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Thor Pedersen: Mit Once upon a Saga bereiste er jedes Land der Welt

Thor Pedersen Once upon a saga
Thor war neun Länder vor Schluss für zwei Jahre in Hongkong blockiert.Bild: Pavel Toropov
Interview

Thor reiste in 10 Jahren in alle Länder der Welt – was sein Traum mit ihm gemacht hat

Thor, eigentlich Torbjørn C. Pedersen, reiste als erster Mensch in einer einzigen grossen Reise in alle Länder der Welt – ohne zu fliegen. Nach fast zehn Jahren ist er zurückgekehrt. Hier erzählt er, was die unglaubliche Reise mit ihm gemacht hat.
09.08.2023, 14:5009.08.2023, 18:22
Reto Fehr
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Torbjørn C. Pedersen gab am 10. Oktober 2013 sein «seriöses Leben» auf und verliess seine Heimat Dänemark für ein grosses Abenteuer. Der Däne wollte im Rahmen einer einzigen, langen Reise jedes Land der Welt für mindestens 24 Stunden besuchen, ohne ein Flugzeug zu benutzen. Vier Jahre würde er dafür benötigen, vielleicht fünf – dachte er zumindest. Am Ende war er fast zehn Jahre unterwegs.

3576 Tage nach dem Aufbruch in Süddänemark kam Pedersen wieder in seiner Heimat an. 203 Länder besuchte der heute 44-Jährige, rund 360'000 Kilometer legte er zurück. Er nutzte 379 Containerschiffe, 351 Busse, 219 Taxis, 158 Züge, 33 Boote und 43 Rikschas. Finanziert hat er seine Reise mit Sponsoren, Erspartem, kurze Jobs und Spenden. Er rechnete mit 20 Dollar am Tag.

Rund 550 Menschen waren im Weltall, zirka 200 besuchten jedes Land der Erde, aber nur einer tat dies so wie Thor.

Wir interviewten den Weltentdecker schon im Oktober 2021, als Thor wegen der Coronapandemie rund zwei Jahre in Hongkong feststeckte. Neun Länder fehlten ihm damals. Am 24. Mai dieses Jahres erreichte er mit den Malediven schliesslich sein letztes Land – das grosse Abenteuer war ein Erfolg. Am 26. Juli kam er wieder in Dänemark an. Wir liessen ihm zwei Wochen Zeit, um «anzukommen». Jetzt erzählt er uns, was die unfassbare Reise mit ihm gemacht hat.

Thor, du bist seit knapp zwei Wochen nach einer zehnjährigen Reise wieder daheim. Lass die Gefühle vom Moment, als du den Fuss auf dein Heimatland gesetzt hast, nochmals kurz aufleben.
Thor: Ich muss etwas ausholen: Bei meinen letzten beiden Ländern – Sri Lanka und die Malediven – war ich komplett leer. Ich hatte null Emotionen, ich war einfach nur müde und mit der Planung beschäftigt. Dann war ich 33 Tage auf dem Schiff. Da bereitete ich mich auf die Ankunft vor, aber wirklich nervös wurde ich erst drei Tage zuvor. Plötzlich kamen all diese Fragen auf. Was kommt jetzt? Wie wird das Leben? Wie werde ich reagieren?

Und wie war's?
Schlicht überwältigend. Die Sonne schien, etwa 150 Leute waren am Hafen in Aarhus. Sie schwangen kleine Dänemark-Fahnen, fröhliche Musik spielte, es war wunderbar.

Vor rund zwei Jahren sagtest du mir, dass du nach deiner Ankunft einen Monat schlafen willst ...
(lacht) Das will ich noch immer. Aber es geht nicht. Ich gebe noch immer täglich rund sechs Interviews. Die ganze Welt will etwas von mir. Das ist wunderschön, aber auch anstrengend.

Thor Pedersen Once upon a saga
Unterwegs in Sri Lanka.Bild: Mike Douglas

Du sagtest auch, dass du dich betrinken willst ...
Haha, ja, das will ich auch immer noch.

Du bist seit zwei Wochen zurück. Zumindest dein Körper ist angekommen. Was macht der Geist?
Der ist überall. Es passiert so viel. Wenn ich in der U-Bahn sitze, denke ich, wie ich in all den Ländern in U-Bahnen sass. Es wird lange dauern, bis ich «richtig» ankomme.

Wie viele Länder gibt es?
Das lässt sich nicht ganz so einfach beantworten: UNO-Vollmitglieder existieren aktuell 193. Dazu kommen die beiden Beobachterstaaten Vatikanstadt und Palästina. Länder wie Kosovo, Westsahara oder Taiwan sind hingegen nicht dabei. In der Schweiz leben beispielsweise 197 Nationalitäten. Thor bestimmte bei seinem Projekt 203 Länder. Er zählte zu den aktuellen 193 UNO-Ländern auch noch: Vatikanstadt, Palästina, Kosovo, Westsahara, Taiwan, England, Nordirland, Wales, Schottland (dafür Grossbritannien nicht), Grönland und die Färöer Inseln. Seine Aufzählung und die Reiseroute siehst du hier.

Wie wohnst du jetzt?
Ich wohne in der Wohnung meiner Frau. Ich musste mir neue Kleider kaufen. Aber natürlich ist vieles hier drin von ihr. Es sind nicht meine Bücher im Regal, nicht meine Bilder an der Wand. Es fühlt sich noch nicht wie zuhause an. Im Oktober ziehen wir in eine gemeinsame Wohnung.

Da müssen wir kurz einschieben: Ihr habt ja während deiner Reise online geheiratet.
Genau. Da war ich in Hongkong. Mit einem Online-Dienst aus Utah (USA) war das für ein kleines Vermögen via Zoom möglich. Meine Frau konnte mich dadurch während der Pandemie besuchen. Aber in Dänemark wird unsere Ehe nicht anerkannt. Wir heirateten deshalb auf Vanuatu nochmals. Die Papiere sind noch nicht da, aber das wird klappen.

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Thor und seine Frau Le, die er während der Reise zweimal heiratete. Einmal online, einmal auf Vanuatu.Bild: Mike Douglas

Du hattest mir damals auch gesagt, dass du Milch aus Dänemark am meisten vermisst. Ist sie so gut wie in deinen Träumen?
(lacht) Noch viel besser. Ich trinke jeden Tag Milch hier. Und Freunde von mir brachten mir Milch bei meiner Ankunft an den Hafen. Das war grossartig.

Wie nimmst du deine Heimat nach diesen zehn Jahren wahr?
Ich hatte Dänemark in meiner Erinnerung wohl etwas verherrlicht. Du vergisst, dass hier nicht alles perfekt ist. Aber wir sind sehr verwöhnt in Sachen Sicherheit, Nachbarschaft, Arbeitswelt, Gesundheit, Ausbildung. Es ist ein «easy life» hier.​

Fühlst du dich zuhause?
Zu 100 Prozent, das ist meine Heimat. Ich fühle mich wie ein Fisch, der zurück in seinem Wasser ist. Ich weiss einfach, wie alles läuft. Ich spreche die Sprache perfekt. Ich muss keine Angst haben, dass die Spinne unter dem Tisch oder die Schlange im Wald giftig ist. Wir haben keine streunenden Hunde, es ist alles so einfach.

Man sagt, Reisen bildet. Es öffnet den Horizont, man versteht unsere komplizierte Welt besser. Wäre die Welt besser, wenn jeder quasi als Ausbildung – sagen wir – drei Monate in eine unbekannte Gegend verreist?
Auf jeden Fall. Reisen bringt zusätzlich zur normalen Ausbildung sehr viel. Du kannst eine Sprache mit Büchern lernen, aber erst, wenn du sie im Land sprechen musst, wirst du sie richtig verstehen. Einige Wochen die Welt mit den eigenen Augen sehen, das würde viel bringen. Man lernt, dass es für vieles nicht eine Antwort gibt, sondern je nach Region unterschiedliche Aspekte hineinspielen und die Lösungen unterschiedlich sein können.

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Wer findet Thor? Auf einem von 379 Containerschiffen.Bild: Mike Douglas

Du warst alleine unterwegs. Würdest du das empfehlen?
Es gibt Vor- und Nachteile. Alleine triffst du viel mehr andere Leute, vieles ist einfacher. Aber zu zweit kannst du besser reflektieren und die Planung hängt nicht nur von dir ab.
Und du bist nie alleine.

War das Alleinsein ein Problem?
Es war ein anderes Alleinsein. Es fühlte sich an, als ob ich an einer Party wäre, der Raum ist voller Leute, aber du wirst falsch verstanden. Das war teilweise sehr schwierig. Die Leute können nicht nachvollziehen, was es bedeutet, wenn man so lange ständig reist.

Du hast offen gesagt, dass du seit Jahren eigentlich nur noch heim wolltest. Das ist paradox. Man sieht einen Mann seinen Traum leben, er ist an den schönsten Orten der Welt, aber er will nur heim und beklagt sich über Stress. Wie erklärst du das den Leuten?
Ich kann das kaum erklären. Und die meisten wollen es auch gar nicht hören. Sie haben diese Fantasie vom Traumleben. Einer schrieb mir oft, dass ich doch am 10. Oktober 2023 heimkehren soll. Das seien nur noch drei Monate mehr, aber dann wäre ich genau zehn Jahre unterwegs gewesen. Das sei doch eine super Geschichte.

«Once upon a saga»
Torbjørn C. Pedersen bereiste von Oktober 2013 bis Juli 2023 die Welt und erreichte alle Länder ohne Flugzeug. Eine Dok über seine Reise erscheint 2024 (hier gibt's den Trailer), ein Buch ist auch geplant.

Mehr Informationen über das gigantische Projekt des 44-jährigen Dänen gibt es auf seiner Website. Du kannst ihm auch auf Facebook, Instagram, Twitter oder YouTube folgen.

Was hast du ihm gesagt?
Meine Reise dauerte nicht zehn Jahre, weil ich das wollte. Es dauerte so lange, weil es nicht schneller ging. Ich glaube, es gibt drei Arten von Reisen. Die erste ist Urlaub. Du entscheidest, machst alles aus Spass. Die zweite ist Arbeit: Du hast eine Aufgabe, ein Ziel, weisst, wann es vorbei ist, wirst dafür bezahlt. Die beiden Arten sind allen bekannt. Meine Reise passt aber in beide nicht rein. Die Leute denken: Ah, der ist nicht auf einer Arbeitsreise, also macht er Ferien. Das ist super. Doch ich war in einer dritten Art unterwegs: Reisen, um etwas zu erreichen. Das ist extrem ermüdend. Vor allem, wenn es zehn Jahre dauert.

Es gibt dieses Zitat, dass man nach längeren Reisen nicht mehr derselbe ist. Auch wenn man will, man kann nicht mehr zu seinem früheren Ich zurück. Diese Person gibt es nicht mehr. Stimmst du dem zu?
Da ist nicht mehr viel von mir übrig, wie ich 2013 war. Aber jeder verändert sich. Wenn ich zehn Jahre auf einem Stuhl gesessen hätte, hätte ich mich auch verändert. Aber mein Leben war jetzt zehn Jahre lang Vollgas. Extrem gefährlich, extrem schön, alles war sehr intensiv. Mein Körper ist 44, aber Lebenserfahrung habe ich gefühlt von einem 100-Jährigen. Das wäre niemals so, wenn ich mein normales Leben weitergelebt hätte.

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In Neuseeland. Da war das Ende schon nah.Bild: Selena Wright

Wie war es für dich, jetzt alte Freunde wiederzutreffen?
Ich hatte noch wenig Zeit. Aber am Wochenende war ich im Zoo. Da traf ich jemanden, der vor 15 Jahren mit mir zusammenarbeitete. Er hat zwei Kinder. Eines ist etwa vier, das andere zehn Jahre alt. Da dachte ich: Das könnte ich sein, wenn ich mein Projekt nicht gehabt hätte.

Was hast du wirklich verpasst in den letzten zehn Jahren?
Die Hochzeit meines Vaters, Taufen von Kindern meiner Freunde, Abschlussfeiern von Ausbildungen, diverse Feste. Aber das ist auch nicht so schlimm. Es wäre cool gewesen, aber freuen kann man sich auch aus der Ferne gut. Ich habe aber auch einen Freund, der eine schwierige Zeit durchmachte. Da hilft ein Videocall zwar etwas, aber da wäre ich viel lieber bei ihm gewesen. Diese menschliche Nähe geben, wenn Leute traurig sind, das wäre mir wichtiger gewesen.

Wenn du gewusst hättest, dass du statt vier fast zehn Jahre unterwegs sein wirst. Wärst du gegangen?
Nein. Der Preis wäre mir zu hoch gewesen. Aber das Paradoxe ist: Ich will das jetzt alles nicht missen. Ich wollte das, aber ich wollte es nicht mit diesem hohen Preis bezahlen. Jetzt habe ich ihn bezahlt und bin glücklich, wie es sich entwickelt hat. Ich habe und hatte so viele Möglichkeiten, die ich sonst nie gehabt hätte.

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In der Wüste von Äthiopien.Bild: Thor Pedersen

Das ist ja auch schön, wenn man nicht immer weiss, wie etwas ausgeht.
Unbedingt. Es gibt vieles, das wir im Vorhinein gar nicht wissen wollen. Mit dem Kinderhaben ist es vielleicht ähnlich. Man weiss von anderen, was das bedeutet. Aber man spürt es dann erst, wenn es so weit ist. Vielleicht würden einige keine Kinder wollen, wenn sie die Zukunft kennen würden.

Ein Motto von dir während der Reise war: «Ein Fremder ist ein Freund, den du noch nie getroffen hast.»
Ja, das ist meine feste Überzeugung. Ich glaube, Menschen kennenzulernen ist wie «umgekehrtes Lotto». Du gewinnst meist und kannst kaum verlieren. Sie schenken dir ein Lachen, helfen beim Wegfinden, laden dich ein. Die allermeisten Menschen sind gut und wünschen dir Gutes.

Aber du kannst auch Pech haben.
Klar. Von 100 sind 99 gut und einer nicht. Manchmal ist das ein unfreundlicher Taxifahrer, dann ist es nicht so schlimm. Manchmal bedroht dich einer mit einer Pistole und will deine Sachen. Das ist natürlich extrem unangenehm. Aber mir ist es das wert, dass ich Menschen grundsätzlich positiv begegne. Und du kannst dich vor den schlechten Erfahrungen auch schützen.

Wie?
Laufe nicht durch dunkle Strassen, meide zu gewissen Tageszeiten einige Gebiete, trage keinen wertvollen Schmuck. Es gibt viele Wege, damit du beim «umgekehrten Lotto» nicht verlierst.

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Das Outfit von Thor während fast 10 Jahren. Jetzt musste er sich erstmal neue Kleider kaufen.Bild: Mike Douglas

Nach einer negativen Erfahrung wie der Bedrohung durch jemanden mit einer Waffe ist das aber auch schwierig.
Klar. Wieder aufzustehen, kann schwierig sein. Aber es ist der einzige Weg. Ich hatte ein Problem mit Malaria. Nachdem ich daran erkrankt war, drehte ich bei jeder Mücke im Raum fast durch und dachte: Die hat Malaria und sie wird es auf mich übertragen.

Wie hast du das überwunden?
Ich erzählte einem Freund davon. Er meinte: Wenn du Malaria hattest, bist du danach sechs Monate immun. Das stimmt nicht. Ich wusste es damals aber nicht. Aber ab jenem Gespräch hatte ich keine Angst mehr. Es geht auch um das Mindset.​

Ein «normaler Job» kommt für dich momentan nicht in Frage. Du willst unter anderem als Motivationstrainer arbeiten. Während deiner Reise war Aufgeben ein Dauerthema. Wie hast du das bewältigt? Welchen Tipp kannst du uns mit auf den Weg geben?
Du bist stärker, als du glaubst. Meist hörst du auf, weil es halt bequemer ist und du deine Komfortzone nicht verlassen willst. Aber ich kenne nichts, das nur Spass macht. Auf jedem Weg gibt es schwierige Passagen. Da musst du durch. Meist dauert es etwas länger, als man denkt. Aber du wirst dein Ziel erreichen, wenn du deine innere Stärke findest.


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68 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Sauermilchbonbon
09.08.2023 15:20registriert August 2020
Spannend wäre noch zu wissen wie die Reise finanziert wurde bzw. was sich ein Sponsor dabei erhofft?
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Hadock50
09.08.2023 15:18registriert Juli 2020
Ich hätte gerne noch erfahren wie man so eine langer Reise finanziert??
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Sam Regarde
09.08.2023 15:29registriert September 2019
Eine solch aussergewöhnliche "Reise" (man sollte dies fast eher als weltumspannende Erfahrung sehen) prägt den Menschen, wie es Thor hier spannend erzählt. Ich habe Achtung vor diesem Mann, seinem Mut und seiner Entschlossenheit, das Ding durchzuziehen. Als Coach kann er bestimmt viele seiner Erfahrungen weitervermitteln und Einigen helfen.
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