger Gebrauch: Angriffe im Libanon und in Israel
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
117 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Dominik Egloff
24.09.2024 19:20registriert November 2015
Das Problem des Libanon ist, dass seine Armee keine Chance hätte gegen die im Land stehende, vom Iran kommandierte Hisbollah. Wenn der Iran entscheidet, das vom Libanon aus Israel beschossen wird, kann der Libanon nicht mitreden und muss Wohl oder Übel in Kauf nehmen, dass die eigene Zivilbevölkerung den Preis bezahlt. Ein Land das nicht darüber entscheiden kann, ob es Krieg oder Friede will und wehrlos gegenüber einer vollständigen Instrumentalisierung durch ein anderes Land ist, nennt man traditionell eine Kolonie.
So gesehen ist der Iran die Kolonialmacht und der Libanon die Kolonie .
7735
Melden
Zum Kommentar
avatar
Yolanda Hecht
24.09.2024 19:14registriert Juni 2022
"... es aber auch Bombardements auf Wohngebiete gab. Insofern nimmt Israel die zivilen Todesopfer in Kauf. "
Das nennt man Kriegsverbrechen.
4331
Melden
Zum Kommentar
avatar
FACTS
24.09.2024 18:42registriert April 2020
"Denn durch die Stationierung von Waffen südlich des Litani-Flusses verstösst die Hisbollah gegen die UNO-Resolution 1701. "

Und Israel verstösst mit der Besetzung der Golanhöhen gegen UNO-Resolution 497. Und gegen weitere UNO-Resolutionen mit seinem Besatzungsregime und seiner Siedlungspolitik im Westjordanland. Und gegen noch mehr Resolutionen mit seinem Vorgehen in Gaza.

Vielleicht sollte mal Israel selbst damit beginnen, UNO-Resolutionen einzuhalten, statt immer nur anderen deren Verletzung vorzuwerfen. Dann wird's vielleicht doch noch was mit dem Frieden.
4131
Melden
Zum Kommentar
117
    Vatikan: Zustand von Papst Franziskus «stabil» – kein Rückfall

    Papst Franziskus' Zustand ist nach Angaben des Vatikans «stabil». Der 88-Jährige habe zudem keine weiteren Anfälle von Atemnot erlitten, teilte der Sprecher des Heiligen Stuhls mit. Im Laufe des Tages habe er seine Atem- und Bewegungsphysiotherapie fortgesetzt.

    Zur Story