«Es ist einfacher, die Schuld an allem den Ausländern zuzuschieben»
Wenn Ahmed Ajil von Medien zu Ausländerkriminalität oder Terrorismus befragt wird, weiss er schon, was anschliessend in den Kommentarspalten zu lesen sein wird: Er sei der «Falsche», um darüber zu sprechen. Objektiv könne «einer wie er» sowieso nicht sein.
«Für viele bin ich ein Schläfer, ein verdeckter Islamist», sagt Ajil und zuckt unbeeindruckt die Schultern. Dass er promovierter Kriminologe ist, beim Bundesamt für Polizei Fedpol als Kriminalanalytiker tätig war und aktuell an der Universität Luzern zu Terrorismusbekämpfung und Radikalisierungsprozessen forscht, spielt für die Kritiker keine Rolle.
Lange habe er geglaubt, das sei eine Schwäche. Doch seit März 2026 macht Ajil genau daraus eine Stärke. Mit dem Podcast «keshmesh».
Die kriminellen Ausländer
Wann Ajil seinen Entschluss gefasst hat, einen Podcast zu starten, weiss er noch ganz genau. Er erzählt watson davon am Küchentisch seiner Altbauwohnung in einem ruhigen Berner Quartier.
Am 25. März 2025 trat Tobias Lingg, Mitgründer der rechtsextremen Gruppierung Junge Tat, im Podcast des Schweizer Influencers Baba Uslender auf. «Über eine Stunde lang konnte die Junge Tat ihre rechtsextremen Parolen verbreiten. Völlig unhinterfragt!», sagt Ajil. Etwa die Mär vom «kriminellen Ausländer».
«Das ist einfach zu verkürzt», sagt Ajil und fällt umgehend in die Rolle des Wissenschaftlers. Er seziert Polizeistatistiken in ihre Einzelteile: «Fast 30 Prozent der Ausländer in dieser Statistik haben keinen ständigen Wohnsitz in der Schweiz, 7 Prozent sind Asylsuchende.» Referiert über Racial Profiling und das Schweizer Anzeigeverhalten: «Wer als fremd angesehen wird, wird eher von Fremden angezeigt.» Zitiert Studienergebnisse:
Er, als Kriminologe und Forscher, hätte Tobias Lingg all diese Fakten entgegenhalten können. Baba Uslender nicht. Stattdessen habe dieser den Parolen der Jungen Tat über die «kriminellen Ausländer» teilweise sogar zugestimmt.
Frustrierend sei das gewesen. Doch Ajil konnte Baba Uslender nicht einmal böse sein. Er selbst hatte die Vorstellung vom kriminellen Ausländer lange selbst verinnerlicht. Und deshalb lange versucht zu beweisen, dass er eine Ausnahme sei. «Aber ich bin keine Ausnahme. Ich bin die Regel», sagt Ajil heute. Die grosse Mehrheit der Migrantinnen und Migranten hielten sich in der Schweiz ans Gesetz. Genauso wie die grosse Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer.
Nach dem Auftritt der Jungen Tat bei Baba Uslender setzte sich Ajil ein Ziel in den Kopf: «eine kritische, migrantische, aber kompetente Stimme in der Debatte um Migration in der Schweiz zu sein.»
Zur Unterstützung holte er sich Kambez Nuri, Sozialarbeiter mit afghanischen Wurzeln, an die Seite. Beide engagieren sich bei der Dachorganisation männer.ch. Ajil steht dort als Berater für Fragen zur Manosphere und Radikalisierung zur Verfügung. Nuri co-leitet die Fachstelle «Oh Boy» und führt regelmässig Workshops mit Jugendlichen über den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt durch.
Am 26. März ging die erste Folge von «keshmesh» online. Seither sprechen die beiden regelmässig über Macht, Migration und Männlichkeit. Denn: «All diese Themen hängen zusammen», sagt Ajil. Woher er das wissen will? Aus der Forschung. Aber eben auch aus seinem eigenen Leben.
Toxische Männlichkeit gegen Ausgrenzung
1993, im Alter von 3 Jahren, flüchtete Ajil mit seinen Eltern und seinen Geschwistern aus dem Irak in die Schweiz. Als er im Aargau in den Kindergarten kam, sprach er kein Wort Deutsch. «Darüber haben sich die anderen Kinder lustig gemacht», sagt er. Ausgrenzungserfahrungen wie diese habe er fortan immer wieder machen müssen.
Dass das Rassismus war, habe er als Kind nicht verstanden. Doch mit zunehmendem Alter habe er gelernt, wie er weitere Ausgrenzung vermeiden könne: indem er einem Idealbild von Männlichkeit nacheiferte. Mit Alkoholexzessen, Muskeln, risikoreichem Sport, homophoben und sexistischen Sprüchen, kontrollierendem und eifersüchtigem Verhalten gegenüber seiner ersten Freundin.
Diese Strategie sei als Jugendlicher lange aufgegangen: Solange er den starken, dominanten Mann spielte, habe es niemand gewagt, ihn auszugrenzen. «Toxische Männlichkeit kann bei Migrationserfahrungen als Bewältigungsmechanismus fungieren», sagt Ajil.
Dass seine Vorstellung von Männlichkeit von seinem Vater beeinflusst war, will er gar nicht abstreiten. Sein Vater habe die Rolle des Familienoberhaupts innegehabt. Er habe von ihm, seinen Geschwistern und seiner Mutter Perfektion verlangt. Etwa, dass sie niemals logen. Taten sie es doch, sei er aggressiv geworden. Beleidigend. Manchmal auch handgreiflich.
Gewalt und toxische Männlichkeit allein auf die Religion oder Kultur zurückzuführen, greife dennoch zu kurz, so Ajil. Auch in seinem Fall. Einerseits, weil sein Vater gar nicht religiös war: «Vermeintlich religiöse beziehungsweise kulturelle Prinzipien waren für ihn nur praktisch, um seine patriarchale Dominanz und Kontrollsucht zu rechtfertigen.»
Andererseits weil sich Ajils Männlichkeitsbild als Jugendlicher nicht von jenem der anderen Buben in seinem Umfeld unterschied:
Mit «Bio-Schweizern» meint Ajil Schweizer ohne Migrationshintergrund.
Die Zahlen geben ihm Recht. Eine in diesem Jahr erschienene repräsentative Studie der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit männer.ch zeigt, dass 31 Prozent der 18- bis 24-jährigen Männer in der Schweiz restriktiv-dominante Vorstellungen von Männlichkeit haben.
Um wirklich etwas gegen Gewalt und Kriminalität zu unternehmen, müsse man deshalb die Komplexität des Themas verstehen, sagt Ajil. Und anerkennen: «Über alle Statistiken hinweg gibt es für Gewalt und Kriminalität nur einen signifikanten Faktor: Mann.»
Dieser Fakt sei jedoch unangenehm. Es verlange, dass sich die Schweizer Gesellschaft und insbesondere Schweizer Männer mit ihren eigenen Vorstellungen von Männlichkeit auseinandersetzten:
Das Erfolgsrezept
Dass es unangenehm ist, sich mit seiner eigenen Männlichkeit auseinanderzusetzen, weiss Ajil aus eigener Erfahrung. Die Fassade des starken Mannes aufrechtzuerhalten, sei für ihn als Jugendlichen und jungen Erwachsenen extrem anstrengend gewesen. «Es fühlte sich an, als würde ich gegen mich selbst ankämpfen.»
Irgendwann habe er den Kampf aufgegeben. Nicht von heute auf morgen. Nicht wegen eines konkreten Schlüsselmoments. Sondern mit der wachsenden Erkenntnis: «Dieses Männlichkeitsbild schadet nicht nur meinem Umfeld, sondern auch mir selbst.»
Genau deshalb nimmt das Thema Männlichkeit im Podcast «keshmesh» ebenso viel Platz ein wie Migrationserfahrungen. Ajil und Nuri geben darin als Wissenschaftler und Sozialarbeiter Fakten wieder und berichten anschliessend von Erfahrungen, die nur Menschen mit ihrem Hintergrund in der Schweiz machen können. Und das kommt gut an.
15'000 Mal wird «keshmesh» im Monat gehört. Insbesondere Schweizerinnen und Schweizer mit Migrationshintergrund bedanken sich in den Kommentarspalten bei den beiden Podcastern. Das freut Ajil:
Sowohl im Podcast als auch im Gespräch mit watson wechselt Ajil fliessend von der Rolle des Wissenschaftlers in die Rolle des Betroffenen. Das könnten manche als fehlende wissenschaftliche Distanz kritisieren. Für die Hörerinnen und Hörer ist Ajil indes genau deswegen «der Richtige», um über Themen wie Ausländerkriminalität zu sprechen.
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