Die Ukraine zeigt Putin den einzigen Weg zu einem gerechten Frieden
Der Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert bereits länger als der «Grosse Vaterländische Krieg», wie die Russen den Zweiten Weltkrieg ab 1941 nennen. Am nächsten Freitag wird er auch die Länge des Ersten Weltkriegs überschritten haben.
Nach bald viereinhalb Jahren fürchterlichen Abnutzungskampfes mehren sich die Zeichen, dass Moskau seine Kriegsziele neu bewerten muss. Von der vollständigen Niederwerfung der Ukraine, der ursprünglichen Absicht der «Spezialoperation», ist inzwischen keine Rede mehr.
Wladimir Putin hat zuletzt am Wirtschaftsforum in St. Petersburg wieder ein mögliches Kriegsende in Aussicht gestellt, ohne vom totalen Sieg zu sprechen. Dafür erwähnte er mögliche Vermittlungswege.
Dieser Silberstreif am Horizont ist die Folge einer militärischen Entwicklung, die immer mehr Analysten – und selbst fanatische russische Kriegsblogger – als Wendepunkt ansehen.
Ukrainische Gegenattacken
Kaum jemand bestreitet, dass die militärische Dynamik erstmals seit Jahren nicht mehr ausschliesslich zugunsten Russlands verläuft. Der zuvor schwer bedrängten Ukraine ist es gelungen, mit ihrem «Drohnenwall» und der revolutionären, KI-unterstützten Gefechtsführung die russischen Angriffswellen aufzuhalten und teilweise sogar zurückzudrängen. Der vom US-Präsidenten geschmähte Verlierer «ohne Karten» hat sich zu einer Militärmacht hochgearbeitet, die inzwischen der Nato als Vorbild dient.
Mit dem sogenannten «Mittelstreckenfeldzug» werden die feindlichen Nachschublinien konsequent aus der Luft bekämpft. Die neu entwickelten Langstrecken-Drohnen dienen für gezielte Schläge gegen die Ölindustrie, welche Putins Kriegswirtschaft nachweislich beeinträchtigen.
Es sind diese knallharten Fakten auf dem Schlachtfeld – sowie die abstürzende russische Ökonomie –, welche das Ende des Massensterbens näherbringen. Und nicht etwa die Appeasement-Versuche, Verhandlungs-Scharaden und unseligen «roten Linien», mit denen man dem Kreml-Herrscher bloss in die Hände spielte.
Der Druck auf Putin wächst
Die Aussicht, dass die Ukraine bald auch Gleitbomben und Mittelstreckenraketen aus eigener Produktion einsetzen wird, verstärkt den Druck auf Russlands Machthaber, dieser unsinnigen Aggression ein Ende zu bereiten.
So bewahrheitet sich zunehmend, was erst wieder der langjährige deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, in einem Podcast betont: Begriffe wie Kompromiss und Nachgeben sind für Putin schlichtweg unbekannte Kategorien. Stattdessen, so müsse man sich immer wieder in Erinnerung rufen, sind in der sowjetisch geprägten Gedankenwelt des Ex-KGB-Offiziers Macht, Dominanz und Grösse die bestimmenden Werte.
Von Fritsch folgert: Völlig fehlgeleitet sind jene, die nach wie vor glauben, man hätte Putin mit der freiwilligen Herausgabe ukrainischer Gebiete zufriedenstellen können. Im Gegensatz dazu gibt die Ukraine gerade den einzigen Weg vor, einen imperialistischen Überzeugungstäter zu stoppen.
Die Russen morden weiter
Wie nahe Kiew dem Ziel eines halbwegs gerechten Friedens ist, lässt sich trotzdem unmöglich voraussagen. Die russische Armee wird mit einer weiteren, zweifellos blutigen Sommeroffensive nochmals den grossen Durchbruch im Donbass versuchen. Der Kreml wird weiterhin seine verbrecherischen Bombardierungen ukrainischer Städte fortsetzen, um die Moral der ukrainischen Bevölkerung doch noch zu brechen.
Die Ukrainer begegnen dieser Kriegslogik mit Beharrlichkeit, Opferbereitschaft, Anpassungsfähigkeit und einer bemerkenswerten Innovationskraft. Darin liegt vielleicht die wichtigste Lehre dieser viel zu langen Kriegsjahre: Wer seine Freiheit verteidigen will, kann sich letztlich nur auf den eigenen Widerstandswillen verlassen.
(schweizheute.ch)

