Französischer Bildungsminister: «Es gibt keine Hemmschwelle mehr für Gewalt»
Sind Sie überrascht von der Heftigkeit der Schülerproteste in Frankreich?
Jean-Michel Blanquer: Nicht unbedingt. In unseren Gesellschaften herrscht unbestreitbar eine grosse Nervosität. Frankreich ist nicht das einzige europäische Land, das am Rande einer Nervenkrise steht. Die Gründe sind nicht nur hausgemacht. Die geopolitischen Spannungen und Kriege nehmen zu, die Klimaerwärmung wird immer spürbarer. Das bewirkt gewaltige Zukunftsängste. Die Gymnasiasten reagieren darauf sehr empfindlich.
Sie verlangen mehr Mittel für Schulhaus-Renovationen und für mehr Lehrer. Zu Recht?
In einzelnen Gymnasien schon. Andere Schulgebäude sind allerdings frisch renoviert – und die werden trotzdem blockiert. Das zu verstehen, fällt schwer. Normal ist hingegen, dass die Schüler sich beklagen, dass sie bei mehr als 30 Grad im Schulzimmer Unterricht haben.
Und was ist mit dem Lehrermangel?
Auch diesbezüglich darf man nicht verallgemeinern. Es gibt Gymnasien, wo kaum ein Lehrer unterrichten will, auch wenn es Jahresprämien von bis zu 3000 Euro gibt.
Zum Beispiel im Banlieue-Departement Seine-Saint-Denis?
Das gilt für den ganzen Vorstadtgürtel um Paris, aber zum Beispiel auch im deindustrialisierten Norden des Landes. Die französischen Regionen, die zuständig sind für die Gymnasien, haben oft keine Mittel.
Viele Gymnasiasten hassen auch die Onlineplattform Parcoursup, die nach der Matura automatisch die Studienplätze für das erste Hochschuljahr zuteilt.
Jedes Auswahlsystem schafft Frustrationen. Parcoursup, das die Maturanden aufgrund rationaler Kriterien zuteilt, ist der Sündenbock. Dabei war es früher nicht besser: Die Schulabgänger mussten in den Universitäten stundenlang Schlange stehen, um sich einzuschreiben. Später versuchte man es per Losentscheid. Damit verglichen ist das neue Parcoursup-System bedeutend egalitärer.
Verspricht Frankreich nicht zu vielen Schülern den Matura-Abschluss? Sollte man nicht eher die Berufslehre aufwerten?
Als ich Bildungsminister war, haben wir uns die Modelle in Deutschland und der Schweiz sehr genau angesehen. Sie haben klare Vorteile, aber sie sind nicht in jedem Fall übertragbar. In Frankreich haben die Firmen Mühe, die Berufslehre einzuführen, weil sie als wenig prestigereich gilt, was auch viele Schulabgänger abhält. Immerhin gibt es in Frankreich heute drei Arten von Matura, von denen zwei Abschlüsse – die Berufs- und die technische Matura – in die Lehre münden. Das sollten wir weiter fördern.
Frankreich versteht sich als Kulturnation, verliert aber in der Pisa-Studie jedes Jahr an Boden.
Das ist in den meisten entwickelten Nationen so. Die Smartphones und Videospiele sind ein globales Zivilisationsphänomen, gegen das wir kämpfen müssen. Wir müssen wieder mehr Wert auf das Allgemeinwissen legen, auf die Förderung der intellektuellen Fähigkeiten und auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wie schlecht es darum bestellt ist, zeigt sich auch in den aktuellen Protesten, wo es keine Hemmschwelle mehr für Gewalt gibt. Unser Thinktank «Labor der Republik» hat deshalb ein Projekt gestartet, das darauf abzielt, abgelegene oder Randregionen zu beleben. Wir versuchen, die Jugendlichen wieder der realen Welt zuzuführen und sie wieder mit der Natur und der Kultur in Verbindung zu bringen.
Werden die Schülerproteste politisch vereinnahmt?
Ja, massiv. Vom Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon bis zu den Aktivisten des Schwarzen Blocks versuchen Linksextremisten, die Spannungen zu schüren und die Gesellschaft zu polarisieren. Sie wollen ein Chaos anrichten, und oft gelingt es ihnen, obwohl sie unter den friedlich eingestellten Gymnasiasten eine klare Minderheit sind. Aber sie wissen, wie sie andere mitreissen können.
Wie schaffen sie das?
In den Vorstädten ist die Mélenchon-Partei «Unbeugsames Frankreich» immer stärker verwurzelt. Wichtiger ist allerdings etwas anderes: Die Mobilisierung der Linksradikalen läuft über die sozialen Medien, die alle Kategorien der Bevölkerung und der Gymnasiasten erreichen und die Ängste und Sorgen der Jugendlichen über die Bildschirme direkt ansprechen. Mithilfe von KI produzieren sie zudem einen Schneeballeffekt mit einer massiven Breitenwirkung.
Was kann die Regierung in Paris dagegen tun? Macht es die horrende Staatsschuld von 3600 Milliarden Euro nicht unmöglich, die Forderungen der Mittelschüler zu erfüllen?
Der Staat bleibt nicht untätig. In den letzten Jahren hat er die Priorität darauf gelegt, die Grundschulen zu sanieren. Rund um Paris profitierten davon 400'000 Primarschüler. Aber eben nicht die Mittelschüler, die jetzt auf die Strasse gehen. Das alles braucht Jahre. Was jetzt am dringendsten ist: Wir müssen mit Blick auf die aktuellen Sozialproteste erkennen, dass unsere Demokratie wirklich in Gefahr ist. Denn die aktuelle politische Konstellation gab es noch nie: Bei den französischen Präsidentschaftswahlen liegen die rechten und die linken Extremisten vorn! Sie dürften sich den Wahlsieg streitig machen, und sie spielen sich sogar in die Hände.
Wie denn?
Jean-Luc Mélenchon weiss, dass er gegen Marine Le Pen keine grossen Wahlchancen hat. Also legt er es darauf an, ein Schlamassel anzurichten. Als Folge würde Marine Le Pen gewählt, weil sie die Ordnung verkörpert – doch ihre Wahl würde, wie Mélenchon wohl kalkuliert, so massive Widerstände und Proteste auslösen, dass sie Mélenchon schliesslich doch ins Elysée bringen könnte. Dieses Spiel ist brandgefährlich. Ich glaube, Frankreich steht am Scheideweg. Diese Wahlen werden darüber befinden, ob die französische Demokratie gegen ihre Gegner bestehen kann oder nicht. (schweizheute.ch)

