Unterwegs in der heissesten Stadt der Deutschschweiz
10.03 Uhr, 29 Grad
Kurz nach 10 Uhr morgens strahlt auf dem Bahnhofplatz bereits die Hitze vom Asphalt ab. Menschen huschen mit Sonnenhüten und Trinkwasserflaschen ausgerüstet über den Platz, eine Frau schützt sich mit einem weissen Schirm vor der Sonne, die an diesem Tag vom wolkenlosen Himmel knallt.
Es ist Mittwoch, der erste Tag der vierten Hitzewelle dieses Jahres. In Basel gilt Gefahrenstufe vier, die höchste, die es gibt.
An der Tramstation der Linie 11 hat sich eine Menschenansammlung gebildet, dort, wo das Dach der Haltestelle einen rechteckigen Schatten wirft. Im Tram ist es kühl. Auf den kleinen Bildschirmen wechseln sich Ankündigungen der anstehenden Hitzewelle und Informationskampagnen über das verhängte absolute Feuerverbot ab.
Am Messeplatz ist es ruhig. Ferienzeit. Nur eine Frau mit kurzem grauem Haar geht mit zügigen Schritten über den Platz. Sie heisst Bea und ist 61 Jahre alt. Sie hat es eilig, sie muss nach einer Operation zur Physiotherapie. «Die Hitze ist mühsam», sagt Bea auf dem Weg zum Tram. Vor allem die grossen Temperatursprünge machten ihrem Kreislauf zu schaffen. Sie hat darum ein «Nuschi» in ihrer Tasche, das sie nass macht und sich in den Nacken legt.
11.00 Uhr, 31 Grad
An diesem Tag ist es in Basel heisser als in Athen oder auf Mallorca. Basel hat diesen Sommer schon mehrere Hitzerekorde geknackt – und es wird immer heisser.
Das beobachtet auch Roger Perret, Meteorologe bei Meteonews: «Der Trend ist klar: Die Temperaturen gehen nach oben, und zwar ziemlich schnell.» Basel: die heisseste Stadt der Deutschschweiz. Was macht das mit den Baslerinnen und Baslern?
«Die Leute haben es immer noch nicht gelernt», sagt eine 75-jährige Frau namens Christine, die eine ruhige Wohnstrasse hinter der Messe entlanggeht. Christine macht sich Sorgen um die Pflanzen. Der Ahorn ihres Sohnes sei schon ganz verdorrt. Und um die Menschen. Wie werden es ihre Kinder und Enkel einmal haben?
Christine wohnt neben dem Flughafen. «Ich sehe, wie viele Menschen täglich mit dem 50er-Bus dort ankommen, um irgendwohin zu fliegen.» Trotzdem glaubt sie, dass ein Umdenken irgendwann kommen wird. Wie viele Hitzerekorde müssen dafür noch purzeln? Auf eine Schätzung will sich Christine nicht festlegen. «Irgendwann», sagt sie.
Früher hätten viele Schweizerinnen und Schweizer über die Siesta der italienischen Gastarbeiterinnen und -arbeiter gespottet, erinnert sich die 75-Jährige. «Jetzt schauen wir selbst, dass wir mittags bei dieser Hitze nicht mehr rausgehen.» Die Siesta hat Basel erreicht.
Und sie könnte bleiben. Genauso wie die extreme Hitze im Sommer. Meteorologe Perret sagt am Telefon:
11.28 Uhr, 32 Grad
Auf den Strassen Kleinbasels halten sich jetzt nur noch die auf, die müssen. Da sind etwa Bauarbeiter, Handwerker, Kanalreiniger, einige haben die Hosenbeine hochgekrempelt. Vereinzelte Passantinnen und Passanten wischen sich den Schweiss von der Stirn, kühlen sich mit kleinen Handventilatoren oder schirmen die Gesichter vor der Sonne ab.
Nicht allen macht die Hitze etwas aus, zeigt sich im Matthäusquartier. «Kein Problem», sagt etwa ein älterer Mann mit gezwirbeltem Schnurrbart und kurzärmeligem Hemd kurz angebunden. «Ich schwimme einfach zweimal pro Tag im Rhein.»
Sie könne leider nicht mehr im Rhein schwimmen, sagt eine ältere, elegant gekleidete Frau, die ihren Einkaufswagen ein paar Strassen weiter über den Erasmusplatz zieht. Madeleine ist ihr Name. Sie hält im Schatten eines Baumes kurz an. In ihrem Gesicht haben sich kleine Schweissperlen gebildet.
Madeleine ist 85 Jahre alt und sagt, sie finde die Hitze furchtbar. Sie verlässt dieser Tage kaum das Haus.
Freundinnen und Freunde treffe sie nicht mehr, dafür telefoniere sie häufig. «Es fühlt sich an wie während der Pandemie», sagt sie. Hitze bedeutet für sie: zu Hause bleiben und wenig soziale Kontakte. «Aber ich falle jetzt nicht in ein Loch oder so», versichert sie. Sie könne sich beschäftigen. Ihr Sohn schreibe Bücher über die Barockzeit. Die lese sie nun alle.
Sorgen macht sie sich weniger um sich selbst als um das Klima. «Es wird viel zu wenig gemacht.» Was genau gemacht werden sollte, weiss sie nicht. Sie hat keine Hoffnung, dass sie eine Veränderung noch erleben wird. Es sei zu spät, der politische Wille fehle. «Ich mache ja auch zu wenig für das Klima», sagt sie ratlos. Dann macht sie sich auf den Weg in ihre Wohnung, um sich einen Tomaten-Mozzarella-Salat zuzubereiten. «Ich mag gar nicht mehr kochen bei dieser Hitze.»
Hitze kann älteren Menschen besonders gefährlich werden. Das Gesundheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt und Pro Senectute bieten darum von Anfang Juni bis Ende August eine Hitze-Hotline für ältere Menschen an. In diesem Jahr seien dort bisher 23 Anrufe eingegangen, wie das Gesundheitsdepartement auf Anfrage bekannt gibt. Am häufigsten seien Anrufe wegen gesundheitlicher Probleme.
11.52 Uhr, 33 Grad
Im Schatten der Johanniterbrücke, am Ufer des Rheins, machen Mitarbeiter der Müllabfuhr in ihren orangefarbenen Uniformen eine Pause. Die körperliche Arbeit sei bei dieser Hitze belastend, sagt einer aus der Gruppe. Aber:
Wegen der Hitze beginnt ihr Arbeitstag eine Stunde früher als sonst, bereits um 6 statt um 7 Uhr. Am Mittag machen sie nur kurz Pause. Der Nachmittagshitze entkommen sie trotzdem nicht. Und der Gestank bei diesen Temperaturen sei brutal. «Aber wir können den Müll ja nicht einfach stehen lassen.»
Ein paar Meter weiter lassen sich Menschen mit fischförmigen Schwimmsäcken den Fluss hinuntertreiben. Das Rheinufer ist spärlich besucht.
Auf den Steintreppen sitzt ein braungebrannter Mann mit freiem Oberkörper an der Sonne und liest. Er sei die Hitze gewohnt, sagt er auf Spanisch. Und sonst hüpfe er halt da rein, sagt er und zeigt auf den Rhein.
Bei einer Outdoor-Sportanlage neben der Dreirosenbrücke tummeln sich einige durchtrainierte junge Menschen. Dort, in der prallen Sonne, steht ein junger Mann und befestigt gerade sein Smartphone auf einem Stativ. Er heisst Marvin und ist 26 Jahre alt. Auf seiner Brust prangt ein grosses Schmetterlings-Tattoo. Auf Instagram postet er Fitness-Videos.
Sport in dieser Hitze – macht das überhaupt noch Spass? Das Training sei strenger, und er versuche, viel zu trinken, sagt Marvin. Aber er arbeite im Schichtbetrieb, da müsse er eben dann trainieren, wenn er frei habe.
Und er sei lieber draussen als im Gym. Er wolle noch das gute Wetter geniessen. «Alles ist besser als Winter», sagt er und lacht.
Bereiten ihm die steigenden Temperaturen Sorgen? Er wolle nicht zu politisch werden, sagt er. Dann sagt er doch: «Die, die etwas machen sollten, machen nichts.»
Auf dem Weg in die Innenstadt durch das St.Johann-Quartier ist es leise. Als wären die Geräusche gemeinsam mit den Menschen von der Strasse verschwunden.
13.55 Uhr, 36 Grad
Nicht so auf dem Marktplatz, dort herrscht geschäftiges Treiben. Marktfahrende packen ihre Stände zusammen, Menschen schlendern in Richtung Einkaufsstrasse. Unter den Arkaden des Rathauses machen Touristengruppen Fotos.
Auch ein älteres Paar steht da, um es herum drei Kinder, alle schauen sie konzentriert auf die Stadtkarte in den Händen der Frau. Sonnenhüte, Tagesrucksäcke, gutes Schuhwerk, Bauchtasche und Wanderstöcke. «Ja, wir sind zu Besuch hier», sagt die Frau. Das Paar ist aus Yverdon angereist, gemeinsam erkundet es mit den Enkelkindern die Stadt.
Ihrem Städtetrip tut die Hitze keinen Abbruch. «Bei uns ist es auch heiss», sagt die Frau pragmatisch. «Und wir können ja trotzdem alles anschauen.»
Die einzige Planänderung: Sie nehmen eher mal das Tram, statt zu laufen, und sie gehen ins Museum statt zum Dreiländereck.
Zeit für eine Abkühlung. Das Gesundheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt listet auf seiner Webseite seit 2024 Räumlichkeiten auf, die öffentlich zugänglich sind und Schutz vor der Hitze bieten. Auf dieser Liste steht zum Beispiel das Kunstmuseum Basel. Das Foyer ist öffentlich und der Eintritt in die Sammlung an diesem Tag umsonst. Drinnen ist es angenehm kühl. Von einem Ansturm könne an diesem Tag aber keine Rede sein, sagt eine Mitarbeiterin an der Museumskasse.
15.56 Uhr, 37 Grad
Am späten Nachmittag erreicht die Temperatur schliesslich ihren Tageshöchstwert. Der Rundgang durch Basel neigt sich dem Ende zu. Niemand mag mehr sprechen. Es ist schlichtweg zu heiss.
Die Gespräche mit Baslerinnen und Baslern hinterlassen einen Eindruck, der irgendwo zwischen Normalität, Ohnmacht und Fatalismus schwankt.
Die Hitze verändert das Leben schon jetzt. Und das Stadtbild: menschenleere Strassen, geschlossene Jalousien und Fensterläden. An diese Bilder dürften wir uns in der Schweiz gewöhnen. Oder wie Meteorologe Perret es ausdrückt:
Am Tag darauf misst das Thermometer in Basel-Binningen 39,7 Grad. Ein neuer Allzeit-Hitzerekord für die Alpennordseite. Vorerst.
