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Libyen

Dieses Flugzeug rettet Migranten auf dem Mittelmeer

An Bord der «Albatross» – dieses Flugzeug kann Leben retten

Auf dem Mittelmeer entscheiden manchmal wenige Minuten darüber, ob Menschen gerettet oder gegen ihren Willen nach Libyen zurückgebracht werden. watson ist mit einem Flugzeug von SOS Méditerranée mitgeflogen, das nach Menschen in Seenot sucht. Dabei wurde klar: Zwischen dem Rettungsschiff und der libyschen Küstenwache entbrennt ein Wettlauf gegen die Zeit. Eine Reportage.
01.11.2026, 15:0701.11.2026, 15:40
Alessia Barbezat
Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Es ist 5.02 Uhr, als uns das Telefon aus dem Schlaf reisst. Am anderen Ende meldet sich Lucrezia Fabretti, taktische Koordinatorin von SOS Méditerranée. Der Tag beginnt früher als gedacht. Unser Ziel ist der Flughafen von Lampedusa. Die gerade einmal 20 Quadratkilometer grosse Kalksteininsel liegt näher an Tunesien als an Sizilien. Und ist längst ungewollt zu einem Symbol für die irreguläre Migration im Mittelmeer geworden.

Auf dem Rollfeld erklärt die 31-jährige Italienerin, wie es weitergeht. Zuerst fliegt die Crew den nördlichen Teil der libyschen Such- und Rettungszone (SAR) westlich von Tripolis ab. Danach geht es in Richtung Malta. Dort wurde am Vortag ein Boot gemeldet, das möglicherweise in Seenot geraten ist – direkt an der Grenze zwischen der maltesischen und der libyschen Rettungszone.

Die Albatross UNO steht startbereit auf dem Rollfeld von Lampedusa. Das zweimotorige Flugzeug vom Typ Diamond DA42 erreicht in der Luft mehr als 350 km/h.
Die Albatross UNO steht startbereit auf dem Rollfeld von Lampedusa. Das zweimotorige Flugzeug vom Typ Diamond DA42 erreicht in der Luft mehr als 350 km/h.alessia barbezat

Im November 2025 startete die Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée die Mission Albatross. Dabei werden Boote aus der Luft aufgespürt, um Menschen in Seenot zu finden und Alarm zu schlagen. An diesem Morgen sind wir mit an Bord. Die Crew dokumentiert zudem, wenn die libysche Küstenwache Boote abfängt, und hält Menschenrechtsverletzungen auf dem Meer fest.

Auf dem Rollfeld in Lampedusa

Der Himmel färbt sich rosa und violett, als wir im ersten Morgenlicht in das anthrazitfarbene Kleinflugzeug steigen. An Bord des viersitzigen Zweimotorigen sind neben uns Lucrezia und Camille, eine französische Fotografin und Videografin der NGO, sowie unser Pilot Gabriel Avenarius aus Deutschland. Der Berliner ist in seinen Dreissigern und kennt solche Einsätze bereits. Seit 2025 fliegt er freiwillig für die Humanitarian Pilots Initiative (HPI), eine Schweizer Non-Profit-Organisation, die mit SOS Méditerranée zusammenarbeitet. Hauptberuflich ist er für die DRF Luftrettung im Einsatz – das deutsche Pendant zur Schweizer Rega.

Pilot Gabriel Avenarius (31) kurz vor dem Start der Albatross. Er fliegt ehrenamtlich für die Mission.
Pilot Gabriel Avenarius (31) kurz vor dem Start der Albatross. Er fliegt ehrenamtlich für die Mission.alessia barbezat

Im Cockpit geht Gabriel die letzten Checks durch. Die Propeller drehen auf, die Albatross beschleunigt auf der Startbahn und hebt ab. Der Lärm der beiden Motoren ist so ohrenbetäubend, dass wir uns nur über die Mikrofone unserer Headsets verständigen können. Nun heisst es: Augen offen halten. Jede Person an Bord scannt einen eigenen Abschnitt des Meeres. Zuerst mit blossem Auge, bei jedem Verdacht mit dem Fernglas. Denn bei rund 240 km/h bleibt keine Zeit für Ungenauigkeiten. Muss jemand den Blick kurz vom Wasser abwenden, gibt er den anderen Bescheid. Diese übernehmen sofort die Suche in seinem Abschnitt. Kein Fleck des Meeres soll unbeobachtet bleiben.

Das Mittelmeer, ein Friedhof unter freiem Himmel

Von oben wirkt das Mittelmeer an diesem Morgen friedlich. Doch die zentrale Mittelmeerroute gehört zu den tödlichsten Migrationsrouten der Welt. Seit 2014 sind dort mehr als 26'000 Menschen gestorben oder werden vermisst. Das zeigen Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. Denn manche Bootsunglücke werden nie gemeldet.

«Jeden Tag überfliegen wir diese blaue Fläche, die zum grössten Friedhof der Welt geworden ist», sagt Lucrezia betrübt. Dabei wechselt sie zwischen ihrem Fernglas und dem iPad, auf dem die Karten der heutigen Flugroute angezeigt werden. Und 2026 droht besonders tödlich zu werden. Seit Jahresbeginn haben bereits 1006 Menschen, die von Tunesien oder Libyen aus aufgebrochen sind, ihr Leben verloren oder gelten als vermisst.

An Land feiert Giorgia Melonis Regierung einen politischen Erfolg: Italien hat die Zahl der ankommenden Migrantinnen und Migranten drastisch gesenkt. Waren es 2023 noch 157'651 Menschen, kamen 2025 insgesamt 66'316 an. Der Rückgang hängt auch mit umstrittenen Abkommen mit Tunesien und Libyen zusammen. Das, obwohl schwere Übergriffe gegen Migrantinnen und Migranten in beiden Ländern dokumentiert sind. Wer über diese Route nach Italien gelangt, stammt unter anderem aus Bangladesch, Eritrea, dem Sudan oder Somalia. Doch während die sinkenden Ankunftszahlen politisch als Erfolg verbucht werden, zeigt sich auf dem Meer eine andere Realität: Menschen ertrinken – weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit.

Air Operation from Albatross Uno, Mission 06
Eine Ölplattform taucht vor der libyschen Küste auf.SOS méditerranée/camille juan Martin

Vor der libyschen Küste taucht am Horizont eine Ölplattform auf. Hoch oben auf der Metallkonstruktion brennt die Flamme einer Gasfackel. Lucrezia wendet sich kurz zu uns:

«Manchmal suchen Menschen dort Schutz, insbesondere wenn sie sich in der Nähe der libyschen Küste befinden.»
Lucrezia Fabretti, SOS Méditerranée

Im April suchten 44 Migrantinnen und Migranten auf einer verlassenen Anlage Schutz vor einem Sturm. Schliesslich wurden sie von einem Rettungsschiff der NGO Sea-Watch geborgen.

Ein winziger Punkt mitten im Meer

Zwei Stunden lang haben wir das Meer abgesucht. Jeder noch so kleine Hinweis auf ein Boot in Seenot könnte entscheidend sein. Dann entdeckt Camille einen kleinen schwarzen Punkt. Zunächst ist er kaum mehr als ein Fleck auf dem Wasser. Doch je näher das Flugzeug kommt, desto deutlicher wird, was sich dahinter verbirgt: ein überladenes Schlauchboot mit Motor. Darauf sitzen Menschen, dicht aneinandergedrängt.

Der Pilot kippt die Flugzeugnase nach unten. Innerhalb weniger Sekunden sinken wir von 1000 auf 500 Fuss – von rund 300 auf 150 Meter über dem Meer. Dann beginnt die Albatross, Kreise um das Boot zu ziehen. Bei jeder Kurve drückt uns die Beschleunigung in die Sitze. Jetzt erkennen wir die Menschen an Bord deutlich. Rund 30 Personen, Männer und einige Frauen. Keine einzige Person trägt eine Schwimmweste.

Bateaux migrants eaux lybiennes
Nach stundenlanger Suche über der libyschen Rettungszone entdeckt die Albatross ein Boot mit Migrantinnen und Migranten. Die Crew schlägt Alarm.Image: watson

Lucrezia greift zum Funkgerät. Sie setzt einen «Mayday Relay» ab – einen weitergeleiteten Notruf an die humanitären Schiffe in der Region und an die zuständigen Rettungsbehörden. Dazu gehören auch die libyschen Behörden und ihre Küstenwache.

Nun prüft sie, welches Schiff eingreifen könnte. Die Sea-Watch 5 ist zu weit weg. Lucrezia flucht kurz. Dann keimt Hoffnung auf: Die Aurora 2, ein weiteres Schiff der deutschen NGO Sea-Watch, ist nur rund 40 Minuten vom Boot entfernt.

Die Albatross bricht ihre Kreise ab und fliegt davon. Draussen rast ein Schnellboot übers Meer. Hinter sich zieht es eine lange, weisse Schaumspur her. An Bord: die libysche Küstenwache.

Eine Verfolgungsjagd unter Hochspannung

Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Für die Menschen, die sich auf dem Schlauchboot drängen, hängt alles davon ab, wer zuerst eintrifft. Werden sie von einem humanitären Rettungsschiff aufgenommen, können sie in einem sicheren Hafen in Italien an Land gehen. Werden sie hingegen von der Küstenwache abgefangen, werden sie nach Libyen zurückgebracht.

Screenshot
Die Boote der libyschen Küstenwache sind sehr schnell, deutlich schneller als die Schiffe der Hilfsorganisationen.alessia barbezat

Die Vereinten Nationen betrachten das nordafrikanische Land jedoch nicht als sicheren Ort für Migranten. Folter, Vergewaltigungen, Erpressung, Sklaverei: Schwere Menschenrechtsverletzungen sind dort seit Jahren dokumentiert, unter anderem durch das Uno-Hochkommissariat für Menschenrechte.

Libysche Flotte wird von Italien und der EU finanziert

Dennoch erhält die libysche Küstenwache seit Jahren finanzielle, materielle und politische Unterstützung von Italien und der Europäischen Union. «Sie verfügen insbesondere über extrem schnelle Patrouillenboote, von denen einige in italienischen Werften gebaut und anschliessend an sie geliefert wurden», erklärt Fulvia Conte, Einsatzleiterin von SOS Méditerranée. Wir haben am Vortag im Büro der NGO auf Lampedusa mit ihr gesprochen.

«Diese Boote werden eingesetzt, um Migranten auf See zu verfolgen, anzugreifen und abzufangen, bevor sie nach Libyen zurückgebracht werden», kritisiert sie. Eine Rettungsaktion endet jedoch nicht damit, dass Menschen aus dem Meer gerettet werden. Das internationale Seerecht sieht vor, dass sie an einem sicheren Ort an Land gebracht werden. «Und Libyen ist kein solcher Ort», betont die 30-Jährige.

Auf See geht das Rennen dieses Mal zugunsten der Hilfsorganisationen aus. Unter dem Applaus der Besatzung werden die Menschen auf dem Schlauchboot von der Aurora 2 gerettet. Das libysche Patrouillenboot entfernt sich.

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Die Küstenwache kommt zu spät und entfernt sich von der Aurora 2, dem Schiff der deutschen NGO, auf dem die Geretteten aufgenommen werden konnten.Image: alessia barbezat

Lucrezia jubelt:

«Camille, du hast heute Leben gerettet!»
Lucrezia Fabretti, SOS Méditerranée

Dann atmet sie erleichtert auf: «Es ist eine enorme Genugtuung zu wissen, dass diese Menschen in einen sicheren Hafen gebracht werden.»

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Die Aurora 2 mit den Migranten an Bord, die ihre Besatzung soeben gerettet hat.SOS méditerranée/camille juan martin

Für die Frau, die zuvor an Bord der Schiffe von Sea-Watch gearbeitet hat, hat diese Rettung eine besondere Bedeutung. «Wenn du siehst, wie deine Freunde diesen Menschen helfen, weisst du, dass sie in guten Händen sind. Dass sie bestmöglich aufgenommen werden.»

Lucrezia Fabretti, 31, ist die «Tacco» dieser Mission, also die taktische Koordinatorin von SOS Méditerranée. Hier steht sie vor der Albatross.
Lucrezia Fabretti, 31, ist die «Tacco» dieser Mission, also die taktische Koordinatorin von SOS Méditerranée. Hier steht sie vor der Albatross. alessia barbezat

Was danach geschieht, kennt sie auswendig. Die Rettungsdecken, die den Geretteten gereicht werden, die verteilten Mahlzeiten, die ausgetauschten Blicke. Und manchmal gibt es während der Fahrt zu einem sicheren Hafen auch einen Haarschnitt oder eine Bartrasur. Kleine Gesten, die unbedeutend erscheinen mögen, für die Betroffenen aber umso wertvoller sind. Sie erzählt:

«Wir wissen, dass ihre beschwerliche Reise für einige Augenblicke etwas leichter wird. Wir können ihnen ein Stück Menschlichkeit zurückgeben.»
Lucrezia Fabretti, SOS Méditerranée

Seenotrettung – ein Einsatz mit hohen Risiken

Für die NGOs werden diese Rettungseinsätze immer schwieriger. Seit 2023 hat die italienische Regierung zahlreiche Massnahmen ergriffen, die ihre Arbeit behindern. Dazu gehört insbesondere die Zuweisung von Häfen, die teilweise Hunderte Kilometer von den Rettungsgebieten entfernt im Zentrum oder Norden Italiens liegen. Die Schiffe sind verpflichtet, diese Häfen unverzüglich anzusteuern. Dadurch geht wertvolle Zeit für weitere Rettungseinsätze verloren. Hinzu kommen zusätzliche Treibstoffkosten, die die ohnehin knappen finanziellen Mittel der NGOs belasten.

Zu den administrativen Hindernissen kommt Gewalt hinzu. Am 24. August 2025 wurde die «Ocean Viking», das Schiff von SOS Méditerranée, in internationalen Gewässern von einem Patrouillenboot der libyschen Küstenwache mit automatischen Waffen beschossen. An Bord befanden sich 87 Gerettete. Das Patrouillenboot war der libyschen Küstenwache 2023 von Italien übergeben worden. Dies geschah im Rahmen der von Rom und der Europäischen Union unterstützten Zusammenarbeit, mit der die Abfahrten von Migranten aus Libyen verhindert werden sollen. Im Mai 2026 wurde auch die Sea-Watch 5 von der libyschen Küstenwache beschossen.

An Bord der Albatross geht der Einsatz weiter. Wir nehmen Kurs auf die maltesische Such- und Rettungszone (SAR), wo am Vortag ein Boot gesichtet worden war. Mehr als eine Stunde lang suchen wir das Gebiet ab. Nichts. Die Besatzung wird ungeduldig. Die Koordinaten, die beim letzten «Mayday Relay» übermittelt wurden, scheinen falsch zu sein.

Camille sucht nach dem zweiten Boot. Am Vortag war gemeldet worden, dass es sich in Seenot befand.
Camille sucht nach dem zweiten Boot. Am Vortag war gemeldet worden, dass es sich in Seenot befand.alessia barbezat

Dann wiederholt sich die Szene. Zunächst hebt sich ein winziger schwarzer Punkt von der blauen Meeresfläche ab. Dann wird ein graues Schlauchboot sichtbar, auf dem rund 30 Menschen dicht aneinandergedrängt sitzen. Keiner trägt eine Rettungsweste. Doch diesmal ist weit und breit kein Rettungsschiff in Sicht. Der Alarm wird ausgelöst, aber die Albatross muss umkehren, um aufzutanken. Was mit den Menschen auf dem Boot geschehen wird, ist vorerst ungewiss.

Zurück nach Lampedusa

Lampedusa wird vor unseren Augen immer grösser. Für die einen ist die Insel das ersehnte Tor nach Europa, für die anderen ein gewöhnliches Ferienziel. Das zweimotorige Flugzeug landet auf der Piste des Flughafens, wo täglich Feriengäste ankommen, um das kristallklare Wasser zu geniessen. Dasselbe Wasser, in dem andere Menschen ertrinken.

Frontex et SOS Méditerranée, côte à côte sur le tarmac de Lampedusa en Italie
Dieselbe Landebahn, zwei Flugzeuge mit unterschiedlichen Aufgaben. Im Vordergrund die Maschine der Hilfsorganisation. Dahinter ein zweimotoriges Flugzeug von DEA Aviation, einem britischen Unternehmen, das unter anderem für Frontex arbeitet.Image: watson

Nur wenige Meter entfernt steht ein Flugzeug, das für Frontex im Einsatz ist, die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache. Ein Bild, das die Widersprüche dieser Insel an der europäischen Aussengrenze verdeutlicht. Zwei Flugzeuge, die dasselbe Meer überfliegen, deren gesammelte Informationen jedoch unterschiedlichen Zwecken dienen. Denn die Luftüberwachung von Frontex trägt dazu bei, dass die libysche Küstenwache Migranten auf See abfangen kann (siehe Infobox).

Für Gabriel, den Piloten der Albatross, ist die Entscheidung, für wen man fliegt, keineswegs belanglos. Gelegentlich unterhält er sich mit Piloten von DEA Aviation, einem britischen Unternehmen, das auf Luftüberwachung spezialisiert ist und unter anderem für Frontex arbeitet. Sie sprechen über das Wetter oder technische Fragen, aber auch über den Sinn ihrer Arbeit. Er erinnert sich:

«Eines Tages fragte ich sie, ob sie wüssten, was mit den Migranten geschieht, die nach Tunesien oder Libyen zurückgebracht werden. Ob sie den Unterschied zwischen einer Rettung durch das Schiff einer NGO und dem Abfangen durch die libysche Küstenwache kennen.»

Ihre Antwort machte ihn sprachlos:

«Sie sagten lediglich, dass sie nur hier seien, um ihre Arbeit zu machen.»
Gabriel Avenarius, Humanitarian Pilots Initiative

Der Deutsche hat selbst drei Jahre lang Privatjets geflogen, bevor er die Branche verliess, weil er gewisse Praktiken nicht mehr gutheissen konnte. «Du kannst dir sagen: Ich bin nur der Pilot, ich bringe Menschen von A nach B und werde dafür bezahlt. Aber nein. Ich persönlich finde, dass wir für unsere Lebensentscheidungen und unser eigenes Handeln verantwortlich sind.»

Für uns endet der Einsatz hier. Gabriel, Lucrezia und Camille hingegen haben ihren Arbeitstag noch nicht beendet. Nachdem sie die Albatross aufgetankt haben, werden sie wieder über dem Mittelmeer aufsteigen. Auf der Suche nach diesen kleinen schwarzen Punkten, die ohne sie womöglich spurlos verschwinden würden.

Frontex: wenn die Luftüberwachung das Abfangen von Migranten erleichtert

Über dem zentralen Mittelmeer überwachen auch Flugzeuge und Drohnen von Frontex, der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache, die Boote von Migranten. Doch was geschieht mit den Informationen, die aus der Luft gesammelt werden?

Seit mehreren Jahren dokumentieren journalistische Recherchen und Berichte von Menschenrechtsorganisationen, dass diese Informationen an die libyschen Behörden weitergegeben werden. Dadurch kann deren Küstenwache Boote abfangen und die Menschen an Bord nach Libyen zurückbringen. Die Vereinten Nationen betrachten das Land nicht als sicheren Ort für Migranten, die dort schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind.

Im Februar 2024 enthüllte eine Recherche von Lighthouse Reports, dass Frontex innerhalb von drei Jahren mehr als 2200 E-Mails mit Angaben zu den Standorten von Booten an die libyschen Behörden geschickt hatte. Diese Enthüllungen wurden unter anderem in einem Uno-Bericht vom Februar 2026 aufgegriffen.

Eine neuere Recherche von Revue21, die auf internen Dokumenten der europäischen Operation Irini basiert, zeigt das Ausmass dieser Zusammenarbeit. Zwischen 2019 und 2024 wurden mindestens 452 Boote, die ursprünglich von Frontex entdeckt worden waren, von libyschen Kräften abgefangen. Dadurch wurden 23'499 Menschen nach Libyen zurückgebracht.

Den Journalisten zufolge griffen libysche Kräfte in mindestens 54 dokumentierten Fällen ausserhalb ihrer eigenen Such- und Rettungszone ein, teilweise sogar in den maltesischen und italienischen Rettungszonen.

Frontex verteidigt sein Vorgehen. Gegenüber Revue21 erklärte Frontex-Sprecher Chris Borowski, die Aufgabe der Agentur bestehe darin, gesichtete Boote zu melden, nicht aber zu entscheiden, welche Behörden eingreifen. Die Agentur verweist zudem auf ihren Beitrag zu Rettungseinsätzen im Mittelmeer.
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Ein zweimotoriges Flugzeug von DEA Aviation, einem britischen Unternehmen, das unter anderem für Frontex arbeitet, steht auf dem Rollfeld von Lampedusa. alessia barbezat
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