Als Kind wurde er aus der Ukraine verschleppt – jetzt kämpft er für die Russen
Russland hat aus besetzten Gebieten der Ukraine Tausende Kinder deportiert und zwangsumgesiedelt – ukrainische Behörden sprechen von mehr als 19'500 Fällen. Die Dunkelziffer dürfte bedeutend höher sein. Lediglich etwa 1366 von ihnen sind in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet zurückgebracht worden. Diese Verschleppungen begannen nicht etwa mit der gross angelegten russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022, sondern bereits 2014 mit der Annexion der Krim und dem Konflikt im Donbass, wo prorussische Separatisten in den Oblasten Donezk und Luhansk selbst ernannte «Volksrepubliken» proklamierten.
Ukrainische Waisenkinder wurden etwa zur Adoption an russische Familien freigegeben. Nach Russland verschleppte ukrainische Kinder werden russifiziert: Sie sprechen nur noch Russisch, singen die russische Nationalhymne und glauben, Russland sei ihr Vaterland. «Diese Kids sollen irgendwann gegen ihre eigenen ehemaligen Landsleute kämpfen», sagt die Juristin Kateryna Rashevska, die mit der ukrainischen NGO Regionales Zentrum für Menschenrechte daran arbeitet, solche Verschleppungen zu dokumentieren und die Täter vor Gericht zu bringen.
Auch die NGO «Save Ukraine», gegründet von Mykola Kuleba, früher Beauftragter des Präsidenten für Kinderrechte, hat sich zum Ziel gesetzt, verschleppte Kinder zu ihren Familien zurückzubringen. Wie ukrainische Medien berichten, meldet die NGO nun den Fall eines ukrainischen Teenagers, der vor Jahren verschleppt und jetzt als Soldat der russischen Armee identifiziert wurde. Es handelt sich um den 2007 geborenen Oleksandr Mustyatse, der während der Invasion Russlands in der Ukraine im Jahr 2022 verschwand und lange Zeit auf der offiziellen staatlichen Liste der vermissten «Kinder des Krieges» stand.
Mustyatse stammt aus dem Dorf Krynky in der Region Cherson. Krynky war zu Beginn des Krieges Schauplatz von heftigen Kämpfen. Cherson ist eine der vier ukrainischen Oblaste, deren Annexion Russland nach den Referenden im September 2022 verkündete, obwohl es sie nicht vollständig militärisch kontrollierte.
Kuleba veröffentlichte am Donnerstag Posts in den sozialen Medien, in denen er erklärte, Mustyatse habe Fotos von Orten geteilt, an denen er «gegen die Ukraine kämpfte»:
A missing Ukrainian child listed in the national Children of War registry has been identified as a soldier in the Russian army.
— Mykola Kuleba (@MykolaKuleba) July 30, 2026
According to the Back to Ukraine team, Oleksandr Mustiatse from the Kherson region — officially recorded as missing since Russia's occupation —… pic.twitter.com/feqJFb9Z32
Auf seiner Seite veröffentlichte Mustyatse Fotos in einer Uniform mit dem «Z»-Symbol und der russischen Flagge. Er postete auch Fotos von Stellungen, an denen er gegen die Ukraine gekämpft hatte. Später zeigte er sich mit einem Verband, vermutlich nachdem er verwundet worden war.
Kuleba stellt fest, dieser Fall zeige die schwerwiegenden Auswirkungen des Lebens unter russischer Besatzung, in dem junge Menschen jahrelang einem russischen Informations- und Bildungsumfeld ausgesetzt sind. «Gemeinsam mit dem Team von ‹Save Ukraine› stehe ich in regelmässigem Kontakt mit Kindern und Familien, die wir aus den besetzten Gebieten retten können. Sie berichten, wie sie schon ab dem Kindergarten und der Schule an den Kult um die Armee gewöhnt werden», erklärt Kuleba.
«Sie werden gezwungen, an militärisch-patriotischen Veranstaltungen teilzunehmen, sich der ‹Junarmija› anzuschliessen, lernen den Umgang mit Waffen und werden davon überzeugt, dass die Ukraine der Feind ist. Für ein Kind, das jahrelang nur in einer solchen Realität lebt, wird Krieg nicht nur zur Normalität, sondern zu einer Pflicht», fügt er hinzu. Die Junarmija (Юнармия, deutsch «Jugendarmee») ist die Kinder- und Jugend-Militär-Erziehungsorganisation Russlands.
Am 30. Mai 2022, kurz nach Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs gegen die Ukraine unterschrieb der russische Präsident Wladimir Putin einen Erlass, der es erlaubt, Adoptionsverfahren für ukrainische Kinder auf 24 Stunden zu verkürzen. Gemäss dem Präsidialerlass können überdies Geburtsdatum, Geburtsort und Namen des Kindes geändert werden. Dies soll es ukrainischen Eltern unmöglich machen, ihre Kinder jemals wiederzufinden. (dhr)
