Über 100'000 Hundertjährige – warum die Menschen in Japan so alt werden
Japan zählt mittlerweile 107'677 Menschen, die 100 Jahre oder älter sind – ein neuer Höchststand, wie das japanische Gesundheitsministerium diese Woche bekannt gab. Wie es dazu kam, wie Japan im internationalen Vergleich dasteht und was hinter dem Phänomen steckt, zeigt ein Blick auf die Daten.
1963, als Japans Gesundheitsministerium erstmals zählte, gab es gerade einmal 153 Menschen im Land, die 100 Jahre oder älter waren. Seither steigt die Zahl ununterbrochen – seit 56 Jahren in Folge. Die 10'000er-Marke fiel 1998, die 50'000er-Marke 2012 – und aktuell steht der Zähler bei 107'677.
Besonders auffällig: 94'298 davon sind Frauen, nur 13'379 Männer. Frauen machen damit fast 88 Prozent aller japanischen Hundertjährigen aus – ein Verhältnis, das sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat. Als Hauptgründe gelten der hormonell bedingte biologische Vorteil von Frauen sowie der Umstand, dass Männer dieser Generation im Schnitt deutlich mehr geraucht und getrunken sowie körperlich belastendere Berufe ausgeübt haben.
Der internationale Vergleich
International ist Japan mit Abstand die Nummer 1: Für 2025 prognostizierte die UNO 123'330 Hundertjährige, gefolgt von den USA (73'628), China (48'566), Indien (37'987) und Frankreich (33'220).
Auffällig: Die UNO-Prognose für Japan liegt deutlich über der amtlichen Zahl des japanischen Gesundheitsministeriums, das für September 2025 lediglich 99'763 Hundertjährige auswies. Der Grund liegt in der Methode: Während die japanische Behörde eine reale Kopfzählung aus dem Einwohnerregister zum Stichtag veröffentlicht, handelt es sich bei der UN-Zahl um eine statistische Modellschätzung.
Die Top 20 der UNO-Modellrechnung liest sich wie ein Ausschnitt der grössten Volkswirtschaften der Welt – hinter den Top-5-Nationen folgen Italien, Russland, Deutschland, Grossbritannien und Spanien. Aber auch Thailand, Ukraine, Südkorea, Hongkong, Argentinien, Brasilien, Polen, Vietnam und Taiwan schaffen es unter die 20 Länder mit den meisten Hundertjährigen.
Das Ranking ist allerdings vor allem eine Frage der Bevölkerungsgrösse – ein riesiges Land wie Indien landet automatisch weit vorne, selbst wenn Hundertjährige dort im Verhältnis selten sind. Aussagekräftiger ist deshalb der Blick auf den Anteil an der Bevölkerung: Hier zieht Hongkong an Japan vorbei, mit 125,9 gegenüber 100,2 Hundertjährigen pro 100'000 Einwohner.
Wirklich überraschend ist das nicht: Die chinesische Sonderverwaltungszone führt bereits seit Jahren die weltweiten Rankings zur allgemeinen Lebenserwartung an. China selbst liegt mit 3,43 Hundertjährigen pro 100'000 Einwohner dagegen lediglich im Mittelfeld. Auf den Plätzen 3 und 4 folgen mit Uruguay (89,8) und Puerto Rico (83,2) zwei Länder, die man beim Thema Langlebigkeit kaum auf dem Radar hat. Erst dahinter reiht sich mit Frankreich (49,8) das erste grosse europäische Land ein, gefolgt von Griechenland, Italien, der Ukraine, Kanada und Spanien.
Warum gerade Japan?
Forschende sind sich einig: Es ist kein einzelner Trick, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren, dass es in Japan so viele Hundertjährige gibt. Die Ernährung gilt als zentraler Baustein – kalorienarm, aber nährstoffreich, mit viel Fisch, Sojaprodukten wie Miso und Natto, Algen wie Kombu und Wakame sowie einem grossen Anteil an Gemüse und wenig Zucker.
Die Algen liefern viel Jod und unterstützen damit die Schilddrüse und den Stoffwechsel, der Fisch liefert Omega-3-Fettsäuren, die als gut für Herz und Gehirn gelten. Besonders die Präfektur Okinawa gilt als eine von weltweit fünf «Blue Zones», Regionen mit aussergewöhnlich vielen alten Menschen. Dort hält man sich traditionell an die Regel «Hara Hachi Bu»: aufhören zu essen, wenn der Magen erst zu 80 Prozent voll ist.
Dazu kommt ein starkes Gesundheitssystem mit hohem Hygienestandard, eine stabile politische Lage und ein gemässigtes Klima. Auch soziale Faktoren spielen eine grosse Rolle: Alte Menschen bleiben in Japan oft stärker in Familie und Nachbarschaft eingebunden, viele behalten bis ins hohe Alter eine feste Aufgabe oder ein Ehrenamt – ein Konzept, das unter dem Begriff «Ikigai» bekannt geworden ist. Studien deuten darauf hin, dass genau diese soziale Einbindung die Lebenserwartung stärker beeinflusst als der wirtschaftliche Status.
Genetik spielt zwar ebenfalls eine Rolle, gilt in der Forschung aber nur als kleinerer Faktor. Der eigentliche Sprung von 153 auf über 100'000 Hundertjährige lässt sich vor allem mit den massiven Verbesserungen bei Hygiene, Ernährung und medizinischer Versorgung seit dem Zweiten Weltkrieg erklären – nicht mit den Genen.
Rekord hat eine Kehrseite
Ein Wermutstropfen bleibt: Forscherinnen und Forscher warnen, dass jüngere Generationen in Japan zunehmend von traditionellen Essgewohnheiten abrücken und öfter zu Fast Food greifen. Und der Rekord hat auch eine Kehrseite: Er ist Ausdruck einer Gesellschaft, die als eine der am schnellsten alternden Industrienationen der Welt gilt.
Bei tiefen Geburtenraten und kaum Zuwanderung wächst der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung stetig, was die Sozial- und Gesundheitssysteme, aber auch den Arbeitsmarkt, zunehmend belastet. Ob der Rekordlauf der Hundertjährigen in dieser Form anhält – und ob Japan die Folgen der eigenen Überalterung meistert – dürfte sich erst in ein paar Jahrzehnten zeigen.
